Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): (Never) Mind The Buzzcocks!

Im Jahr 2004 machten mich mehrere Leute darauf aufmerksam, ich müsse die Kaiser Chiefs verklagen, weil sie sich auf ihrer Single-B-Seite „Born To Be A Dancer“ ausgiebig bei meinem Song „Out There (The Loveless Europeans)“ bedient hätten. Ich reagierte darauf mit leicht verschämter Zurückhaltung, weil ich mich in dem Song selber ausgiebig bedient hatte, nämlich bei der Buzzcocks-Single „Everybody‘s Happy Nowadays“. Und weil das niemand bemerkt hatte, weil offenbar niemand mehr die Buzzcocks kannte, was ich zu beschämend, peinlich und traurig fand, um es erklären zu können. Es war ja nicht das erste Mal, daß die Buzzcocks in Vergessenheit geraten waren: Als eine Band namens Fine Young Cannibals 1987 mit „Ever Fallen In Love“ die britischen Top ten stürmte, erntete der Hinweis auf die wahren Urheber auch nur fragende Gesichter. „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): (Never) Mind The Buzzcocks!“ weiterlesen

Frisch gepreßt #365: Wire „Nocturnal Koreans“

Es gibt Gegenstände, die müßten, wenn sie mit der Post verschickt werden sollen, in ein unbemanntes Raumschiff gepackt und per Wurmloch durch 47 Dimensionen gejagt werden, wodurch ein elementarer Reinigungsprozeß in Gang gesetzt wird, der alles zerblippen läßt, was die reine Substanz verschleiert. Musik, etwa: Am Ende landete in zeitloser Ewigkeit das schimmernde UFO in ortlosen Räumen, bepackt mit einer kleinen Box mit ganz wenigen silbrigen Scheiben, die fast alle das Signet „Wire“ tragen. „Frisch gepreßt #365: Wire „Nocturnal Koreans““ weiterlesen

Frisch gepreßt #346: Ultravox „Vienna“

Zu einer Jahreszeit, wo die Dächer von den Häusern schmelzen und sich der Homo sapiens mehrheitlich in Flüssen und unter Wasserfällen tummelt, damit es ihm nicht ähnlich ergeht, das vierte (oder – wir kommen noch darauf – erste) Ultravox-Album zu hören oder zu veröffentlichen, ist ungefähr so wie … Ultravox sein, sagen wir mal. Die haben das damals nämlich genauso getan, 35 Jahre und sechs Tage vor dieser Neuauflage, der ungefähr dritten, die wahrscheinlich (man weiß das im Post-Musikindustriezeitalter nie so genau) zu eben diesem Anlaß erscheint. „Frisch gepreßt #346: Ultravox „Vienna““ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #2: The Futureheads „The Futureheads“ (2005)

Weil der Zeitgeist zur Zeit so geistert, druckte ein englisches Musikmagazin neulich eine Liste der 20 größten „Post-Punk“-Songs: „Permafrost“ (Magazine), „I Am The Fly“ (Wire), „I Found That Essence Rare“ (Gang of Four), „Complicated Game“ (XTC) – im emotionalen Gedächtnis einzementierte Unwiederholbarkeiten musikalischen Wagemuts aus der Aufbruchszeit von Herbst 1978 bis Herbst 1979, als im Windschatten der implodierten Punk-Rakete soviel Unerhörtes und Unfaßbares auf den Plattenteller kam wie nie zuvor und nie danach. Joy Division, Siouxsie & The Banshees, Cabaret Voltaire, Josef K, Suicide, Devo … Dekoriert ist die Liste mit zwei Photos: eins von den Talking Heads, eins von einem Quartett aus Sunderland, dessen Mitglieder damals noch nicht mal geboren waren – The Futureheads („Meantime“, Platz 7). Wie geht jetzt das? „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #2: The Futureheads „The Futureheads“ (2005)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #290: Wire „Change Becomes Us“

Es gab eine Zeit, da wagte sich die Popmusik ganz weit vor und ganz weit hinaus. Was im Großen nach mehr klingt, als es bedeutet: Freilich war auch das eine Zeit, da sich die Popmusik gar nichts traute und nirgendwohin wollte. Eine Menschheit wogte um den Planeten, verrichtete ihre Verrichtungen und hörte dazu Bruce Springsteen, Van Halen, die Bee Gees, Abba und Disco und massenweise Autoradioballaden für Herzamputierte. Rod Stewart heiratete ein Blondchen, und in den sommers brachliegenden Stadien verrichteten Altrock-Institutionen ein freudloses Rumpfwerk, von Black Sabbath (ohne Ozzy Osbourne) bis The Who (ohne Keith Moon).

Aber das war eben nicht alles; in dem großen, weiten und strahlend weißen Schatten, den der Punkrock nach seiner Implosion im Sommer 1977 hinterlassen hatte, erblühte nicht nur das entzückend infantile Kinderbeatles-Theater von The Knack, sondern da öffneten sich Türen und Tore, wo vordem Mauern  gewesen waren, und manche, ja, die wagten sich ganz weit vor und ganz weit hinaus. „Frisch gepreßt #290: Wire „Change Becomes Us““ weiterlesen