Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): NRFB „Trüffelbürste“

Sogenannte Kulturexperten rufen in letzter Zeit gerne mal eine „neue Ernsthaftigkeit“ aus und führen als Beleg das eine oder andere Produkt aus den aktuellen Programmen deutscher Großverlage an. So lächerlich und idiotisch derartige Epochenhubereien auch sind, man kann sie doch irgendwie verstehen, schließlich überbieten sich dieselben Großverlage regelrecht und –mäßig darin, den Rest ihrer wuchernden Kataloge mit eilverschrifteten Comedynummern, Lebenshilfepersiflagen und allen nur denkbaren Erscheinungsformen ranziger Ironie zuzuschäumen, deren Lachzwangfaktor so unendlich unerträglich ist, daß man sich die Haare ausreißen und ein Grundschulpflichtfach Melancholie und Welthaß einführen möchte. „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): NRFB „Trüffelbürste““ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): (Never) Mind The Buzzcocks!

Im Jahr 2004 machten mich mehrere Leute darauf aufmerksam, ich müsse die Kaiser Chiefs verklagen, weil sie sich auf ihrer Single-B-Seite „Born To Be A Dancer“ ausgiebig bei meinem Song „Out There (The Loveless Europeans)“ bedient hätten. Ich reagierte darauf mit leicht verschämter Zurückhaltung, weil ich mich in dem Song selber ausgiebig bedient hatte, nämlich bei der Buzzcocks-Single „Everybody‘s Happy Nowadays“. Und weil das niemand bemerkt hatte, weil offenbar niemand mehr die Buzzcocks kannte, was ich zu beschämend, peinlich und traurig fand, um es erklären zu können. Es war ja nicht das erste Mal, daß die Buzzcocks in Vergessenheit geraten waren: Als eine Band namens Fine Young Cannibals 1987 mit „Ever Fallen In Love“ die britischen Top ten stürmte, erntete der Hinweis auf die wahren Urheber auch nur fragende Gesichter. „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): (Never) Mind The Buzzcocks!“ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): Queen – eine Kaufanleitung

Bei keiner Band der Weltgeschichte (sagen wir: seit Caesar und Kleopatra) scheiden sich die Geister so wie bei dieser – und zwar tausendfach, jeweils in zwei Lager. Pop oder Rock? Classic oder spät? Mercury, May, Deacon oder Taylor? Kitsch oder Erde? Ziehen wir ein paar Trennlinien, denn eines ist allen Lagern klar: ein Leben ohne Queen ist wie ein Leben ohne Sex. Oder ein Leben ohne Science Fiction. Oder ein Leben ohne Stehausschank, Gummibärchen, Fußball. Oder so … „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): Queen – eine Kaufanleitung“ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): Jesus und Heroin – ein Interview mit Nick Cave (1997)

Ich hab ein paar von deinen letzten Interviews gelesen. Sieht so aus, als würdest du es nicht besonders mögen, interviewt zu werden.

Nein, mag ich nicht.

Ist das, weil du denkst, Musik sollte für sich selbst sprechen?

Well, ich fühle mich meiner Plattenfirma gegenüber verpflichtet, ein paar Interviews zu geben. Ich verdanke ihr viel. Ich bin gerne bei dieser Firma, sie erlauben mir zu tun, was immer ich will, und unterstützen mich total. Ich weiß, daß sie mich nicht rauswerfen werden, egal was ich ihnen liefere. Ein Weg, ihnen etwas zurückzuzahlen, ist, ein paar Interviews zu geben. Also tu ich’s. „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): Jesus und Heroin – ein Interview mit Nick Cave (1997)“ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): Mumm-Ra „These Things Move In Threes“

Gerade bin ich an einem Zimmer vorbeigekommen, in dem kraftvoller moderner Rock lief, und da ist mir der wesentliche Unterschied zwischen Mumm-Ra und dem Rest des Musikgeschäfts aufgefallen: Diese Band will niemanden „überzeugen“, nichts „erobern“ (etwa ein „Marktsegment“), sie hat weder Struktur noch Strategie, ist keine Marke, eigentlich nicht mal eine Band, sondern ein wild pumpendes Herz, dem alles wichtig ist, was in der „Realität“ nicht vorkommt, Liebe vor allem, Liebe und noch mehr Liebe. „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): Mumm-Ra „These Things Move In Threes““ weiterlesen

2005: like Punk never happened!

Im Januar 2005 saß ich mit Fritz Ostermayer und Thomas Meinecke zusammen und sollte öffentlich (fürs Radio) darüber diskutieren, welches Album das derzeit und vielleicht sogar für die „Zukunft“ wichtigste oder beste oder irgend so was sei. Ich weiß: eine saudumme Frage, auf die man am besten mit zugehaltenen Ohren „Lälälälälä!“ antworten sollte, aber diesmal fiel mir die Antwort ausnahmsweise leicht.

Was Fritz vorspielte, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich Tocotronic oder irgend so einen Konsensscheiß. Fritz ist ein netter Mensch. Thomas setzte auf die Blood Brothers, auch irgendwie typisch: gut gemeint im Sinne von „Innovativ heißt unerträglich“, ein Haufen Krach mit Quäkstimme, as if 1993 never went away. „2005: like Punk never happened!“ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): Broken Social Scene „Forgiveness Rock Record“ (2010)

Gegen moderne Mythen ist schwer anzugehen, z. B. gegen den, Broken Social Scene sei eine musikalisch ganz besonders wertvolle Sache, wegen der Vielseitigkeit und den „sprudelnden“ oder „sprühenden“ Ideen etc. Man könnte die Einleitung dieses Albums heranziehen und feststellen, daß es sich dabei um ein müdes, spannungsfreies Geklöppel handelt, man könnte den Großteil der weiteren Stücke als schematisch aufgebaute, mit Unmengen von Tricks, Effekten und Geräuschen verkleisterte Primitivkompositionen entlarven und wird trotzdem zu hören bekommen, das alles sei doch wahnsinnig einfallsreich und versponnen. „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): Broken Social Scene „Forgiveness Rock Record“ (2010)“ weiterlesen

Wie sich David Bowie einmal leicht verspätete (kein Nachruf)

Tage, an denen Alben von David Bowie erscheinen, sind für Menschen unserer Generationen lebensgeschichtliche Kerben, die der ersten Zigarette, dem ersten Orgasmus, dem ersten High, der ersten Trennung, der ersten Auslandsreise und der ersten Begegnung mit der großen Liebe mindestens nahekommen. Ich weiß noch, wie ich in den Fernseher gaffte, als „Aladdin Sane“ erschien: als hätte sich eines jener Portale in andere Universen geöffnet, von denen in „Raumschiff Enterprise“ immer nur geraunt wurde. „Wie sich David Bowie einmal leicht verspätete (kein Nachruf)“ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #3: Schnipo Schranke „Satt“

 

Das Interessante (wenn überhaupt) an moderner, nein, sagen wir: zeitgenössischer (um die entwicklungsfreie stilistische Beliebigkeit des entsprechenden Genres auf dem Kunstmarkt als Referenz herbeizuziehen) Popmusik ist ja im Normalfall nicht die Musik selbst, sondern wie sie zum Medien- und also überhaupt: Phänomen wird.

Dazu muß sie einerseits ziemlich normal sein, darf also weder intellektuell noch ästhetisch übertriebene (oder irgendwelche) Ansprüche an den erwünschten Rezeptor stellen, „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #3: Schnipo Schranke „Satt““ weiterlesen

Thunders, Johnny (ein Lexikoneintrag)

Trug die höchsten (ernstgemeinten) Absätze der Menschheitsgeschichte und den wunderbarsten Künstlernamen, den man sich für einen Popstar erträumen könnte; dabei hieß er schon in Wirklichkeit Johnny Genzale und sah nicht einfach nur gut aus, sondern strahlte mit seinem Gesicht solche Mengen an verdorbener Unschuld, Einsamkeit, Tragik, Rebellion und Sex-appeal in die Welt hinein, daß daneben ein Würstchen wie James Dean wie ein behaarter Salzstreuer wirken mußte. Johnny Thunders war schon Gott, bevor er auch nur einen Finger an die Saite legte. „Thunders, Johnny (ein Lexikoneintrag)“ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #2: The Futureheads „The Futureheads“ (2005)

Weil der Zeitgeist zur Zeit so geistert, druckte ein englisches Musikmagazin neulich eine Liste der 20 größten „Post-Punk“-Songs: „Permafrost“ (Magazine), „I Am The Fly“ (Wire), „I Found That Essence Rare“ (Gang of Four), „Complicated Game“ (XTC) – im emotionalen Gedächtnis einzementierte Unwiederholbarkeiten musikalischen Wagemuts aus der Aufbruchszeit von Herbst 1978 bis Herbst 1979, als im Windschatten der implodierten Punk-Rakete soviel Unerhörtes und Unfaßbares auf den Plattenteller kam wie nie zuvor und nie danach. Joy Division, Siouxsie & The Banshees, Cabaret Voltaire, Josef K, Suicide, Devo … Dekoriert ist die Liste mit zwei Photos: eins von den Talking Heads, eins von einem Quartett aus Sunderland, dessen Mitglieder damals noch nicht mal geboren waren – The Futureheads („Meantime“, Platz 7). Wie geht jetzt das? „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #2: The Futureheads „The Futureheads“ (2005)“ weiterlesen

Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #1: Howler „World of Joy“ (2014)

Das Problem mit dem Rock ’n’ Roll besteht darin, daß er so leicht zu imitieren ist, weil die Zutaten so simpel sind: lauter Rhythmus, ein paar noch lautere Melodie- und Harmonieinstrumente, Stimme (die keinerlei fachlich zu bewertende Qualität haben muß) und eine unklare Attitüde von Zorn, Trotz, Verweigerung und Sehnsucht, die sich jeder Ergründung und Definition entzieht. „Krach und Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren) #1: Howler „World of Joy“ (2014)“ weiterlesen