
Zwei Riesenräder drehten sich diesen Sommer, am Königsplatz und im Olympiagelände, zwei der unwirtlichsten Plätze in dieser Stadt, die sich seit Jahrzehnten solche Mühe gibt, ein unwirtlicher Ort zu sein für Arbeitsnomaden ohne Muse, ohne Freigeist und Hintersinn. Die Riesenräder hat man den Münchnern hingestellt, ein paar Fahrgeschäfte, Würstchen- und Zuckerbuden dazu, weil wohl jemand dachte: Ein bißchen Kultur braucht der Mensch in Zeiten des Lockdowns, sonst geht er ein; und das sei doch eine Kultur, wie sie gerne genommen wird. Hauptsache bunt, laut und versalzen. Da kann man sich vergessen, ein paar Stunden lang, bevor es wieder hinausgeht ins falsche Leben zwischen Arbeitsplatz und Fernseher. „Ohne Bühne … gibt es nichts (auch keine Literatur).“ weiterlesen

Wenn man herausfinden will, wie etwas geht und wie weit man mit etwas gehen kann, macht man am besten ein Experiment. Zum Beispiel läßt sich die Wuppdizität eines Gummirings relativ leicht überprüfen, indem man ihn an den Oberschenkel des Biergartennachbarn fitzen läßt, und wie lang man ihn ziehen kann, zeigt sich, wenn man ihn lang genug zieht.
Wann die Nazis den zweiten Weltkrieg gewonnen haben, ist schwer zu sagen. War das 1984, als Michael Jackson mit „Thriller“ zum größten Popstar aller Zeiten wurde? Oder war es 1991, als die Sowjetunion unterging und mit ihr die Idee von Gleichheit, Solidarität und Befreiung von Ausbeutung durch das Kapital selbst als jahrzehntelang massenhaft pervertierte utopische Möglichkeit aus der Welt verschwand?
Seit ein paar Wochen haben wir eine Mitbewohnerin. Sie ist relativ unauffällig, verschwindet täglich stundenlang irgendwohin, wo man sie selbst dann nicht findet, wenn man sie sucht. Dann wird ihr wieder langweilig, oder sie braucht Unterhaltung und Nähe, und schon kommt sie wieder daher und nimmt ein bisserl am häuslichen Sozialleben teil.
Was man über die bayerische (und speziell die Münchner) Kultur im allgemeinen wie im besonderen weiß, läßt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Beim Bier hört der Spaß auf. Weil beim Bier die Freude losgeht.
Wie er hierher, in diese Gegend, geraten konnte, war dem Fremden hernach schleierhaft (wie vieles). Dunkel nur erinnerte er sich an Gestalten, die ihm solches empfahlen, auf halbem Weg zum Herzen der vielgerühmten Münchner Gemütlichkeit, die sich indes stetig weiter zu entfernen schien, ein verhangenes Mythengezücht, das allüberall, wo er gewesen war, nur ein krauses Haupt von Nebelzozen recken und feistfrech abkassieren hat wollen für einen Haufen Glutamat-Aas im Darm, laues Halbvollgewäsch, dröhnendes Klimaanlagengerappel, umbrummt von Hartz-IV-Elend mit Ikeaschürze, Launenhavarie und Scangerät.