Belästigungen 6/2018: Hurra, jetzt flattern die blauen Bänder (bis zum Pluto und zurück)!

Ist schon mal jemandem aufgefallen, wie groß die Welt im Frühling plötzlich wird? Kaum sind die Schneepolster von den Hecken, Bäumen und Zäunen weggeschmolzen, weitet sich der Blick plötzlich in unheimliche … na ja, Weiten eben und man sieht, was der Winter fürsorglich dem romantisch träumenden Auge entzogen hatte: Zeug vor allem.

Kein Krüppelgebüsch am Straßenrand mehr, das nicht durchwoben und lamettiert wäre von zerfetzten Chipstüten, Softdrinkflaschen und -dosen, Pizzakartons, Schokoriegelhüllen, Reklameprospekten, Hundescheißebeuteln, Elektrogeräteteilen, Autoreifen, halbvollen Papiertaschentuchpäckchen, Möbelfossilien, Styroporklötzen, Einweggeschirr und -besteck sowie kunstvoll demolierten ostasiatischen Klumpfahrrädern. „Belästigungen 6/2018: Hurra, jetzt flattern die blauen Bänder (bis zum Pluto und zurück)!“ weiterlesen

Belästigungen 5/2018: Hilfe! Schwarze Schachteln wollen mein Gehirn in Scheiben schneiden!

Ein Bekannter hat mir die Geschichte von Lenins Gehirn erzählt: Das zerschnippelte man nach dem Tod des Oberrevolutionärs in 30.963 dünne Scheiben, die einem deutschen Forscher zur Untersuchung vorgelegt wurden. Man hoffte in dem zerebralen Carpaccio Indizien für Genialität zu finden, fand jedoch anfänglichem Jubel über superviele „Assoziationsstränge“ zum Trotz letztlich nur Spuren der geerbten Versteinerung (oder, je nach momentaner Theorielage, Syphilis), die Lenin dahingerafft hatte.

Das mag daran liegen, daß sich aufgrund der etwas unklaren Beschriftung die einzelnen Scheibletten nicht mehr so richtig zu einem ganzen Hirn zusammenbauen ließen. Zwar wurden sie akribisch photographiert, was unter Umständen helfen hätte können. Allerdings landeten die Bilder auf wiederum „Belästigungen 5/2018: Hilfe! Schwarze Schachteln wollen mein Gehirn in Scheiben schneiden!“ weiterlesen

Frisch gepreßt #409: Olli Schulz „Scheiß Leben, gut erzählt“

Wie der Ratzingerplatz Mitte der 70er ausgeschaut hat und wie romantisch das war: Erzähl das doch dem Olli, der macht ein Lied draus. Menschen haben seltsame Gewohnheiten, erleben seltsame Sachen und tun komische Dinge, von denen sie manchmal selber nicht so genau wissen, warum sie sie eigentlich tun. Solange niemand daherkommt und Zusammenhänge aufzeigt. Also Olli Schulz. „Das Essen bei meiner Oma war immer etwas sonderbar. Das wurde mir leider viel zu spät erst klar“, singt der dann zum Beispiel. Und stellt fest, daß nicht nur Omis Erbsensuppe „schmeckt, wie Pisse riecht“, sondern „Frisch gepreßt #409: Olli Schulz „Scheiß Leben, gut erzählt““ weiterlesen

Frisch gepreßt #408: Fleetwood Mac „Fleetwood Mac“ (Expanded Edition)

Wie Gewalt zwischen Menschen funktioniert, privat: das fragen Sie am besten (oder zweit-, dritt-, fünftbesten) mal Stevie Nicks.
Wir vernehmen ein leises Grummeln: Stevie wer? etwa die von Fleetwood Mac, diesem weichgespülten Schlagerpop-Dinosaurier aus Kalifornien, der mit seinen aufdringlichen Honigbomben „Go Your Own Way“ und „Don’t Stop“ seit vier Jahrzehnten das Autoradio verstopft und dafür sorgt, daß die auf dem Rücksitz kauernden Kinder die „Rockmusik“ erst zerschlagen, dann ganz neu erfinden, dann verbrennen und schließlich gar nichts mehr davon wissen „Frisch gepreßt #408: Fleetwood Mac „Fleetwood Mac“ (Expanded Edition)“ weiterlesen

Belästigungen 04/2018: Abgekürzt: Literatur und Leben, insbesondere (aber nicht nur) im öffentlichen Verkehrsmittel

Moderne Zeiten: Was immer wir tun, wir kürzen gerne ab. Was man sich vor zwanzig Jahren als Super-extended-Maxi-Mix ins sowieso pralle Regal schob, füllt heute als Klingelton kaum einen Nanometer auf der Telephonspeicherkarte. Und die Verwandtschaft, die man früher an den Weihnachtstagen in Halbtagesreisen per Kutsche quer durch Pampa und Tundra des Münchner Umlandes abklapperte, die besucht man heute bequem mit dem öffentlichen Verkehrsmittel, das der Münchner Bürger über Jahrzehnte mit seinem Steuergeld zu einem vollelektronisch gepowerten Transportsystem ausgebaut hat, bei dem altmodische Ärgernisse wie Verspätungen gar nicht mehr denkbar sind.

Zwar gibt die zuständige MVG offenbar den größten Teil ihrer Einnahmen für reichlich topfige Reklame und kryptische Digitalangaben zu Wartezeiten („1“ = ein bis zehn Minuten, „2“ = ein bis zehn Minuten usw.) aus, „Belästigungen 04/2018: Abgekürzt: Literatur und Leben, insbesondere (aber nicht nur) im öffentlichen Verkehrsmittel“ weiterlesen

Im Regal: Ulrich Greiner „Heimatlos – Bekenntnis eines Konservativen“

Ich bin, ich muß es gestehen, konservativ: Alles was gut, schön, wichtig und brauchbar ist, möchte ich mit solcher Vehemenz bewahren, daß mich das Gefasel von voranzutreibenden „Reformen“, „schmerzhaften Einschnitten“ und der Schädlichkeit jeglicher „Besitzstandswahrung“, das seit Jahren aus allen Kanälen dröhnt, schon als solches zur Raserei treiben kann. Auch die „Heimat“, die Ulrich Greiner im Titel beschwört, ist mir bis zur Irrationalität derart ans Herz gewachsen, daß ich (nur ein Beispiel!) den Abstieg des TSV 1860 in die bayerische Regionalliga als Jahrhundertsegen empfinde. Allerdings ist diese Heimat selbstverständlich nicht Deutschland, von dem ich weite Teile gar nicht kenne; sie läßt sich mit Landes- und anderen Grenzen überhaupt nicht bestimmen. Und auch die Dinge, die ich bewahrt sehen möchte, unterscheiden sich enorm vom „Im Regal: Ulrich Greiner „Heimatlos – Bekenntnis eines Konservativen““ weiterlesen

Belästigungen 3/2018: My Life in the Gestrüpp of Kausalität (und der Werthaftigkeit von Streichfett)

Normalerweise lese ich keine Zeitungen, der geistigen Hygiene wegen: Alles, was über die Augen in den Kopf hineingeht, hinterläßt dort Spuren. Wer schon mal versucht hat, die olfaktorischen Überbleibsel einer versehentlich verbrannten Kürbissuppe restlos aus der Wohnung zu entfernen, weiß: Da bleibt immer was, und wenn es nur ein eigentümliches Rüchlein am Rücken eines lange nicht zur Hand genommenen Büchleins aus der obersten Regaletage ist.

So geht es mir mit Zeitungen: Wenn ich ein ganzes Exemplar durchblättere, bündelt sich Bullshit in meinem Kopf, der sich mit stundenlangen Spaziergängen nicht mehr gänzlich hinauslüften läßt. Noch nach Tagen ploppt plötzlich irgend so ein Schmarrnsatz im Gedächtnis auf, und schon muß ich mich wieder ärgern, statt die Schönheit der Welt zu würdigen. Nach zwanzig „Belästigungen 3/2018: My Life in the Gestrüpp of Kausalität (und der Werthaftigkeit von Streichfett)“ weiterlesen

Belästigungen 2/2018: Was dem einen sein besorgter Bürger, ist dem anderen (vielleicht bald) sein Chinese (oder das Fieber?)

Viele Leute sind sehr besorgt. Das heißt: Bürger, in Deutschland; von anderswo weiß man das nicht so genau. Was ist zum Beispiel mit den Chinesen? Sorgen die sich auch? in solchem Maße gar, daß ein gut organisierter Flashmob der besorgten Chinesenbürger mit einem Hüpfer die Erde aus der Umlaufbahn schmeißen und zum Jupitersatelliten umwidmen könnte?

Und sind die überhaupt Bürger, diese besorgten Chinesen, wo ihr Land doch offizieller Sprachregelung zufolge als „kommunistisch“ gilt und die Unterschiede zwischen Bourgeois und Pöbel somit aufgehoben sein sollten? Und wie ist das wiederum bei uns, wo Verlautbarungen zufolge dem stetig schrumpfenden Häuflein Bürgertum ein ungeheurer Massenansturm unbürgerlicher Flüchtlinge gegenübersteht? Haben die Flüchtlinge keine „Belästigungen 2/2018: Was dem einen sein besorgter Bürger, ist dem anderen (vielleicht bald) sein Chinese (oder das Fieber?)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #406: Eminem „Revival“

Wie lange kann man leben, wenn man nicht schläft? 264 Stunden, sagt Randy Gardner, der das 1965 ausprobiert hat und immer noch lebt.

B. kann in den Wochen vor Weihnachten nie schlafen, sagt sie. Es treibt sie zu vieles um, vom Zustand ihrer Familie bis zum Zustand der Welt: Da erkennt sie Dinge, die andere nicht erkennen, während die Dinge, die andere erkennen, ihr unverständlich bleiben. Das dreht sich in ihrem Kopf, von dem sie vor allem in den frühesten Morgenstunden bisweilen befürchtet, er sei die Kugelachse des Universums. „Frisch gepreßt #406: Eminem „Revival““ weiterlesen

Belästigungen 1/2018: Wer die Krone der Schöpfung und wer an allem Unheil schuld ist

Früher lernte man in der Schule, der Mensch sei die Krone der Schöpfung. Was vielleicht gar nicht so falsch ist, wenn man genauer drüber nachdenkt: Kronen sind (von Bäumen mal abgesehen) meist ziemlich protzige, nutzlose, unförmige, sauschwere und unbequeme Dinger, die man (also: die Schöpfung) kurz mal zum Repräsentieren aufsetzt, wenn’s unbedingt sein muß, und dann wieder wegräumt. Anfangen kann man sonst nichts damit, im Gegensatz zu Schuhen, Hosen, Hemden, Mützen, Pullovern, Jacken, Mänteln, Handschuhen, Brillen, Socken, Kopfhörern, T-Shirts, Unterhosen, Schals, Taschen und dem ganzen anderen Zeug, das man noch so tragen kann.

Wenn also ein vorwitziger Mensch einer Stubenfliege zu verstehen gibt, er sei übrigens die Krone, sie hingegen höchstens das Hühneraugenpflaster oder „Belästigungen 1/2018: Wer die Krone der Schöpfung und wer an allem Unheil schuld ist“ weiterlesen

Frisch gepreßt #405: Icarus The Owl „Rearm Circuit“

Schallplatten sind rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.

„Schallplatten? Wovon redet er denn jetzt wieder?“

Zudem ist diese nicht nur rund, sondern offiziell gesprochen: „coke bottle clear“, also minimal blaugrün schattiert, aber durchblickdurchsichtig. Man kann sie rotierend vor die Welt stellen, auf Dinge legen und den erstaunlichen Effekt erleben, durch die Welt hindurch und hinter die Dinge blicken zu können, die dabei in anderem Licht erscheinen. Veränderte Wahrnehmung induziert Einsicht in kosmische Relationen. „Frisch gepreßt #405: Icarus The Owl „Rearm Circuit““ weiterlesen

Frisch gepreßt #404: Black Sabbath „The End – 4 February 2017 Birmingham“

Einem alten Freund war es mal vergönnt, Ozzy Osbourne gegenüberzusitzen. Das ist gut zwanzig Jahre her und hinterließ einen verheerenden Eindruck: Der Mann, erzählte der Freund, sei am Ende, der mache es nicht mehr lang. Den Tränen nahe beschrieb er eine fahle, gelähmte Halbtotenmaske, Hände, die zitterten wie Espenlaub im Herbststurm, eine kaum verständliche Grabesstimme, die mit minutenlanger Verzögerung Antworten auf nicht gestellte Fragen stammelte, eine körperliche Gesamtverfassung, die das Herbeirufen eines Sanitäters überflüssig scheinen ließ. „Frisch gepreßt #404: Black Sabbath „The End – 4 February 2017 Birmingham““ weiterlesen

Belästigungen 26/2017: Gleich und Selb: von Schlössern, Suiten, Burgen und deutschen Sonder(irr)wegen

Wenn zwei das gleiche tun, ist es meistens nicht dasselbe. Und ob es das gleiche ist oder als das gleiche betrachtet wird, hängt sehr stark von etwas ab, das man die jeweilige gesellschaftliche Verfaßtheit nennen könnte.

Zum Beispiel gilt es im Rahmen der Regeln, auf die sich unsere Herrschenden geeinigt haben, als durchaus normal, daß einer einen tonnenschweren, giftausstoßenden Blech-Plastik-Kasten auf öffentlichem Grund abstellt. Daß das grundsätzlich ganz und gar nicht normal ist, bemerkt man (falls man überhaupt noch was bemerkt), wenn ein anderer eine verrostete Badewanne oder einen alten Kühlschrank danebenstellt, der höchstens einen Zentner wiegt, niemanden töten kann (außer er fiele aus mindestens drei Meter Höhe „Belästigungen 26/2017: Gleich und Selb: von Schlössern, Suiten, Burgen und deutschen Sonder(irr)wegen“ weiterlesen

Frisch gepreßt #403: REM „Automatic For The People (25th Anniversary Edition)“

Himmel, wie die Zeit vergeht, wenn sie auf einem Nebengleis mit wenig Bahnhöfen dahinbummelt und wir nicht drinsitzen und ab und zu auf „Halt“ drücken. Fragen Sie mal den Pharao Khufu, der sich bei seinen Zeitgenossen so unbeliebt machte, daß sie seine Pyramide nach einem ortsansässigen Schäfer benannten, um seinen Namen nicht in den Mund nehmen zu müssen. Oder fragen Sie die Pyramide selbst, von der die Geschichtsschreiber, denen Khufu seinen schlechten Ruf verdankt, auch schon nur wußten, daß sie seit ein paar Jahrtausenden in der Gegend herumstand und möglicherweise gar nichts „Frisch gepreßt #403: REM „Automatic For The People (25th Anniversary Edition)““ weiterlesen