Beim Schreiben eines Romans (10)

 
„Du hast sie doch gesehen? Wie weit war sie weg?“
„Ein paar Meter.“
„Okay, du hast gespielt.“
„Wie: gespielt?“
„Männer.“
„Du hast nichts gesehen, weil du so damit beschäftigt warst, ihr vorzuspielen, daß du sie nicht siehst. Wenn du sie gesehen, also: richtig angeschaut hättest, hätte sie bemerkt, daß du sie bemerkt hast und siehst. Dann hätte sie dir nicht geglaubt, daß dich dein ‚neues Leben‘ so erfüllt, daß du sie gar nicht mehr erkennst.“
„Männer, Männer, Männer.“
„Und jetzt meinst du, sie wird eifersüchtig, weil dir dein ‚neues Leben‘ so viel mehr bedeutet als sie.“
„Ich weiß nicht.“
„Du weißt heute aber nicht viel.“

Beim Schreiben eines Romans (9)

Während er die Badewanne vollaufen ließ, läutete es an der Tür, und im selben Moment wußte er, daß er genau das erwartet hatte.

„Du läufst aus dem Ruder“, sagte das Mädchen. Ihr Blick wirkte wachsam, als rechnete sie mit einem plötzlichen Ausbruch unkontrollierter Aggression.

„Schau nicht so, ich bin nicht krank. Nur verwirrt.“

„Das eine kommt manchmal vom anderen.“

„Oder umgekehrt“, sagte Einfreund und trat einen Schritt zur Seite, wodurch ihn der Türrahmen verbarg, „okay, Binse.“

„Gemütlicher Abend im Bademantel?“ sagte das Mädchen. „Hast du einen zweiten?“ „Beim Schreiben eines Romans (9)“ weiterlesen

Beim Schreiben eines Romans (8)

 
„Ach so, Liebe heißt für dich Verantwortung.“
„Was denn sonst?“
„Was sonst? Wie wär’s mit Liebe? Sonst könnte man gleich sagen: Wir haben eine Verantwortungsbeziehung. Romeo verantwortet Julia.“
„Ha ha.“
„Genau. Lächerlich.“
„Der Witz. Verantwortung ist nicht lächerlich.“
„Und was bedeutet das, Verantwortung?“
„Daß man sich umeinander kümmert.“
„Wenn man alt und krank wird und so was.“
„Ja. Das ist nicht zum Lachen. Man wird ja wirklich alt und krank.“
„Yeah, und dein Orgasmus ist so richtig geil, wenn du dir vorstellst, daß sie dir in vierzig Jahren den Hintern putzt und die Windel wechselt.“

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Beim Schreiben eines Romans (7)

Er erinnerte sich an die Beerdigung an einem Dienstag im frühen Februar, zu der sie mit dem Zug nach Hannover gefahren waren, frühmorgens. Lisa war noch betrunken, er schwer verkatert; fünf Stunden lang betrachteten sie schweigend einen bleischwarzen Todeshimmel, der sich langsam achatartig graubraun färbte und ihnen zu folgen schien; dann waren sie zu viert (Vater, Mutter, Tochter, Schwiegersohn – der Rest der Verwandtschaft hatte sich nicht von seinen beruflichen Verpflichtungen befreien können) im winterlichen Sturmwind am Grab gestanden, hatten schweigend zugeschaut, wie der Sarg in der Grube verschwand. „Beim Schreiben eines Romans (7)“ weiterlesen

Beim Schreiben eines Romans … (4)

„Was soll das heißen: Du fühlst dich wertlos?“

„Das heißt genau das: Ich bin wertlos. Sie hat mich einfach weggeworfen, also habe ich keinen Wert.“

„Ach.“

„Ja.“

„Du bist also so eine Art Accessoire. Ein Gegenstand.“

„Natürlich nicht. Wieso?“

„Nur Gegenstände sind was wert. Und du meinst, sie hat dir den Wert genommen, den sie dir zuvor gegeben hat.“ „Beim Schreiben eines Romans … (4)“ weiterlesen

Beim Schreiben eines Romans … (3)

„Was hat dich an ihr am meisten gestört?“

„Ihre Arbeit. Ihre Einstellung zur Arbeit. Daß sie ihr so wichtig war, daß sie sich dafür aufgeopfert hat. Nein, das klingt blöd. Daß sie umsonst Überstunden gemacht hat und die Zeit nicht lieber mit mir verbringen wollte.“

„Was war ihr so wichtig an der Arbeit?“

„Ich weiß es nicht. Es war wohl so was wie Pflichtgefühl. Sie wollte die anderen nicht im Stich lassen und hat nicht gemerkt, wie sie ausgenutzt wird.“

„Die anderen?“ „Beim Schreiben eines Romans … (3)“ weiterlesen

Beim Schreiben eines Romans … (2)

„Es gibt kein Früher“, schrieb er. „Entweder gibt es ein Immer, oder es gibt gar nichts. Abstand schafft Abstand. Wenn die Nähe verschwindet, kann man sich nie mehr daran erinnern, weil sie aus nichts besteht als Unbemerktem.“

Beim Schreiben eines Romans …

Ich bin zwanzigtausend Figuren
vor dem Spiegel, Sternstaubspuren
in Kristallen (Lichterhuren)
und wir fallen, fallen, fallen –
fang mich auf
Ich weiß, das geht nicht,
fällst ja mit, nur seitwärts weg in neue Wege,
ich: ins Dunkel
der Figuren, die als Schatten mich umtanzen, Höllenhuren, Nachtangstspuren,
vor dem Spiegel:
Wer ist das? Das bin, nein: ist nicht „ich“.

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