Frisch gepreßt #396: Alice Cooper „Paranormal“

Detroit/Phoenix 1948-64: Die Vorfahren Hugenotten, Sioux, Engländer, Schotten, Iren, der Papa Laienprediger, der Opa Apostel der Kirche Jesu Christi, in der Vincent Damon Furnier mit elf brav ministriert, in der Schule brilliert und Mitglied des DeMolay-Ordens wird, wo er Kameradschaft, Treue, Familie und Sauberkeit schätzen lernt. Er kränkelt, schließt das Kunst-College ab und gründet eine Band, in der niemand ein Instrument spielen kann, die aber mit einer Pantomime zu Beatles-Playback einen Talentwettbewerb gewinnt. Also lernt man spielen, nennt sich The Spiders und tritt vor einem riesigen Spinnennetz auf.Los Angeles 1968-70: Wenn The Spiders spielen, sind die Clubs meist schon leer, bevor die dritte Nummer angestimmt wird. Als sie sich zwecks Provokation Alice Cooper nennen, platzt dem Publikum endgültig der Kragen: Sie werden mit Flaschen und Müll beworfen, beschimpft und verdroschen. Und reagieren mit einer Art absurd-surrealistischer Theaterperformance: prügeln sich gegenseitig, bedrohen die Zuschauer, beschütten und bewerfen sie mit Federn, zermanschten Wassermelonen und was gerade zur Hand ist. Das gefällt Frank Zappa, der sie für drei LPs für sein Label Straight! unter Vertrag nimmt.

Welt 1973: Alice Cooper ist die größte und skandalöseste Band des Planeten, verkauft Millionen Platten, die mit unfaßbarem Aufwand produziert und verpackt werden, unternimmt gigantische Monstertourneen, die alles in den Schatten stellen, was die Rockmusik bis dahin gesehen hat: Schlangen, blutende Puppen, Galgen, Guillotine, elektrischer Stuhl, Milliarden-Dollar-Noten, aberwitzige Kostüme, Raketen und Bomben, Glitzerkonfettiregen.
Jet-Set 1974: Alice Cooper (der Sänger) gurgelt 60 Dosen Budweiser am Tag, zieht mit Keith Moon, John Lennon, Salvador Dali, Liza Minelli und Groucho Marx durch die Beizen und mit Raquel Welch durch die Betten von Hollywood, ist Staats- und Gesellschaftsfeind Nummer eins und zumindest zeitweise berühmter/berüchtigter als Richard Nixon und Elvis Presley zusammen. Privat, sagt er, sieht er am liebsten fern.

White Plains 1978: „Trinken war ein Teil des Lebens auf der Überholspur. Es war ein Symptom der Zeit, als wir uns alle unsterblich und unbesiegbar fühlten.“ Nachdem er monatelang jeden Morgen Blut gekotzt hat, schleppt sein Entdecker und Kumpel Shep Gordon das Wrack Cooper ins Cornell-Krankenhaus, wo er zwei Monate lang entgiftet wird. Dann steht er mit seinem Wahnsinnerfolg ziemlich einsam da: Seine Band, diese genialische Piraten-Rüpel-Gang, die seine (d. h.: ihre) Platten zu grandiosen Wucht-Granaten aufgeblasen hatte, zu zehnstöckigen Torten aus Frechheit, Witz, Randale und heißer Luft, die dem Hörer ebenso genussvoll ins Gesicht flogen wie der US-Öffentlichkeit und ihrem widerwärtigen Establishment aus Fernsehpredigern, Ku-Klux-Klan, Watergate-Mief und Vietnam-Zerbombern, – ist in alle Winde verstreut.

Was tun?

Mehr vom gleichen (Chicago 1984): Nach Bombast-Overkill und Top-ten-Balladen entdeckt Cooper Crack, kriegt wieder Durst, säuft sich ins Koma, produziert drei „Blackout-Alben“, an die er sich nicht erinnert und die keiner kauft, landet mit Leberzirrhose auf der Intensivstation, wird geschieden, ist pleite. Wird als Christ wiedergeboren, tauscht Flasche und Pfeife gegen den Golfschläger, kehrt zu seiner Frau Sheryl zurück, verdient viel Geld als laue Selbstparodie mit Hair-Metal-Promi-Begleitung und macht zwischendurch mal wieder ein paar Konzeptalben.

Dann: juckt ihn die Erinnerung, er holt sich seinen zwischenzeitlich durch Pink Floyds „The Wall“ zur Legende gewordenen Produzentenkumpel Bob Ezrin und die überlebenden Altkameraden ins Studio (bis auf den famosen Riffschmied Glen Buxton, der 1997 starb) und macht nach dem „zweiten Teil“ von „Welcome To My Nightmare“ (der eigentlich eine „ganz normale“ Rockplatte ist) noch eine „ganz normale“ Rockplatte, mit den üblichen Promigästen: Roger Glover (Deep Purple), Billy Gibbons (ZZ Top) und (fürs ganze Album) Larry Mullen jr., der hier mit mehr Verve und Feinsinn trommelt als auf dem Gesamtoeuvre seiner Hauptband U2.

Und Alice Cooper zeigt der Welt wieder mal, was es bringen kann, mit den Beatles und den Yardbirds, mit Zappa und Dali aufzuwachsen, was für ein grandioser, musikalisch ewig unterschätzter, witziger und hochintelligenter Entertainer er ist. Ein paar Riffs (etwa in „Private Public Breakdown“) und Kniffs mögen altbacken wirken, aber irgendwas fällt der Band dann doch immer ein: diverse Breaks, Mittelteile, Soli (gelegentlich etwas zu sehr Metal von der Stange), und richtig daneben geht kaum was davon, mehr: geht richtig los. In „Dynamite Road“ knarzt und ätzt Alice exakt wie damals in „Generation Landslide“, und nicht wenige seiner gewohnt außergewöhnlich eloquenten Texte beweisen, daß er seinen Witz nicht verloren hat, ebensowenig wie seine sonstigen Stärken, abgesehen von Maßlosigkeit und Größenwahn. Was schade ist, aber nur für herzlose Hörer.

Eine Chance immerhin hat Alice definitiv verpaßt: zu klingen wie ein 69jähriger, der jeden Bezug zum Rock ’n’ Roll und zur Gegenwart verloren hat. Aber das hat er ja vielleicht schon 1982 geschafft.

Die Kolumne „Frisch gepreßt“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

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