Belästigungen 13/2019: Besser, es passiert was! (bevor am Ende was passiert!)

Die Isar sei neuerdings ein „Mythos“, teilt die tz heute (19. Juni) mit. Ein Musterbeispiel für Fake News! darf ich als unmittelbarer Zeuge dagegenhalten: Im Gegensatz zu Lindwurm und Wolpertinger ist die Isar nach wie vor ganz real vorhanden und für jedermann, der nicht lieber arbeiten will, frei zugänglich. Wer´s nicht glaubt, darf mich gerne an meinem Lieblingsbadeplatz besuchen und sich selbst überzeugen.

Allerdings muß man dazu am Flauchersteg hinabkraxeln und hinterher auf dem Weg zum Biergarten auch wieder hinaufkraxeln, und das mag nicht jeder. Bevor jetzt aber die Aktivürstchen von der grünen Spaßbrausenfraktion daherkommen und per Facebookkampagne für den Einbau blinkerbunt beleuchteter Treppen und Wasserrutschen samt Lampionboulevard mit verstimmten Klavieren fordern, füge ich vorsorglich hinzu: Das macht nichts, im Gegenteil! „Belästigungen 13/2019: Besser, es passiert was! (bevor am Ende was passiert!)“ weiterlesen

Belästigungen 22/2017: Natur, Kultur und Kürbisbrust (und noch ein paar so Sachen)

Neulich radelte ich an einem Reklameplakat für den Münchner Tierpark vorbei. Darauf zu sehen: eine Giraffe, hübsch sympathisch dreinblickend, und der Spruch „Papa, schau mal … ein Zebra!“

Da wurde mir die Krise erst bewußt. Eine kurze Recherche ergab, daß die heutige Jugend von der Natur so gut wie gar nichts mehr versteht. Die gestrige übrigens auch nicht unbedingt, mit galoppierend fortschreitender Tendenz: Nur ein Drittel der Sechst- bis Neuntkläßler weiß, wo die Sonne aufgeht, nur ein Viertel, daß sie Ende Juni am längsten scheint (die übrigen kriegen sie vermutlich sowieso nie zu sehen). Im Wald (den sie wohl nur aus Reklameplakaten im Supermarkt kennen), glauben die Kleinen, wachsen neben Äpfeln und Birnen vor allem Ananas, Mango und Banane. „Belästigungen 22/2017: Natur, Kultur und Kürbisbrust (und noch ein paar so Sachen)“ weiterlesen

Vom Heroismus der Idiotie

Das „Zentrum für politische Schönheit“ dürfte es in den nächsten Monaten nicht leicht haben. Wenn die Künstlergruppe, die mit einigen spektakulären Aktionen tote Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen instrumentalisierte, um medial auf sich aufmerksam zu machen, künftig als reaktionäre Klamauktruppe gilt, verdankt sie dies ihrem Gründer und Boß Philipp Ruch und seinem als „politisches Manifest“ etikettierten Pamphlet Wenn nicht wir, wer dann?.

Einer der grundlegenden Denkfehler des Machwerks mit dem abgegriffenen Phrasentitel (Vorlage: Andreas Veiels Enßlin-Vesper-Baader-Film „Wer wenn nicht wir“) steht schon im Titel und in der Überschrift des Rückentextes: „Vom Heroismus der Idiotie“ weiterlesen

Belästigungen 23/2015: Vom stetigen Fortschreiten ins immer Schlimmere (und wie man ihm seitwärts entkommt)

Ein guter Freund, dessen Beruf es ist, zum Zwecke der Aufklärung vor Fernsehkameras sogenannten wichtigen Menschen heikle Fragen zu stellen, wünschte neulich von einem Philosophen zu erfahren, ob es generell und überhaupt einen „Fortschritt“ gebe.

Eine durchaus interessante Frage, der kluge Menschen seit Jahrhunderten nachsinnen und dabei zu durchaus differenzierten, im Ergebnis aber eindeutigen Antworten kommen: Aber ja, es gibt ihn, den Fortschritt, und er führt immer zum Schlimmeren. Es ist dem Menschen, möchte man meinen, offenbar ins genetische Muster hineingeprägt, Erlösung aus dem Elend, in das ihn der Fortschritt hineingesemmelt hat, ausgerechnet wiederum von einem Fortschritt zu ersehnen. „Belästigungen 23/2015: Vom stetigen Fortschreiten ins immer Schlimmere (und wie man ihm seitwärts entkommt)“ weiterlesen

Belästigungen 22/2014: Ich! bin! alt! und! du! nicht! (eine Tirade)

Neulich war ich zu einem Poetry-Slam geladen. Früher durfte man dort so ziemlich alles, was oft recht spannend war. Seit Julia Engelmann (googeln: auf eigene Gefahr) gilt Regel Nummer eins: Du bist jung. Und du mußt davon schwärmen, wie geil es ist, jung zu sein.

Wer jung ist, hat Chancen, Optionen, Möglichkeiten, Aussichten, eine Zukunft! Aber keine Gegenwart. Die besteht aus Lernen, Aufsagen, Terminen, Jobs, Vorstellungsgesprächen, Praktika, sich endlos den Kopf zermartern, was für Chancen, Optionen, Möglichkeiten man nutzen soll und wie das geht.

Das ist mein Glück: Da, wo ich aufgewachsen bin, hat es keine Chancen und keine Zukunft gegeben. Da hieß es: jetzt Schule, später Arbeit, Rente, dann aus. Aber es gab eine Gegenwart: Fußballspielen, Musik, rumhängen, Leute ärgern, Sachen kaputtmachen, Sex haben, zum Baden fahren, Bücher lesen, spazieren gehen, in der Sonne liegen, nachdenken. Ich habe nie verstanden, wozu ich eine Zukunft brauche, wenn ich eine solche Gegenwart habe. Ich wollte, daß das immer so weitergeht, ohne Zukunft. „Belästigungen 22/2014: Ich! bin! alt! und! du! nicht! (eine Tirade)“ weiterlesen

Belästigungen #413: We will burn it and dance in the smoke (ein Sommeridyll)

Am heißesten Tag des Jahres, dem 19. Juni 2013, sitze ich in der Abenddämmerung bei 34 Grad mit lieben Menschen am nördlichen Rand der Münchner Stadt um eine Feuerstelle, die niemand entzünden will, weil es dafür viel zu heiß ist. Am Horizont schmilzt die Sonne wie eine Kugel Vanilleeis in grell orangeroter Rhabarber-Pfirsichsauce.

Unser Gespräch dreht sich im wesentlichen um Pläne für den Sommer: noch mehr lustige, spannende, schöne, hin-, mit- und umreißende Sachen erleben, Bier trinken, Sex haben, Drogen nehmen, geile Musik hören, in kristallperlenden Seen und Flüssen schwimmen, den blauen Himmel überstrahlen und in Gewitterschauern nackt auf der Straße tanzen.

„Ab morgen“, sagt J, dreht ihre Flasche um und läßt den Rest Bier bedeutungsvoll in einem Ameisenloch versickern, „ab morgen werden die Tage wieder kürzer.“ „Belästigungen #413: We will burn it and dance in the smoke (ein Sommeridyll)“ weiterlesen

Belästigungen #412: Vermischte Neuigkeiten zum Dilemma der Körperöffnungen

Daß der menschliche Körper Öffnungen hat, ist an sich eine segensreiche Fügung, das muß man nicht extra betonen: es wäre ein Elend, wenn eine ganze Biergartenbesatzung hungertriefend und durstzerknittert vor Schenke und Auslage stünde und die Schweinshaxen nicht mal riechen könnte, geschweige denn hinunterspülen, weil sich die Evolution den Jux gemacht hätte, Nase, Mund und Restkörper als in sich geschlossenes System zu konzipieren.

Indes will es gelernt sein, mit der Semipermeabilität des eigenen Echtwelt-Avatars umzugehen. Das klassische Beispiel für sozusagen intuitive Souveränität wäre die legendäre Zeitungsmeldung, derzufolge ein blinder Inder (der vielleicht ein Chinese oder Alabamer war, aus poetischen Gründen aber ein Inder sein sollte) sich einst in den Kopf schoß, um seiner elenden Existenz ein Ende mit Hoffnung auf Wiedergeburt als Pandabär oder Milliardär zu bereiten. Leider oder zum Glück führte der Schuß nicht zum Exitus, sondern quasi eine hirnchirurgische Operation durch: Nach kurzer Bewußtlosigkeit erwachte der vormals blinde Suizidant, konnte plötzlich sehen und wurde vollends irrsinnig angesichts einer Welt, die seine schlimmsten Vorstellungen exponentiell übertraf. „Belästigungen #412: Vermischte Neuigkeiten zum Dilemma der Körperöffnungen“ weiterlesen