Belästigungen 25/2019: Post, Post-Post und andere verschwindende Dinge

Wenn man hört, was „Kulturkritik“ und Feuilleton so in die Welt blasen, stellt man fest: Wir leben im Postzeitalter. Wir sind postmodern, postindustriell, postpolitisch, postfaktisch, postironisch, posterotisch, postdies und postdas – man braucht nur vor jedes beliebige Wort, mit dem wir unsere Befindlichkeiten umreißen möchten, ein „post“ zu bappen, schon ist man ziemlich nah dran am Konsensgeschwätz und fühlt sich betroffen.

Ich finde: Man kann da noch einen Schritt weiter gehen. In Wirklichkeit leben wir im Postdasein, in der Postwelt. Der Mensch ist buchstäblich nicht mehr da, zumindest nicht auf der Welt.

Das gilt naheliegenderweise zunächst für die Post, die längst eine Postpost ist: Briefe fallen nur noch alle paar Tage spätnachmittags in die Kästen, wenn sie nicht zwischendurch von diversen Frankierungs-, Sortierungs- und sonstigen Maschinen verschluckt, zerfetzt oder geschreddert werden. Pakete bringt sowieso nicht mehr die Post, sondern anonyme Billiglohnsklaven diverser unklarer Profitkonzerne, die vor allem damit beschäftigt sind, mit einer Armada von Lieferfahrzeugen Geh- und Radlwege zu blockieren, und ansonsten nur aus je einem EDV-Teil mit Internetanbindung bestehen, das dazu dient, Reklamations- und Kontaktversuche ins elektronischen Nirvana umzuleiten.

Der ganze Betrieb hat viel von dem, was man früher (diskriminierend) „Dritte Welt“ nannte. Wer Glück hat, findet ausnahmsweise doch mal eine Mailadresse, um sich zu beschweren, daß die vereinbarte Abholung des neuen, aber defekten Kühlschranks auch beim fünften Versuch in vier Wochen nicht stattgefunden hat, weil der dafür zuständige Bote offenbar nicht existiert. Die „Personen“, die solche Mails dann „beantworten“ (mit Beschwichtigung und Abwimmelung), tragen oft klangvolle Namen – in jedem Fall aber jedesmal einen anderen, auch wenn die Diskussion sich bereits zum meterlangen Thread ausgewachsen hat. Daß Anja Gückun, Vladan Malinkovic, Britta Simmt, Konark und wie sie alle heißen ebenfalls nicht existieren, ist dringend zu vermuten.

Möglicherweise existiert hat der Mensch, der mir letzte Woche eine Karte mit der Aufschrift „DPD war da“ in den Briefkasten warf. Darauf stand eine 13stellige „Paketnummer“, die ich bitte im Internet eingeben solle, „um Informationen zu Ihrem Paket zu erhalten“. Das tat ich, mehrmals, aber die Meldung blieb immer die gleiche: „Leider ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es später noch einmal.“

Nach ein paar Tagen wurde das langweilig. Zum Glück findet man mit viel Geduld auch bei DPD eine Mailadresse, der ich den Vorfall mitteilte. Die Antwort kam prompt: „Die P00-Nummer legimitiert leider nur den Zustellversuch, in diesem Falle konnte leider keine Verknüpfung zur ursprünglichen Paketnummer vorgenommen werden, so daß wir Ihnen nur mit Hilfe der 14-stelligen Paketnummer vom Absender weitere Auskünfte erteilen können.“ Leicht verwundert, weil ich gar keine P00-Nummer angegeben hatte, teilte ich mit, der Absender sei auf der Karte nicht vermerkt und mir daher unbekannt.

Die Dame (die zweimal denselben Namen trug!) meinte nun: „Ich habe die PIN-Nummer nochmals überprüft und konnte diese nicht in unserer Datenbank finden. Bitte fragen Sie bei Ihrem Versender nach der 14stelligen Paketscheinnummer. Sobald diese uns vorliegt, können wir Ihnen die gewünschten Informationen mitteilen.“ Ich wiederholte, der Versender sei mir nicht bekannt, und erfuhr: „Die Sendungsnummer beginnt mit einer 0 oder 1 und ist 14stellig. Sollte Ihnen die Sendungsnummer nicht vorliegen, fragen Sie am besten bei Ihrem Versender nach.“

Meine dringende Bitte, mit dem Schmarrn aufzuhören, da mir der Absender nun einmal unbekannt sei, und den Fall endlich zu klären, erntete nur noch Schweigen, daher startete ich einen neuen Versuch über das „Kontaktformular“. Eine andere Dame schien diesmal etwas besser bescheid zu wissen: „Bei Ihrer angegebenen Nummer handelt es sich nicht um eine gültige Paketnummer. Bitte schauen Sie noch einmal nach und senden Sie uns die korrekte, 13- oder 14stellige Paketnummer. Sie finden sie entweder auf Ihrer Benachrichtigungskarte oder haben sie direkt vom Absender erhalten, zum Beispiel per E-Mail. Die Paketnummer liegt Ihnen nicht vor? Dann fragen Sie bitte beim Absender nach. Sobald wir die Paketnummer von Ihnen erhalten haben, helfen wir Ihnen gern weiter.“

Kann ja sein, daß man sich mal vertippt. Hatte ich zwar nicht, dennoch photographierte ich nunmehr die Paketnummer und schickte der Dame das Bild mit der nochmaligen Bekräftigung, der Absender sei mir wirklich und wahrhaftig nicht bekannt. Auf dreimaliges Nachfragen antwortete Tage später ein Herr: „Aufgrund Komplikationen in der Datenübermittlung wurde die Nummer Ihrer Benachrichtigungskarte nicht korrekt übertragen und mit Ihrer Paketnummer verknüpft. Sollte Ihnen die Sendungsnummer nicht vorliegen, wenden Sie sich bitte direkt an Ihren Versender, damit dieser Ihnen die korrekte Sendungsnummer mitteilen kann.“

Die Sache drehte sich im Kreis und wurde ärgerlich (was sich auch darin niederschlug, daß ich mittlerweile als „Sehr geehrter Sailer“ angesprochen wurde und entsprechend antwortete). Ich ersuchte in nicht gänzlich unwüstem Tonfall noch dreimal um Klärung, drohte mit einer Strafanzeige wegen Unterschlagung und erfuhr endlich: „Wie bereits mehrmals erwähnt, kann ich ohne Ihre Paketnummer Ihr Anliegen nicht bearbeiten.“ Also noch mal die Paketnummer, noch mal ein Photo, noch eine Mail, mal wieder von einer (anderen) Dame: „Sie erhalten in der Regel bei einer Bestellung eine Versandbestätigung via Mail durch den Absender. In dieser, finden Sie den zuständigen Transportdienstleister und die notwendige Sendungsnummer. Ich bitte Sie daher Ihre E-Mails zu prüfen, andernfalls ist mir eine Bearbeitung leider nicht möglich. Ich entschuldige mich für die Unannehmlichkeiten.“

In der Tat: unannehmlich. Meine neuerliche Zusammenfassung des Vorgangs mit sämtlichen Daten und Einzelheiten samt Bitte um Weiterleitung an eine Rechtsabteilung blieb unbeantwortet. Immerhin empfiehlt DPD auf der Internetseite zur Streitbeilegung die Einschaltung einer Streitbeilegungsplattform, fügt aber gleich hinzu: „Information nach dem Verbraucherstreitbeilegungsgesetz (VSBG): DPD nimmt nicht an Streitbeilegungsverfahren vor einer Verbraucherschlichtungsstelle teil.“

Lustigerweise stellte ich beim Wühlen im Maileingang fest, daß ich genau dasselbe Theater mit DPD und fast wortgleichen Mailantworten vor zwei Jahren schon mal erlebt hatte … Wer auch immer mir damals und jetzt was auch immer geschickt hat, möge mir verzeihen, daß ich mich nicht dankbar oder erfreut geäußert habe – allerdings neige ich inzwischen zu der Vermutung, daß auch dieses Paket nicht in der Welt ist und vielleicht nie war.

Ziemlich sicher existiert hat ein anderes Paket, dessen baldiges Eintreffen mir derweil von DHL per Mail annonciert worden war: Das konnte ich sogar auf deren Internetseite verfolgen und erfuhr nach einem verwarteten Vor- und Nachmittag, es sei um 14 Uhr 27 an den Empfänger zugestellt worden. Wieder einmal wählte ich, da es bei DHL inzwischen kein Kontaktformular mehr gibt, eine „Servicenummer“, ließ mir Warteschleifengedudel vorleiern, las einem Sprechcomputer außer Geburtsdatum und Schuhgröße so ziemlich sämtliche personenbezogenen Daten sowie die diesmal 20stellige Paketnummer vor, wiederholte den Vorgang viermal und erfuhr, das Paket entgegengenommen und die Bestätigung unterschrieben habe ein „Michael Siller“ oder „Sinner“ oder „Zinner“ oder „Ziller“, den ich nicht kenne. Laut Telephonbuch wohnt sowieso keiner der vier in München, was allerdings beim heutigen Mobilitätsverhalten des Durchschnittsmitteleuropäers nicht viel heißen will.

Der erste echte DHL-Mensch, mit dem ich sprechen durfte, hörte sich meine Klage an und versprach einen baldigen Rückruf. Der kam jedoch nicht, also rief ich zwei Tage später noch einmal an. Ein anderer Mitarbeiter empfahl, sich an den Absender zu wenden, damit dieser eine Nachforschung in die Wege leite. Das tat ich, erhielt jedoch keine Antwort und rief daher erneut DHL an. Diesmal hieß es, der Zusteller werde die Sache am Montag oder Dienstag „vor Ort klären“.

Selbstverständlich kam weder am Montag noch am Dienstag irgendwer, um irgendwas zu klären. Oder doch: ein freundlicher Nachbar aus dem Hinterhaus brachte mir ein ramponiertes Paket. Das sei für mich und stehe schon seit Tagen bei ihm herum. Immerhin.

Am selben Tag bat mich Amazon per Mail, einen meiner Einkäufe (dreißig Glühbirnen) zu bewerten. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht, weil die Lieferung bislang nicht eingetroffen war. Eine kurze Nachforschung ergab, daß der Verkäufer die Birnen per DPD versandt hatte. Immerhin gab es diesmal eine „Trackingnummer“, 14stellig, ohne P. Dennoch schwante mir Böses: Die Sendung, erfuhr ich, sei „bei einem Nachbarn abgegeben“ worden. War sie aber nicht.

Tatsächlich: hatte der DPD-Bote das Paket acht Tage zuvor zustellen wollen, mich aber nicht angetroffen und es deshalb in einem Laden in einem anderen Stadtviertel „abgestellt“. Dort, so hieß es diesmal auf der DPD-Webseite, könne ich es innerhalb von sieben Tagen gegen Vorlage der Benachrichtigungskarte abholen, nach Ablauf dieser Frist werde es an den Absender zurückgesandt. Was also vermutlich bereits geschehen war. Somit war es nicht mehr so schlimm, daß der Bote keine Benachrichtigungskarte hinterlassen hatte: Ich hätte das Paket sowieso höchstens anschauen, aber nicht mitnehmen dürfen.

Am selben Tag scheiterte auch der Versuch, selbst ein Paket zur Post zu bringen, weil diese vorbildlicherweise am Samstag um zwölf schließt und vernünftige Menschen zumindest im Winter am Samstag vor zwölf höchstens das Bett, aber nicht das Haus verlassen. Zwar gibt es neuerdings eine „Packstation“, die mir die Post im Internet auch empfahl, dort kann man jedoch nur etwas „einliefern“, wenn man sich zuvor bei der Post eine Marke gekauft hat. Das Paket mußte also bis zum Montag und dann noch gefühlt ein paar Stunden in der kilometerlangen Schlange warten. Angekommen ist es leider nie. Die „Nachforschung“ sollte 15 Tage dauern. Das ist schon etliche Wochen her.

Sehen wir die Sache positiv: Es gibt sowieso viel zu viele Gegenstände auf der Welt. Da schadet es nicht, wenn ab und zu ein paar verschwinden. Schade nur, daß man Panzer, Granaten, Autos, Atomkraftwerke und Post-Reformer nicht mit DHL oder DPD verschicken kann.

Die Kolumne „Belästigungen“ erscheint alle vierzehn Tage in gekürzter Form im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Es sei nachgetragen, daß seit dem Erscheinen dieser Kolumne ein weiterer Zustelldienst namens Hermes ein an mich adressiertes Paket bei einem „Nachbarn“ abgegeben haben will, dessen höchst exotischer Name in ganz München unbekannt ist. Auch diese Sendung bleibt (vorläufig) verschwunden.

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