(periphere Notate): Zwei Tage Haß

Immanuel Goldstein hat an diesem Wochenende nichts zu lachen, möchte man meinen. Die Zwei-Tage-Haß-Manöverübung, gesteuert und koordiniert von der Regierung und ihren Propagandaagenturen Ströer und Correctiv, scheint ein echtes Massending geworden zu sein. In dutzenden deutschen Städten schreien sich die Regimetreuen ihren Haß aus dem Leib und vergessen für ein paar Stunden alles, was wirklich ein Problem ist. Die große Frage lautet allerdings: Wenn das Manöver zu Ende geht und die AfD am Montag immer noch da ist: Was dann?

Besteht dann Hoffnung, das Lenkrad des Massenwahns noch herumreißen zu können, bevor der Abgrund gähnt? Ich fürchte: eher nicht.

Wenn gegen die anstehende Kriegskonferenz in München ebenso viele Leute protestieren, wäre das im Grunde recht erfreulich – wenn auch vergeblich. Bevölkerungen spielen bei den Vernichtungsplanungen nur eine Rolle als die zu vernichtende Fleischmasse. Außerdem wird es zu Demonstrationen im Ausmaß der derzeitigen Jubelaufmärsche nicht kommen können, weil es dazu eben die strategische Arbeit der Propagandaagenturen und die eskalierende Flankierung durch die Staatsmedien bräuchte, und die stehen dafür ganz sicher nicht zur Verfügung.

Als Tourist auf dem Münchner Ableger der landesweiten Aufmärsche „gegen rechts“ und für die rechtsextreme Regierung: Neben mir steht ein junger Mann, der aussieht wie der Bassist einer fiktiven Band mit dem Namen „Erdrübe“ (von 1975), also sehr erfreulich und freundlich, und spricht in sein „Radio Arabella“-Mikrophon: „Die Stimmung ist ausgelassen! Ich sehe auch viele Eltern mit kleinen Kindern!“ Ein älteres Ehepaar hat das Mikro wohl nicht gesehen und fragt fröhlich: „Wo denn?“ Ich zeige auf die zwei einzigen kleineren Kinder in der Umgebung: „Na, da!“ Alle lachen; so schlimm war dieses bißchen Fake News ja nicht.

Vor der Kunstakademie sind Gewerkschaft und SPD versammelt, mit Traditionsfahnen und dem Spruchband „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“ Der amtierende Kriegsminister Pistolerius ist nicht dabei, weil er den Feldzug gegen Rußland planen muß. Oder habe ich ihn bloß übersehen?

Lange kann ich mir das leider nicht anschauen, weil es kalt ist und weil in meinem Kopfhörer John Martyn läuft: Da stört die primitiv-aggressive Aufpeitschmucke, mit der sich die vorderen Reihen beim Schwenken ihrer Flaggen (in den traditionellen Reichskriegsfarben) in Stimmung steigern. Immerhin bleibt festzustellen: Die meisten Leute etwas weiter weg von der Rednertribüne wirkten recht freundlich.

Daß laut „Eilmeldungen“ die Veranstaltung dann – ebenso wie der Aufmarsch in Hamburg – abgebrochen werden mußte, weil die eifrigen Volksmassen gar zu sehr anschwollen, das wäre den Vorbildern wohl nicht passiert, etwa der SED, die 1990 in Berlin eine Großdemo „gegen rechts“ ausrief, zu der 250.000 Menschen kamen. Schuld ist in diesem Fall die Firma Ströer. Dabei handelt es sich um die Propagandahauptabteilung der Bundesregierung, die unter anderem die Sehscheiben und Televisoren im gesamten öffentlichen Raum – von der Plakatwand bis zum Drillschirm in Tram- und U-Bahnen – „bespielt“ und dort in den Tagen vor den Aufmärschen minütlich dazu aufforderte, „gegen rechts“ „Haltung“ zu zeigen. Man hätte diesen Furor vielleicht ein bisserl zügeln sollen, aber der Pessimismus war nach den nunmehr aus der Wahrnehmung gefegten Protestzügen der Bauern wohl etwas zu groß, und hinterher ist man immer schlauer.

In den üblichen Kreisen der weiteren Propaganda-Weltbastler in ihren Blasentürmchen wird derzeit „gemunkelt“, der offensichtlich vollkommen abgehalfterte Mafioso werde möglicherweise bald aus seiner Marionettenposition im Kanzleramt hinausgeschmissen und durch Pistolerius ersetzt. Das wäre nur logisch: Wenn der Krieg erst mal losgeht, sind kurze Kommandowege von Vorteil. Da wäre es wenig hilfreich, die Rollen von Führer und Reichskanzler mit zwei Personen zu besetzen.

Zudem hampeln in Deutschland derzeit ja mehrere solche „Mehrfachbegabungen“ herum: Roseph Habbels macht irgendwas mit „Klima“ (angeblich), ruiniert zweitamtlich die Wirtschaft und bekämpft tagtäglich „Phuthin“. Blablubb jettet in der Welt herum, läßt sich auslachen und bekämpft hauptamtlich Putin. Lallerbach läßt sich einen wahnwitzigen „Pandemie“-Mythos nach dem anderen aus dem Kopf herauswachsen, verscheuert nutzlose Chemie und gibt nach Feierabend zur Volksbelustigung den Twitter-Trottel (obwohl: Hat man von ihm in letzter Zeit überhaupt mal was gehört?). Und der Mafioso ist ja eben nicht nur Mafioso, sondern stammelt gelegentlich was und läßt sich öffentlich abkanzeln. Sind nur Beispiele.

Und weil die das alles nicht auslastet, hetzen sie in ihrer Freizeit noch die Volksgemeinschaft („Demokratie“) auf die Straßen, lassen ihrer heiligen Körper huldigen, die Ketzer im Massenchor verfluchen, und schießen Aufmarsch-Selfies für die Image-Sites. Wer sich so etwas vor 2022 ausdenken hätte können, sollte das Science-Fiction-Genre verlassen und sich als Orakel von Delphi bewerben, mit neuem Claim: „Jetzt unzweideutig!“

Den AfD-Rechtsaußen Björn „Bernd“ Höcke „politisch zu stellen“ wäre ein interessanter Ansatz. Wie macht man so was? Jemanden zu stellen: ist klar – man richtet eine Schußwaffe auf ihn und gibt ihm einen Befehl, „keine Bewegung!“ oder so. Aber was wäre daran „politisch“?

Die Frage erübrigt sich, weil (nicht nur) der thüringische Innenminister Georg Maier meint, es „reiche“ sowieso nicht „aus“, die AfD „politisch zu stellen“, weswegen man dem Höcke die Grundrechte entziehen solle. Nein, übertreiben wir nicht: Er hält es für „möglich“, dem Höcke die Grundrechte zu entziehen. Ich weiß nicht, was Herr Maier den ganzen Tag so tut, und als Innenminister muß er von diesem Rechtsschmarrn auch keine Ahnung haben. Aber daß in Deutschland bereits im Frühjahr 2020 nicht nur dem Höcke, sondern sämtlichen Einwohnern die Grundrechte entzogen wurden, daran könnte er sich ja eventuell noch erinnern.

Der Artikel im Grundgesetz, in dem es um einen „Entzug von Grundrechten“ geht, ist übrigens ein übles Überbleibsel des autoritären Falschdenkens aus der Zeit vor 1945 und zugleich ein Ergebnis nachvollziehbarer Ängste der damaligen Zeit vor einer Wiederkehr des Totalitarismus. Und er trägt die Nummer 18, was – wie wir alle wissen – eine „Chiffre“ ist. Na, dämmert’s?

Inzwischen ist der Totalitarismus längst wieder da, mit voller Wucht, die Grundrechte sind weg, und so wäre es doch eigentlich ganz clever, wenn der Justizminister endlich mit dem Vorschlag daherkäme, diese 18 wegen Belanglosigkeit aus dem Grundgesetz zu entfernen. Warum er das nicht tut, darüber läßt sich nur spekulieren. Ist er zu sehr damit beschäftigt, Putin zu bekämpfen? Will er keine schlafenden Hunde wecken? Gibt es ihn schon lang nicht mehr? Ich vermute: Er hatte einfach noch keine Zeit, sich dieses Grundgesetz mal anzuschauen. Oder er tut’s nicht, weil er fürchtet, dann für einen „Querdenker“ gehalten zu werden.

Unter den sich häufenden Meldungen vom Tod aller möglichen Menschen im Alter von 25 bis 50 Jahren steht in letzter Zeit gerne mal so was wie „Ich kann es nicht glauben! Wieder einer!“ Darin steckt das Hauptproblem der ganzen schrecklichen Sache: Sie können es einfach nicht glauben, obwohl sie es doch längst wissen und täglich erleben. Wem das Glauben wichtiger ist als das Wissen, der wird von solchen Geschehnissen logischerweise in die kognitive Dissonanz gestürzt.


 

3 Antworten auf „(periphere Notate): Zwei Tage Haß“

  1. vermutlich ist der Anteil der Gespritzten, der Gratisbratwürstler, unter den gutmenschlich Kundgebenden ganz nah an 100%
    vermutlich ist der Anteil der Ungespritzten bei den Rechten, den hassenden Hetzern, ziemlich nah an 100%

Kommentar verfassen