Belästigungen 14/2016: Vom Rand und seinen Bewohnern (eine sommerliche Elegie)

Was ist eigentlich mit dem Münchner Stadtrand geschehen? Früher konnte man den buchstäblich er-fahren, zumindest mit dem Radl, zumindest hier und da: Die Häuschen und Hütten wurden immer kleiner, ein letzter geduckter Schupfen, halb versunken zwischen gemütlich wucherndem Gebüsch, ein Bach in Bäumen; der Feldweg führte über eine kleine, katzenbuckelige Brücke, dann stand man auf einer scheinbar unendlichen Allee, links und rechts Wiesen, Felder, Wäldchen bis zum Horizont. Da war die Stadt aus.

Heute wuchern weiter hinten Klötze über die Baumwipfel, fondantbunt und normiert eckig. Da geht die Stadt weiter, meint man, und imaginiert, daß man ewig weiterfahren könnte und immer wieder solche Klotzhaufen auftauchen sähe. Auch Felder und Wiesen sind nicht mehr die alten, da stehen jetzt gigantische Baumaschinen, Blechhütten und wachsende Schutthügel zwischen tiefen, von der Sonne in den geschundenen Boden gebackenen Riesenreifenspuren.

L. wohnt dort draußen in einem der Klötze. Wobei „wohnen“ nicht ganz das richtige Wort ist: Sie fährt täglich abends nach der Arbeit dorthin zum Fernsehen, Essen und Schlafen, und morgens fährt sie wieder weg. Lebensmittel erhält sie in einem rechteckigen Discounter zwischen Parkbuchten, Bushaltestelle und einem gepflasterten Platz um etwas, das vielleicht Kunst sein soll und wahrscheinlich lieber ein Springbrunnen wäre; aber weil sich dort ohnehin niemand aufhält, ist das nicht so wichtig.

Der Klotz, in dem L. arbeitet, steht ebenfalls irgendwo zwischen ehemaligen Stadträndern herum; man müßte auf einer Landkarte nachschauen, ob er der eigentlichen Stadt näher oder ferner ist, aber auf dem Plan, den sich L. gekauft hat, als sie nach München gezogen ist, gibt es die Straße, in der der Klotz steht, noch nicht. Möglicherweise handelt es sich um einen der Feldwege, die zwischen den auf der Karte angedeuteten zerfransenden und wuchernden Stadträndern verlaufen. Das ist jedoch nicht mehr festzustellen; Menschen, die diese Feldwege noch gegangen oder gefahren sind, gibt es offenbar nicht mehr.

Wenn es L. dort draußen zu einsam und deprimierend wird, fährt sie in die Stadt hinein und nimmt an den Events teil, die Münchens selbsternannte Unterhaltungsbeauftragte inszenieren, um die frühere „Hauptstadt der Bewegung“ in Bewegung zu halten, damit ihre entmündigten Bewohner nicht auf abwegige Gedanken kommen. Wobei „teilnehmen“ nicht ganz das richtige Wort ist: L. bewegt sich auf ihren zarten, vom übermäßigen Gebrauch modischer Schuhe leicht entstellten Füßen unsicher zwischen Gestalten, die wie sie auf etwas warten, dabei Süßgetränke und Gewummer konsumieren und sich über Dinge unterhalten, die nicht stattfinden, dies aber könnten.

Wenn L. danach in ihren Klotz zurückgekehrt ist, fühlt sie sich wie nach dem Kotzen: erschöpft und euphorisiert zugleich, verängstigt und erleichtert. L. kotzt oft, weil sie das Zuckerzeug, den Schnaps und die Gemische aus Weißmehl und Billigfett mit Tomatenbrei nicht recht verträgt, vielleicht aber auch einfach so.

L. hat ein Geheimnis, das sie entdeckt hat, als sie einen ganzen leeren Sonntag damit verbrachte, aus dem quadratischen, toten Fenster ihrer Schlaf- und Fernsehstätte im zehnten Stock zu schauen: Nicht weit von ihrem Klotz sah sie zwischen dichten Bäumen etwas, was sie weder erklären noch zuordnen konnte. Sie zog ihre unmodischen Schuhe an, ging nachschauen und fand eine kleine Siedlung, einen Rest davon, ein paar Häuser nur, seit vielen Jahren verlassen, etwas heruntergekommen, aber nicht verloren. Menschen mit etwas Liebe und Geschick hätten sie in wenigen Wochen nicht nur bewohnbar, sondern zu einer Idylle machen können.

L. erkundete die Häuser, setzte sich vor einem davon auf eine alte Bank und stellte sich vor, dort zu leben, in einer Zeit, die es nie geben würde, aber vielleicht einmal gegeben hatte. Sie fand viele Dinge in den Häusern: Möbel, Öfen und Herde, Bilder, vergilbte Dokumente, aber keinen Fernseher. Manchmal nahm sie einen Schlafsack mit, den sie sich eigens dafür gekauft hatte, und übernachtete in einem der Häuser oder, wenn es warm genug war, auf der Bank davor.

Einmal überraschte sie in einem der Gärten hinter und zwischen den Häusern ein Mann, der sie fragte, was sie da verloren habe. Nichts, dachte L., und alles, und sie floh, ohne etwas zu sagen. „Hallo, Sie!“ rief der Mann, aber L. wandte sich nicht um. Danach wagte sie sich nicht mehr in die Siedlung.

„Du hättest mit ihm reden sollen“, sage ich. „Vielleicht hätte er dir das Haus geschenkt.“

„So etwas tun die Leute nicht“, sagt L., und da hat sie wohl recht, obwohl es im Grunde denkbar wäre, daß Menschen Dinge verschenken, mit denen sie nichts anfangen können und andere schon. Daß es die verfallende Siedlung noch lange gibt, ist hingegen unwahrscheinlich. Stadtplaner und Architekturfaschisten lauern auf solche Überbleibsel, weil sie weder Liebe noch Geschick, aber Visionen haben.

An einem leidlich sonnigen Frühlingstag haben wir einen Spaziergang durch die Stadt gemacht. Nicht durch die Stadt der „Events“, sondern durch die stillen, verzauberten und geheimnisvollen Nischen, Ecken und, ja: Ränder dazwischen, wo der Staub vieler ungelebter und gelebter Leben zwischen die Steine sinkt und anderswo verbotene Grashalme nährt. Als wir im Sonnenuntergang in einem zwischen verwilderten Schrebergärten verborgenen Biergarten saßen, der weitgehend stummen und ansonsten vollkommen unsinnigen Konversation der Gartler lauschten und den in uns hineingeflossenen Tag wieder herausfließen ließen, wollte L. tanzen und singen vor Freude, weil sie nun doch noch die Stadt gefunden hatte, in die sie vor drei Jahren angeblich gezogen war.

Nächsten Monat muß L. in die Nähe von Dortmund ziehen. Ihre Firma braucht sie dort, sagt sie, und: „In München braucht mich niemand.“ Ich könnte sagen, das sei nicht wahr, denke ich, aber ich möchte L. nicht belasten, und dann denke ich: Vielleicht gibt es in der Nähe von Dortmund ein zehntes Stockwerk, wo sie an einem langen, leeren Sonntag aus dem quadratischen Fenster schauen und etwas finden kann. Obwohl ich ihr diesen Tag nicht wünsche, denke ich.

Die Kolumne „Belästigungen“ erscheint alle vierzehn Tage im Stadtmagazin IN MÜNCHEN.

Frisch gepreßt #368: Barclay James Harvest „Everyone Is Everybody Else“

Die Erinnerung ist eine Trickdiebin: Fühlig zwitschernd gaukelt sie ihrem umgarnten Opfer Dinge vor, an die es sich vermeintlich – eben – erinnert, die als krauses Gewolke vor einem inneren Horizont erstehen und (weil wir Kinder unserer Zeit und Methoden sind) hollywoodmäßig vertont sind. Einwänden statistischer und archivalischer Natur entgegnet sie schlau lächelnd, es gebe dem zufällig vor zwei Jahren (vielleicht in diesem Sinne nicht) verstorbenen Physiker Hans-Peter Dürr zufolge weder Materie noch Energie, sondern nur etwas Verbindendes ohne materielle Grundlage, was man Geist nennen könnte. Also alles hinfällig, (gedachter) Punkt „Frisch gepreßt #368: Barclay James Harvest „Everyone Is Everybody Else““ weiterlesen

Belästigungen 13/2016: Warnung vor dem Manne! oder: Vom Jäger und der Beute im Dampfkessel des Hormondrucks

Bisweilen gerät einem ein Wort ins Ohr, das aus dem Hirn nicht mehr hinauswill, sich vielmehr immer weiter hineinbohrt und immer neue Kapriolen schlägt. Literarisch Gebildete erinnern sich, wie Dagobert Duck eines Tages mit einem „Gullu-Gullu“ auf den, nun ja, „Lippen“ erwachte und es nicht mehr loswurde. Ähnlich ging es mir kürzlich mit dem von einem Vogelkundler unvorsichtigerweise geäußerten Begriff „Hormondruck“.

Das ist nicht etwa eine arg blumige, vom Verein zur Bewahrung der deutschen Sprache empfohlene Umschreibung für Pornographie, sondern eher das, was unter anderem dazu führt, daß derartige Bild- und Textwerke überhaupt eine nennenswerte Nachfrage genießen. „Belästigungen 13/2016: Warnung vor dem Manne! oder: Vom Jäger und der Beute im Dampfkessel des Hormondrucks“ weiterlesen

Frisch gepreßt #367: Annett Louisan „Berlin – Kapstadt – Prag“

In der geschlossenen Abteilung für schwere Fälle von Konsensverweigerung herrscht Unruhe, weil ein Langzeitpatient prominenten Besuch empfängt, dessen Zahl den bescheiden bemessenen Mediationsraum für Begegnungen von Drinnen und Draußen zu sprengen droht. Der zum Zwecke einer friedlichen Übereinkunftsanstrebung hinzugezogene Therapeut weist zunächst auf ein nicht unwesentliches Faktum hin:

„Geteilter Meinung zu sein, meine Damen und Herren, bedeutet nicht, wahllos bei Facebook geposteten Bullshit im Chor nachzuplärren.“ „Frisch gepreßt #367: Annett Louisan „Berlin – Kapstadt – Prag““ weiterlesen

Belästigungen 12/2016: Integration: Komposthaufen statt Tomatensauce! (und jetzt sind wieder alle beleidigt)

Man kann tun, was man will, immer ist irgendwer beleidigt. Nehmen wir zum Beispiel mal diese eigentümliche blaue Partei von Ultraneoliberalen, die derzeit von den Medien zum absoluten Superthema aufgebauscht wird, damit die armen Würstchen, die am meisten unter dem neoliberalen Terror der letzten dreißig Jahre leiden und deshalb die anderen neoliberalen Parteien nicht mehr recht wählen mögen, sie in noch viel größerer Zahl wählen: Dieser abstruse Haufen ist sozusagen ein Epizentrum der Beleidigerei und Beleidigtseierei, von dem ständig neue Schockwellen ausgehen.

Zuletzt drehte sich das Karussell der aufgescheuchten Hühner mal wieder um den brandenburgischen Vorsitzenden dieser sogenannten Alternativpartei, einen wahrhaft paradox schillernden Mann, der sich abwechselnd als bröckelnder Fels und kreischender Pfau in die Medienschlacht wirft und „Belästigungen 12/2016: Integration: Komposthaufen statt Tomatensauce! (und jetzt sind wieder alle beleidigt)“ weiterlesen

57, 58, 59 … 60 Jahre Lach & Schieß!

Als ich ein kleiner Bub war, habe ich mich immer auf Silvester gefreut. Nicht weil es draußen geknallt und geblitzt hat, das schon auch, aber vor allem weil dann diese merkwürdigen Leute im Fernsehen kamen und diese merkwürdigen Sachen sagten, die sonst niemand gesagt hat und bei denen ich am Boden herumrollen und lachen und kichern mußte, ohne zu wissen warum. Da hat es in meinem Kopf geknallt und geblitzt, und dabei habe ich gelernt, daß Klugheit, Witz und Scharfsinn was anderes sind als ein Lexikon hersagen zu können, sämtliche Scherze von Kare und Lucki zu kennen und bei einem Buch von Enid Blyton nach fünf Seiten zu wissen, wer’s war. Das war sogar noch schlauer und lustiger als die Tollsten Geschichten von Donald Duck, und das, liebe Germanisten, will ganz schön was heißen.

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WM-Tagebuch 2006 – 16 Reste/Ruinen

Dienstag, 18. Juli 2006: Das Wetter ist noch da, aber anders: geblieben die Sonne, das ewige Blau; verflogen die Schwüle, die einem wochenlang das Gefühl gab, die Stadt schwitze stöhnend unter den Massen von Eventmenschen, die überall herumwuselten wie bunte Ameisen. Jetzt bläst der Wind hindurch, ein Aufatmen.

Die Rasentreppen am Olympiasee, Schauplatz des „Official Public Viewing“: von fern eine braune Kaskade mit leerem Blick auf den Berg, wo das absurde Fußballfeld lag. Die schrägen Tore abgebaut, die Kreidelinien verweht, der Kiosk wochentags verbrettert; müßig spaziert man herum, in Kleinstgruppen ohne Sog, nur die weitläufig kalifornische Abteilung sammelt sich zum quäkenden Trupp, als besichtigten sie schon die Ruinen der historischen Schlacht.

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WM-Tagebuch 2006 – 15 Kopfstoßlegende

Montag, 10. Juli 2006: Ein großes Spiel ist auch das Finale nicht, aber eine halbe Stunde lang gut und rasant, dann ist Frankreich nach einer Schwalbe in Führung gegangen, hat Italien ausgeglichen, den gleichen Trick noch zweimal probiert und eingesehen: Das wird so nichts. Da war das Spiel in gewisser Hinsicht vorbei, obwohl Frankreich erstaunliche Ausdauer beim Berennen des italienischen Strafraums entwickelte: Der letzte Paß war immer schlecht, einen zweiten Elfmeter verweigerte der Schiedsrichter, und die Italiener zogen sich zurück, als wollten sie ihre Kräfte für die Ehrenrunden sparen.

Nur einer gab nicht auf: Reinhold Beckmann. Der „kommentierte“ die Partie, als handelte es sich um die Abschiedsgala des Fußballgottes Zinédine Zidane, ein TV-Heldenbild, an dessen Ende der große Mann mit kargem Lächeln alleine im Lichtdom stünde und den Weltpokal ins Universum reckte, den seine Ritter an den Spielfäden seiner Genialität tanzend errungen und ihm zu Füßen gelegt hätten. „WM-Tagebuch 2006 – 15 Kopfstoßlegende“ weiterlesen

WM-Tagebuch 2006 – 14 Deutschland am Ende Deutschland

Freitag, 7. Juli 2006:

Komisch sei, sagt der Freund, daß jetzt, wo alles vorbei ist, plötzlich so viele Sicherheitsleute am Chinesischen Turm rumlaufen. Stimmt, stelle ich fest, und auf einmal wimmelt Schwabing auch wieder vor Polizei. Diskriminierung! sagt er. Franzosen und Portugiesen sind auch nicht gefährlicher als Deutsche! Vielleicht, sage ich, sind die Deutschen gefährlicher, wenn sie verloren haben. Wir kaufen einem männlichen Photomodell aus der Schweiz zwei grüne Gummiarmreife ab, mit der Aufschrift „Respect“ und „WC 2006“.

Aber die deutschen Nachfeierer singen immer noch ihr Lied, unterstützt von einem Trupp Franzosen, die den Text aus Sprach- und Wahrheitsgründen auf „La la la!“ reduzieren. „Wir stehen wieder auf!“ droht die „Bildzeitung“, „Schade Helden“ lallt die AZ von gestern. „München ist Meister der Weltmeisterschaft“, sagt der Oberbürgermeister. „Der Totti ist ein Weltmeister aus Deutschland“, sinniert ein intellektuell Besoffener in der Sonnenglut. „WM-Tagebuch 2006 – 14 Deutschland am Ende Deutschland“ weiterlesen

WM-Tagebuch 2006 – 13 Chronik eines angekündigten Untergangs

Mittwoch, 5. Juli 2006:

Dienstag um zwei im Englischen Garten: M. ruft an, er sei am Düsseldorfer Flughafen, und wo er wohl hinfliege? Nach Dortmund! Das sei doch der Wahnsinn! Dabei ist P., dessen Lied zur WM auf Platz eins der deutschen Charts steht, gerade noch rechtzeitig, meine ich, weil der Traum heute abend wohl vorbei ist. Als ich das Telephon weglege, hallt die Begeisterung in mir nach, ernte ich skeptische Blicke aus drei Richtungen: ein Defaitist unter uns?

Halb fünf auf der Hohenzollernstraße: G. trägt leere Plastiktüten ums Haus und sieht aus wie narkotisiert. Nein, er komme nicht mit zum Fußballspielen, sei erst nächste Woche wieder ansprechbar. Was ich tippe? Zwei bis drei null für Italien, vages Vorgefühl von Elferschießen. Ihm fehlt die Kraft für Empörung oder Lächeln.
Halb sieben am Flaucher: Die Großleinwand kaum zu sehen im Sonnengrell, erste Deutschmonturen sitzen da, weitere tröpfeln ins Tischgewirr, zaghafte Tambourprobe. „WM-Tagebuch 2006 – 13 Chronik eines angekündigten Untergangs“ weiterlesen

WM-Tagebuch 2006 – 12 Der unergründliche Augenblick der Identifikation

Samstag, 1. Juli 2006:

Es fällt schwer, für Nationalmannschaften Begeisterung zu entwickeln, weil sie keinen Ort haben, kein Milieu, keine Geschichte, weil sie die Perfektion des modernen Fußballs sind: Unter ökonomischen Gesichtspunkten zusammengestellte Funktionsträger erzeugen Erfolgsergebnisse; bleibt der Erfolg aus, fahren sie zurück in die Luxuszentren des privatisierten Modernfußballs, nach Madrid, London, Mailand, Manchester, Barcelona, München.

Aber bei einem Turnier mit so vielen Spielen meint man um eine Identifikation irgendwann nicht mehr herumzukommen, was unterschiedlich bald unterschiedlich stark fast immer gelingt, meistens doch über das Lesen des Spiels. Holland 1974: eine leichte Wahl (perfekt bis zum tragisch verlorenen Finale), Deutschland 1970 eine späte (Halbfinale), Marokko 1986 trotz frühem Ausscheiden so intensiv, daß ich kaum eine Woche nach dem Finale an den Strand von Khenitra getrampt bin, um mit einer einheimischen Barfußmannschaft in den Sanddünen zu kicken. Kamerun, Kroatien, England, Senegal, Frankreich: alle hatten ihre Momente, Tage, Wochen, waren bald wieder vergessen; unerforscht blieb der Augenblick, in dem das passierte.

Wie gestern abend: Waren es die Minuten nach dem Ansturm der Ukrainer, die zu Beginn der zweiten Halbzeit in zehn Minuten mehr Torchancen hatten als Deutschland und Argentinien in zwei Stunden? die unprofessionell freudeschönen Gesichter nach dem 2:0? die Hinterkopfgeschichte vom Selbstmordversuch eines italienischen Spielers wegen des Bestechungsskandals? Nicht zu sagen, aber irgendwas ist da geschehen. Heute nachmittag fragt der Mann im Laden an der Ecke, für wen ich eigentlich bin. Wie aus der Pistole geschossen: Italien. Wird ein schönes Finale gegen Portugal. Aber ich sei doch Deutscher? Ja ja, nichts dagegen, denen gönne ich den dritten Platz (Elfmeterschießen gegen Brasilien).

„Italien“, sagt er, lachend, „pah! Alles Schwerverbrecher! Dann heute nix Sonderpreis für Bier.“ Rechnet aber doch elf für zehn, und ich lege ihm zwei Euros in die Trinkgeldblechbüchse, für seine Iraner, die er auch nicht mag. Und er lacht noch lauter: „Chips aus. Aber Nudeln noch da!“

WM-Tagebuch 2006 – 11 Halbzeit in der Ferne

Freitag, 30. Juni 2006:

Der Zug geht früh, aber in der feuchten Morgenluft des Hauptbahnhofs schwitzen und klirren die Bierflaschen: Siegesschwüre im noch nachtklammen Nationaltrikot, strenge Zuversicht, Schulterklopfen – als wären es die schlaflosen Fanatiker, von denen alles abhängt. Den ersten Achtelfinaltag haben wir im Garten verdöst, nachdem der Trambahnfahrer „für fußballinteressierte Kollegen“ das zweite Tor gegen Schweden durchgesagt hat; da, wußten wir, würde sich nichts mehr tun, und für das argentinische Gewürge gegen Mexiko war nach einer Viertelstunde der Schlaf zu verführerisch.

In Berchtesgaden eine andere Welt: Zwar ist auch hier jedes vierte Auto schwarzrotgelb beflaggt, aber es gibt keinen Corso, keine nächtlichen Jubelbrigaden, kein „Public Viewing“. Die Jugendlichen in Hitlers Kehlsteinhaus tragen müde ihre „Böhse Onkelz“-, „Tote Hosen“- und „Gehaßt Verdammt Vergöttert“-T-Shirts durch die überraschend dünne Aura eines siebzig Jahre alten Weltmachtwillens, dessen groteske Anderweltlichkeit einem über blanke Zahlen bewußt wird: Zwölf Jahre hat das gedauert; der letzte deutsche WM-Sieg ist länger her, Jürgen Klinsmann war da schon dabei.

Abends im Pensionszimmer krabbeln winzige Strichmännchen über den Fernsehschirm, draußen erfrischt das Gewitter die schwül pulsierende Luftglocke und hängt dem Watzmann alle paar Minuten neue Kreationen auf den Leib. Für ein echtes Interesse ist alles zu klein: die portugiesisch-niederländischen Prügeleien, das erwartete Ausscheiden der Australier und Ghanaer gegen jeweils zwölf bis vierzehn Gegner, die zweistündige Spielverweigerung von Schweizern und Ukrainern, die gerechterweise mit einer Sperre beider Mannschaften geahndet werden müßte. Dann endlich spielfrei; zwei Tage lang steht der Fernseher im Hofbrauhaus als das herum, was er hier immer ist: ein Fremdkörper.

Ein letzter Morgen mit Blick auf das müßige Schafquintett, unsichtbare Lautsprecher erbrechen das widerwärtige Gequengel von X. Naidoo, in der Zeitung ist E. Stoiber zu sehen, in ein Deutschlandtrikot gezwängt. „Beste Werbung für unser Land“ sei die WM. Der Gedanke, daß der Kerl seine mentale Verfassung selbst immer am besten auf den Punkt bringt, ist schon ein Stück Abreise. Heimfahrt ins Fahnenmeer, die Wolken bleiben über Königs- und Chiemsee hängen, wieder schwitzen und klirren die Flaschen, und als dann das erwartete Elfmeterschießen endlich absolviert ist und die hupende und grölende Hysterie durch die Schwabinger Straßen rast, fühle ich eine absurde Sehnsucht: nach einem echten Fußballspiel.

WM-Tagebuch 2006 – 10 Zeit der Wespen, Zeit der Hubschrauber

Sonntag, 25. Juni 2006:

Das Gefühl, als wäre alles mögliche am Anschwellen; ein erinnertes Stimmungsbild von dem Sammelsurium auf der karierten Decke im Garten 1976: Frigeo-Puffreistüten, Perry-Rhodan-Taschenbücher, Donald-Duck-Sonderhefte aus einem verstaubten Flechtkorb im Speicher (der drückend schwüle Hitzegeruch von alten, stumm drohenden Wespennestern), das blecherne Gedudel von Yes, Kraan und Harlis aus dem Kassettenrecorder, abends die bebende Freudenspannung, als drei Tore von Dieter Müller aus einem 0:2 gegen Jugoslawien ein 4:2 machen, die entsetzten Schreie über Uli Hoeneß’ verschossenen Elfmeter gegen die CSSR, die die erwachsene Diskussionsrunde über Arbeit und menschliche Würde einen Augenblick innehalten lassen. Gelbe Wiesen, Wasserschläuche, sieben Wochen täglich hitzefrei, der tanzende Jubel auf der Straße über das endlich anrückende Gewitter, „WM-Tagebuch 2006 – 10 Zeit der Wespen, Zeit der Hubschrauber“ weiterlesen

WM-Tagebuch 2006 – 09 Ich habe Deutschland verpaßt!

Mittwoch, 21. Juni 2006: 

Millionen von uns waren live mit dabei,
mit Massenchorälen und Einzelgeschrei,
gehüllt in die Fahne, ein Bier in der Hand,
gemeinsam, nur ich stand alleine am Rand.
Ballacksche Geistblitze, Schneidersche Pässe,
Grätschen von Kehl auf der Rasennässe,
Friedrichs Bemühungen, Lahms Ideen?
Ich habe bei all dem nicht hingesehen.
Daß Klinsi hüpfte und Jogi sinnierte,
ich weiß gar nicht, ob das so wirklich passierte.
Wer schoß die Tore, wer schlug die Flanken?
Bei wem muß auch ich mich am Ende bedanken?
Stand Lehmann oder doch Kahn im Tor? „WM-Tagebuch 2006 – 09 Ich habe Deutschland verpaßt!“ weiterlesen

WM-Tagebuch 2006 – 08 Typ: Der alte Torwart

Montag, 19. Juni 2006:

Daß Fußballspieler sich immer ähnlicher werden, ist eine Flachsbinse aus dem „Früher war alles …“-Zopf, zu deren Untermauerung man die gängigen Unterscheidungsbemühungen (grellwirsche Coiffuren, Tätowierungen, bunte Schuhe) heranziehen müßte, und es stimmt ja gar nicht; aber die Individualismen bei dieser WM neigen ins Negative: der schwammige Ronaldo, der ewig ins Abseits rennende Luca Toni, der kleine Deco, das alternde Genie Figo, dazu bekannte Gesichter, unglücklich entzerrt auf Bänken: Jan Koller etwa.

Der erste Typ, der sich mir vom Spiel über das persönliche Bewegungsspektrum bis zur Mimik ins unmittelbare Erlebensgedächtnis prägt, ist der angolanische Torwart João Ricardo, „WM-Tagebuch 2006 – 08 Typ: Der alte Torwart“ weiterlesen