Belästigungen 23/2018: Die Ausweitung der Verkehrskampfzone (auch eine Sommerbilanz)

Die Stadt München läßt sich von ihren amtlichen und nichtamtlichen Reklameabteilungen seit einiger Zeit gerne als „Hauptstadt des Radfahrens“ bezeichnen. Klar, denkt der unbedarfte Tourist nach ausgiebigem Genuß des aus südlicheren Gefilden mitgebrachten Adolf-Hitler-Weins: Radfahren ist Bewegung, da gibt es eine gewisse Tradition!

Zum Glück jedoch ist von der damals gemeinten Bewegung im Münchner Alltag so richtig virulent nur noch die Unterscheidung zwischen „lebenswert“ und „lebensunwert“. Radeln wiederum ist zumindest grundsätzlich keiner faschistischen Ideologie verdächtig, also ist gegen eine solche Bezeichnung zumindest grundsätzlich wenig einzuwenden.

Indes erweist die Sommerbilanz: daß ich auf dem Weg von meiner Haustür zu
meinem bevorzugten Badeplatz in Thalkirchen (Zählung vom 23. August) an 32 Verkehrsampeln vorbeikomme, die die Blut- und Lebensadern der ganz Bayern durchfressenden Autokrebsgeschwulst vor allzu vielen unbefugten Eingriffen schützen. Das heißt: ich komme nicht daran vorbei, weil diese Ampeln samt und sonders so geschaltet sind, daß man als Radfahrer an jeder einzelnen davon anhalten muß, um für geraume Zeit eine leere Kreuzung und die Fressen der aktuellen Parlamentspappkameradenkandidaten des Autokrebses zu betrachten.

Das führt zu erwart- und sicherlich auch berechenbaren Aufweichungen der Verkehrsdisziplin: Nach einer gewissen Toleranzzeit (die in etwa einer traditionellen Ampelphase entspricht) fahren und gehen Radler und Fußgänger scharenweise einfach los. Stört ja eigentlich keinen. Nicht die Polizei, die sich ansonsten damit herumlangweilen müßte, grimmige Maschinengewehre spazierenzutragen und einen „Terror“ abzuwehren, den es gar nicht gibt. Und erst recht nicht die Stadt München, der es die solcherart abgezockten Bußgelder ermöglichen, auf eine angemessene Besteuerung der Autogeschwulst zu verzichten.

Die wiederum stört es am wenigsten. Die investiert einen Bruchteil der eingesparten Milliarden in weitere Ampeln und stellt die demütigenden Leuchtgeräte rund um ihr Brutbiotop am nördlichen mittleren Ring auf, damit dort auch sonn- und feiertags und nachts die Pilgerströme zum Tempel der modernen Weltreligion strömen können und zufällig Vorbeiradelnde ohne Interesse am BMW-Kult alle zwanzig Meter ein hübsches rotes Licht und photographierende Asiaten betrachten dürfen.

Stören tut es nur die Radler selbst, und deshalb rüsten sie auf. Und sie diversifizieren: Neulich raste uns auf der Autokrebsader, die quer durch den Englischen Garten pumpt und normalerweise zum Glück nur von Bussen, Polizeistreifen, Liefer-LKWS und ähnlichen Exemplaren genützt wird, ein Kindertretroller mit darauf befestigtem Börsenheini entgegen, dessen Höllentempo uns nur so lange verblüffte, bis wir das Nummernschild am hinteren Ende sahen. Ob das überhaupt erlaubt sei, fragte meine Begleiterin irritiert, während der Hund um unsere Beine herum einen Veitstanz aufführte, der ausnahmsweise nichts mit Lebensfreude zu tun hatte. Ich wußte keine Antwort, weil meine Kenntnisse in Sachen Verbote nicht mal dafür ausreichen, ungefähr zu erläutern, welche Rauschmittel man aktuell in welcher Menge erwerben, mitführen beziehungsweise konsumieren darf. Was den motorisierten Verkehr angeht, vermute ich schon länger, daß im Grunde alles erlaubt ist, was das Wachstum ankurbelt.

Drum schraubt man neuerdings an jedes ehemals friedliche Fortbewegungsgerät außer der Luftmatratze Motoren dran, elektrische meistens, die angeblich „nachhaltig“ sind, aber mit diesem Schmarrn wollen wir uns heute mal nicht befassen. Ein Effekt dieser Aufrüstung ist, daß die In- oder vielmehr Aufsassen der Maschinen schneller beim Baden sind als ich, weil sie in den Genuß der ansonsten Autos vorbehaltenen grünen Welle kommen. Nachteil: Der Mensch muß ja nicht nur zum Baden und wieder heim, sondern hunderttausend weitere Ziele erreichen, und außerdem kriegt er (wahrscheinlich wegen eines evolutionären Gendefekts) vom anstrengungslosen Herumschwirren sofort Lust auf noch mehr anstrengungsloses Herumschwirren.

So verwandeln sich nun auch Radwege, Bürgersteige, Fußgängerzonen, Trampelpfade und notfalls die gesamte Landschaft in die Kriegs- und Kampfzonen, die „unsere“ Straßen längst sind. Orientierungslose Greise auf tonnenschweren E-Bikes suchen vergeblich die Bremse, kollidieren mit den behelmten Piloten der Kinder-LKWs, mit denen das Elitepack schaukelnd und schlingernd seinen Nachwuchs vom Bioladen zur „Kita“ gondelt. Dazwischen springen, irren, hüpfen, taumeln und purzeln überforderte Normalmenschen mit ihrem Alltagsgepäck herum, landen im Rinnstein, krachen in Glascontainer und falsch (oder richtig, das ist kein großer Unterschied) parkierte herkömmliche Riesenautos hinein, laufen gegen Bäume, stürzen in Flüsse und Bäche.

Von den Tieren wollen wir gar nicht sprechen. Das herbstliche „Hä! Hä! Hä!“ der Krähen (die bekanntermaßen in Sachen Intelligenz dem homo sapiens weit überlegen sind, was man zum Beispiel daran sieht, daß sie weder Autos noch Fernseher noch Lohnarbeit erfunden haben) ist vielleicht hämisches Gelächter über das selbstmörderische Tohuwabohu da drunten. Oder sogar diese ansonsten gelassenen und kontemplativen Viecher sind so entsetzt von dem Wahnsinn, den der Mensch da mal wieder anzettelt, daß es ihnen elaboriertere Sprachäußerungen verschlagen hat.

Man könnte befürchten, daß demnächst auch die Fußgänger anfangen, sich für den Fortbewegungswettbewerb zu rüsten, mit Düsentriebwerken oder atomaren Elektrostiefeln. Man könnte hoffen, daß der heranziehende Winter dem wüsten Gemetzel einen Dämpfer verpaßt und die Erholungspause in den beheizten vier Wänden zu Einkehr und Besinnung führt.
Aber wie beim Menschen üblich, ist auch diese Hoffnung höchstwahrscheinlich vergeblich.

Die Kolumne „Belästigungen“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Kommentar verfassen