Belästigungen 03/2020: Acht Milliarden schnatternde Braunmäuse (und eine Salzbrezel)

Willie Nelson hat zu kiffen aufgehört. Diese zufällig aufgeschnappte Meldung beschäftigt mich seit Tagen, weil ich nicht recht weiß, was ich damit anfangen soll. Man hat es mir mitgeteilt, also vermute ich, daß es eine Bedeutung hat und ich eine Meinung dazu haben oder entwickeln sollte. Oder woher sonst kommt der unterschwellige Drang, die Meldung weiterzuerzählen (neudeutsch: „teilen“)?

Das nämlich kennt jeder: Man hört oder liest etwas, was man eigentlich weder hören noch lesen wollte. Vielleicht um den Schmarrn gleich wieder loszuwerden, klebt man ihn dem nächstbesten Dahergelaufenen ans Ohr, am besten mit einem vielsagenden Amüsiergeräusch hinterher: „Hast du schon gehört? Willie Nelson kifft nicht mehr! Hi hi hi!“ Der andere – der man in der Hälfte aller Fälle selber ist – kichert eifrig mit oder sagt so was wie: „Da sieht’s man’s mal wieder.“ „Belästigungen 03/2020: Acht Milliarden schnatternde Braunmäuse (und eine Salzbrezel)“ weiterlesen

Politik & Dummheit (eine lose Sammlung)

Falls es jemanden interessiert, weshalb der Stadtrat energisch dafür ist, den Münchner Norden Schritt für Schritt abzuholzen und zuzubetonieren. Daß der engagierte Mensch, der den Antrag zur Begrünung gestellt hat, wenige Tage zuvor für die Vernichtung des Eggartens gestimmt hat, muß man wahrscheinlich gar nicht mehr erwähnen. Mehr dazu hier.

Belästigungen 16/2017: Haben Sie den Gorilla da drüben gesehen? Obacht, der bringt Sie in „Sicherheit“!

„Sicherheit“ ist ein begehrter Zustand. Den meisten Menschen, möchte man meinen, erscheint „Sicherheit“ erstrebenswerter als – nur zum Beispiel – berauschte Euphorie, verliebte Glückseligkeit und orgasmische Ekstase. Sonst käme die CSU kaum auf die Idee, auf ihre Wahlplakate lediglich zwei aneinandergeklebte Gesichter und dieses eine Wort zu drucken: „Sicherheit.“ Sondern sonst stünde da „Sex“ oder „Saufen“ oder „Liebe“ (was bei einer katholischen Partei ja nicht abwegig wäre).

Sicherheit ist ja auch schön. Jeder wünscht sich, sicher zu sein: Wer gerne arbeitet, mag seinen Job behalten. Wer nicht auf der Straße schlafen will, ist sich gerne seiner Wohnung sicher. Wer Hunger hat, wünscht sich was zu essen, wovon er weder krank noch dumm noch tot wird, das er aber dennoch „Belästigungen 16/2017: Haben Sie den Gorilla da drüben gesehen? Obacht, der bringt Sie in „Sicherheit“!“ weiterlesen

Vom Heroismus der Idiotie

Das „Zentrum für politische Schönheit“ dürfte es in den nächsten Monaten nicht leicht haben. Wenn die Künstlergruppe, die mit einigen spektakulären Aktionen tote Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen instrumentalisierte, um medial auf sich aufmerksam zu machen, künftig als reaktionäre Klamauktruppe gilt, verdankt sie dies ihrem Gründer und Boß Philipp Ruch und seinem als „politisches Manifest“ etikettierten Pamphlet Wenn nicht wir, wer dann?.

Einer der grundlegenden Denkfehler des Machwerks mit dem abgegriffenen Phrasentitel (Vorlage: Andreas Veiels Enßlin-Vesper-Baader-Film „Wer wenn nicht wir“) steht schon im Titel und in der Überschrift des Rückentextes: „Vom Heroismus der Idiotie“ weiterlesen

Belästigungen #431: What’s so funny about Peace, Love, Wahlkampf & Understanding?

Der soeben absolvierte Kommunalwahlkampf hat eine eigentümliche Stimmung (wahrscheinlich nicht nur) in mir hinterlassen. Zwar war vieles wie üblich: Das neoliberale Bleichhendl, das sich im Namen der FDP ein paar Wochen lang als „OB-Kandidat“ bezeichnen durfte, reckte seinen Sozialsargnagelkragen gewohnt forsch und wettbewerbsgeil aus dem Plakat, während die grüne Laugenstange zach-drahtig gestylt Prima-Klima-Parolen für die Halligallimeute der Hipster-Kreativlinge absonderte, die am liebsten noch das letzte stille Örtchen der Stadt zur tobenden Eventarena umbauen wollen. Die diversen Naziparteien blähten wie automatische Hupen ihr Anti-Moslem-Kontra-Kriminalität-Muezzingeschrei zu neuen Absurditätsrekorden auf, weil es ihnen offenbar großen Spaß macht, ihre Plakatständer mit Kehrschaufel und Besen zusammenzukehren und sich von mittelgroßen Menschenmengen öffentlich verlachen zu lassen. Der Linken hat wahrscheinlich niemand Bescheid gesagt, daß Wahlkampf ist, und so konnte sie nur noch schnell ein paar alte Zettel mit Aufschriften wie „sozial“ irgendwo dazwischenkleben, wo Platz war, weil wieder mal jemand einen Naziparteiplakatständer zu Fetzen und Bröseln verarbeitet hatte. „Belästigungen #431: What’s so funny about Peace, Love, Wahlkampf & Understanding?“ weiterlesen

Belästigungen #417: Wieso das Private politisch und das Politische gulugulu (und das insgesamt wurst) ist

Meine Kolumne, sagt ein Freund, gerate in letzter Zeit dermaßen privatistisch, daß es ein Skandal sei: nur noch Herz- und Liebesarien und philosophisches Gewölk! Ich müsse mich Handfestem widmen, den wichtigen „Themen“ nämlich der Politik, schließlich seien demnächst Wahlen und pi pa po.

Ich spare mir den Einwand, wir wüßten doch seit Meinhof, Adorno und den Sechzigern, daß das Private politisch und nichts so politisch sei wie Liebe und daß es ein richtiges Leben im Falschen nicht gebe etc. pe pi pa po, weil der heißen Münchner Sommerluft nichts hinzuzufügen ist und ich zum Baden will.

Also gut: Politik. Deren greulichen Emanationen in Form zerlumpter Plakatständer ist auf dem Weg von Schwabing zum Flaucher so und so nicht zu entgehen. „Statt abhören zuhören“ fordern die „Grünen“ (von wem, steht nicht dabei), „Zuhören statt abhören“ empfehlen die „Piraten“ (wem, steht nicht dabei), und die drittwichtigste neoliberale Flummypartei hält „Politik muß zuhören, nicht abhören“ für einen guten Rat (an wen, steht nicht dabei). „Belästigungen #417: Wieso das Private politisch und das Politische gulugulu (und das insgesamt wurst) ist“ weiterlesen