(periphere Notate): Freiheiten

Im Grunde ist es ungerecht, daß man sich als kritischer, skeptischer oder auch nur aufmerksamer Beobachter durch den schlimmsten Bullshit hindurchkämpfen und Podcasts von Drosten/Ciesek, Statements von Priesemann und Brinkmann, „Tagesspiegel“-Provokationstiraden, Ansprachen von Söder, tägliche Gesetzesänderungsänderungen, Schönsprech-Nachrichten, Zahlengewitter, peinlichste „Faktenchecker“-Rabulistik, was weiß ich noch alles lesen, verdauen, am Ende noch zähneknirschend im Originalduktus sich anhören muß, während, die, die einen dafür beschimpfen, in gemütlicher Seelenruhe ihre Serien schauen, weil es ihnen wiederum ja ganz egal sein kann, was genau die Ketzer (ebenso wie ihre eigenen Priester) im einzelnen so sagen. Es genügt der Name, die medial vermutete bzw. behauptete Verbindung zu anderen Ketzern und das Sammelsurium an einschlägigen Bezeichnungen im Zeitungskommentar. Ihre zunehmende Aufgebrachtheit indes zeigt, daß diese Strategie zuvorkommender Unterwerfung zum Zweck des behüteten Mitgenommenwerdens auf Dauer an der Klarheit der Fakten scheitert, wenn der Schnee der Ideologie, der blinden Hoffnungen und der scheinbaren Zusammenhänge schmilzt und vom geschlossenen Weltbild nur noch das Skelett der wahnhaften Axiome stehenbleibt. Trumps Jünger können davon ein Lied singen, das wir seit 75 Jahren kennen. In leiseren Versionen sangen es ja auch die Anhänger von Schill, Schönhuber und anderen Figuren.

Ein kleiner Trost ist, daß die so oft beschworene „überwältigende Mehrheit“ der Wissenschaftler seit längerer Zeit nur noch aus einem Häuflein von vier oder fünf Notorischen (plus Lauterbach) besteht, die dafür zwar (sachlich wie sprachlich in wirrster Wirrnis) aus allen medialen Rohren feuern, aber irgendwie nichts neues finden und darob immer verzweifelter wirken.

Apropos: Trumps Umbaumaßnahmen an der 1970 von Nixon gegründeten Environmental Protection Agency (EPA) machen den Hauptteil der Erzählung im deutschen Wikipedia-Blog über diese unabhängige Behörde aus, die dabei (also durch Trumps Schuld) „wirtschaftsfreundlich“ geworden sei. Daß zum Beispiel bis 1982 im Meer vor Los Angeles (nahe der „naturgeschützten“ Insel Santa Catalina) heimlich, aber wohl mit Wissen der EPA 500.000 Fässer DDT versenkt wurden und bis heute dort herumliegen, erwähnt der Artikel nicht. Ist ja auch eine Kleinigkeit gegen die (ebenfalls verschwiegenen) Umweltsauereien, die das US-Militär im ganzen Land veranstaltet, wenn es etwa nicht nur im „Cancer Valley“ bei New Orleans in Deponien unter freiem Himmel „veraltete“ Kampfstoffe verbrennt, was für epidemisches Asthma sorgt, oder riesige Mengen von Plutonium, Agent Orange und chemischen Massenvernichtungsmitteln in demselben Pazifik „entsorgt“. Was „die Wissenschaft“ in ihrem unermüdlichen Mühen um Gesundheit und Wohlergehen der Menschen dazu in den letzten achtzig Jahren zu sagen hatte, ist eine Frage, deren Antworten durchweg peinlich ausfallen. Gut, daß sie mal jemand stellt, der ein Vierteljahrhundert lang für die EPA tätig war. Allerdings ist er Historiker, also modern gesagt „schwurbelnder Aluhut“ o. ä.

Manche Leute mögen – was verständlich ist – keine Links anklicken, aber trotzdem wissen, von wem die gestrigen Zitate aus der „Welt“ (über die „Sekte“ und den „Corona-Wahnsinn“ im Kanzleramt) stammen. Urheberin ist die ehemalige SPD-Oberbürgermeisterin von Kiel und „Zeit“-Journalistin Susanne Gaschke.

Was ist eigentlich mit den asiatischen „Mutanten“? Bleiben die dieses Jahr aus? Oder sind sie bloß spät dran, wegen dem Suezkanal?

Schönes Wort, schon im November geprägt, bislang zu wenig beachtet: „Maskenleugner“.

Das stammt übrigens aus meinem heutigen Favoriten für den „Drosten-Nachwuchspreis“ in dümmlichster szientistischer Selbstentlarvung, dem Blog „Zellkultur“, und fiel in Folge 28, die ansonsten ein solcher Wust von Unsinn, Bullshit, Durcheinandergestammel, Mißverständnissen und krauser Pseudowissenschaft ist, daß man das Wort „Geschwurbel“ dafür eigentlich neu erfinden müßte. Wer darin drei Aussagen findet, die einigermaßen stimmen, möge mir bitte Bescheid geben. Ich finde nur zwei (halbwegs).

Was die „erwachsene“ „die Wissenschaft“ (kein Tippfehler) heutzutage so sagt, hört sich nicht viel anders an:

Das ist mehr als nur irgendwas aus dem Bauch heraus Dahergesagtes, sondern dahinter steht ein parametrisiertes Modell, dann könnte man ja auch gar keine Debatte um die Dinge führen, die da kommen. Nur weil sie im Rückblick nicht so gekommen sind, heißt das nicht, daß die epidemiologische Modellierung keine Wissenschaft wäre oder kein wissenschaftlicher Ansatz. Oder daß die Leute, die das betreiben, keine guten Wissenschaftler sind. Das ist schon so wieder ein typisches Beispiel. (…)Diese Argumente sind vor allem bei den Pseudo-Experten und in Logikfehlern sehr frappierend in der Öffentlichkeit. Da haben wir in der öffentlichen Diskussion häufig solche Argumente gehört wie beispielsweise: Die Kinder, die sind ja nie krank. Wir sehen im Krankenhaus keine kranken Kinder, wie in dieser und dieser Studie belegt ist. Es gibt in ganz Deutschland nur so und so viel hundert Kinder, die mit Covid-19 ins Krankenhaus mußten. Demgegenüber stehen 14 Millionen Kinder in dieser Altersgruppe. Also ist das Virus ja für Kinder irrelevant. Das ist Rosinenpickerei von einzelnen wissenschaftlichen Befunden, die ausklammert, daß es andere Befunde gibt, die sagen, die Infektionszahlen sehen so aus. Es gibt große nationale statistische Erhebungen, die sagen, so und so viel Prozent aller Kinder in einer bestimmten Altersgruppe sind infiziert. Das sind zum Teil mehr als in den Erwachsenen-Altersgruppen. Solche breiten Realitäten werden ausgeklammert. Und in einer öffentlichen Argumentation wird nur eine Zahl, ein Einzelbefund benutzt und dann davon generalisiert auf etwas, das gar nicht generalisierbar ist.

Hingegen ist Ranga Yogeshwar kein „Wissenschaftler“, aber ein Künstler der sprachlichen Logik: Ich denke, daß wir ab 2022 zu einer neuen Normalität zurückkehren werden.

Das ist schon das schönste an seinem „Interview“, das ich nicht verlinke, weil es sich um eine Reklameseite für eine  Telephonfirma handelt. Der Rest ist weniger lustig. Unter anderem werde die „Normalität“, zu der „wir“ zurückkehren werden, deshalb „neu“ sein, weil das Corona-Virus uns weiter begleiten wird, es wird nicht verschwinden. Ganz im Gegensatz zu allen anderen Corona- und sonstigen Viren! Die verschwinden nämlich immer (wenn man sie nicht sucht)! Wir werden lernen müssen, entsprechende Maßnahmen wie eine Schutzimpfung zu akzeptieren. Dann können wir mit Corona ähnlich leben wie mit einer Grippeepidemie. Weil „wir“ uns ja in den letzten Jahrzehnten jedes Jahr brav einer Grippeimpfung unterzogen haben, um „leben“ zu können, gelt? Wieder einmal danke ich nachträglich meinem leider pensionierten Hausarzt, der mir nicht direkt von einer Grippeimpfung abriet, aber dazusagte: „Sie können das schon machen, aber seltener krank werden Sie deswegen nicht. Eher öfter.“

Und dann sagt Herr Rageshwar noch: Wir werden uns Stück für Stück einige, aber nicht alle Freiheiten zurückholen.

Und spätestens hier muß mit dem „wir“ endgültig Schluß sein. Weil wir sie uns nämlich alle zurückholen, die Freiheiten, wenn nicht mehr.

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