(periphere Notate): Micky-Maus-Apokalypse

4. April 2021:

Als wir vom (schon lange absehbaren) Zusammenbruch des Neoliberalismus geträumt haben, war in dem Traum ein Irrtum versteckt: Es mag schön sein, daß dieses unmenschliche System endlich zu Staub zerfällt, untergeht und verschwindet. Es ist aber kein System, sondern ein Prozeß. Und all das, was der Neoliberalismus ausgesaugt, zerstört und vernichtet hat, ist nun ebenfalls weg. „(periphere Notate): Micky-Maus-Apokalypse“ weiterlesen

(periphere Notate): Macht man halt so.

31. März 2021:

Man kann sich über Bürokratie trefflich erregen, wenn man etwa im Münchner Fundbüro einen Schlüssel abholen möchte: Anruf, Terminvereinbarung per Mail, Bestätigungsmail mitbringen, dort Eingangsabfertigung mit Warteschleife, dann sieben Arbeitsschritte in vier Zimmern mit fünf Personen, jedesmal warten und wieder warten, das alles auf 40 Quadratmetern. Das ist ärgerlich. „(periphere Notate): Macht man halt so.“ weiterlesen

Ampermoching, Zur Post, 1. Mai 1982 (eine Erinnerung)

Ehrlich: Wir wollten nur spielen! Wir: Oli, Thomas und ich, drei achtzehnjährige Giesinger Punks, die keine Punks mehr sein wollten, weil Punk im Frühling 1982 das Langweiligste und Altmodischste war, was sich ein Achtzehnjähriger vorstellen konnte. Wir also: eine Punkband, die zwei Platten und ein paar Kassetten gemacht und ein paar Dutzend Stück davon verkauft oder verschenkt hatte und mangels einer besseren Idee immer noch Tollwut hieß, aber keine Punkband mehr sein wollte, weil … das wissen wir schon.

Wir wollten aber spielen, möglichst immer und überall, und spielen konnte man als achtzehnjähriges Punktrio damals so gut wie nirgends, schon gar nicht allein, weil unser Programm zwar aus etwa vierzig Songs bestand, aber nur zwanzig Minuten dauerte – in Clubs und Freizeitheimen galt immer noch die aus den siebziger Jahren überlieferte Regel, daß ein Konzert zwei Stunden und ein anständiges Stück (das Wort „Song“ war verpönt) eine Viertelstunde zu dauern hatte. Außerdem besaßen wir zwei Gitarren, ein halbes Schlagzeug und einen Verstärker, was für ein richtiges Konzert entschieden zu wenig war. „Ampermoching, Zur Post, 1. Mai 1982 (eine Erinnerung)“ weiterlesen

Architektur & Verbrechen (eine fortlaufende Sammlung): „Leben“ im NEW NORMAL

Nein, das ist keine Science-Fiction-Kulisse von Ridley Scott und leider auch keine Computeranimation, sondern ein Betonsilo-Konglomerat für den „neuen Menschen“ der „Vierten Industriellen Revolution“ am nördlichen Rand einer „Metropole“, die sich einst „Weltstadt mit Herz“ nennen ließ.

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Architektur & Verbrechen (eine fortlaufende Sammlung): „Weiß“ ist Pflicht – der Rest ist grell

Es kann Gelegenheiten geben, bei denen eine gewisse Farblosigkeit Charme entwickelt. Im Städtebau ist das grelle Weiß, in dem zur Zeit gut 99 Prozent der baulichen Verbrechen getüncht werden und das sich binnen weniger Monate in ein angemessen schmutziges Bräunlichgrau verwandelt, nur dazu geeignet, die unfaßbar üblen Formen und Proportionen und den Charakter der Kisten als Ställe für Menschenvieh zu unterstreichen. 

Daß dies für die Luxussilos ebenso gilt wie für  die  Unterkünfte  des  Proletariats,  tröstet  das  Auge  nicht.

Und wenn dann doch mal Farbe genommen wird, ist sie zuverlässig ein Folterinstrument: „Architektur & Verbrechen (eine fortlaufende Sammlung): „Weiß“ ist Pflicht – der Rest ist grell“ weiterlesen

„Bloß kurz scheißen“ (weit ausholende Bemerkungen zu einem Film, zu Otto Muehl und anderem)

Ich bin als Kind mal in der Badewanne gelegen, als ein Neuzugang der erweiterten Kommune, die an den meisten Abenden unser Wohnzimmer bewohnte und es mit einem vielstimmigen Kanon politischer bis psychoanalytischer Thesen erschallen ließ, mit einem Zehnerl die Tür aufsperrte, das Bad betrat und dieses Eindringen damit rechtfertigte, er müsse „bloß kurz scheißen“.

Bin ich dadurch Opfer einer irgendwie gearteten Form psychischer oder gar sexueller Gewalt geworden? Diese Frage stellt sich mir nicht aufgrund spürbarer Spätfolgen (die ich mangels Vergleich wahrscheinlich gar nicht spüren könnte), sondern angesichts einer oder zwei mittlerweile nachgewachsener Generationen, denen es zum Beispiel nicht mehr möglich ist, sich sommers nackt – also ohne Legitimation durch das Signet einer Marke oder wenigstens ein hipstertaugliches Second-hand-Teil sowie unter Vorzeigung mindestens sekundärer Geschlechtsmerkmale – in einen See oder Fluss oder auch nur neben einen solchen zu begeben. „„Bloß kurz scheißen“ (weit ausholende Bemerkungen zu einem Film, zu Otto Muehl und anderem)“ weiterlesen

Belästigungen 25/2020: Warum es die Welt nicht geben kann, wenn es uns nicht gibt

Ob es die Welt gibt, ist eine Frage, an der sich die Wissenschaft die Zähne ausbeißt. Der Philosoph stellt fest: Alles, was es gibt, unterscheidet sich von anderen Dingen; und so schließt er in fachüblicher Messerschärfe: Also kann es die Welt nicht geben, denn von was sollte sie sich unterscheiden? Und wie?

Der Naturwissenschaftler kündet in ebenfalls disziplinspezifischer Schärfe, alles, was es gebe, gebe es auch, und da die Welt nun einmal da sei, sei sie auch da, also gebe es sie. Dann packt er seine Meßgeräte aus, mißt alles, was zu messen ist, und konstatiert: Das ist sie, die Welt! Den sophistischen Einwand, er habe vergessen, seine Meßgeräte zu messen – gehören die also nicht zur Welt? kontert er, indem er den Mathematiker hinzuzieht und ihn eine feinsinnige Formel formulieren läßt, der zufolge das, was mißt, zwar die Messung geisterhaft beeinflußt, dennoch aber sozusagen implizit mitgemessen wird, also ebenfalls existiert und in einem weiteren Sinne zum Gemessenen dazuzuzählen ist. „Belästigungen 25/2020: Warum es die Welt nicht geben kann, wenn es uns nicht gibt“ weiterlesen

Belästigungen 24/2020: München ist ein Chinaböller! (ein paar Bemerkungen zur Wuppdizität moderner Großstädte)

Wenn man herausfinden will, wie etwas geht und wie weit man mit etwas gehen kann, macht man am besten ein Experiment. Zum Beispiel läßt sich die Wuppdizität eines Gummirings relativ leicht überprüfen, indem man ihn an den Oberschenkel des Biergartennachbarn fitzen läßt, und wie lang man ihn ziehen kann, zeigt sich, wenn man ihn lang genug zieht.

Allerdings ist der Gummiring dann hin, aber zur praktischen Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse steht ja jederzeit ein neuer mit ungefähr gleichen Eigenschaften zur Verfügung.

Bei einer Stadt ist das ein bisserl anders. Wenn es die erst einmal zerreißt oder sie für ihre Bewohner nicht mehr bewohnbar ist, ist es zu spät. Sie dann einfach in den Abfalleimer zu schmeißen und eine neue aus der Packung zu ziehen, ist aus diversen logistischen Gründen keine Option. „Belästigungen 24/2020: München ist ein Chinaböller! (ein paar Bemerkungen zur Wuppdizität moderner Großstädte)“ weiterlesen