Im Regal: Jonathan Coe „Liebesgrüße aus Brüssel“

Es ist zweifellos eines der seltsamsten Gebäude, die auf dieser Welt herumstehen: das Atomium in Brüssel, zur ersten Nachkriegsweltausstellung 1958 errichtet als alles überragendes Symbol für die alles überragende Bedeutung der „friedlichen Nutzung der Kernenergie“, die als ideologischer Überbau und Popanz für die totale Technisierung irdischen Lebens herhalten mußte.

Aus heutiger Sicht bietet diese krause Veranstaltung das halkyonische Bild einer putzigen Idylle im „Kalten“ Krieg während der sogenannten „Tauwetterperiode“. Mit dem Zweiten Weltkrieg im Rücken und einer suizidal anmutenden Begeisterung für atomare Vernichtung (aus Motiven, die sich heute weder erklären noch nachvollziehen lassen) als Dauergrusel im Hinterkopf mag es verständlich wirken, daß man die wirre, lebensgefährliche Gegenwart und den mörderischen Abgrund der jüngeren Vergangenheit lieber ausblendete und sich euphorisch dem rückhaltlosen Zukunftswahn ergab, der heute noch als Echo aus jedem Politikergequassel herausschallt. Den Wettkampf der Massentötungstechnologien zum Mühen um das Wohl der Menschheit umzudeuten, war freilich reiner Irrwitz, aber zumindest psychologisch möglicherweise erklärbar. „Im Regal: Jonathan Coe „Liebesgrüße aus Brüssel““ weiterlesen

Frisch gepreßt #331: Robbie Williams „Under The Radar Vol. 1“

Es soll ja sogar vorkommen, daß Songs nach einem Zuhause schreien. Weil bei Robbie Williams bekanntermaßen alles vorkommen kann, was irgendwie absurd und ein bisserl deppert, gerade deswegen aber so hinreißend komisch ist. Jetzt haben also 14 Songs nach einem Zuhause geschrien, und Robbie hat ihnen eines gegeben, ist schließlich bald Weihnachten, da kriegt man ein weiches Herz, wenn man nicht sowieso eines hat, was in diesem Fall kaum umstreitbar ist. „Frisch gepreßt #331: Robbie Williams „Under The Radar Vol. 1““ weiterlesen

Im Regal: Gabriele Goettle „Haupt- und Nebenwirkungen. Zur Katastrophe des Gesundheits- und Sozialsystems“

Das Sozialsystem (nicht nur, aber tatsächlich ganz besonders) unseres Landes ist ein Tummelplatz für Idioten: nützliche Idioten wie Politiker, Ärzte und Funktionäre, die in ihrer kollektiven Verblödung den Befehlen und Verlockungen einer wahnsinnig gewordenen Lobbymafia verfallen, und zynische Idioten, die angesichts der unfaßbaren, mörderischen Zustände und Vorgänge die Arme verschränken – ja nun! So ist er eben, der Kapitalismus, gelt? – und mit arrogantem Balkongrinsen auf die theoretische Bibliothek verweisen, der das alles doch seit Jahrzehnten, Jahrhunderten zu entnehmen sei; q. e. d. Damit solle man sich halt mal beschäftigen, dann werde man das schon kapieren, und ändern könne man das nur, wenn man grundsätzlich alles ändere.

Es geht im Sozial- und Gesundheitssystem aber nicht darum, irgend etwas herzuleiten, abzuleiten, zu durchdringen und dozieren zu können; sondern es geht wenigstens vordringlich darum, in frustrierender Sisyphos-Ameisenarbeit den politisch gewollten oder zumindest in Kauf genommenen Beschiß und (so übertrieben das klingen mag) Massenmord zu bremsen, der seit den „Reformen“ der Schröder/Fischer-Bande ein Ausmaß angenommen hat, das jedem, der davon in Einzelheiten erfährt, die Haare zu Berge stehen läßt. „Im Regal: Gabriele Goettle „Haupt- und Nebenwirkungen. Zur Katastrophe des Gesundheits- und Sozialsystems““ weiterlesen

Im Regal: Raffael Chirbes „Am Ufer“ (2014)

Wenn es ein Symbol der sogenannten „Krise“ gibt, die in Südeuropa wie ein sozialer Tornado wütet und ja vielleicht – wenn man den Menschen und somit auch den von ihm entfesselten kapitalistischen Prozeß von Wachstum und Vernichtung zur Natur rechnet – tatsächlich die „Naturkatastrophe“ ist, als die sie beschämte Apologeten erscheinen lassen möchten, dann sind das die Betonskelette ungeborener Häuser, die seit Jahrzehnten in zunehmender Dichte die Küsten des Mittelmeers säumen. Auch auf dem Titel dieses Buchs ist ein solches sinnloses Monstrum zu sehen, hingestellt in der Hoffnung auf Geld und unfertig stehengelassen, nachdem das Geld dorthin verschafft war, wo es hingehört.

Spanien, wir wissen es, ist ein Hauptlabor der „Krise“, wo fast niemand mehr arbeitet und die wenigsten noch etwas haben (die dafür um so mehr), wo man klagt und leidet, protestiert und mit immer brutaleren Mitteln weiterhin Geld zu Geld umverteilt. „Im Regal: Raffael Chirbes „Am Ufer“ (2014)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #329: Bryan Ferry „Avonmore“

Contenance, die vornehm blasse Cousine, ist das distanzierteste Mitglied der Großfamilie Elegance, die schon insgesamt nicht übermäßig sociable ist und das smoothe, reclusive Countryside-Leben allemal dem nervösen Treiben in den irdischen Metropolen der Mittelmäßigkeit und Betriebsamkeit vorzieht. Von der Contenance erzählt man sich beispielsweise folgende Anekdote: „Frisch gepreßt #329: Bryan Ferry „Avonmore““ weiterlesen

Frisch gepreßt #328: Led Zeppelin „Houses Of The Holy (Remastered Deluxe Edition)“

1973 war ein merkwürdiges Jahr, eine grenzwertig pubertäre Mischung aus Exzeß und Psychose, aus deliriös betrunkenem Sex auf dem Hochseil und dem tiefsten Abgrund verkaterter Heuldepression. Sogar Slade, die Knallfroschabteilung der gerade noch flammenden, flirrenden und flitternden Glamrockszene, schrieben damals Balladen! Zu schweigen von Roxy, Bowie, Cockney Rebel – allerorten epochale Trauer, aufgepumpt mit Weltschmerzpathos und Nebelschwaden von Kokain oder vielmehr deren Nachwehen. „Frisch gepreßt #328: Led Zeppelin „Houses Of The Holy (Remastered Deluxe Edition)““ weiterlesen

Belästigungen 02/2015: Ein paar ironiefreie Bemerkungen zu Charlie Hebdo, „Pegida“, „Bagida“, „Mügida“ und einigem anderen

Am 22. Juli 2011 erschoß ein Mann in Norwegen 77 Menschen. Am 7. Januar 2015 erschossen drei Männer in Paris 17 Menschen.

Der norwegische Mörder gab an, er habe sein Land gegen den Islam und einen sogenannten „Kulturmarxismus“ verteidigen wollen. Im Urteil spielte diese idiotische Begründung keine Rolle, auch in der Berichterstattung behauptete meines Wissens niemand, es habe sich um „christlichen“, „antiislamischen“ oder „antimarxistischen“ Terrorismus gehandelt. Die Pariser Mörder sollen vor ihrer Tat „Allahu akbar!“ gerufen haben. So gut wie keine Meldung zu dem Anschlag kommt ohne den Begriff „islamistischer Terror“ aus.

Es ist viel davon die Rede, es sei dabei um Karikaturen gegangen. Es müsse, so heißt es, auch weiterhin möglich sein, Witze zu machen, ohne erschossen zu werden. Dies ist zweifellos richtig. Es ging bzw. geht aber in beiden Fällen weder um Karikaturen noch um Witze noch um Meinungsfreiheit, und es geht auch nicht um den Islam. „Belästigungen 02/2015: Ein paar ironiefreie Bemerkungen zu Charlie Hebdo, „Pegida“, „Bagida“, „Mügida“ und einigem anderen“ weiterlesen

Frisch gepreßt #327: Thurston Moore „The Best Day“

Im späten Oktober und frühen November kommt die Welt langsam zum Erliegen, und in den Lücken und Rissen der fransig werdenden Entwicklung tauchen alte Gesichter auf, was nicht immer unbedingt erfreulich ist. Wer mag und entsprechend gestimmt ist, kann den ganzen Winter in Reminiszenzen baden – neue Alben von Prince, Lenny Kravitz, Farin Urlaub, Bob Seger, Pink Floyd, AC/DC, Holly Johnson bieten hinreichend Material zur Fortsetzung oder Wiederaufnahme verwehter Jugendlichkeiten diverser Art als nicht immer lustige Farce, und selbst Billy Idol ist als gebleichter Barbie-Ken aus dem Formaldehydkessel erstanden, um noch mal so zu tun, als wäre er Billy Idol. „Frisch gepreßt #327: Thurston Moore „The Best Day““ weiterlesen

Belästigungen 01/2015: Aufbruch 2015 – Mit dem „sexiest man alive“ in den deutschen Wald

Neulich brachte ich auf dem Berliner Hauptbahnhof die achtundfünfzig Minuten Zeit des Wartens auf meinen Zug nach Augsburg damit zu, mich verdächtig zu machen, indem ich im ungefähren Kreis durch die Hallenetagen flanierte, ohne die vollkommen uninteressanten Schaufenster und Fettbapp-Ausgabestellen eines Blickes zu würdigen. Da teilte mir ungefragt und unvermittelt ein Spalier von Leuchttafeln im Vierminutentakt mit, ein Chris Hemsworth sei zum „sexiest man alive 2014“ gewählt (!) worden.

Ich habe noch nie etwas von einem Chris Hemsworth gehört, der laut ergänzender Information „Dreifach-Papa und Ehemann“ ist, was ihn aber sicherlich noch nicht zum „sexiest man alive“ qualifiziert. Dreifachpapas und Ehemänner gibt es schließlich mehrere, möchte man meinen, und besonders sexy (also als Partner zur Durchführung eines Geschlechtsverkehrs wünschenswert) sind die wenigsten davon. Es muß, denke ich, wohl eher was Berufliches sein, aber was hat Chris Hemsworth wohl für einen Beruf? Und wieso habe ich übrigens keine Wahlbenachrichtigung erhalten? „Belästigungen 01/2015: Aufbruch 2015 – Mit dem „sexiest man alive“ in den deutschen Wald“ weiterlesen

Frisch gepreßt #326: Johnny Marr „Playland“

Es ist kein leichtes Los, „nur“ der Gitarrist einer Band zu sein, deren optisches und öffentliches Aushängeschild und Sprachrohr eine singende Galionsfigur ist. Fragen Sie mal Jimmy Page, Phil Manzanera oder Steve Jones. Oder fragen Sie John Squire, Bernard Butler, Mick Ronson – die kennen Sie alle nicht? Na eben. Fragen Sie zur Not Noel Gallagher, der kennt das schon auch. „Frisch gepreßt #326: Johnny Marr „Playland““ weiterlesen

Frisch gepreßt #325: Stephan Zinner „Wuide Zeit“

Man könnte (oder: muß) dem Zinner Stephan eine gewisse Profilunschärfe attestieren, weil: Was ist der jetzt eigentlich – Schauspieler? Kabarettist? Liedermacher? Oder anders gefragt: Kann einer unter Achternbusch an den Münchner Kammerspielen agieren, beim Salvatoranstich den Söder geben, für Marcus Rosenmüller die Kinoleinwand zieren, mit einem Soloprogramm über die Kabarettbühnen ziehen, im „Tatort“ und bei den „Rosenheim-Cops“ herumhüpfen und sich dann noch als womöglich ernsthafter Singer/Songwriter hinstellen, ohne daß es ihn zerreißt? „Frisch gepreßt #325: Stephan Zinner „Wuide Zeit““ weiterlesen

Belästigungen 25/14: Vom Schaden des Methanolabbaus (und anderen weihnachtlichen Leiden und Plagen)

Es ist ein großer Segen, daß der Mensch vernunftbegabt ist. Das erkennt man am besten am Einzelfall. Zum Beispiel lieferte sich vor einiger Zeit ein offensichtlich höchst vernünftiger Mann ins Hamburger Universitätsklinikum ein, weil er sich in einem Anflug praktischer Kritikfähigkeit eine zusammengerollte Ausgabe der „Bild am Sonntag“ in den Hintern geschoben hatte und sie nicht mehr selbsttätig herausbekam – was logisch ist: Schädlinge lassen sich ungern aus ihrem natürlichen Habitat entfernen.

Um so verwunderlicher, daß der Mensch als Kollektivwesen so wenig Mühe darauf verwendet, sich die Vorweihnachtszeit anal einzuverleiben, um sie ein für alle Mal aus den Weltläufen zu eliminieren. Statt dessen fügt man sich ins scheinbar Unvermeidliche, ruiniert sich Leber und Galle mit Zimtzuckerplörre, ramscht die Kaufhäuser leer, ohne sich die erworbenen Konsumgegenstände hinterher wenigstens in den Arsch zu stopfen, rotiert wie Brummkreisel durch ein entfesseltes Inferno von grellbuntem Alarmlicht und klingbingdingender Schallfolter, gegen das eine Helene-Fischer-Zurschaustellung geradezu humanitär wirkt, und am Ende sitzt man dann im trauten Familienkreis und erwägt insgeheim effektive Maßnahmen zur gegenseitigen Auslöschung, die oft nur daran scheitern, daß man sich Feuerzangenbowle und Massenvernichtungsplätzchen nun mal selbst verabreichen muß und damit in den meisten Fällen aufgrund vollständiger Lähmung und Kontrollverlust kurz vor Erreichen der tödlichen Dosis aufhört. „Belästigungen 25/14: Vom Schaden des Methanolabbaus (und anderen weihnachtlichen Leiden und Plagen)“ weiterlesen

Belästigungen 24/2014: Rettet die Fettmutanten (und Kolumnisten) vor der frischen Luft!

Ich werde ab und zu gefragt, was ich eigentlich esse. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, daß es heutzutage als olympische Leistung gilt, sich nicht als menschliches Äquivalent eines modernen, im Vergleich zu seinen Vorfahren auf titanische Ausmaße angeschwollenen Automobils durch die Welt zu schleppen. Denke niemand, ich wollte fettleibige Menschen diskriminieren, wie das unter amerikanisierten Fitneßgerippen seit einiger Zeit in Mode ist (wie der heutige Bewohner der kapitalisierten Welt ja überhaupt immer irgendwen oder -was diskriminieren muß, weil ihm sonst seine Identität in den unteren Bereich der Hose rutscht, aber das gehört jetzt nicht hierher).

Nein, das möchte ich ganz und gar nicht; einige meiner besten Freunde sind fettleibig und haben davon wenig Gewinn. Suchen wir uns lieber einen wohlfeilen Schuldigen, schließlich sind wir hier bei den Medien! „Belästigungen 24/2014: Rettet die Fettmutanten (und Kolumnisten) vor der frischen Luft!“ weiterlesen