(periphere Notate): Drosten, Hitler und die Tiefen der Schrift

Zum erstenmal lese ich geschriebene (nicht nur von anderen abgetippte) Sätze von Christian Drosten, in denen er versucht, die arg verspätete Kritik eines offenbar auch etwas langsamen „Welt“-Kommentators zu widerlegen. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Der Mann versteht gar nicht, worüber wir seit einem Jahr sprechen! Er ist der absolut perfekte Fachidiot, der mit dem politisch-philosophischen Horizont eines Achtjährigen durch die Welt tappert und nur eine einzige Sache im Sinn hat: seinen Test. Daher sein unheimlich pünktliches Auftauchen am Beginn jeder „Pandemie“ des 20. Jahrhunderts, daher sein haarsträubendes Geplapper, bei dem er sich ständig in Widersprüche verwickelt, ohne es zu merken, daher sein irrwitzig-surrealer Auftritt bei der BPK, als er vor ungläubig kopfschüttelnden Zuhörern zu erläutern versuchte, was die neue WHO-Richtlinie bedeutet: daß sie nur als Hinweis für etwas rückständige Kollegen in der dritten Welt gedacht sei, sie sollten die Gebrauchsanweisung lesen … Keine Verschwörungen, keine finsteren Ränke und Hintergedanken: Der Mann versteht das alles wirklich nicht. Der perfekte nützliche Idiot, fast autistisch, dem man nur eine Virussequenz hinhalten muß, dann vergißt er alles andere. Daß er böse sei, konnte man noch nie gut sagen, weil er ja so sympathisch zerstreut und überzeugt zugleich daherbrabbelte. Man kann es nicht sagen, weil „gut“ und „böse“ keine Kategorien sind für einen wie ihn.

Allerdings galt das möglicherweise auch für einen Dr. Mengele und einen Adolf Eichmann: Es sind die Umstände, die einen innerlich haltlosen Menschen zu dem machen, was er wird.

In Berlin haben gestern 880 Polizisten gegen 500 „Gegner des Corona-Lockdowns“ demonstriert. Ernsthaft.

In einem Pamphlet gegen das World Economic Forum wird Klaus Schwab als „Kopf der Krake“ bezeichnet. Ich mag nicht darüber streiten, ob das strukturell antisemitisch ist, weil ich diese Kategorie mindestens in Teilen widersinnig finde. Zur Ehrenrettung des (!) Kraken sei jedoch angemerkt: Der Vergleich ist auf jeden Fall antikrakisch. Der Krake ist sehr intelligent, trägt die Intelligenz aber zu einem großen Teil in den Armen, die er wiederum nie dazu nutzt, irgend etwas zu umklammern, um es zu zerdrücken oder zu zerquetschen oder „in die Tiefe zu ziehen“. Insofern könnte man das WEF allerhöchstens (sehr boshaft) deswegen als „Kraken“ bezeichnen, weil Herr Schwab eine gewisse optische Ähnlichkeit aufweist und sicher nicht das Zentrum der Intelligenz bei diesem Verein ist.

Ernsthaft könnte man sagen: Das Problem mit dem „strukturellen Antisemitismus“ ist (zumindest in diesem Fall), daß es in der Diskussion gar nicht um Antisemitismus geht, sondern um strukturell faschistischen Antikapitalismus. Der Faschismus kann – seiner Denkweise entsprechend – jegliches Phänomen nicht an Strukturen, Klassen, Systemen etc. festmachen, sondern nur am Führungspersonal, dem „Kopf“. Folglich muß er den „Kopf“ abschlagen, um das Problem zu lösen. Der Denkfehler ist nun: Alle Faschisten sind Antisemiten, daher ist jeder faschistische Gedankengang in erster Linie antisemitisch (und umgekehrt). Die erste These darf jedoch als historisch widerlegt gelten, und die zweite ist wahrscheinlich ein redundanter Zirkelschluß.

Apropos Schwab. Der 2005 verstorbene Carl Amery, dessen 99. Geburtstag am 9. April nirgendwo erwähnt wurde, schrieb vor 45 Jahren folgendes:

Das Hitlersystem, die Hitler-Botschaft ist also nichts anderes als die Verweigerung jeder Sorte von Transzendenz, auch der weltimmanenten des Humanismus. Geschichte ist Naturgeschichte; das überorganische Potential des Menschen ist genauso Biologie wie der Reißzahn oder der zersetzende Virus. Wer auf Zivilisation angewiesen ist – so zum Beispiel die heimatlose Gruppe der Juden –, ist damit von vornherein verdächtig, ja notwendig krank und krankmachend. (…) Einen solchen Herrenvolk-Größenwahn glaubte nun Hitler in Deutschland erzeugen zu müssen. Die Tatsache, daß weder er noch die meisten seiner Paladine rassisch erfreuliche Typen waren, ist dabei belanglos: es ging um das Prinzip, es ging um den Menschen als Objekt der Züchtung, um die biologisch mächtigere Maschinerie. (…) Hitlers Herrenvolk sollte genau das werden, was Hitler den Juden vorwarf: der Superparasit schlechthin, eine träge, menschenfressende Rasse von höheren Tieren, die in wenigen Generationen hilflos von ihren Ernährern abhängig werden mußten. (…) Das Dritte Reich ist untergegangen, weil „das deutsche Volk Hitlers nicht würdig“ war – genauer: weil die Machtbasis für Hitlers Plan zu klein war. (…) Sicher wäre es töricht zu erwarten, daß der Faschismus, genauer der Hitlersche Biofaschismus, mit den gleichen Fahnen und Sprüchen, mit den gleichen kulturgeschichtlichen und sozialen Begleiterscheinungen auftreten wird wie 1923 oder 1929. Die ängstliche Nazisuche, das argwöhnische Beobachten von möglichen Nachfolgeparteien und „Organisationen“ wie etwa der NPD verwirren da eher, als sie helfen. Es gibt interessantere – und gefährlichere Symptome. (…) So ist es, zum Beispiel, nicht ohne Interesse, daß es in Frankreich bereits einen Ökofaschismus gibt. (…) Aber sind wir immun? Ist der hochentwickelte Teil der freien Welt endgültig über die Hitlerei hinaus? Selbst das kann man bezweifeln. Man erinnere sich nur, was geredet wurde, als die Ölkrise ausbrach: allen Ernstes wurden imperialistische Expeditionen nach Libyen und an den Persischen Golf erwogen, um unser „Recht auf Rohstoffe“ zu sichern. (…) Dazu kommt der rapide Verfall unserer inneren Verfassung. Ich behaupte, daß das Potential an kalter Grausamkeit und Gemeinheit, das heute einem Hitler zur Verfügung stehen würde, unendlich größer ist als es 1933 war. (…) Die Verwahrlosung der emotionalen Kultur, der tatsächliche Zusammenbruch der Erziehung (die zur reinen Wissensvermittlung degradiert wurde) und der wachsende, völlig zu Recht bestehende Eindruck der kleinen Leute, daß sie letzten Endes nur als Konsumtrottel interessant sind: all dies gehört zu den Folgelasten, (…) die sich in geometrischer Progression auftürmen. (…)
Hitler-Material, Bausteine für ein Hitler-Szenario umgeben uns also in finsterer Fülle. Wieder besteht die Gefahr, daß linke Systemkritik zwar durchaus richtig auf die lauernde Gefahr hinweist, aber infolge unzulänglicher Beurteilung menschlicher Motivationen den Sog in die Barbarei unterschätzt. (…)
Zentralmacht, das war auch seine Kategorie und seine Alliierte; eine grausame Königin, die er nur mit dem verwechselte, was er (…) für Natur hielt. Geschichte als reine Naturgeschichte – das wird zum Ende nicht nur der Geschichte, sondern auch der Natur.

Der Wolfsburger Fußballspieler Woug Weghorst beichtet im WDR: „Ich möchte ganz klar sagen: Ich bin kein Corona-Leugner. Da sind weltweit Leute daran gestorben, was erschütternd ist. So wie ich das jetzt formuliere, hätte ich das direkt machen müssen. Die Fragen haben mich überrascht. Und es ist nicht meine eigene Muttersprache. Dementsprechend habe ich da die letzten Tage viel drüber nachgedacht und kann mich jetzt besser ausdrücken.“ Man darf spekulieren, was man Weghorst angedroht hat, falls er nicht abschwört. Im Dezember hatte er den folgenden (inzwischen zensierten) Instagram-Beitrag geteilt: „Stell dir vor, es gibt einen Impfstoff, der so sicher ist, daß du bedroht werden mußt, ihn zu nehmen – für eine Krankheit, die so tödlich ist, daß man getestet werden muß, um zu wissen, daß man sie hat.“ (Klar, Herr Fremdsprachler: „für“ eine Krankheit „nimmt“ man  keinen Impfstoff. Das nennt man „Corona-Leugnung“!)

Das ist wahr, Herr Präsident. Außer es ging um „Corona“. Da mußte man nicht mal dran sterben, um durch die Medienmühle gekurbelt zu werden. Scham scheint diesen Menschendarstellern inzwischen so fremd zu sein wie … ach ja, die Jahreszahl ist oft genug erwähnt.

Es hört aber nicht auf. Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, ruft „die Gesellschaft“ zu einem „Moment des Innehaltens inmitten der Corona-Pandemie“ auf: „Krankheit, Sterben und Tod lassen sich in diesem langen Jahr nicht wegdrücken, sie schneiden tief ein in das Leben vieler Menschen. Tod und Sterben sind uns näher gerückt als zuvor.“ Es sei richtig, daß Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier für diesen Tag dazu einlade, innezuhalten und der vielen Toten zu gedenken.

Unrichtig ist hingegen, daß sich Krankheit, Sterben und Tod in kürzeren Jahren ohne weiteres „wegdrücken“ lassen und bloß ganz leicht in das Leben vieler Menschen einschneiden. Und daß die „vielen Toten“ in allen anderen Jahren auch nicht weniger sind, ganz ohne peinlichen Kerzenkitsch und Fernsehtrauergequake.

Oder so: Die bereits erwähnte Gesundheitsministerin sagte gestern bei einer „zentralen Gedenkfeier“: „Wir müssen in dieser kritischen Phase der Pandemie weiter zusammenstehen, damit es nicht noch mehr Tote gibt. Wir können das nur durch Disziplin verhindern.“ Man könnte das unter der von Amery konstatierten Verwahrlosung der emotionalen Kultur verbuchen und meinen, es gehe darum, dem Virus zu demonstrieren, daß die deutsche Menschenmasse die „biologisch mächtigere Maschinerie“ ist. Es reicht aber weiter hinein in die Geschichte, auch zu den Toten, die der Disziplin zum Opfer fielen.

Und das ist: zum Kotzen. Es fehlt noch: eine zentrale Gedenkstätte. Am besten ein Lichtdom. Weil Sterblichkeit undeutsch und ein Skandal ist.

Die Bundesregierung setze „die Bevölkerung einem Großversuch mit einem nicht getesteten Impfstoff aus“, schimpfte Jürgen Trittin im „Stern“. Allerdings im Januar 2009. Damals waren für „die größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik“ 50 Millionen Einheiten des experimentellen Impfstoffs „Pandemrix“ gekauft worden und sollten „verimpft“ werden (wozu es dann jedoch aufgrund fehlender Nachfrage infolge mangelhafter Propaganda nicht kam). Regierung, Ministerien, Behörden und Militär sollten aber von dem Experiment ausgeschlossen bleiben: Für sie waren 200.000 Einheiten eines anderen Stoffs bestellt worden, der „Celvapan“ hieß. Grund für die Sonderbehandlung waren gewisse Bedenken wegen Zusatzstoffen (u. a. Formaldehyd und quecksilberhaltigem Thiomersal) in „Pandemrix“, das zudem nur an circa 40.000 Probanden getestet worden war und mehr unerwünschte Nebenwirkungen ausgelöst hatte. Neu an „Pandemrix“ war, daß es im Gegensatz zu „Celvapan“ keine (deaktivierten) Viren enthielt, sondern nur Teile der Virushülle.

Im Januar 2021 wurde berichtet, daß das Gesundheitsministerium 200.000 Einheiten eines Stoffs bestellt habe, der wie eine passive Impfung gegen Covid-19 wirke. Was damit weiter geschah, ist derzeit nicht bekannt. Man weiß daher auch nicht, ob der Einkauf wegen Bedenken bezüglich der experimentellen Covid-19-„Impfstoffe“ getätigt wurde, die vor der vorübergehenden Notfallzulassung nur an circa 40.000 Probanden getestet wurden, umstrittene Zusatzstoffe enthalten und alarmierend viele unerwünschte Nebenwirkungen auslösen. Neu an diesen Impfstoffen ist, daß sie keine (deaktivierten) Viren enthalten, sondern gentechnisch erzeugte mRNA, die dem Körper „beibringen“ soll, Teile der Virushülle nachzubauen.

In diesen Tagen bei diesem Wetter kann man wenig anderes tun als in Bücherregalen herumwühlen, sich wundern, was man alles noch einmal lesen wollte (während sich die Stapel der Ungelesenen türmen wie stumme Vorwürfe einer unbefriedigten Geliebten und man längst einsortierte Ungelesene vom Staub befreit, der aufraucht wie stumme Vorwürfe einer unbefriedigten Exgeliebten) und Zufälliges aufblättern. In Robert Bobers meistenteils vergessenem Roman „Was gibt’s Neues vom Krieg?“ (1999) finde ich anhand eines Einmerkzettels (einer Rechnung aus der Trattoria Marino in Firenze) folgende Stelle: „Besessen von meinen Bezugspunkten, erzählte ich Nathan, daß das ‚Repos de la Montagne‘ in den fünfziger Jahren von Willy Ronis photographiert worden sei und daß in dem Haus ein wenig weiter unten auf derselben Straßenseite, dem mit den geschlossenen Fensterläden, Madame Rayda wohne, eine Kartenlegerin, die wiederum Robert Doisneau photographiert habe.“
Das ist nicht weiter bemerkenswert. Am unteren Ende der Seite indes steht mit Bleistift von mir gekrakelt: „In dem Haus am Bolsenasee, wo ich dieses Buch am 29. April 1999 gelesen habe, hing in unserem Zimmer ganz untypisch ein Ronis-Plakat. Es zeigt eine Katze auf einem Fensterbrett, dazu unter dem Namen: ‚Gorges 1956’. Guido Gorges wiederum war einer der herausragenden Spieler des TSV 1860 beim Lokalderby am 25. April 1999 (1:1), das wußte ich aber nicht.“
Weitere Zusammenhänge finde ich: keine.

Oder doch: Ich las in demselben Haus, der Villa Settembrina, ein Jahr später, am 4. Mai 2000, „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco. Darin diese Passage über einen zwielichtigen Verleger, der einen seriösen und einen halbseidenen Verlag gleichzeitig betreibt (beschrieben ist im folgenden letzteres Unternehmen): „Auf jedem Umschlag prangte das Verlagssignet, ein Pelikan unter einer Palme, mit dem Motto: ‚Ich hab, was ich gab.’“
Wieder ein Bleistifteintrag, diesmal am Ende des Buchs: „Genau nach dieser Stelle stehe ich auf, marschiere in die Bibliothek, ziehe ohne nachzudenken einen Band aus dem Regal, und siehe da: vorne drauf der Pelikan, hinten ‚IO HO QUEL CHE HO DONATO’. Es ist Band II von D’Annunzios ‚Prose di Ricerca’, im Oktober 1950 bei Mondadori erschienen.“
Nun, immerhin: Da habe ich also eine Anspielung gefunden, die offenbar noch niemandem aufgefallen ist. Aber mehr kommt nicht raus. Vielleicht war Herr Eco sauer, weil Mondadori seinen Roman nicht drucken wollte? Vielleicht ärgerte es ihn, daß Silvio Berlusconi sich den Verlag Mondadori unter den Nagel riß? (Nein, das war 1991, der Roman erschien 1988.)
Irgendwo habe ich heute auch den Namen William von Baskerville gelesen, der mir bekannt vorkam. Den hat Umberto Eco erfunden. Das Buch, in dem ich ihn las, ist jedoch wahrscheinlich vor Ecos Geburt erschienen. Ich weiß leider nicht mehr, welches es war.
Im Herbst erscheint mein neuer Roman. Auf den Umschlag werde ich die Symbole und Slogans sämtlicher großer und kleiner deutschen Literaturverlage drucken. Weil ich auch sauer bin und das in den letzten zehn Minuten auf Umberto Eco projiziert habe.

So oder so: Wenn man aus dem aktuellen Gestrüpp und Gewölle von Verstrickungen, Verfilzungen und Querverbindungen mal raustaucht und in einem unbedarften Bücherregal landet, ist es doch recht erstaunlich, wie wenig da „geht“, selbst bei dem wahrscheinlich größten Verschwörungstheoretiker in der Literatur des 20. Jahrhunderts.

Kurz zurück zum „Thema“:

Ist Anstiftung oder Aufforderung zur Körperverletzung eigentlich strafbar?

Seit 1. Januar 2020, also in den letzten 16 Monaten, sind in München 415 Menschen an oder mit Covid-19-Symptomen gestorben. Diese „Pandemie“ schlägt in der Tat grausige Kapriolen.

Eine Antwort auf „(periphere Notate): Drosten, Hitler und die Tiefen der Schrift“

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