Belästigungen 20/2019: Der alte Mann und das Klimamädchen

Passiert ist dies: Ein junges Mädchen reist zu einer dieser Versammlungen von alten (und jüngeren) Männern (und Frauen), deren Tätigkeit darin besteht, die Welt zu zerstören, indem sie Wirtschaftswachstum herbeiführen, fördern und propagieren. Das Mädchen hält eine flammende Rede, in der sie das mörderische Treiben dieser Leute anprangert, ihnen ihre Wut und Verzweiflung in die hohlen Gesichter wirft und sie auffordert, endlich vernünftig zu werden und die Zerstörung der Welt und des Klimas zu stoppen. Kameras und Mikrophone übertragen die Rede, Millionen hören zu.

Die Welt hält den Atem an. Na gut, das sagt man halt so. Gemeint ist: Die Medien klappern und rasseln ein paar Tage lang nur so herum mit dem Thema, man diskutiert und streitet, stimmt zu, macht sich lustig, hält selber flammende Reden am Stammtisch und im Klassenzimmer. Weiter passiert: nichts.

Das war 1992. Das Mädchen hieß Severn Cullis-Suzuki, war zwölf Jahre alt, schrieb später ein paar Bücher, bekam zwei Kinder, unterstützt heute alle möglichen Initiativen. Und findet es schade, daß „die Politiker“ in den 27 Jahren seit ihrer Rede nichts gelernt haben.

Nicht nur die. Derzeit flattert mal wieder ein junges Mädchen durch die Medien, weil es den gleichen Leuten seine Wut und Verzweiflung in die hohlen Gesichter wirft und sie auffordert, endlich mit ihrem mörderischen Treiben aufzuhören. Auch diesmal ist die unmittelbare Wirkung enorm. Millionen Kinder schwänzen die Schule und ziehen demonstrierend durch die Städte, fordern irgendwas mit „Zukunft“ und „Klima“. Die Medien rasseln und klappern noch lauter als damals; selbst Kindergartenbamsler dürfen vor dem Betthupferl beim Radio anrufen und erzählen, daß sie mit Papa auf der Straße waren. Keiner der bösen Weltzerstörer kriegt mehr den Mund auf, ohne daß ihm Vokabeln wie „nachhaltig“, „ökologisch“, „energieneutral“ und „Fridays for future“ herausflutschen, der bayerische Ministerpräsident fordert Prämien für neue Kühlschränke. Bornierte Spießerbespaßer wie Dieter Nuhr lassen sich ein paar Witzchen unter die Gürtellinie schreiben, um AfD-Bierzelten grimmige Halsfürze zu entlocken, und die gutmenschliche Netzgemeinde empört sich darüber, statt sich zu freuen, daß Greta Thunbergs Botschaft offenbar auch bei Menschen angekommen ist, die ein Stück Schaumstoff zwischen den Ohren spazierentragen.

Weiter passieren wird: nichts.

Das stimmt nicht ganz. Als Severn ihre Rede hielt, lebten auf der Erde 5,4 Milliarden Menschen, deren gesamter weltweiter Energieverbrauch heute nicht mal mehr reichen würde, um Facebook zu betreiben. Heute sind es fast acht Milliarden, die schätzungsweise dreimal so viel wiegen, doppelt so viel CO2 ausstoßen, hundertmal so viel Energie verbrauchen, zehnmal so viele Autos fahren, doppelt so schnell und viel arbeiten, tausendmal so viele Produkte herstellen und wegschmeißen und sich jedes Jahr um so viele Menschen vermehren wie zur Zeit von Julius Caesar überhaupt auf dem Planeten gelebt haben.

Dafür kann Severn nichts. So wie Greta nichts dafür kann, daß der ganze Laden noch vor ihrem vierzigsten Geburtstag so katastrophal und gänzlich zusammenkrachen wird wie nie zuvor, seit der erste Mensch es spaßig fand, mal auf zwei Beinen durch die Savanne zu wandern.

Deshalb, liebe Klimakinder, laßt euch von einem alten Mann ein paar Dinge sagen. Hört zuallererst mal auf mit diesem Klimaquatsch. Nach 150 Jahren Öl- und Kohleverbrennung das Klima „retten“ oder „bewahren“ zu wollen, ist so sinnvoll wie ein halbes Hendl in die Tierklinik zu tragen. Kümmert euch lieber um das, was ihr tun könnt, um noch ein bißchen länger menschliches (und anderes) Leben auf diesem Planeten zu ermöglichen. Und das heißt in erster Linie: etwas NICHT tun. Kauft NICHT Millionen neue Kühlschränke, auch wenn Herr Söder euch dafür Geld schenkt, das ihr ihm vorher als Steuern geschenkt habt. Kauft NICHT Millionen neue Autos, die angeblich weniger schaden als die alten. Das Schlüsselwort heißt: weniger.

Und Obacht: Mit diesem Wort läßt sich prima Lug und Trug treiben. Weniger heißt nicht „weniger mehr“ oder „weniger Wachstum“, sondern: weniger. Kein Wachstum mehr, sondern mindestens: Stillstand. Und dann Rückgang, Schrumpfung, Abbau. Weniger heißt: weniger Autos, weniger Arbeit, weniger Energie, weniger Burger, weniger Plastik, Papier, Glas, weniger Produkte, weniger Innovationen, weniger Beton und Asphalt, weniger Flugzeuge, weniger Reisen, weniger Kaugummi, Süßgetränke, Markenklamotten, Plakate, Flyer, Handtaschen, Panzer, Schiffe, Hubschrauber, Tankstellen, Geld, Kreditkarten, Banken, weniger Internetseiten, weniger Bildschirme, weniger Straßen, weniger Verpackung, weniger Verpackungsinhalt, weniger Pizzaservice, Festivals, Knabberzeug, Reklame, T-Shirts, Fotos, Emojis, Gadgets und Gimmicks, weniger Praktika, weniger Auslandssemester, weniger Karrieren, Jobs und Ansprüche.

In erster Linie heißt es absolut und unbedingt: weniger Menschen! Und ansonsten: weniger von allem. Außer Bürokratie: Die muß mehr werden, um den Rückgang zu überwachen, weil die Weltzerstörer sich das nicht so einfach gefallen lassen werden, sondern immer neue Schlupflöcher finden, um euch doch wieder mehr anzudrehen. Siehe Kühlschrank-Söder.

Und: Redet nicht mit den Weltzerstörern. Das ist Zeitverschwendung, und die Zeit ist knapp. Mag sein, daß einige von diesen Leuten Menschen sind oder wenigstens rudimentäre Reste menschlicher Eigenschaften haben. Das ist egal. In erster Linie sind sie Zahnräder einer großen Maschine, und wenn so ein Zahnrad mal auf vernünftige Gedanken kommt und sich eigenwillig zu drehen beginnt, wird es ausgewechselt und die Maschine läuft weiter.

Ich hatte neulich Gelegenheit, ein paar dieser Figuren (Bauunternehmer, Immobilienspekulanten, Stadtreferenten) dabei zuzuschauen, wie sie ihren üblichen Salm an „nachhaltig“, „ökologisch“, „Fridays for future“ usw. abgesondert haben, um die Zerstörung des Eggartens zu rechtfertigen. Da es in ganz Bayern außerhalb einiger Naturschutzgebiete kaum noch Kies und Sand gibt für den ganzen Beton, den diese Leute als Unterbringungskisten für Menschenmaterial in die Landschaft stampfen wollen, stellte ich die unverschämte Frage, wo denn der Sand für dieses spezielle Vernichtungsprojekt herkommen werde. Die Antwort war allgemeine Verwirrung bei Baureferat und Spekulanten und schließlich die herzige Bemerkung: „Der wird schon da sein.“

Merkt euch das: Solche Pappkameraden sind nicht euer Gegner. Euer Gegner ist die Maschine. Die müßt ihr zerlegen. Nicht (nur) mit dem Vorschlaghammer, sondern (auch) mit Zange und Schraubenzieher. Stück für Stück, bis nichts mehr davon übrig und niemand mehr in der Lage ist, aus dem Schrott eine neue Maschine zusammenzuschrauben.

Das wird schwer und anstrengend, freilich. Aber wenn ihr das Brimborium weglaßt, nicht mehr zu Konferenzen reist, nicht mehr in Kameras winkt, nicht mehr Spruchbänder durch die Gegend tragt, Aufkleber irgendwohin bappt und WhatsApp-Gruppen vollschwallt, sondern in der Zeit lieber ein paar Rädchen abschraubt, einen Tank anbohrt oder einen Riemen durchschneidet oder einfach gar nichts tut, dann wär das schon mal gar nicht schlecht, und dann können wir uns nach 200 Jahren Wachstumswahnsinn auf diesem Planeten vielleicht doch noch eine gemütliche Zeit machen.

Die Kolumne „Belästigungen“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN und liegt in fünf Bänden als Buch vor.

Eine Antwort auf „Belästigungen 20/2019: Der alte Mann und das Klimamädchen“

  1. Auch die Idee des ‚viel weniger‘ muss entwickelt und umfangreich propagiert werden, denn die FFF-Leute bzw. die angesprochenen ‚Kids‘ sind eine Minderheit. Auch ist es insbesondere im Rahmen unserer Überflussgesellschaft gar nicht so leicht Dinge zu finden, die man den lieben langen Tag tun kann, ohne die Umwelt zu belasten. Nichts tun ist keine Option für Menschen.

    Daher ist es wichtig weiter zu machen mit Streiks, Blockaden, Medienrummel, Aufklärung und sonstigen Mitmachenanregungen. Wenn der grosse Rest der Welt nicht mitmacht beim Verzicht, besteht sowieso nicht die geringste Chance.

    Und für diesen Fall kann die Empfehlung an die jungen Menschen heute nur sein: Konsumiert nach Lust und Laune und habt soviel Spass wie möglich! Denn Übermorgen schon bricht der Kampf ums letzte bischen Essen und ums nackte Überleben aus.

    Dann stehen wir vor Fragen, die ich nicht auszusprechen wage.

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