Belästigungen 08/2018: Falls Sie diese Kolumne noch lesen können, haben wir (vorläufig) Glück gehabt

Daß ein Kampfhund von seinem eigenen Herrchen totgebissen wird, kommt nicht so oft vor, nicht mal in Deutschland und nicht mal in der Zeit der sauren Gurken, wo ansonsten zwischen sich selbst überfahrenden SUV-Deppen, vom Hund erschossenen Jägern und in Dorftümpeln marodierenden Krokodilen so ziemlich jede Kuriosität recht ist, um das Elend des Kapitalismus aus den Medien herauszuhalten.

Im übertragenen Sinne also kein Wunder, daß sich der „westliche“ Teil des Planeten Erde immer noch eine NATO leistet, die für den größten Teil seiner Kalamitäten, Ärgernisse und Schrecken zum größten Teil ganz allein verantwortlich ist, vom fehlenden Geld für alles mögliche (weil man damit Waffen kaufen muß) bis hin zum Russen, der angeblich ständig darauf lauert, irgendwas Böses anzurichten, und den man deshalb fürchten und tüchtig abschrecken muß, damit er nicht eines Morgens plötzlich vor der Tür steht und unsere Börsenkonzerne klaut oder mißbraucht oder vergast oder irgend so was.

Wie böse der Russe ist, teilt uns die NATO über die angeschlossenen Funkhäuser (um einen alten Samstagnachmittags-Lieblingsspruch zu zitieren) täglich mit. Zum Beispiel putscht er einfach so per Facebook einen Trottel zum Amipräsidenten, ohne dafür einen Majdan anzetteln und wahllos Leute erschießen zu müssen. Zum Beispiel nimmt er sich heraus, eine gewählte Regierung, die nach Ansicht der NATO aus Ölgründen dringend weg muß, militärisch zu unterstützen, und zwar gegen vom „Westen“ finanzierte und bewaffnete Terrorbanden, deren Köpfungsvideos der „Westen“ über seine Funkhäuser ausstrahlen und behaupten läßt, das seien irgendwelche anderen Terroristen, an denen irgendwie auch der Russe schuld sei.

Und dann geht der Russe auch noch her und senkt sein Militärbudget um sieben Prozent. Was man als Westler erst mal nachvollziehen kann: Russische Waffen sind halt ein billiges, korruptes Gelumpe, das logischerweise immer weniger kostet, so wie der Putin-, sorry: Putenfleischdreck beim Discounter. Andererseits ist das Fiese daran, daß erst durch diese Senkung der russischen Ausgaben für Bomben und Schießapparate überhaupt auffällt, daß der Ami dafür das Dreizehnfache und immer mehr aus dem Fenster (und in fremde Länder hinein) wirft, von der gesamten NATO gar nicht zu reden. Und schon haben die Leute ein schlechtes (weil „verzerrtes“) Bild von „ihrem“ Militärbündnis im Kopf und fangen womöglich an, den Putin zu „verstehen“.

In diese Gefahr gerät hin und wieder sogar (oder, je nach Hörigkeit für Verschwörungstheorien: selbstverständlich) der Amipräsi, der unlängst andeutete, er wolle seine Truppen aus Syrien abziehen. Weil der Zinnober schließlich einen Haufen Geld kostet und das mit dem gewünschten „Regime Change“ doch nicht so recht was wird. Wie günstig, daß in solchen Fällen nachlassender Kriegslust und unmittelbar bevorstehender Besiegung der Terrorbanden immer sofort irgendwer eine Giftgasgranate zündet und irgendwelche obskuren Figuren mit weißen Helmen und Menschenrechtsbüro in London sofort und unwiderlegbar „wissen“, daß als Täter einzig die syrische Regierung in Frage kommt, die davon zwar überhaupt keinen Nutzen hat und sich ausschließlich selbst schadet – aber so sind böse Regierungen nun mal: Die pfeifen drauf, daß sie sich selbst ins Bein schießen. Und letztlich schuld ist sowieso der Russe, weil der behauptet hat, die syrische Regierung habe gar keine Giftgasgranaten mehr.

Der jüngste Grund, die Panzer an der NATO-Ostgrenze (die nur noch so lange nicht zugleich die russische Westgrenze ist, bis die Ukraine endgültig befreit ist – und zwar nicht von den Faschisten, die dort herrschen und das Land terrorisieren) tüchtig rasseln zu lassen und aus allen möglichen Ländern Horden von russischen Diplomaten hinauszukomplimentieren (obwohl die ja eigentlich, wenn ich das recht verstanden habe, genau für solche Situationen da sind), ist ein anderes, aber im Grunde recht ähnliches Vorkommnis: die Vergiftung des ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seiner Tochter (sowie ihrer Meerschweinchen) mit – wer hätte das gedacht? – Giftgas. Dafür kommt als Täter ausschließlich der Russe in Frage, der sich damit zwar ebenfalls selbst ins Bein geschossen hätte, aber so ist der Russe nun mal. Daß er schuld ist, beweist schon, daß das Giftzeug einen russischen Namen trägt, und wer soll es denn sonst gewesen sein? Eine Figur aus Skripals MI6-Litwinenko-Pablo-Miller-Christopher-Steele-Connection? Aus dem Umfeld der zwielichtigen Firma Orbis Business Intelligence, die seit zehn Jahren erfolgreich westliche Medien mit Anti-Putin-Propaganda füttert? Come on! Stand davon irgendwas in den deutschen Leitmedien? Na also.
Also heult der „Westen“ los wie ein Chor tollwütiger Kampfhunde, ölt die Panzer und manövriert eifrig an der russischen Grenze herum beziehungsweise hat, wenn dieses Heft erscheint, möglicherweise mal wieder kräftig Syrien bombardiert und hofft, daß sich dieser Putin jetzt endlich doch mal provozieren läßt und mit seinem billigen Waffengelumpe zurückhaut und endlich, endlich das ersehnte Armageddon losgehen kann, von dem hinterher wieder keiner wissen wird, wie es dazu kommen konnte. Wenn dann noch jemand da ist, der sich so was fragen könnte.

Warum Menschen so etwas tun, warum sie so unfaßbar scharf darauf sind, sich selbst von der Oberfläche des Planeten zu radieren – man weiß es nicht, und es spielt keine große Rolle. Es weiß ja auch niemand so ganz genau, was im Kopf eines tollwütigen Kampfhundes vorgeht. Den beißt, wie gesagt, selten jemand tot, schon gar nicht sein Herrchen. Aber man kann ihn einschläfern. Im Falle der tollwütigen NATO ist das schwieriger, denn dafür bräuchte es Regierungen, die das wollen, und die darf man leider nirgendwo wählen.

Die Kolumne „Belästigungen“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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