40 Jahre, 13 Tage (The Clash: „London Calling“)

Es gibt einige große Rockalben, die auch abseits der Musik und ihrem Anhangsapparat von Trends, Einflüssen, Querbeziehungen und stilistischen Entwicklungen die Welt verändert haben, aber wahrscheinlich keines so gründlich wie London Calling (vielleicht noch die erste Elvis-LP, die das Cover zitiert). Und keines hat eine so abenteuerliche, anekdotenreiche, irrwitzige und signifikante Entstehungs- und Wirkungsgeschichte wie dieses, das (damit wir das gleich hinter uns haben) der US-„Rolling Stone“ zum größten Rockalbum der Achtziger ernannte, obwohl es 1979 erschienen ist. „40 Jahre, 13 Tage (The Clash: „London Calling“)“ weiterlesen

Der letzte der aufrechten Verlierer (ein Nachruf auf Joe Strummer)

Sommer 1976, ein Nachmittag auf der Londoner King’s Road: Drei junge (neunzehn, zwanzig, einundzwanzig) Burschen, frisch verpackt in die Punk-Mode des Tages, treffen einen etwas älteren Burschen (vierundzwanzig); man kommt ins Plaudern – “Hey, wir sind eine Band und suchen einen Sänger, willst du nicht mal vorbeikommen?” – und ein paar Tage später erlebt London (ohne es zu ahnen) die Geburtsstunde der größten Rock-‘n‘-Roll-Band aller Zeiten. Alte Geschichte, oft erzählt, auch von den Beteiligten selbst. Nur leider nicht wahr.

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Frisch gepreßt #443: Louder Than Death „Stop und fick dich“

Mit dem King sollte man sich nicht anlegen. Der King ist ein spiritueller Krieger des Großmeisters Alejandro Jodorowsky und erhielt dessen Segen für seine „Black Power Tarot“-Karten. GZA (The Genius) verlieh ihm den Wu-Namen „Lord Khan“, und 1999 gründete er den Garagen-Punk-Todeskult „Kukamongas“, und wer ihn mal mit den Spaceshits, (Sensational) Shrines, Almighty Defenders (einer „Supergroup“ mit den Black Lips), der King Khan & BBQ Show oder irgendeiner anderen seiner unzähligen Bands (eine kurzlebige trug den Namen Vomit Squad) auf der Bühne erlebt hat, dem schlackern ziemlich sicher heute noch nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen. „Frisch gepreßt #443: Louder Than Death „Stop und fick dich““ weiterlesen

Noch so ein Interview, diesmal von 2000, und es geht um die Musikgruppe Tollwut

(Anmerkung vorab:  Der Anlaß dieses Interviews mit mir war das Erscheinen der Compilation „Amok“ meiner uralten (aber doch nicht ganz ersten) Band Tollwut. Wer das Interview geführt hat, weiß ich leider nicht mehr.)

Gute 20 Jahre danach erscheint demnächst endlich das erste richtige Tollwut-Album. Wann gibt es die nächste Wiedervereinigung?

Die letzte Wiedervereinigung war 1990. Bei der nächsten wäre Österreich dran, und das ist seit 1945 verboten. (Gelächter) „Noch so ein Interview, diesmal von 2000, und es geht um die Musikgruppe Tollwut“ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): NRFB „Trüffelbürste“

Sogenannte Kulturexperten rufen in letzter Zeit gerne mal eine „neue Ernsthaftigkeit“ aus und führen als Beleg das eine oder andere Produkt aus den aktuellen Programmen deutscher Großverlage an. So lächerlich und idiotisch derartige Epochenhubereien auch sind, man kann sie doch irgendwie verstehen, schließlich überbieten sich dieselben Großverlage regelrecht und –mäßig darin, den Rest ihrer wuchernden Kataloge mit eilverschrifteten Comedynummern, Lebenshilfepersiflagen und allen nur denkbaren Erscheinungsformen ranziger Ironie zuzuschäumen, deren Lachzwangfaktor so unendlich unerträglich ist, daß man sich die Haare ausreißen und ein Grundschulpflichtfach Melancholie und Welthaß einführen möchte. „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): NRFB „Trüffelbürste““ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): (Never) Mind The Buzzcocks!

Im Jahr 2004 machten mich mehrere Leute darauf aufmerksam, ich müsse die Kaiser Chiefs verklagen, weil sie sich auf ihrer Single-B-Seite „Born To Be A Dancer“ ausgiebig bei meinem Song „Out There (The Loveless Europeans)“ bedient hätten. Ich reagierte darauf mit leicht verschämter Zurückhaltung, weil ich mich in dem Song selber ausgiebig bedient hatte, nämlich bei der Buzzcocks-Single „Everybody‘s Happy Nowadays“. Und weil das niemand bemerkt hatte, weil offenbar niemand mehr die Buzzcocks kannte, was ich zu beschämend, peinlich und traurig fand, um es erklären zu können. Es war ja nicht das erste Mal, daß die Buzzcocks in Vergessenheit geraten waren: Als eine Band namens Fine Young Cannibals 1987 mit „Ever Fallen In Love“ die britischen Top ten stürmte, erntete der Hinweis auf die wahren Urheber auch nur fragende Gesichter. „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): (Never) Mind The Buzzcocks!“ weiterlesen

Frisch gepreßt #438: Priests „The Seduction of Kansas“

Ein Nachfrühling ohne Soundtrack ist nichts wert. Ebenso wenig wie ein Vorsommer, Frühherbst, Spätwinter und so weiter übrigens – jede dieser distinkten und signifikanten Kleinjahreszeiten braucht ihre Platte, die nur zu ihr paßt und sie am besten konkurrenzlos singulär mit Klang füllt. Damit werden zwei Effekte bezweckt: Einerseits und aktuell färbt, prägt und formt diese Platte sämtliches Geschehen sowohl in seiner Typizität (jeder Nachfrühling ist ein Nachfrühling, irgendwie sind alle gleich) als auch in seiner Einzigartigkeit (jeder Nachfrühling hat seine einzigartigen Momente, seine speziellen Personen, Ereignisse, insbesondere Gefühlsgeschehen; irgendwie ist jeder anders). „Frisch gepreßt #438: Priests „The Seduction of Kansas““ weiterlesen

2005: like Punk never happened!

Im Januar 2005 saß ich mit Fritz Ostermayer und Thomas Meinecke zusammen und sollte öffentlich (fürs Radio) darüber diskutieren, welches Album das derzeit und vielleicht sogar für die „Zukunft“ wichtigste oder beste oder irgend so was sei. Ich weiß: eine saudumme Frage, auf die man am besten mit zugehaltenen Ohren „Lälälälälä!“ antworten sollte, aber diesmal fiel mir die Antwort ausnahmsweise leicht.

Was Fritz vorspielte, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich Tocotronic oder irgend so einen Konsensscheiß. Fritz ist ein netter Mensch. Thomas setzte auf die Blood Brothers, auch irgendwie typisch: gut gemeint im Sinne von „Innovativ heißt unerträglich“, ein Haufen Krach mit Quäkstimme, as if 1993 never went away. „2005: like Punk never happened!“ weiterlesen

Frisch gepreßt #393: Can „The Singles“

Wußten Sie eigentlich, daß Punk eine Münchner Erfindung war?

Um die Antwort („nein“) auf diese etwas abwegige Frage näher zu erörtern, sollten wir zunächst klären, was wir unter dem Begriff (Punk, nicht Antwort, oder: doch) verstehen.

Punk also. Gemeinhin bekannt als das lustlos laute, einer jahrzehntealten, eisern industriell genormten Formel entsprechend erstellte Äquivalent zu Autotune-Gebrauchsgeräuschen für den Bereich „Rock“ (zwei bis vier Viertel, verzerrgitarrenähnlicher Harmonielärm in zwei bis fünf Tonlagen, „Frisch gepreßt #393: Can „The Singles““ weiterlesen

Frisch gepreßt #383: Joan of Arc „He’s Got The Whole This Land Is Your Land In His Hands“

Das Leben eines Rockmusikers stellte man sich früher unfaßbar sagenhaft vor: So ein Mensch erwachte nachmittags zwischen seidenen Laken und nackten Leibern in der 27. Etage eines Luxushotels, mild beschienen von der Sonne über den Hügeln von Hollywood, nahm ein Champagnerbad in der Kristallglaswanne, schnupfte Diamantkoks von Silberspiegeln, ließ sich im Rolls Royce Phantom zur ausverkauften Arena fahren, riß zwei Stunden lang die Welt der träumenden Teenager aus den Angeln, strahlend im Licht der Millionen-Dollar-Lasershow, sprang wieder in den Rolls und entschwand in die „Frisch gepreßt #383: Joan of Arc „He’s Got The Whole This Land Is Your Land In His Hands““ weiterlesen

Frisch gepreßt #372: Ramones „Ramones (40th Anniversary Edition)“

„One Two Three Four!“

(Womit die kürzeste Schallplattenrezension der Welt an genau der Stelle zu Ende wäre, an der alles gesagt ist: vier Männer in vier Kleidungsstücken – Jeans, T-Shirt, Lederjacke, Turnschuhe – spielen in vier Tagen das größte Popalbum aller Zeiten und eines der prägendsten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte ein; es dauert vierzig Jahre, bis die Welt das verstanden hat. Aber wir wollen noch ein bißchen erzählen.) „Frisch gepreßt #372: Ramones „Ramones (40th Anniversary Edition)““ weiterlesen

Frisch gepreßt #327: Thurston Moore „The Best Day“

Im späten Oktober und frühen November kommt die Welt langsam zum Erliegen, und in den Lücken und Rissen der fransig werdenden Entwicklung tauchen alte Gesichter auf, was nicht immer unbedingt erfreulich ist. Wer mag und entsprechend gestimmt ist, kann den ganzen Winter in Reminiszenzen baden – neue Alben von Prince, Lenny Kravitz, Farin Urlaub, Bob Seger, Pink Floyd, AC/DC, Holly Johnson bieten hinreichend Material zur Fortsetzung oder Wiederaufnahme verwehter Jugendlichkeiten diverser Art als nicht immer lustige Farce, und selbst Billy Idol ist als gebleichter Barbie-Ken aus dem Formaldehydkessel erstanden, um noch mal so zu tun, als wäre er Billy Idol. „Frisch gepreßt #327: Thurston Moore „The Best Day““ weiterlesen