Periphere Notate (7): Erklären vs. verstehen

In den Bereichen des extrem „Kleinen“ und des extrem „Großen“, des extrem „Schweren“ und „Leichten“ versagen die Möglichkeiten von Mathematik und Physik. Zum Verständnis der Vorgänge dort wäre nicht etwa eine neue Form der Wissenschaft nötig, weil „Wissen“ hier etwas anderes ist als landläufig. Wir bräuchten eine andere Art des Zugangs zu Verständnis, die im Verständnis selbst enthalten ist.

Periphere Notate (6): Auswege

Wenn A eine Liaison unerträglich zu werden begann, überließ er es seiner jeweiligen Partnerin, aus der Empfindung wachsender Unerträglichkeit der Liaison heraus die Suche nach einem neuen Partner einzuleiten, heimlich zunächst, bis ein gewisses Maß an Kompatibilität festgestellt war, und ihm dann – manchmal bedauernd, oft in Vorfreude schwingend – mitzuteilen, daß die Liaison beendet sei. Das ersparte es A, selbst entsprechende Ränke zu schmieden, die er grundsätzlich als schmutzig und unaufrichtig und in den seltenen Fällen, da sie sich auf eine kurze elektronische Mitteilung beschränkten, als gerade obszön widerwärtig empfand, aber in Anbetracht der Unerträglichkeit der Liaison pragmatisch begrüßte. Es erstaunte ihn indes immer wieder, mit welch glühender Rachsucht ihm seine jeweiligen ehemaligen Partnerinnen hinterher (wenn ihre neue Beziehung auf ähnliche Weise gescheitert, er jedoch aufgrund einer angeborenen Neigung zur Gleichgültigkeit und wegen des Wegfalls der mit der Liaison einhergehenden Verpflichtungen, Verantwortungen und Auseinandersetzungen überaus glücklich war) nachstellten, mit bösen Gerüchten, eifersüchtigen Blicken bei „zufälligen“ Begegnungen und wütenden Briefen. Was habe ich dir getan, wo du doch mich verlassen hast? fragte er sie dann im stillen und wußte es doch: Er hatte seiner jeweiligen ehemaligen Partnerin bewiesen, daß er ohne sie glücklich sein konnte, sie jedoch nicht ohne ihn. Dieser etwas schale Triumph konnte den viel tiefer in ihm brennenden Schmerz allerdings nur augenblickweise lindern.

Periphere Notate (5): Kontennui

Das neue Leben, das A. begonnen hatte, begann sich nach drei Wochen wie das alte anzufühlen. Erstaunt überprüfte A. seine Kontoauszüge, stellte fest, daß tatsächlich auch seine Daueraufträge weiterliefen, und beschloß, das Gefühl daran festzumachen. So, dachte er, blieb immerhin etwas, wenn auch wenig.

Periphere Notate (3): Sieht aus wie Regen

Sitzt da, die Arme aufgestützt, wirft einen Schatten auf ihre Hände, die den Kopf halten. Eine dunkle Konstruktion, dunkler noch als der Rest, die Luft, die schwer über uns hängt, um uns, irgendwie dunkel grün, auch der Tag.

Sagt nichts, aber ich sehe etwas Helles, denke mir den Rest dazu und weiß, daß es ein Lächeln ist.

Liegt dann wieder im Bett und spricht zu mir, macht die schwere Luft vibrieren, die dunkle Luft, feucht und grün irgendwie. Spricht mit einer Stimme, die feucht und dunkel klingt. Von unten kommt, tiefer als sie, tiefer als wir.

Sitzt wieder am Tisch, sieht an mir vorbei, sieht gar nirgends hin. Sieht nichts. Falsch, nichts erreicht meine Augen, sagt sie, denn sehen kann man nicht bewußt, es muß etwas hineingeraten. „Periphere Notate (3): Sieht aus wie Regen“ weiterlesen

Periphere Notate (2)

In stillen Momenten dachte A., daß Frau W., deren ekstatische Begeisterung seine Duldsamkeit bisweilen arg strapazierte, möglicherweise weniger an seinem Körper als am Erlebnis der eigenen ekstatischen Begeisterung interessiert war. In solchen Momenten beschloß er, es werde besser sein, die Sache schnell zu Ende zu bringen, brachte die andere Sache dann jedoch so wenig schnell zu Ende, daß er die spontane Empfindung hatte, sich entschuldigen zu müssen, obwohl doch er derjenige war, dem etwas vorenthalten wurde, wenn überhaupt.

Periphere Notate (1)

Als der Frühling anbrach, stellte A., zunächst erstaunt, fest, daß er sich von der Welt entfernte. Er führte dies nach eingehendem Nachdenken darauf zurück, daß ihm die Lektüre der täglich eintreffenden Zeitung nur in der Badewanne möglich war, vielleicht weil er damit einen symbolischen Reinigungsprozeß verband. Nun stapelten sich die Zeitungen auf dem Küchentisch und wurden elfenbeinfarben, was A. indes nicht weiter störte.