(periphere Notate): Auf den Schultern der Toten

Wenn in Meldungen bestimmte Vokabeln allzu oft und allzu penetrant wiederholt werden, keimt in mir ein gewisses Mißtrauen. Das geht auch umgekehrt: Als vor 23 Jahren der deutsche Kanzler Schröder in einer Fernsehbotschaft den Angriff der NATO auf Jugoslawien bekanntgab und eindringlich betonte, es handle sich nicht um einen Krieg, war mir das von Anfang an verdächtig. Die Einführung des irgendwie hygienisch-harmlos klingenden Begriffs „Luftschläge“, mit dem das 79 Tage anhaltende Bombardement unter anderem der Stadt Belgrad statt dessen geradezu manisch belegt wurde, war so durchsichtig, daß man den Hasen mit geschlossenen Augen laufen sah.

Jetzt ist das ähnlich. Das Wort „Angriffskrieg“ – damals so verpönt, daß seine bloße Äußerung in Zusammenhang mit der NATO hinreichen konnte, um aus dem Mainstream-Diskurs verscheucht zu werden, läuft derart gedrängt und verdichtet durch die Gebetsmühle der deutschen Propagandamedien, daß die Alarmglocke Sturm läutet. Wenn jemand so impertinent und in wirklich jedem zweiten Satz (auch solchen, die mit ganz anderen Themen zu tun haben) dieses Schlüsselwort daherbeten muß, dann stimmt was nicht.

Dabei war man sich doch in der Sache weitgehend einig: Was Rußland in der Ukraine anstellt, ist ein Angriffskrieg, weil russisches Militär die Grenze zur Ukraine überschritten hat und dort eingedrungen ist. So was nennt man halt so, oder nicht? Wieso muß man es dann geradezu mantramäßig so nennen? Das tut man doch eigentlich nur, um Begriffe zu etablieren, die von selbst nicht in den Diskurs hineinkämen, weil sie da von Haus aus querstehen. Weshalb man sie eben in die Hirne regelrecht peitschen muß. So wie den „Luftschlag“, die „Impfung“ (als Bezeichnung für eine genmedizinische Behandlung) und in den frühen Neunzigern die durch die Sendung „Sabine Christiansen“ popularisierten „Reformen“ (womit immer der Abbau von Arbeiterrechten und eine pekuniäre Umverteilung von unten nach oben gemeint war).

Also wird man mißtrauisch: Was stimmt hier nicht? Soll hier etwas vertuscht werden? Etwa daß der „Angriffskrieg“ schon 2014 mit dem Angriff der Ukraine auf die abtrünnigen Republiken im Donbaß begann und seitdem praktisch ununterbrochen weiterlief? Kaum, weil das nun wirklich jeder weiß und man es mit einer so plumpen Kampagne kaum effektiv aus dem Kollektivgedächtnis blasen kann (obwohl, wer weiß – angesichts der zunehmend spür- und sichtbaren allgemeinen Verblödung ist das vielleicht doch nicht so abwegig).

Was dann? Daß das Eingreifen des russischen Militärs einem für den 8. März geplanten massiven Angriff der Ukraine nur um ein paar Tage zuvorkam? Möglich, aber der Begriff „Angriffskrieg“ lief schon durch die Parolenorgel, als das noch gar nicht wirklich bekannt war. Auch die 26 US-amerikanischen Biowaffenlabore in der Ukraine hatten es noch nicht in die Nachrichten geschafft, als die „Angriffskrieg!“-Chöre losblökten.

Vielleicht hat es damit zu tun, daß das Wort „Angriffskrieg“ (und mehr noch der „Vernichtungskrieg“, der den Eindruck einer Neuauflage der Kampagne der Deutschen zur Ausrottung der Menschen in der Sowjetunion erweckt und auch mir im Überschwang schon mal herausgerutscht ist, obwohl er sich grundsätzlich verbietet) Bilder heraufbeschwört, die so wirkmächtig sind, daß man echte Bilder gar nicht mehr braucht, um von der Grausamkeit und Unmenschlichkeit des Schlächters und Massenmörders auf der feindlichen Seite überzeugt zu sein?

Auch das ist möglich und vielleicht am ehesten plausibel angesichts der weiter anschwellenden „Putin=Hitler“-Sprechchöre auf den Titelseiten und in den Fernseh-Radio-Verlautbarungen. Was damit vertuscht werden soll, erschließt sich allerdings nicht unmittelbar. Schließlich herrscht in der Ukraine Krieg, nicht wahr? Schließlich sehen wir doch die Bilder von zerbombten und zerschossenen Wohngebäuden, Krankenhäusern, Kindergärten und so weiter, nicht wahr? Auch wenn diese Bilder bisweilen falsch zugeordnet werden und man nie erfährt, wer da eigentlich bombt und schießt – das weiß man doch automatisch, nicht wahr?

Hinzu kommen seit mehreren Tagen in immer gleichem Wortlaut die ebenfalls als Mantra wiederholten Meldungen, der „russische Vormarsch“ sei durch den heroischen Aufopferungskampf des ukrainischen Volkes „ins Stocken geraten“. Da sieht man doch auch ohne Bild, wie die Panzer und Flugzeuge nach Westen walzen und zischen und durch ein – ach ja – solidarisches Heldenvolk daran gehindert werden, bis zum Atlantik vorzustoßen und ganz Europa dem Erdboden gleichzumachen, um es hinterher zu versklaven.

Könnte sein, daß das eine einzige große Lüge ist, die man mit einem kritischen Blick und ein paar vernünftigen Überlegungen so leicht entlarven und widerlegen kann, daß sich auf einen Irrtum niemand herausreden sollte. Selbst das notorische und ganz gewiß nicht russophile Pentagon weiß nämlich, wohin eine solche Lügenkampagne schlimmstenfalls führen kann, und streut nun gezielt Informationen, die klarmachen, daß dieser Krieg nicht der ist, den die schwitzigen Schreihälse aus ihren kühnen Vernichtungsträumen in die Welt projiziert haben. Offenbar kommt im Gegenteil etwas zum Tragen, was man mit einer gehörigen Portion Zynismus als „Behutsamkeit“ bezeichnen könnte.

Diese Form von Zynismus geht mir persönlich zu weit. Ebenso wie die im Grunde noch viel perversere Form von Zynismus, die aus der Radiomeldung tropft, der deutsche Kanzler Scholz fordere einen sofortigen Waffenstillstand und versichere zugleich, daß Deutschland weiter Waffen liefern wird.

An Waffenlieferungen ist selbstverständlich auch das Pentagon höchst interessiert, schließlich ist es nicht zuletzt eine Dienststelle der US-Waffenindustrie und dafür zuständig, daß weiterhin weltweit Tötungsmaterial „konsumiert“ wird. Daß es sich dem Lügenmärchen vom entmenschten Putinschen Totalzerstörungsfeldzug in den Weg stellt, wird seine Gründe haben. Vielleicht geht es nur darum, den vom US-Außenministerium und den Medien herbeigeflehten dritten Weltkrieg zu verhindern. Es mag aber auch damit zu tun haben, daß die CIA seit Jahren emsig dabei ist, die Nazibrigaden in der Ukraine zu einer Art „Al-Kaida 2.0“ aufzubauen, um auf diese Weise Rußland auf lange Sicht so zu „destabilisieren“ und in eine Bürgerkriegshölle zu verwandeln wie einst Afghanistan, Libyen und Syrien (wo die USA ihr Interesse an den „gemäßigten Rebellen“ nun plötzlich verloren haben): Im Pentagon scheint man sehr genau zu wissen, wie solche CIA-Abenteuer zuletzt so gut wie immer ausgegangen sind und was dabei herauskommt – alles mögliche an jahrzehntelangem Chaos, aber sicher nicht mehr „Sicherheit“ für die USA.

Übrigens weisen insbesondere die deutschen Ukrainepatrioten und rechtsradikalen Kriegshetzer mit ebenfalls verdächtiger Vorliebe darauf hin, die ukrainischen Nazis seien doch völlig bedeutungslos und hätten bei den letzten Wahlen nicht mal zwei Prozent oder so gekriegt. (Auch) das ist ein so dummer Stuß, daß man eigentlich gar nicht darauf eingehen sollte – was kümmert es eine fanatische Armee, ob ihr „legaler Arm“ als Fraktion in einem Parlament herumsitzt, solange klar ist, daß Präsident und Regierung genau das tun, was die Nazis befehlen, die für den Fall einer Insubordination mit Galgen und Granaten weniger drohen als deren Einsatz ankündigen?

Das könnte – und da sind wir wieder beim Zynismus – der Grund sein, weshalb Herr Selenskyj noch am Leben ist: Rußland braucht ihn, um den Friedensvertrag zu unterschreiben, was ansonsten eine irgendwie geartete Exilregierung oder die Nazis selbst tun müßten. In beiden Fällen wäre der nächste Bürgerkrieg so sicher wie der Hahnenschrei bei Sonnenaufgang.

Genug der Spekulation über schlimme Dinge, an denen wir alle nichts ändern und zu denen wir auch nichts beizutragen haben außer Gedanken und Analysen, die niemand von denen, die etwas ändern oder beitragen können, lesen wird.

Nur dies noch, ohne den Grundsatz anfechten zu wollen, daß über die Toten nichts außer Gutem zu sagen sei (was übrigens ein Riesenblödsinn ist: Welcher vernünftige Mensch hätte über einen zweifellos Toten wie Adolf Hitler je Gutes gehört oder gesagt?): Die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright wurde einst gefragt, ob sie der Ansicht sei, US-Sanktionen gegen den Irak, die eine halbe Million Kinder das Leben kosten, seien diesen „Preis“ wert. Sie antwortete: Ja, diese Sanktionen seien es wert, eine halbe Million Kinder umzubringen. (Ich habe ihre Antwort zur Verdeutlichung leicht paraphrasiert.) Albright hat diese Aussage später als „politischen“ (und nicht etwa menschlichen oder vielmehr unmenschlichen) „Fehler“ bezeichnet.

Nun ist Madeleine Albright tot, man sollte nichts Böses über sie sagen. Also auch nicht das, was die deutsche Außenminister-Kasperlette Annalena Baerbock (schriftlich und daher zumindest grammatisch hinreichend) äußerte: „Mit Haltung, Klarheit und Mut stand Madeleine Albright als erste US-Außenministerin ein für Freiheit und die Stärke von Demokratien. Mit ihr verlieren wir eine streitbare Kämpferin, wahre Transatlantikerin und Vorreiterin. Auch ich stehe heute auf ihren Schultern.“

„Haltung“, „Klarheit“, „Freiheit“, „Stärke von Demokratien“, „streitbar“, „Kämpferin“, Transatlantikerin“, „Vorreiterin“ – man weiß nicht, was schlimmer ist: dieses Vokabular oder die Vorstellung, wie Baerbock auf den Schultern einer Verstorbenen herumtrampelt.


12 Antworten auf „(periphere Notate): Auf den Schultern der Toten“

  1. Sehr treffende Reflexionen! „De mortuis nihil nisi bonum“? Ich bevorzüge „nihil nisi verum“. Es wäre sehr interessant und lehrreich, den „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine“ mit dem „globalen Krieg gegen den Terror“ systematisch zu vergleichen. Für diejenige, die Spanisch können, zwei Adressen, wo man eine noch unvollständige Artikelreihe (die zwei letzten erscheinen bald) über die Kriege gegen reale oder imaginäre Islamisten lesen kann:

    https://www.forumlibertas.com/el-islam-y-la-urgencia-de-la-paz-i/

    https://www.forumlibertas.com/?s=el+islam+y+la+urgencia+de+la+paz

      1. Wie ist das eigentlich so, täglich in der Kleingartenkolonie Patrouille zu laufen, sich hinter Hecken zu verstecken bis man endlich, ENDLICH wieder etwas entdeckt hat, was es zu beanstanden gibt. Hier ein paar Grashalme einen halben Zentimeter zu lang, dort hat ein anderer sein Gartengerät über Nacht nicht in den Schuppen geräumt, aber beim Sailer – da herrscht WILDWUCHS!
        Das darf so nicht sein! Deswegen schleichst du dich in seinen Vorgarten und scheißt ihm einen großen Haufen direkt vor die Haustür.
        Denn Wildwuchs muss man entschieden entgegentreten, nicht wahr?
        So sieht sie aus, die totale, brutale Toleranz der neuen Spießer.
        Aber sei doch bitte so gut, und scheiß vor deine eigene Haustür und nicht in fremder Leute Gärten.

        1. Lauter Wüteriche in der Kleingartenanlage..keine gute Stimmung. Der Oberharker haut eine zynische Bemerkung nach der anderen raus, aber wenn man Kritik äußert, ist man entweder Nazi oder Spießer.

  2. das Bild, vor allem jedoch die Geräuschkulisse, die das geistige Ohr bespielt, wenn die Bärbock als ExTrampolinistin die morschen Gebeine jenes jüngst verblichenen Ungeheuers zerhopst, zertrumpelt, Hammer, bonecrackergroove as its best!
    drum lass, Norbert, uns dazu im Rhythmus schunkeln!

  3. H. Mich. Sailer ist zwar betr. Covid stark wahnverdächtig.

    Aber bei seinen Artikeln zur „Putins Krieg“ Problematik kam man ihm Zustimmung rundum kaum versagen.

    Das muß ihm ehrlicherweise zugestanden werden.

  4. Es gibt nur einen Krieg: der Krieg der Oberen gegen uns unten.

    Jeder Macht-Clique dient der Krieg gegen andere Macht-Cliquen – ja es kann sogar die selbe sein. Denn Krieg ist nicht gegen Macht-Cliquen sondern gegen das Volk gerichtet. Immer!

    Auch Putin kommt die geschlossene Zustimmung seines Volkes gelegen, wie die Zustimmung hierzulande dem CumEx-Scholz und Mitverbrechern zugute kommt.

    Kriege dienen immer nur dazu, die Völker zu knechten, sich gegenseitig abzuschlachten und damit die Herrschaft der Macht-Clique in ihrem jeweiligen Land zu sichern.

    Kriege sind ein gemeinsames Interesse jeglicher Macht-Cliquen, die ansonsten trotzdem durchaus gegensätzliche Interessen haben.

    Leider scheint es den Verstand des Normal-Kanonenfutters zu übersteigen, sich vorzustellen, dass Macht-Gruppen gleichzeitig sich bekämpfen UND partiell zusammenarbeiten können.

    (Wer es nicht glaubt soll sich nur mal die Behandlung von höheren Offizieren, die in Kriegsgefangenschaft gerieten, anschauen. Die sitzen dann mit den gegnerischen Offizieren beim Brandy zusammen und philosophieren über die „Kriegskunst“ und „soldatischer Ehre und Treue“, die sie ja berufsmäßig verbindet.)

    Für mich kam der „Ausbruch“ des Ukraine-Krieges viel zu genau passend zum Niedergang des Corowahn-Gebildes. Als das Narrativ zu deutlich bröckelte, konnte man ganz schnell auf die andere Panik-Welle umschalten.

    Trau, schau, wem

    In meinen Augen spielt Putin das WEF-Globalisten-Spiel in seiner eigenen Rolle glänzend mit.

  5. “ Für mich kam der „Ausbruch“ des Ukraine-Krieges viel zu genau passend zum Niedergang des Corowahn-Gebildes. “

    Ah, ja, Albrechtl.

    Dann wähnen Sie sicher einen Großen Steuermann im Hintergrund. Derf i raten ? Xi ?

Kommentar verfassen