Belästigungen 18/2020: Jetzt ist das so, wie es nie mehr sein wird und wie es nie mehr so sein wird, wie es war (ein Zeitbild aus einer zeitlosen Welt)

Ein ganz normaler Spätsommermontagabend in Zeiten anschwellender Totalitarität. Während draußen die heiße Luft um die Betonzinken wabert, sitze ich drinnen, weil es draußen nichts zu sehen, nichts zu tun und nichts zu erleben gibt.

„Corona immer schlimmer!“ brüllt der sogenannte Ministerpräsident aus der Zeitung; da macht man lieber die Tür zu. Weil man nicht gern zuhört, wenn ein Hysteriker sich selbst zu hypnotisieren versucht, indem er alle anderen hypnotisiert. Das weckt in Deutschland wenig angenehme Assoziationen. Am Ende wünscht man sich den Strauß zurück. „Belästigungen 18/2020: Jetzt ist das so, wie es nie mehr sein wird und wie es nie mehr so sein wird, wie es war (ein Zeitbild aus einer zeitlosen Welt)“ weiterlesen

Sehr geehrte Bundesregierung (dies ist keine Bitte!)

Das Propagandamotto der deutschen Kriegsarmee (Bundeswehr) lautet: „Wir.Dienen.Deutschland.“

Wir wollen heute nicht über Orthographie und Grammatik diskutieren. Laut Auskunft der regierungsnahen Medien befindet sich Deutschland derzeit in einer außergewöhnlichen Krisen- und Gefahrensituation. Der Covid-19-Virus ist, so hört man, eine Bedrohung, die weit über die üblichen alljährlichen und unregelmäßig wiederkehrenden Grippewellen hinausgeht. „Sehr geehrte Bundesregierung (dies ist keine Bitte!)“ weiterlesen

Belästigungen 3/2019: Das „Ganze“ und die Mitte und die Angst vor dem Rand

Ums „Ganze“ geht es heute nur noch bei Sportreportern. Da heißt es: „Der FC Bayern führt zwei zu null – das Ganze in der siebzigsten Minute!“ Weil die so sprechen müssen oder nicht anders können und sowieso ihre eigenen Sprachregeln haben, an die sie sich minutiös halten müssen, weil man sie sonst nicht als Sportreporter erkennt, sondern für sprechende Papierkörbe hält.

Ansonsten: nichts Ganzes mehr, allüberall nur noch Sprengsel, und jeder treibt sich an irgendeinem Rand herum, dem rechten oder linken oder sonst einem, und nicht mal mehr die angeblich so urtümliche Ganzheit von Ehemann und -frau trägt den einst (ebenfalls angeblich) ganzheitlichen Volkskörper, sondern wird zu zwei bis zweieinhalb Dritteln innerhalb der ersten paar Wochen geschieden und schlüpft umgehend in frisch definierte niegelnagelneue Geschlechter hinein, die sich ihre „Belästigungen 3/2019: Das „Ganze“ und die Mitte und die Angst vor dem Rand“ weiterlesen

Belästigungen 12/2017: Es lebe die Weiße-Tücher-Armee-Fraktion! (ein konstruktiver Vorschlag)

Eine „repräsentative“ Umfrage ergab neulich, daß die Münchner – also hauptsächlich jene Menschen, die sich aus beruflichen Gründen momentan vorübergehend hier aufhalten – München gut und zugleich schlecht finden. Die einzelnen Resultate waren ebenso widersprüchlich: Man wünscht sich zum Beispiel weniger Autos, aber mehr Parkplätze. Was sich so deuten läßt, daß jeder einzelne weiterhin einen Großteil seiner Lebenszeit in Blechkisten absitzen und den Rest der Welt vergasen und totdröhnen möchte, die anderen sollen aber gefälligst darauf verzichten. Wie das halt so ist in einer Leistungsgesellschaft.

Auch daß man die Mieten einerseits zu hoch, andererseits aber das grundlegende System, daß überhaupt jemand Wohnraum vermieten und damit ohne jede Anstrengung stinkreich werden darf, ganz in Ordnung findet, „Belästigungen 12/2017: Es lebe die Weiße-Tücher-Armee-Fraktion! (ein konstruktiver Vorschlag)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #379: Rio Reiser „Blackbox“

Abschlußtreffen der Forschungsgruppe „Proletarische Rockmusik in Deutschland“. Ernüchtertes Fazit: gibt es nicht, gab es nie. Im Gegensatz fast zum Rest der Welt ist die deutsche Pop(ulär)musik eine hermetisch geschlossene Veranstaltung der Ober- und Mittelschicht, zwar nicht so streng dynastisch durchorganisiert wie der Literaturcircus, aber doch abgeschottet gegen das Proletariat, das lediglich konsumieren darf.

Lediglich Rio Reiser und seine Band Ton Steine Scherben, ebenfalls der Mittelschicht entsproßt, wagten den historisch ziemlich einmaligen Schritt, „Frisch gepreßt #379: Rio Reiser „Blackbox““ weiterlesen

WM-Tagebuch 2006 – 14 Deutschland am Ende Deutschland

Freitag, 7. Juli 2006:

Komisch sei, sagt der Freund, daß jetzt, wo alles vorbei ist, plötzlich so viele Sicherheitsleute am Chinesischen Turm rumlaufen. Stimmt, stelle ich fest, und auf einmal wimmelt Schwabing auch wieder vor Polizei. Diskriminierung! sagt er. Franzosen und Portugiesen sind auch nicht gefährlicher als Deutsche! Vielleicht, sage ich, sind die Deutschen gefährlicher, wenn sie verloren haben. Wir kaufen einem männlichen Photomodell aus der Schweiz zwei grüne Gummiarmreife ab, mit der Aufschrift „Respect“ und „WC 2006“.

Aber die deutschen Nachfeierer singen immer noch ihr Lied, unterstützt von einem Trupp Franzosen, die den Text aus Sprach- und Wahrheitsgründen auf „La la la!“ reduzieren. „Wir stehen wieder auf!“ droht die „Bildzeitung“, „Schade Helden“ lallt die AZ von gestern. „München ist Meister der Weltmeisterschaft“, sagt der Oberbürgermeister. „Der Totti ist ein Weltmeister aus Deutschland“, sinniert ein intellektuell Besoffener in der Sonnenglut. „WM-Tagebuch 2006 – 14 Deutschland am Ende Deutschland“ weiterlesen

WM-Tagebuch 2006 – 13 Chronik eines angekündigten Untergangs

Mittwoch, 5. Juli 2006:

Dienstag um zwei im Englischen Garten: M. ruft an, er sei am Düsseldorfer Flughafen, und wo er wohl hinfliege? Nach Dortmund! Das sei doch der Wahnsinn! Dabei ist P., dessen Lied zur WM auf Platz eins der deutschen Charts steht, gerade noch rechtzeitig, meine ich, weil der Traum heute abend wohl vorbei ist. Als ich das Telephon weglege, hallt die Begeisterung in mir nach, ernte ich skeptische Blicke aus drei Richtungen: ein Defaitist unter uns?

Halb fünf auf der Hohenzollernstraße: G. trägt leere Plastiktüten ums Haus und sieht aus wie narkotisiert. Nein, er komme nicht mit zum Fußballspielen, sei erst nächste Woche wieder ansprechbar. Was ich tippe? Zwei bis drei null für Italien, vages Vorgefühl von Elferschießen. Ihm fehlt die Kraft für Empörung oder Lächeln.
Halb sieben am Flaucher: Die Großleinwand kaum zu sehen im Sonnengrell, erste Deutschmonturen sitzen da, weitere tröpfeln ins Tischgewirr, zaghafte Tambourprobe. „WM-Tagebuch 2006 – 13 Chronik eines angekündigten Untergangs“ weiterlesen