Thierry Malleret: Der unsichtbare Dritte

In der allgemeinen Diskussion über Absichten, Ziele und die Weltgefährlichkeit des „World Economic Forum“-Führers Klaus Schwab und seines „Great Reset“ werden ein paar Dinge gerne übersehen. Zum Beispiel daß Schwab 83 Jahre alt ist und vielleicht gar nicht mehr so viele Ziele und Absichten hat, sondern (zumal angesichts seiner bekannten intellektuellen Dumpfheit) möglicherweise nur als Grußaugust herhalten muß.

Es wird auch nicht oft darauf hingewiesen, daß Schwab den „Great Reset“ kaum selbst erdacht haben dürfte und das gleichnamige Manifest nicht allein geschrieben, sondern vielleicht überhaupt nicht geschrieben, sondern nur irgendwie beschirmherrt haben könnte. Bill war’s wahrscheinlich auch nicht, sonst stünde sein Name auf dem Büchlein. Der dritte Mann, von dem kaum je die Rede ist, heißt Thierry Malleret.

Über den erfährt man wenig. Er ist (Co-)Autor einiger obskurer Bücher bei obskuren Verlagen, (angeblich) Doktor an (oder von) der Pariser „École des hautes études en sciences sociales“, bei der es sich wohl um eine sehr elitäre und exklusive Elitennachwuchsschmiede handelt (laut „Wikipedia“ zählt sie zudem zur besten Universität von ganz Frankreich – man weiß jedoch nicht, welche das ist). Allerdings ist auch dort nichts über ihn zu finden.

Er hat (angeblich) vier Romane geschrieben. Einer davon ist lieferbar, im französischen Original von 2013. Der Titel lautet übersetzt: „Sind die Reichen böse?“, Untertitel: „Der Thriller zu den finanziellen Exzessen und den Übeln der Globalisierung“. Eine kurze Inhaltsangabe des Verlags: Ein amerikanischer Finanzier wird an Bord einer Jacht im Mittelmeer ermordet. Kurze Zeit später werden auch mehrere Investmentfondsmanager unter überraschenden Umständen getötet. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden von Personen und den Forderungen einer Anti-Globalisierungsgruppe? Oder handelt es sich eher um eine interne Abrechnung, die von Gier und Fehlverhalten bestimmt ist? Lou, eine junge Journalistin, und Enguerrand, einer ihrer Freunde, ein Neurowissenschaftler, ermitteln in der geheimnisvollen Welt der Hedgefonds. Die Ermittlungen führen sie von Genf nach London und Chamonix, vor dem Hintergrund von Morden, Verschwinden, Haß und Verrat an der Liebe. Es handle sich bei der Schwarte um einen getimten, atemlosen Thriller. Blitzschnelle Drehungen und Wendungen. Nun gut, dies sagt ein Übersetzungsprogramm, und ähnlichen Quark kennt man von deutschen Schundverlagen zur Genüge.

Aber jetzt wird’s interessanter: „Sind die Reichen böse?“ ist eine wahre Geschichte über die Auswüchse des Finanzwesens und das Versagen der Globalisierung. Ist Malleret vielleicht ein heimlicher Globalisierungsgegner, der sich als verschwörerische Laus in den Pelz von Klaus Schwab gesetzt hat, um dessen Pläne zur Versklavung der besitzlosen 99 Prozent zu sabotieren und nebenbei mit „Schlüsselromanen“ Vorlagen für umstürzlerische Verschwörungstheorien zu liefern?

Wer weiß, aber augenscheinlich eher nicht: Thierry Malleret, vermeldet der Verlag weiter, ist Autor des „Monthly Barometer“, eines weltweit verbreiteten Newsletters mit Analysen und Prognosen. Er hat bereits mehrere Krimis (unter einem Pseudonym) sowie wissenschaftliche und populäre Werke veröffentlicht. Er war mehrere Jahre in der Finanzwelt tätig, bevor er die Leitung des berühmten Jahrestreffens in Davos übernahm. Seitdem hat er mehrere Unternehmen gegründet.

Hoppla! Die „Leitung“ also des „berühmten Jahrestreffens in Davos“? Und was tut dann Herr Schwab – außer seinen Auftritten als Grußaugust und Parodist einer schwäbisch-englischen Rudimentärsprache?

Die Webseite des „Monthly Barometer“ (relevant für alle, gelesen von den Einflußreichen) erinnert auf den ersten Blick so stark an den „Auftritt“ des WEF, daß man den Laden für eine Unterorganisation des Oligarchenpolitbüros halten könnte. Oder eine Überorganisation? Jedenfalls handelt es sich dem Eindruck der Reklame nach ebenfalls um eine Art Elitensekte. Deren nächster „Gipfel der Geister“ („Summit of Minds“) findet übrigens im September in Chamonix statt. Nach Davos ist’s von da nicht arg weit.

Das gilt nicht nur räumlich. Unter Unsere neuesten Bücher verzeichnet das „Monthly Barometer“ genau zwei: das bekannte „Great Reset“-Pamphlet von Schwab/Malleret und „10 Good Reasons to Go For a Walk“ von Thierry & Mary Anne Malleret (Gattin, daher höflicherweise als zweite genannt) mit einem Vorwort von Klaus Schwab. Eines der Rituale der Sekte sind offenbar sogenannte „Walkshops“, bei denen im Schlendern „gearbeitet“ und für „Wellbeing“ gesorgt sowie die „Macht der Natur“ gespürt wird.

Mary Anne ist „Director“ der „Geistergipfel“, Thierry Gründer und „Managing Partner“ des ganzen Ladens. Seine Biographie bleibt auch hier schwammig: Der Sechzigjährige habe Jahrzehnte einmaliger professioneller Erfahrung im Investmentbanking und als „Chief Economist and Strategist“ einer wichtigen russischen (!) Investmentbank gewirkt. Außerdem war er (wohl kürzer – so viele Jahrzehnte bleiben ja nicht mehr) an einer Investment-Boutique für ultra-high net-worth individuals, an diversen Think-Tanks und Akademia beteiligt und diente drei Jahre im Büro des französischen Premierministers (nicht zu verwechseln mit dem Staatspräsidenten) Lionel Jospin.

Der Rest ist weitgehend Reklamebla: Er war hier und da elitär-führerisch tätig und spricht auf der ganzen Welt mit führenden Agenturen. Außerdem sitzt er in einer Vielzahl von Beratungsgremien, aber das tun wir schließlich alle, nicht wahr? Nebenbei schwafelt er gerne schwammiges Zeug, gibt sich naturburschig und ist offenbar ein begabter Schönfärber.

Malleret hat weder einen deutschen noch einen englischen und auch keinen französischen Eintrag im „Wikipedia“-Blog; auf englisch erfährt man immerhin, er sei economist, über das „Monthly Barometer“ gibt es jedoch kein Wort. Das Schweigen könnte systemisch bedingt sein: „Wikipedia“-Mitgründer Jimmy Wales ist einer der zwölf „Welt- und Industrieführer“, die als Kommandeure des „Young Global Leaders“-Programms bestimmen, wer die Geschicke des Planeten Erde und seiner Bewohner in der Zukunft im Sinne des WEF lenkt. Es ist daher nur logisch, daß in dem Blog über ein paar knappe, propagandistische Beweihräucherungen hinaus zu dem ganzen Komplex WEF keine wirklichen Informationen zu finden sind.

Nun ist es bei den „Weltführern“ („global leaders“) des WEF, ob „young“ oder nicht, durchaus üblich, daß sie sehr plötzlich einer Kaderschmiede dieser Oligarchenweltregierung entschlüpfen und als Staatenlenker oder Milliardenausbeuter ins strahlende Licht der planetarischen Aufmerksamkeit geschossen werden (vgl. Baerbock, Macron, Barroso, Kurz, Blair, Merkel, Spahn u. v. a.). Aber auch hier findet sich keine Spur von Herrn Malleret.

Doch, eine (scheinbar) kleine: ein „Global Risk Network“, dem er als „Senior Director“ vorsteht (oder einer anderen Quelle zufolge bis 2007 vorstand) und das sich mit Risiken wie Klimawandel, Ungleichheit und geopolitischen Spannungen … nun ja, beschäftigt. Das ist freilich wichtig, vor allem weil die Mitglieder des WEF diese Risiken zu einem sehr großen Teil selbst in die Welt gebracht beziehungsweise in den riskanten Bereich hinein verschärft haben. Da bietet es sich doch geradezu an, sie als Vehikel für noch mehr Profit, Kontrolle und Macht einzusetzen, indem man mit schmetternder „Wir alle!“-Rhetorik die Lösung sämtlicher Probleme auf einen Schlag bereitstellt: die finale, totale Ungleichheit, ein nagelneues, maschinengeneriertes Idealklima und die Lösung aller geopolitischen Spannungen durch Umstellung des Gesamtplaneten auf das chinesische Modell der Menschenhaltung.

Ach so, Herausgeber von Mallerets Globalisierungsthriller „Sind die Reichen böse?“ ist übrigens das französischsprachige Genfer Verlagshaus Slatkine, gegründet 1964 von Michel-Edouard Slatkine und spezialisiert auf Nachdrucke alter Wörterbücher der französischen Sprache (etwa des zehnbändigen Klassikers von Frédéric Godefroy), umfangreicher Werkausgaben sowie Zeitschriften aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. Der 85jährige Slatkine sieht Klaus Schwab entfernt ähnlich und ist der Enkel von Mendel Slatkine. Dieser wiederum, Sohn eines Rabbiners aus Rostow am Don, war dort im Versicherungsgeschäft reich geworden, mußte jedoch 1905 vor den von der Geheimpolizei des Zaren organisierten antisemitischen Pogromen in der Gegend fliehen und kam über Berlin und Zürich nach Genf. Nach 1914 verlor er einen Großteil seines Vermögens und mußte das einzige verkaufen, was er noch besaß: seine geliebte Bibliothek. Er gründete ein Antiquariat und 1918 eine Buchhandlung. Heute ist daraus ein Konzern mit vielen Verlagen, Vertrieb, Druckereien, Läden, einem „literarischen Café“ und anderen Unternehmungen geworden.

Nicht von Mendel (der mit Lenin bekannt war), sondern von seinem Vater lernte Michel-Edouard Slatkine, was im Leben zählt: Mein Vater hat mir erklärt, was Geld ist. Er sagte mir, es sei die Bedingung für meine Freiheit.

Das paßt ganz gut ins Jahr 2021, in dem es neuerdings zwei Freiheiten gibt: die Freiheit, ausgebeutet zu werden und zu konsumieren (Bedingungen: regelmäßige Spritzung und absoluter Gehorsam), und die Freiheit, auszubeuten und auf alle gesetzlichen, sozialen, politischen, moralischen, ethischen und sonstigen Regeln zu pfeifen. Deren Bedingung ist nach wie vor die Verfügung über sehr große Mengen Geld – so große, daß sie in einer Art Kettenreaktion von selbst exponentiell weiterwachsen.

Das ist aber alles nicht so wichtig. Neben Thrillern und „Reset“-Klimbim hat Malleret auch noch anderes geschrieben, was man zum Beispiel im Amazon-Sortiment nicht findet. Mit der Rüstungs- und Militärpropagandistin Murielle Delaporte, u. a. tätig für die einschlägige Webseite „Breaking Defense“, verfaßte er 1991 ein Werk mit dem (übersetzten) Titel „Die Rote Armee im Angesicht der Perestroika“. Man fragt sich unwillkürlich, wie ein Investmentbanker in solche Kreise gerät – aber halt, es war doch eine russische Bank, für die er tätig war, und zwar eine der größten privaten: die 1990 gegründete Alfa-Bank, als deren politischer Agent und Erfüllungsgehilfe gegen die derzeit amtierende russische Regierung übrigens ein Mann namens Alexei Nawalny gilt, der auch in Deutschland eine gewisse Prominenz genießt. Man weiß nicht genau, wann Malleret dort schuftete. Wahrscheinlich aber erst nach dem Erscheinen des Buchs, nach dem Augustaufstand in der UdSSR 1991 und nach deren „Auflösung“ zu Silvester desselben Jahres. Danach nämlich begann unter Boris Jelzin der ruinöse Ausverkauf des sowjetischen Volksvermögens, der unheilvolle Aufstieg der vom Westen hofierten Oligarchen und wohl auch die investmentbankerische Karriere von Thierry Malleret.

Der schrieb auch über diese Epoche: 1992 folgte „Conversions of the Defense Industry in the former Soviet Union“, 1999 „What loaded and triggered the Russian Crisis?“, dazu zwei Thriller unter dem entzückenden Pseudonym „Milton Peel“: 1996 „La montage caucasien“ und 1999 „La roulette russe“. Letzteres muß nicht unbedingt mit Rußland zu tun haben, das vorletzte hat eher nicht mit dem Kaukasuskrieg zu tun.

Wie sehr an der schmutzigen russischen Episode nach 1991 Klaus Schwabs Wirtschaftsführerkreis (der sich 1987 von „European Management Forum“ in „World Economic Forum“ umbenannt und damit ganz neue Ansprüche formuliert hatte) beteiligt war, wissen wir leider nicht im einzelnen. Das WEF verrät in seiner „History“ immerhin, daß zum Ende des Davoser Treffens 1991 die Welt-Business-Führer einen Brief an den neugewählten Präsidenten der Russischen Föderation, Boris Jelzin, aufsetzten. Klaus Schwab unterzeichnete das sechsseitige Dokument, einen 12-Punkte-Plan zu einem Umbau des Landes, den man ohne große Ironie als „Great Reset“ bezeichnen könnte.

Die gehorsame Umsetzung dieser WEF-Vorgaben machte Rußland zu einem Eldorado der Raffgier und der von Schwab so geliebten „schöpferischen“ Zerstörung. Mafiosi, ausländische „Heuschrecken“, Banken, Investoren und frischgebackene Oligarchen rissen sich unter den Nagel, was sie im orgiastischen Karneval der „Privatisierungen“ grabschen konnten. Für die Bevölkerung endete der Ausverkauf in einem historischen Desaster mit explodierender Armut und bis Ende 1992 auf das 18fache gestiegenen Lebensmittelpreisen. Das Fleddern ging trotz Protest und Widerstand von Volk und Parlament ungehindert weiter. Der ansonsten wegen Herzschwäche und Wodka weitgehend ausgeschaltete Jelzin löste den Volkskongreß und den Obersten Sowjet auf, die wiederum ihn für abgesetzt erklärten. Der Aufstand gegen die Raubzüge der „Privatisierer“ entlud sich in bürgerkriegsähnlichen Straßenkämpfen, bis sich am 4. Oktober 1993 das Militär (die erwähnte „Rote Armee im Zeichen der Perestroika“) einschaltete und mit der „Erschießung des russischen Parlaments“ für Gehorsam beim weiteren „Reset“ sorgte.

Allerdings errangen Jelzins Gegner im neugeschaffenen Doppelparlament aus Duma und Föderationsrat sofort wieder die Mehrheit und sorgten für eine Amnestie für die Widerstandskämpfer von 1991 und 1993. Die Verschleuderung des restlichen Volksvermögens konnten sie aber nicht verhindern, obwohl Jelzins Partei bei der folgenden Wahl eine weitere verheerende Niederlage erlitt und die Absahner befürchten mußten, daß seine Abwahl bei der Präsidentenwahl 1996 ihre Plünderungskampagne beenden würde.

Als sich das WEF Anfang 1996 in Davos versammelte, mahnte Führer Schwab deshalb: Da die Globalisierung ihre Wirkung weiter entfaltet, sind dringend innovative Maßnahmen nötig, um den wachsenden Widerstand dagegen einzudämmen! Die Business-Führer der russischen Delegation, in Panik vor einem neuen Kommunismus, stimmten dankbar zu und heulten vor Erleichterung, als sich Bankiers, Finanzmagnaten, Mafiosi und Oligarchen zusammentaten und einen nie dagewesenen Propagandafeldzug finanzierten und organisierten, mit dem es gerade noch so gelang, den schwerkranken Präsidentendarsteller im Amt zu halten. Und wieder ging das Fleddern und Plündern hemmungslos weiter. Als der von Jelzins Beratern als „neues Gesicht“ eingesetzte junge Ministerpräsident Kirienko im Sommer 1998 vorsichtig auf die Notbremse treten und eine Haushaltssanierung angehen wollte, knurrten die „großen Kapitalgruppen“ kurz auf, und schon schmiß ihn Jelzin hinaus. Ebenso wie bald darauf den Nachfolger Primakow, der (vielleicht versehentlich) nicht verhindert hatte, daß Staatsanwälte einer ganzen Reihe von Korruptionsfällen nachgingen, die in Jelzins unmittelbares Umfeld (die sprichwörtliche „Familie“) hineinreichten. Auch dessen Nachfolger wurde nach fünf Monaten gefeuert und – da waren nun wohl die Puppenspieler, an deren Fäden Jelzin schon acht profitträchtige Jahre herumzappelte, selbst etwas unvorsichtig – durch den Geheimdienstchef Wladimir Putin ersetzt.

Eines der Mottos des WEF lautet übrigens „Committed to Improving the State of the World“. Auf deutsch heißt das: Man engagiert sich für die Vervollkommnung des Weltstaats. Doch, heißt es. Um welchen Weltstaat es geht, wird nicht verraten, weil wir das ja ohnehin wissen.

Ein letztes Mal zurück zu Thierry Malleret: Dessen verschwommene „Biographie“ findet sich seit 2010 auch auf einer entschieden widerwärtigen Militär- und Rüstungswebseite namens „Second Line of Defense“ (Untertitel: „Wir liefern Fähigkeiten für den Frontkämpfer“). Warum sie da steht und was Malleret mit diesen Leuten zu tun hat – nun ja, das wissen wir (mal wieder) nicht. Wollen wir es wissen? Dann buchen wir ihn vielleicht mal als Redner.

Mallerets zweites Pseudonym lautet „Camille Malsant“. Wörtlich: „kranke Kamille“. Wovon der unter diesem Namen erschienene Roman „Alerte aux fous de Dieu“ (Untertitel „Die Abraham-Connection“) wohl handelt?

Das letzte Wort überlassen wir ihm selbst: Ich betrachte mich nicht als Führer. Nun ja, vielleicht ist der Mann ja ganz harmlos.

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