Belästigungen 6/2020: Der Mensch und die Corona der Schöpfung

Hach, der Frühling! Da schwellen die Herzen, erblüht das Gemüt, und der Mensch hüpft hinaus aus seinen Betonkisten, um unter blauem Himmel im Märzsturm zu schwelgen, fröhliche Lieder zu trällern und die Maßkrüge klirren zu lassen.

Oder nein, diesmal nicht. Diesmal kauert er in den Betonkisten, schlotternd und bibbernd vor Panik, lauscht den Updates des Notstandsfunks, läßt sich vom Internet mit schreckensteigernden Zahlen berieseln und zuckt zusammen, wenn ihm die Zeitungskästen die aktuellen Horrorbefehle entgegenkreischen und -bellen. Die erblickt er allerdings nur, wenn er sich zwischendurch mit Gasmaske und Schutzanzug doch mal hinauswagt, um dreihundert neue Rollen Klopapier zu kaufen. Dann steht er ratlos verzweifelt vor dem leeren Regal und möchte brüllen: Wir brauchen Klopapier! Weil wir alle sterben müssen! „Belästigungen 6/2020: Der Mensch und die Corona der Schöpfung“ weiterlesen

Belästigungen 5/2020: Wo kommt eigentlich das ganze Geld her? (und warum? und wozu?)

Geld ist ein Monster. Es hat unser Gehirn erobert und okkupiert es wie die Suppe die Nudeln. Wir sind nicht mehr in der Lage, uns die (genau: die, nicht „eine“) Welt ohne Geld vorzustellen.

Oder versuchen wir das doch mal. Da sind wir schnurstracks bei der Geschichte, der Mensch habe das Geld erfunden, um den Tauschhandel zu erleichtern. Das erzählen uns sogar sogenannte „Wissenschaftler“, die sich (vielleicht aus Restscham) ein „Wirtschafts-“ vor ihre Berufsbezeichnung bappen, und manch unbedarfter Pfuschhistoriker plappert es fröhlich nach.

Aber der Tauschhandel, von dem da gefaselt wird, ist auch nichts anderes als ein Handel mit Geld, bloß ohne Münzen und Scheine, und außerdem hat es ihn VOR dem Geld nachweislich nie gegeben. „Belästigungen 5/2020: Wo kommt eigentlich das ganze Geld her? (und warum? und wozu?)“ weiterlesen

Belästigungen 04/2020: Wer mag denn (nicht) ewig leben?

Wenn man einen durchschnittlichen Zeitgenossen fragt, ob er gerne ewig leben täte, geht in den allermeisten Fällen sofort das Kokettieren los: „Ach nö, wozu denn, wird doch langweilig irgendwann“ und so weiter. Die reine Schwindelei, in so gut wie jedem einzelnen Fall!

Als wäre das Leben bloß so eine Episode, eine Art Ferienlager oder (falls man in die Falle von Lohnarbeit und TV-Unterhaltung getappt ist) Haftstrafe, die irgendwann zu Ende geht, woraufhin dann die nächste Episode daherkommt, im Himmel oder Jenseits oder in einer bislang unerkannt zusammengeknüllten Dimension. Es mag ja sein, daß es so etwas gibt. Es mag auch sein, daß es eine Zeit lang ganz nett ist, sich mit körperlosen Geistern im luftleeren Dunkelraum herumzutreiben und den Irdischen rätselhafte Botschaften zukommen zu lassen, damit ihnen die Haare zu Berge stehen, oder mit 72 Jungfrauen darüber zu disputieren, ob sie nicht am Ende doch Weintrauben sind. „Belästigungen 04/2020: Wer mag denn (nicht) ewig leben?“ weiterlesen

Belästigungen 03/2020: Acht Milliarden schnatternde Braunmäuse (und eine Salzbrezel)

Willie Nelson hat zu kiffen aufgehört. Diese zufällig aufgeschnappte Meldung beschäftigt mich seit Tagen, weil ich nicht recht weiß, was ich damit anfangen soll. Man hat es mir mitgeteilt, also vermute ich, daß es eine Bedeutung hat und ich eine Meinung dazu haben oder entwickeln sollte. Oder woher sonst kommt der unterschwellige Drang, die Meldung weiterzuerzählen (neudeutsch: „teilen“)?

Das nämlich kennt jeder: Man hört oder liest etwas, was man eigentlich weder hören noch lesen wollte. Vielleicht um den Schmarrn gleich wieder loszuwerden, klebt man ihn dem nächstbesten Dahergelaufenen ans Ohr, am besten mit einem vielsagenden Amüsiergeräusch hinterher: „Hast du schon gehört? Willie Nelson kifft nicht mehr! Hi hi hi!“ Der andere – der man in der Hälfte aller Fälle selber ist – kichert eifrig mit oder sagt so was wie: „Da sieht’s man’s mal wieder.“ „Belästigungen 03/2020: Acht Milliarden schnatternde Braunmäuse (und eine Salzbrezel)“ weiterlesen

Belästigungen 02/2020: Faschismus ist keine Meinung (eine Meinung aber schon)!

Neulich bin ich in eine Demonstration hineingeraten. Da zogen überwiegend junge Menschen, flankiert von Polizisten, im strahlenden Sonnenschein eine Straße in der Maxvorstadt entlang, beschallten die Nachbarschaft mit ohrenbetäubenden Animationsgeräuschen (die Unterschiede zwischen Musik und Alarm verschwimmen unter diesen Umständen) und zeigten teilweise recht hübsch gemachte Spruchbänder und Schilder mit überwiegend englischsprachigen Aussagen: „We are the change!“ stand da beispielsweise. Dieser Meinung kann man durchaus sein.

Es war sicher nicht symbolisch gemeint, daß dem fröhlichen Zug ein riesiger Lastwagen voranfuhr, der früher mal der Feuerwehr gehört hat und wahrscheinlich wegen seines übermäßigen Ausstoßes stinkender Giftgase außer Dienst gestellt wurde. Irgendwie muß man die Anlage, die das rhythmische Getöse verströmte, schließlich transportieren! „Belästigungen 02/2020: Faschismus ist keine Meinung (eine Meinung aber schon)!“ weiterlesen

Belästigungen 01/2020: Ab heute nie wieder! (bis übermorgen)

Daß das Jahr mit guten Vorsätzen anfängt, hat so gut wie nie und nirgends etwas mit Erkenntnis, Einsicht und Vernunft zu tun. Zu so etwas – das zeigt die Weltgeschichte – ist der Mensch höchstens sehr punktuell fähig. Nein, das ganze „Nie wieder!“- und „Ab heute!“-Getue ist eine Folge dessen, womit das Jahr aufgehört hat.

Anfangen tut dieses Aufhören in unseren Breiten meistens schon im frühen Herbst, wenn die Wiesn als Vorwand dient, die Schranken und Zäune der Zivilisation einzureißen und sich so zu gebärden, wie das echte Schweine nicht mal dann tun, wenn man sie zur Fleischerzeugung massenweise in unbewohnbare Kästen aus Beton und Stahl zwängt und mit Chemikalien und pulverisierten Artgenossen mästet. „Belästigungen 01/2020: Ab heute nie wieder! (bis übermorgen)“ weiterlesen

Belästigungen 25/2019: Post, Post-Post und andere verschwindende Dinge

Wenn man hört, was „Kulturkritik“ und Feuilleton so in die Welt blasen, stellt man fest: Wir leben im Postzeitalter. Wir sind postmodern, postindustriell, postpolitisch, postfaktisch, postironisch, posterotisch, postdies und postdas – man braucht nur vor jedes beliebige Wort, mit dem wir unsere Befindlichkeiten umreißen möchten, ein „post“ zu bappen, schon ist man ziemlich nah dran am Konsensgeschwätz und fühlt sich betroffen.

Ich finde: Man kann da noch einen Schritt weiter gehen. In Wirklichkeit leben wir im Postdasein, in der Postwelt. Der Mensch ist buchstäblich nicht mehr da, zumindest nicht auf der Welt. „Belästigungen 25/2019: Post, Post-Post und andere verschwindende Dinge“ weiterlesen

Belästigungen 24/2019: Achtung, diese Seite ist leer (und warum?)!

Framing ist eine ziemlich fiese Sache. Vor allem weil man merkt, wie klein das eigene Hirn eigentlich ist: Wenn da erst mal alle Regale voll sind mit Brexit, Elektroautos, Hongkong und Klimakrise, dann ist halt nichts mehr frei für MeToo, Waldbrand, Chile, Bolivien und Bienensterben. Dann denkt nicht mal an Halloween jemand dran, den Deckel zuzunageln, aus dem der untote Friedrich Merz schon wieder herauskriechen möchte, und selbst der TSV 1860 müßte schon mit fünf Punkten Rückstand am Tabellenende stehen, damit man sich eine halbe Sorge macht. „Belästigungen 24/2019: Achtung, diese Seite ist leer (und warum?)!“ weiterlesen

Belästigungen 23/2019: Menschheit, Menschlichkeit und der große Knall

Es ist manchmal schwer mit den Begriffen. Zum Beispiel dieses Teil fürs Klo, bei dem man dann, wenn man es braucht, nie weiß, wie es heißt. Hinterher fallen einem tausend Namen dafür ein, Pömpel, Fluppi, Strempfler, Plunscher, Planscher, Plömpel, Plöppel, Prömpel und so weiter – aber wenn man einmal „Pimmel“ sagt, ist man schlagartig in einer ganz anderen Geschichte.

Schlimmer ist es bei Begriffen, die von Haus aus zweideutig sind, wie das englische Wort „humanity“. Das heißt „Menschheit“, aber auch „Menschlichkeit“, weshalb beim Übersetzen mal was daneben gehen kann. Dann kommt ein so grundfalscher und dummer Schmarrn wie „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ heraus, und weil der Mensch ein Plappertier ist, plappert er den nach und fragt sich gar nicht erst, ob das nicht ein Riesenquatsch und jedes Verbrechen generell ein Verstoß gegen die Menschlichkeit ist (was aber auch nur stimmt, wenn man eine bestimmte Form von Menschlichkeit meint und nicht die allgemeine, die etwa in dem Sprichwort „Irren ist menschlich“ drinsteckt). „Belästigungen 23/2019: Menschheit, Menschlichkeit und der große Knall“ weiterlesen

Belästigungen 22/2019: Alle Wege des Aberglaubens führen nach Rom

Es ist kaum etwas so hartnäckig wie ein Aberglaube. Wenn man den mal hat, geht er nicht mehr weg, weil er sich seine eigenen Denkwege ins Gehirn gräbt und alle Gedanken irgendwie da hineinverführt, und dann steht man oft da und muß selber lachen über die eigene Blödheit, weil man schon wieder auf den Schmarrn hereingefallen ist.

Wenn man in der Lage ist, über sich selbst zu lachen. Manche Leute können das von Haus aus nicht, weil der Aberglaube nicht nur Tunnels für Gedanken gräbt, sondern auch Mauern baut und Dämme aufschüttet.

Zum Beispiel gibt es im 21. Jahrhundert immer noch Menschen, die glauben, man könne Straßen, Stadtviertel, ganze Städte „entlasten“. „Belästigungen 22/2019: Alle Wege des Aberglaubens führen nach Rom“ weiterlesen

Belästigungen 21/2019: Jetzt neu: Diskriminierung für alle!

Wenn eine Gesellschaft ein richtig schlimmes Problem hat, ist es immer erfreulich, ein anderes Problem zu finden, das sich scheinbar leichter lösen läßt. Und supertoll ist es, wenn man den Eindruck erwecken kann, mit diesem anderen Problem lasse sich das richtig schlimme Problem nebenbei gleich mitlösen!

Zum Beispiel ist im letzten halben Jahrhundert – seit der Durchsetzung der ersten jener neoliberalen „Reformen“, die seither unregelmäßig bis dauernd wie Erdbebenwellen über den Planeten rumpeln – öfter mal festgestellt worden, daß die Welt ungerecht ist und immer ungerechter wird: Eine winzige Klasse von Superreichen besitzt fast alles, was es gibt, die Hälfte der Menschheit hingegen hat überhaupt nichts und muß ihr ganzes Leben für dreckige, sinnlose Lohnarbeit verschwenden, um wenigstens existieren zu können. „Belästigungen 21/2019: Jetzt neu: Diskriminierung für alle!“ weiterlesen

Belästigungen 20/2019: Der alte Mann und das Klimamädchen

Passiert ist dies: Ein junges Mädchen reist zu einer dieser Versammlungen von alten (und jüngeren) Männern (und Frauen), deren Tätigkeit darin besteht, die Welt zu zerstören, indem sie Wirtschaftswachstum herbeiführen, fördern und propagieren. Das Mädchen hält eine flammende Rede, in der sie das mörderische Treiben dieser Leute anprangert, ihnen ihre Wut und Verzweiflung in die hohlen Gesichter wirft und sie auffordert, endlich vernünftig zu werden und die Zerstörung der Welt und des Klimas zu stoppen. Kameras und Mikrophone übertragen die Rede, Millionen hören zu. „Belästigungen 20/2019: Der alte Mann und das Klimamädchen“ weiterlesen

Belästigungen 19/2019: Wie „bezahlbarer Wohnraum“ unbezahlbar wird (und wer daran schuld ist)

Daß die Tätigkeit des Kommunal- oder Lokalpolitikers kein Ausbildungsberuf ist, verwundert einen spätestens dann nicht mehr, wenn man mal ein bisserl genauer hinschaut, was diese Leute eigentlich so tätigen.

Das ist in erster Linie: sitzen und reden. Kann ja jeder! meint man, und das stimmt. Aber einen solchen Schmarrn mit so schlimmen, nachhaltigen und weitreichenden Folgen zusammenzureden, gelingt einem vernünftigen Menschen mit einem Minimum an Hirn, Herz und Schamgefühl nicht so leicht. Zumal der Typische Kommunalpolitiker (TKP) auch dann noch nicht zu reden aufhört, wenn bereits die halbe Stadtbevölkerung vor Lachen oder Entsetzen unter dem Tisch liegt oder vor Empörung auf den Zaun steigt. Weil der TKP halt auch beim Sitzen so tüchtig ist, daß ihm keine Zeit bleibt, mal in die Stadt hinauszugehen und sich anzuschauen und anzuhören, was er anrichtet und was die Leute davon halten. „Belästigungen 19/2019: Wie „bezahlbarer Wohnraum“ unbezahlbar wird (und wer daran schuld ist)“ weiterlesen

Belästigungen 18/2019: Wer oder was es „wert“ ist, zu leben und gelebt zu werden

München, meinte kürzlich (mal wieder) jemand zu meinen, – München sei lebenswert und solle das auch bleiben.

Vorsichtshalber fragte ich nach, ob er nicht vielleicht „liebenswert“ gesagt hatte. Schließlich war München dies wohl tatsächlich mal und ist es teil- und stellenweise immer noch, zumindest dort, wo das städtische Amt für die Durchsetzung der Profitinteressen von Immobilienspekulanten und Bauindustrie (kurz: Planungsreferat) noch nicht gewütet hat beziehungsweise wüten läßt. „Belästigungen 18/2019: Wer oder was es „wert“ ist, zu leben und gelebt zu werden“ weiterlesen

Belästigungen 17/2019: Vom schweren Los des Schlaraffenlandbewohners

Der Mensch ist vielleicht nicht des Menschen Wolf, auf jeden Fall aber sein Neidhammel. Das gilt fürs Essen: Lieber würgt der längst nicht mehr Hungrige die dritte Blutwurst auch noch in den Wanst, ehe er sie einem anderen gönnt. Das gilt aber auch für alle anderen Lebensbereiche. Richtig schlimm wird es, wenn es an die Arbeit geht. Da erreicht der Neid derer, die arbeiten müssen, auf jene, die wenig oder gar nichts wirtschaftlich Verwertbares zu tun haben, derartige Ausmaße, daß Gesetze und Hetzmedien das ganze Land mit einem paranoiden Parakrieg überziehen, damit die faulen Kerle ein schlechtes Gewissen kriegen. „Belästigungen 17/2019: Vom schweren Los des Schlaraffenlandbewohners“ weiterlesen