Die beliebte Frage „Leben wir in einer Demokratie?“ muß zum Verständnis umformuliert werden: Lebe ich in einer Demokratie? Weil es in einer Demokratie keine Rolle spielt, ob es ein „Wir“ (F. W. Steinkopf) überhaupt gibt. Zur Beantwortung der Frage teilt man sie am besten in drei Einzelfragen:
1. Habe ich irgendeine Möglichkeit, an politischen Entscheidungen und Prozessen mitzuwirken?
2. Gibt es jemanden, der diese Möglichkeit hat und mich repräsentiert?
3. Ist irgendein Amtsträger und/oder in der Staatsverwaltung tätiger Mensch an meinen Wünschen, Bedürfnissen und Ansprüchen interessiert?
„(periphere Notate): Dem ohne Uns (und wie man da so lebt)“ weiterlesen

Die Münchner Kriegskonferenz, die nächstes Wochenende über die Stadt herfällt, ohne deren Bewohner jemals um Erlaubnis gebeten zu haben oder ihnen einen einzigen Cent Zoll oder Tribut oder Entschädigung für die Zumutung zu zahlen, – diese widerwärtig dreiste pseudoelitäre Protzpompversammlung internationaler Schwerstkrimineller ist eine höchst kuriose Veranstaltung.
Donald Trump, so höre ich, ist mal wieder größenwahnsinnig geworden. Der seltsame Mann, den ein ehemaliger UN-Waffeninspekteur neulich als „dumm wie Dreck“ bezeichnete, den andere je nach Nachrichtenlage für genial bis faschistisch, nett bis idiotisch halten und den wohl deswegen niemand so recht verstehen will und soll, weil man ihn dann nicht mehr so toll als Buhmann der halben Welt verkaufen könnte, dieser eigentümliche Mann will nämlich einen Ballsaal bauen. Ans Weiße Haus hin, und so richtig protzig, nämlich „bis zu“ 300 Millionen Euro teuer (umgerechnet; er blecht selbstverständlich in Dollar, weil man dafür vielleicht noch ein bisserl länger etwas kriegt).
Bekanntermaßen neigen Menschen mit dem Berufsbild „Irgendwas mit Politik“ zum Plagiat – also zum simplen Abschreiben –, wenn es darum geht, sich mittels zusammengestoppelter Aufsätze einen Doktor- oder auch nur Junggesellentitel zu verschaffen, um fürderhin damit pseudointellektuell zu erglänzen. Der derzeitige Bundeskulturhampel Wolfram Weimer leistete sich einen besonders bizarren Fall dieser Technik: Er ließ in einer von der „Weimer Media Group“ herausgegebenen und ansonsten vollkommen unbekannten Zeitschrift Texte abdrucken, ohne deren Autoren darüber zu informieren. Unter den solcherart unentgeltlich Ausgebeuteten waren etwa ein verstorbener Papst, Gregor Gysi, Brad Pitt – und mehr als hundertmal auch Alice Weidel, also die Co-Vorsitzende der Höllenpartei, vor der sich Weimer und Konsorten durch eine sogenannte „Brandmauer“ schützen möchten. Das ist einerseits typisch, andererseits aber so pikant und lustig, daß wir für das momentane Regime den Begriff „Weimerer Republik“ einzuführen erwögen – wenn es denn eine Republik wäre, was derzeit herrscht.
Vor neunundzwanzig Jahren schrieb ich die erste Folge dieser Kolumne: „Belästigungen“, die Anfang Dezember 1996 in einem längst vergessenen Heftchen die letzte Seite füllte. Das ist zum Glück kein Jubiläum, sondern nur ein zufälliger Anlaß, sich zu besinnen und zu erinnern, wie man das so ungern und gerne zugleich tut in dieser Jahreszeit, wenn der Herbst – wie immer völlig unerwartet – von einem Tag auf den anderen einbricht und den fassungslosen Menschen vom schimmernden Isarstrand vor den knisternden Kaminofen vertreibt.

