Frisch gepreßt #396: Alice Cooper „Paranormal“

Detroit/Phoenix 1948-64: Die Vorfahren Hugenotten, Sioux, Engländer, Schotten, Iren, der Papa Laienprediger, der Opa Apostel der Kirche Jesu Christi, in der Vincent Damon Furnier mit elf brav ministriert, in der Schule brilliert und Mitglied des DeMolay-Ordens wird, wo er Kameradschaft, Treue, Familie und Sauberkeit schätzen lernt. Er kränkelt, schließt das Kunst-College ab und gründet eine Band, in der niemand ein Instrument spielen kann, die aber mit einer Pantomime zu Beatles-Playback einen Talentwettbewerb gewinnt. Also lernt man spielen, nennt sich The Spiders und tritt vor einem riesigen Spinnennetz auf. „Frisch gepreßt #396: Alice Cooper „Paranormal““ weiterlesen

Frisch gepreßt #395: Mammút „Kinder Versions“

Herzlich willkommen im Museum der großen, der unvergänglichen Kunstpop-Damen! Wie Sie sehen, ist unser Haus von bescheidener Größe, aber sie werden sich aus dem Chemieunterricht erinnern, daß ein kleines Stück Gold durchaus mehr Gewichtigkeit vorweisen kann als ein ebensolches aus Pappendeckel. Und sehen Sie, wir sind relativ streng, was unsere Aufnahmekriterien betrifft, und dann ist es ja auch so, daß Frauen im Kunstpop generell unterrepräsentiert sind. „Frisch gepreßt #395: Mammút „Kinder Versions““ weiterlesen

Belästigungen 16/2017: Haben Sie den Gorilla da drüben gesehen? Obacht, der bringt Sie in „Sicherheit“!

„Sicherheit“ ist ein begehrter Zustand. Den meisten Menschen, möchte man meinen, erscheint „Sicherheit“ erstrebenswerter als – nur zum Beispiel – berauschte Euphorie, verliebte Glückseligkeit und orgasmische Ekstase. Sonst käme die CSU kaum auf die Idee, auf ihre Wahlplakate lediglich zwei aneinandergeklebte Gesichter und dieses eine Wort zu drucken: „Sicherheit.“ Sondern sonst stünde da „Sex“ oder „Saufen“ oder „Liebe“ (was bei einer katholischen Partei ja nicht abwegig wäre).

Sicherheit ist ja auch schön. Jeder wünscht sich, sicher zu sein: Wer gerne arbeitet, mag seinen Job behalten. Wer nicht auf der Straße schlafen will, ist sich gerne seiner Wohnung sicher. Wer Hunger hat, wünscht sich was zu essen, wovon er weder krank noch dumm noch tot wird, das er aber dennoch „Belästigungen 16/2017: Haben Sie den Gorilla da drüben gesehen? Obacht, der bringt Sie in „Sicherheit“!“ weiterlesen

Frisch gepreßt #394: The Popguns „Sugar Kisses“

Manchmal stößt man sehr unverhofft auf Sachen, die man längst kennen sollte. Zum Beispiel der Musikchronist, der seiner Pflicht nachgeht und sich alles, was man aktuell kennen sollte, tapfer und eisern anhört. Dem können sommerbedingt auch mal die Nerven reißen, wenn er an einem mit juniendetypischer Frische lockenden Traumtag im Alphabet bei „Lo“ anfängt und nach einer langen Stunde mit London Grammar und Lorde mal wieder ernüchtert feststellt, wie betrüblich, öde, lähmend und die Fantasie mit plastikschaumgefüllten Kissen im Halbschlaf stickmeuchelnd das alles ist, was ihm die Trendindustrie als führend, wichtig und prägend andrehen möchte. „Frisch gepreßt #394: The Popguns „Sugar Kisses““ weiterlesen

Frisch gepreßt #393: Can „The Singles“

Wußten Sie eigentlich, daß Punk eine Münchner Erfindung war?

Um die Antwort („nein“) auf diese etwas abwegige Frage näher zu erörtern, sollten wir zunächst klären, was wir unter dem Begriff (Punk, nicht Antwort, oder: doch) verstehen.

Punk also. Gemeinhin bekannt als das lustlos laute, einer jahrzehntealten, eisern industriell genormten Formel entsprechend erstellte Äquivalent zu Autotune-Gebrauchsgeräuschen für den Bereich „Rock“ (zwei bis vier Viertel, verzerrgitarrenähnlicher Harmonielärm in zwei bis fünf Tonlagen, „Frisch gepreßt #393: Can „The Singles““ weiterlesen

Frisch gepreßt 392: Dan Auerbach „Waiting On A Song“

„Wir brauchen wasserdichte Kopfhörer!“

Der Ruf der euphorisierten Begleiterin bleibt (wg. Unterwasser) zunächst ungehört, wird wiederholt, als sie sich weigert, den Wasserfall aufzusuchen, wie sich das in diesen Zeiten gehört, weil sie lieber weiter lauschen, sich euphorisieren lassen möchte von den Klängen, die ihren Lauschmuscheln entdringen und insektenschwarmartig die schwüle Luft durchcircen.

„Gibt es nicht, vermutlich.“ „Frisch gepreßt 392: Dan Auerbach „Waiting On A Song““ weiterlesen

Belästigungen 15/2017: Schmilz! (ein fragloses Winken aus dem Elfenbeinturm)

Daß man sich in München befindet, merkt man am Schmelzen, dem herausragenden und prägenden Vorgang des hiesigen Jahreslaufs. Nämlich ist kaum auf der silvesterlichen Feuerzangenbowle der Schnapszucker zur karamellenen Infusion und bald darauf das Zinnblech zum trunken deutbaren Omen zerschmolzen, schmilzt schon auch das Alibieis am Isarrand, schmelzen die letzten Kerzen mit den kürzer werdenden Nächten dahin.

Dann schmelzen die Herzen in der linden Frühjahrsluft der mittleren Märztage, ergeben sich die winterlich gehegten Hemmungen dem Ansturm der Hormone und Hoffnungen, schmilzt der Wollbestand im Kleiderschrank voreilig dahin, zu voreilig meist, aber es schmilzt ja auch der Aprilschnee schnell wieder weg, und wer sein saures Radler einer neuen Sitte gemäß mit „Belästigungen 15/2017: Schmilz! (ein fragloses Winken aus dem Elfenbeinturm)“ weiterlesen

Belästigungen 14/2017: So! So! So! (Achtung: Blödbla-Attacke 4.0!)

Der Deutsche hat zu Büchern ein eigentümliches Verhältnis, das sich in ein paar Faustregeln zusammenfassen läßt: Mit acht kriegt man sie geschenkt, mit achtzehn klaut man sie, mit achtundzwanzig kauft man sie, mit achtunddreißig schreibt man sie, mit achtundvierzig verschenkt man sie, mit achtundfünfzig schmeißt man sie weg, mit achtundsechzig kann man sie nicht mehr richtig lesen, mit achtundsiebzig läßt man sie sich vorlesen, mit achtundachtzig kann man sich an kein gelesenes und vorgelesenes Wort mehr erinnern.

So kommt es, daß deutsche Verlage Menschen, die eigentlich ihrem Alter entsprechend klug, intelligent und erfahren sind (oder sein könnten), Bücher für zehn Jahre jüngere Menschen schreiben lassen (oder vielmehr für das, was „Belästigungen 14/2017: So! So! So! (Achtung: Blödbla-Attacke 4.0!)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #389: Liann „Goldjunge“

Sagt dies den (frisch) Verlassenen dieser Erde: Musik hilft!
Oder so: Wenn alljährlich zwischen der Aprilmitte und den Eisheiligen der Winter noch einmal sein graukrauses Haupt erhebt, es vor die Sonne reckt und deren Strahlen mit klirrendem Froststurm und flockendem Schneegeschmeiß unterbindet, stellt sich bei Menschen, deren mindestens sonnenhaft strahlender Glückstraum aus dem Spätmärzsommer im Zweitwinter auf einem verwehten Abstellgleis langsam zu Stein gefriert, eine seltsame nostalgische Mixtur ein. Die Erinnerung an die jüngste Bauchlandung „Frisch gepreßt #389: Liann „Goldjunge““ weiterlesen

Frisch gepreßt #391: The Beatles „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (Super Deluxe Edition)“

„What’s so funny about peace, love and understanding?“ fragten Nick Lowe und Elvis Costello in einer Zeit, als es gerade sehr modisch war, derlei Kram nicht mal mehr lustig, sondern höchstens peinlich zu finden. Das heißt: in der Popkultur. Die übrige Welt hatte sich nicht verändert seit 1967, als die Beatles so ziemlich alles lustig fanden: Da herrschte Krieg, je nach Gegend heiß oder kalt, getragen und untermauert vom universellen Klassenkrieg, gefiedert mit sozialen Spannungen, Terrorismus, aufgewiegelten „Rassenunruhen“ und all den Dingen, die der Mensch so anrichtet, wenn man ihn läßt. „Frisch gepreßt #391: The Beatles „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (Super Deluxe Edition)““ weiterlesen

Belästigungen 13/2017: Gemäßigt sei der Maikäfer, aber nicht der Mensch (oder was ansonsten geschieht)

Über den (in gewisser Weise zumindest körperlich) neuen französischen Präsidenten war neulich von der neoliberalen Propaganda zu erfahren, er sei „gemäßigt“. Wenn so etwas über den derzeit radikalsten Wirtschaftsfaschisten in ganz Frankreich behauptet wird, könnte das höchstens noch er selbst als Rufschädigung oder Vortäuschung falscher Tatsachen empfinden, weil es sich in Deutschland seit Jahrzehnten eingebürgert hat, sämtliche ausländischen Politiker, die rückhaltlos und notfalls mit dem erbärmlichsten Wischiwaschischwindel für die Vernichtungsideologie der deutschen Elite eintreten, samt und sonders, einzeln, kollektiv und generell als „gemäßigt“ zu betiteln.

Was im Grunde ja nichts anderes heißt als: Früher waren die Burschen schlimm, jetzt haben sie gelernt, Maß zu halten und ihre Schlimmigkeit in den „Belästigungen 13/2017: Gemäßigt sei der Maikäfer, aber nicht der Mensch (oder was ansonsten geschieht)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #390: Diana Krall „Turn Up The Quiet“

Wenn es im Jazz um Liebe geht, dämmert am rosa Horizont meist ein verwandtes Genre heran, das der Fachmann als „Kazz“ kennt, gerne auch verbrämt als „Quitch“ oder „Shmaltz“. Da blüht die Geige, wabert der Nebel, trocknet der Martiniring unter dem längst abgeräumten Glas zu honigener Klebrigkeit, und die alten blauen Augen schimmern verzöglich im Halbdunkel der endlosen Winzigstunden, gräulich bald und erinnerungsschwanger.

Da herrscht Verläßlichkeit, wie sie das in toten Genres oft und unumschränkt tut: Die Akkorde perlen vertraut und blue, die Drahtbesen behauchen Becken „Frisch gepreßt #390: Diana Krall „Turn Up The Quiet““ weiterlesen

Belästigungen 12/2017: Es lebe die Weiße-Tücher-Armee-Fraktion! (ein konstruktiver Vorschlag)

Eine „repräsentative“ Umfrage ergab neulich, daß die Münchner – also hauptsächlich jene Menschen, die sich aus beruflichen Gründen momentan vorübergehend hier aufhalten – München gut und zugleich schlecht finden. Die einzelnen Resultate waren ebenso widersprüchlich: Man wünscht sich zum Beispiel weniger Autos, aber mehr Parkplätze. Was sich so deuten läßt, daß jeder einzelne weiterhin einen Großteil seiner Lebenszeit in Blechkisten absitzen und den Rest der Welt vergasen und totdröhnen möchte, die anderen sollen aber gefälligst darauf verzichten. Wie das halt so ist in einer Leistungsgesellschaft.

Auch daß man die Mieten einerseits zu hoch, andererseits aber das grundlegende System, daß überhaupt jemand Wohnraum vermieten und damit ohne jede Anstrengung stinkreich werden darf, ganz in Ordnung findet, „Belästigungen 12/2017: Es lebe die Weiße-Tücher-Armee-Fraktion! (ein konstruktiver Vorschlag)“ weiterlesen

Belästigungen 11/2017: Wem was wie wo und warum droht (und wem was nicht)

Manche Blödheiten funktionieren wie Brennesseln und Ameisen: Man kriegt sie einfach nicht weg, sie nesseln und wimmeln immer wieder aus denselben Ritzen und Löchern hervor, um arglose Menschen zu ärgern. Zum Beispiel trompetete mich neulich auf dem Weg ins Grüne mindestens zwanzigmal die gleiche „Zeitung“1 an: „Jeder 5. Münchner von Armut bedroht!“

Das war zum Glück gelogen, sonst wäre es schlimm: Von Armut bedroht ist bekanntlich so gut wie jeder, selbst der Multimilliardär, der zwar von seinen devoten Ausgebeuteten in Deutschland nichts zu befürchten hat, dem aber sämtliche Steuergeschenke und Spezln nichts helfen, wenn am Börsentheater die falsche Blase platzt. Die einzigen, die tatsächlich nicht von Armut bedroht sind, das sind: selbstverständlich die „Belästigungen 11/2017: Wem was wie wo und warum droht (und wem was nicht)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #388: The Vibrators „The Epic Years 1976-78“

Historisch betrachtet war der Übergang von Punk zu Punkrock im Herbst und Winter 1976/77 weniger ein solcher als eine echte Zäsur. Was gerade noch subversiv, extrem, gefährlich und radikal war bzw. mindestens schien, wurde zum reckless but harmless Partyspaß – laut, schnell, schmutzig und zynisch, aber eben: weder Revolution noch Subversion, sondern (nur) Rockmusik.
Die Vorreiter dieser Welle, die in den folgenden Jahren mit tausenden von (meist One-off-, oft selbstproduzierten) Platten wenn schon nicht die Charts, dann doch mindestens die Preßwerke auslastete, hießen The Vibrators und verkörperten sie prototypisch. Im Grunde waren sie zudem der erste „Rock ’n‘ Roll Swindle“ der Szene, nämlich keineswegs jugendlich-halbverwahrloste „Frisch gepreßt #388: The Vibrators „The Epic Years 1976-78““ weiterlesen