Frisch gepreßt #364: Kupfer „Der fette Tanz des Lebens“

Ich will das mal so sagen: Wenn man Kupfer mit einem anderen, weniger edlen Metall in der richtigen Weise zusammenbringt und dann mit dem Finger hinlangt, dann kann es einem ganz schön eine draufzünden. Diesen galvanischen Urmechanismus mußte in Urzeiten Abinadabs Sohn Ussa schmerzlich erleben, als er als Träger der Bundeslade das heilige Gerät verbotenerweise auf einen Ochsenkarren lud und dann, als es ins Schwanken geriet, mit der Hand hinlangte, um es am Herunterplumpsen zu hindern: Fatz! lag er da, vom Elektroschlag gefällt. „Frisch gepreßt #364: Kupfer „Der fette Tanz des Lebens““ weiterlesen

Frisch gepreßt #363: White Denim „Stiff“

Immer wenn der Schnee schmilzt, der Matsch verfließt in der milde lächelnden Frühlingssonne, erstehen vergessene Vergangenheiten wieder auf, in Form von Gegenständen und Gefühlen, aber auch als Lebenszusammenhang. Das ist nicht einfach bloß jahreszeitlich zu verstehen, sondern auch metaphorisch.
Zum Beispiel die elektrisch verstärkte Gitarre. Wie oft war man versucht, zu denken: Ach ja, gab es mal, waren lustige Zeiten, aber jetzt sind und herrschen andere, da muß man sich anpassen und das so nehmen und die kulturellen Fühler und Fühligkeiten entsprechend ausrichten. „Frisch gepreßt #363: White Denim „Stiff““ weiterlesen

Frisch gepreßt #361: The 1975 „I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware“

Der Traum ist die Bibliothek der Erinnerungen; allerdings gelten dort äußerst eigentümliche, anderweltliche Naturgesetze: Bücher, Blätter, Pergamente und Schriftrollen stehen nicht etwa einer Ordnung von Ordnungen folgenden Ordnung gemäß in Regalen und Schränken, sondern treiben in verschlungenen Choreographien durch den Raum. Körperlose Wächter in Schleiern schweben schweigend, Kannen in den unsichtbaren Händen, aus denen sie Licht gießen, das erst zu strahlen beginnt, wo es Geschriebenes trifft und die urgeheimen Zeichen zu Schrift wandelt, die sich dem inneren Auge erschließt. „Frisch gepreßt #361: The 1975 „I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware““ weiterlesen

Frisch gepreßt #360: Jochen Distelmeyer „Songs From The Bottom Vol. 1“

Provisorischer Lexikoneintrag: Jochen Distelmeyer, 1967 in einer Stadt geboren, die es vermutlich gibt (Bielefeld), fing recht spät als „Bienenjäger“ an, sich musikalisch zu szenieren. Gründete als Zivi in Hamburg die Band Blumfeld, deren schroffkantiges Debüt „Ich-Maschine“ eine der wichtigsten deutschen Hipsterplatten (d. h. viel diskutiert, kaum gehört) der 90er wurde. Schuf 1994 mit „L’Etat Et Moi“ durch die Verarbeitung britischer Indiepopmusik (Wedding Present et al.), aber auch von Einflüssen aus der frühen NdW (etwa des notorischen Düsseldorfer KFC) und genialisch-subjektive textliche Hackstückverdichtung ein Meisterwerk von ungeheurer Schönheit und wundervoller Kraft. „Frisch gepreßt #360: Jochen Distelmeyer „Songs From The Bottom Vol. 1““ weiterlesen

Frisch gepreßt #359: Rihanna „Anti“

Obacht, der Mainstream-Drücker steht vor der Tür! Armer Kerl, freilich, will ja auch bloß sein Brot verdienen, indem er Klingeln putzt und jedem, der ihm in die Quere kommt, sein Zeug ins Hirn reibt, damit der es sich dann ins Trommelfell reibt und solcherart („Was? Noch nicht gehört!?“) weiter verbreitet.

Jetzt steht er da, betrachtet die Hirnbriefkästen und beschließt mal wieder, seine Sprachzugehörigkeit ein paar tausend Kilometer umzudefinieren, um „Keine Werbung! Wir wollen Müll vermeiden!“ nicht entziffern gekonnt zu haben. „Frisch gepreßt #359: Rihanna „Anti““ weiterlesen

Frisch gepreßt #358: Suede „Night Thoughts“

Ich weiß nicht, ob es für oder gegen die 90er oder für oder gegen die Zehner oder für oder gegen beide oder gegen die Wirksamkeit der dazwischenliegenden Nuller als Filter oder Damm oder Nährboden oder alles drei oder für gar nichts und gegen ebenso wenig spricht, jedenfalls: gehen die 90er einfach nicht weg. Oder vielleicht waren sie zwischendurch mal kurz draußen an der frischen Luft, das hat aber keiner bemerkt, weil wir so intensiv ins Gespräch oder den Sex oder irgendwas anderes vertieft waren?

Da sind sie jedenfalls, wieder, immer noch, wer weiß. Sicher ist: Wenn 1993 jemand gesagt hätte: „Wir werden auch in 23 Jahren hier sitzen und „Frisch gepreßt #358: Suede „Night Thoughts““ weiterlesen

Frisch gepreßt #354: Der Nino aus Wien „Immer noch besser als Spinat“

Nein, mehrfach.

Erstens: Nein, Ninos Stimme ist nicht für jeden was. Es gibt Leute, die fühlen sich, wenn sie sie hören, abgeschleckt, und zwar von jemandem, der lieber erst mal was mit Clearasil und Geruchsfressereinlagen machen sollte, bevor er sich für die ostösterreichische Vorstadtausgabe von Justin Bieber bzw. dem Blondgefärbten von One Direction hält. „Frisch gepreßt #354: Der Nino aus Wien „Immer noch besser als Spinat““ weiterlesen

Frisch gepreßt #353: Van Morrison „Astral Weeks“

Vor Van Morrison habe ich mich als Kind irgendwie gefürchtet. Na ja, nicht direkt gefürchtet, aber große Lust, ihn kennenzulernen, hatte ich auch nicht. Der schaute so böse und wirkte so brummig, und als er dann nicht mehr ganz so brummig wirkte und böse schaute, da schaute und wirkte er dann verschlossen und schwierig und … „Frisch gepreßt #353: Van Morrison „Astral Weeks““ weiterlesen

Wie sich David Bowie einmal leicht verspätete (kein Nachruf)

Tage, an denen Alben von David Bowie erscheinen, sind für Menschen unserer Generationen lebensgeschichtliche Kerben, die der ersten Zigarette, dem ersten Orgasmus, dem ersten High, der ersten Trennung, der ersten Auslandsreise und der ersten Begegnung mit der großen Liebe mindestens nahekommen. Ich weiß noch, wie ich in den Fernseher gaffte, als „Aladdin Sane“ erschien: als hätte sich eines jener Portale in andere Universen geöffnet, von denen in „Raumschiff Enterprise“ immer nur geraunt wurde. „Wie sich David Bowie einmal leicht verspätete (kein Nachruf)“ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #3: Schnipo Schranke „Satt“

 

Das Interessante (wenn überhaupt) an moderner, nein, sagen wir: zeitgenössischer (um die entwicklungsfreie stilistische Beliebigkeit des entsprechenden Genres auf dem Kunstmarkt als Referenz herbeizuziehen) Popmusik ist ja im Normalfall nicht die Musik selbst, sondern wie sie zum Medien- und also überhaupt: Phänomen wird.

Dazu muß sie einerseits ziemlich normal sein, darf also weder intellektuell noch ästhetisch übertriebene (oder irgendwelche) Ansprüche an den erwünschten Rezeptor stellen, „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #3: Schnipo Schranke „Satt““ weiterlesen

Frisch gepreßt #352: Beach House „Thank Your Lucky Stars“

Der Herbst ist der Bruder des Schlafs. Des Schlummers, durchwoben von Träumen und Erinnerungen, in denen sommerliches Gelächter, leise Tränen, zehrende Sehnsüchte und wolkige Leichtigkeit nachhallen wie aus einem Kino am Ende einer verlassenen nächtlichen Straße. Da erklingt auch Musik, die im Moment des Erklingens schon ertrinkt im tiefen Blau der Ewigkeit, in einem Pool, einem See aus Hall und Leere. Am Strand steht ein kleines Haus, in dessen Fenstern nachts Kerzen brennen.

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Frisch gepreßt #351: Ecco DiLorenzo & His Innersoul „Soultrain Babadee“

Ein dünner Mann geht durch die Stadt. Bisweilen bleibt er stehen und betrachtet versonnen belustigt das Treiben der Menschen, ihre Wichtigkeiten und Wimmeleien. Dann fremdelt er mal wieder, der dünne Mann, weil er nicht mittun mag und noch nie mochte bei dem Karussell der Konsumiererei momentaner Topprodukte, die sich ein paar Wochen lang neben den Kaufhauskassen und kaum ein paar Jahre später auf den Wühltischen stapeln. „Frisch gepreßt #351: Ecco DiLorenzo & His Innersoul „Soultrain Babadee““ weiterlesen

Frisch gepreßt #350: Robert Forster „Songs To Play“

Wenn Ende September der Föhn mit theatralischem Pathos (vermeintlich) endgültig zusammenbricht und der Herbst grimmig grummelnd seine bleiernen Plumeaus daherschiebt, versammeln sich die Menschen um die Feuerstelle und erzählen sich lustige und gruselige Geschichten. Wenn sie nicht auf Reisen gehen, was selbst der Autor dieser Zeilen, ansonsten nicht grundlos der exzessiven Stubenhockerei verdächtig, zu dieser Jahreszeit recht gerne mal tut. „Frisch gepreßt #350: Robert Forster „Songs To Play““ weiterlesen

Frisch gepreßt #349: Max von Milland „Bis dir olls wieder gfollt“

Der Max ist ein Schlawiner. (Ich bin auch einer, hi hi: Ich verpacke ein Geständnis in eine Allegorie; nämlich:) Ich habe mal mit ihm zusammen eine Bar bedient, heißt: Wir haben Getränke ausgeschenkt, und der Max hat den ganzen Abend sein entwaffnendes Lächeln durch den Raum getragen, das in diesem Fall Menschen den Mund (zum Lächeln) und den Geist (für Getränke) geöffnet hat. „Frisch gepreßt #349: Max von Milland „Bis dir olls wieder gfollt““ weiterlesen

Frisch gepreßt #347: Herrenmagazin „Sippenhaft“

„Wenn man sich zwanzig, dreißig Jahre mit Rockmusik beschäftigt, passiert es nicht mehr oft, daß man von einer Band, einem Album spontan so begeistert ist, daß man weiß: Das wird mir bleiben, für Jahre, vielleicht für immer, wird mich auf ewig an den gewaltigen Moment erinnern, in dem ich es zum ersten Mal, an die verzauberten Tage und Wochen, in denen ich nichts anderes gehört habe.“ Diese Zeilen äußerte ich vor gut fünf Jahren anlässlich des zweiten Herrenmagazin-Albums über deren erstes, noch mal zwei Jahre älter und damit im branchenmäßigen Sinne längst „durch“, in meiner musikalischen Grundausstattung aber ebenso unverzichtbar wie Gerste im Bier, Käse auf der Pizza, nein: sagen wir Wasser bzw. Hefe, ohne die geht’s wirklich nicht.

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