Belästigungen 23/2019: Menschheit, Menschlichkeit und der große Knall

Es ist manchmal schwer mit den Begriffen. Zum Beispiel dieses Teil fürs Klo, bei dem man dann, wenn man es braucht, nie weiß, wie es heißt. Hinterher fallen einem tausend Namen dafür ein, Pömpel, Fluppi, Strempfler, Plunscher, Planscher, Plömpel, Plöppel, Prömpel und so weiter – aber wenn man einmal „Pimmel“ sagt, ist man schlagartig in einer ganz anderen Geschichte.

Schlimmer ist es bei Begriffen, die von Haus aus zweideutig sind, wie das englische Wort „humanity“. Das heißt „Menschheit“, aber auch „Menschlichkeit“, weshalb beim Übersetzen mal was daneben gehen kann. Dann kommt ein so grundfalscher und dummer Schmarrn wie „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ heraus, und weil der Mensch ein Plappertier ist, plappert er den nach und fragt sich gar nicht erst, ob das nicht ein Riesenquatsch und jedes Verbrechen generell ein Verstoß gegen die Menschlichkeit ist (was aber auch nur stimmt, wenn man eine bestimmte Form von Menschlichkeit meint und nicht die allgemeine, die etwa in dem Sprichwort „Irren ist menschlich“ drinsteckt). „Belästigungen 23/2019: Menschheit, Menschlichkeit und der große Knall“ weiterlesen

Belästigungen 20/2019: Der alte Mann und das Klimamädchen

Passiert ist dies: Ein junges Mädchen reist zu einer dieser Versammlungen von alten (und jüngeren) Männern (und Frauen), deren Tätigkeit darin besteht, die Welt zu zerstören, indem sie Wirtschaftswachstum herbeiführen, fördern und propagieren. Das Mädchen hält eine flammende Rede, in der sie das mörderische Treiben dieser Leute anprangert, ihnen ihre Wut und Verzweiflung in die hohlen Gesichter wirft und sie auffordert, endlich vernünftig zu werden und die Zerstörung der Welt und des Klimas zu stoppen. Kameras und Mikrophone übertragen die Rede, Millionen hören zu. „Belästigungen 20/2019: Der alte Mann und das Klimamädchen“ weiterlesen

Belästigungen 9/2019: Weniger mehr ist nicht weniger, sondern mehr! (Fridays for Apocalypse)

„Die Apokalypse“, sagt M mit verträumtem Blick auf die Bäume im Westen, hinter denen die glühende Aprilsonne langsam sinkt, als wollte sie den Boden, den sie seit Tagen, Wochen sengt und brennt, mitleidig küssen, – „die Apokalypse ist eine fiese Sache. Weil die Menschen völlig falsche Vorstellungen davon haben.“

Das anschwellende Gezwitscher und Geplärr der Rotkehlchen, Amseln, Stare, Gänse, Tauben, Krähen erfüllt den Himmel und die Luft, als hätte das langsame Verglühen der alles durchflutenden Sonnenhitze einen gewaltigen leeren Raum hinterlassen. Eine Biene zwängt sich in eine dürre Apfelblüte, ihre Kolleginnen tupfen, schon müde, am Löwenzahn herum.

„Sie meinen, da kommt irgendwann ein Trompetenstoß, dann trumpft ein hoheitlicher Riesenengel heran und verkündet das Ende. Alles bricht zusammen, stürzt in ein Flammenmeer oder so, rumms und over. Schau dir die Gesichter an, wenn sie wie Ameisen durch ihre Labyrinthe aus Beton, Glas, Lärm und Staub irren, ständig die Augen auf das Display gerichtet, als warteten sie auf die Nachricht: Jetzt! ist! es! so! weit! Die kommt aber nicht, nur der übliche Wirrwarr aus kleinen Katastrophen, hundert Tote da, tausend dort, fünfzehn hier, irgendwas stürzt ein oder brennt aus, steigt an oder sinkt oder fällt, ein Börsenkurs, eine Linie, ein Wert, was weiß ich. Und wieder mal haben sie einen Tag überstanden, an dem alles schlimmer geworden, aber immerhin noch nicht die letzte Grenze erreicht ist. Der Engel wartet, und solange er nicht trompetet, treiben sie ihr übles Treiben weiter.“ „Belästigungen 9/2019: Weniger mehr ist nicht weniger, sondern mehr! (Fridays for Apocalypse)“ weiterlesen

Belästigungen 21/2015: Warum der Mensch ein Eichkatz ist (und weitere wirre Herbstgedanken)

In unserem Hof wohnt Herr Eichkatz. Daß es sich um einen männlichen Vertreter der Spezies Sciurus vulgaris handelt, schließe ich aus einer gewissen Irrationalität seines Verhaltens. So feiert er etwa den Anblick der täglichen Nuß auf dem Fensterbrett mit einem Tanz, der wie eine hyperbeschleunigte Mischung aus Fußballerjubel und Hardrockfestivalgymnastik (Gitarrensolo!) wirkt – von weiblichen Gattungsvertretern zumindest des Menschen kennt man exzessive Bewegung eher in der militärisch-straffen Fitneßstudiovariante.

Indes schnappt sich Herr Eichkatz die Nuß nicht etwa zum Zwecke des Verzehrs; vielmehr trägt er sie quer durch den Hof vors Fenster der Nachbarin, wo der Topf mit meiner Blumenerde steht, gräbt sie dort ein und vergißt sie augenblicklich. „Belästigungen 21/2015: Warum der Mensch ein Eichkatz ist (und weitere wirre Herbstgedanken)“ weiterlesen