Frisch gepreßt #372: Ramones „Ramones (40th Anniversary Edition)“

„One Two Three Four!“

(Womit die kürzeste Schallplattenrezension der Welt an genau der Stelle zu Ende wäre, an der alles gesagt ist: vier Männer in vier Kleidungsstücken – Jeans, T-Shirt, Lederjacke, Turnschuhe – spielen in vier Tagen das größte Popalbum aller Zeiten und eines der prägendsten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte ein; es dauert vierzig Jahre, bis die Welt das verstanden hat. Aber wir wollen noch ein bißchen erzählen.) „Frisch gepreßt #372: Ramones „Ramones (40th Anniversary Edition)““ weiterlesen

Frisch gepreßt #369: Marvin Gaye „Volume Three – 1971-1981″

Das Leben geht manchmal viel zu schnell. Man dreht sich dreimal um, schon ist es dahin, eine Epoche vorbei, hat sich alles verändert, ohne daß man es bemerkt hätte oder auf einen Punkt deuten könnte, an dem etwas verschwunden wäre.

21. Mai 1971: Ein Berliner Gericht verkündet die Urteile im Prozeß um die Befreiung des Kaufhausbrandstifters Andreas Baader. Die meisten Beteiligten, auch Baader selbst, bereiten derweil im Untergrund einen Guerillakrieg vor und haben einen Monat zuvor ihr Manifest „Das Konzept Stadtguerilla“ veröffentlicht. „Frisch gepreßt #369: Marvin Gaye „Volume Three – 1971-1981″“ weiterlesen

Frisch gepreßt #371: Fuck Yeah! „Fuck Yeah!“

Manchmal muß was raus aus einem. Zum Beispiel mußte nach dem zweiten EM-Spiel des späteren EM-Zweiten Frankreich in diesem Sommer (erinnert sich noch wer?) etwas raus aus einem Mann namens Paul Pogba, der zum Zwecke des Herauslassens eine Geste machte, die man als bras d’honneur kennt. Oder auch nicht kennt: Ein Großteil der beobachtenden Journalisten hatte zwar die Geste bemerkt, fing aber umgehend zu rätseln an, was das denn nun bedeuten solle. Die einen meinten: „Fuck you!“, die anderen „Fuck yeah!“, und das Bildungsbürgertum ließ umgehend auch was raus, nämlich sei das ein Skandal und beleidigend. „Frisch gepreßt #371: Fuck Yeah! „Fuck Yeah!““ weiterlesen

Frisch gepreßt #370: David Bowie „Hours“ (Remastered)

Wir müssen noch mal über David Bowie sprechen. Sollte man sowieso, da ist jeder Anlaß recht, auch der, daß zu seinem halbten Todestag oder halbten Siebzigsten jene drei Alben noch mal (man frage nicht, zum wievielten Mal) neu erscheinen, mit denen er nach dem abstinenzinduzierten Abstieg und dem Untergang mit Tin Machine ab Mitte der 90er künstlerischen Suizid beging und sich wiederfand.

Die 80er hatten den Mann, der im Jahrzehnt zuvor wie kein anderer aus tobendem Chaos triumphale Klarheit und hinreißende Schönheit geschöpft hatte, versehrt: 1990 gab es David Bowie nicht mehr. „Frisch gepreßt #370: David Bowie „Hours“ (Remastered)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #368: Barclay James Harvest „Everyone Is Everybody Else“

Die Erinnerung ist eine Trickdiebin: Fühlig zwitschernd gaukelt sie ihrem umgarnten Opfer Dinge vor, an die es sich vermeintlich – eben – erinnert, die als krauses Gewolke vor einem inneren Horizont erstehen und (weil wir Kinder unserer Zeit und Methoden sind) hollywoodmäßig vertont sind. Einwänden statistischer und archivalischer Natur entgegnet sie schlau lächelnd, es gebe dem zufällig vor zwei Jahren (vielleicht in diesem Sinne nicht) verstorbenen Physiker Hans-Peter Dürr zufolge weder Materie noch Energie, sondern nur etwas Verbindendes ohne materielle Grundlage, was man Geist nennen könnte. Also alles hinfällig, (gedachter) Punkt „Frisch gepreßt #368: Barclay James Harvest „Everyone Is Everybody Else““ weiterlesen

Frisch gepreßt #367: Annett Louisan „Berlin – Kapstadt – Prag“

In der geschlossenen Abteilung für schwere Fälle von Konsensverweigerung herrscht Unruhe, weil ein Langzeitpatient prominenten Besuch empfängt, dessen Zahl den bescheiden bemessenen Mediationsraum für Begegnungen von Drinnen und Draußen zu sprengen droht. Der zum Zwecke einer friedlichen Übereinkunftsanstrebung hinzugezogene Therapeut weist zunächst auf ein nicht unwesentliches Faktum hin:

„Geteilter Meinung zu sein, meine Damen und Herren, bedeutet nicht, wahllos bei Facebook geposteten Bullshit im Chor nachzuplärren.“ „Frisch gepreßt #367: Annett Louisan „Berlin – Kapstadt – Prag““ weiterlesen

Frisch gepreßt #366: Zuckerklub „Jeden Moment mit Myri am See“

Neulich saß ich mit Chio und Marlen in ziemlicher Seenähe in der Wiese, und während Rudi (auf dem Cover: 3. v. l.) wie eine plötzlich aus der Hege der Zivilisation herauserumpierende Verkörperung der wilden Natur durch die Gegend schoß, Hasen verbellte (oder begrüßte?) und sich in den sumpfigen Froschteich schleuderte, ratschten wir müßig über die Welt und fanden von München nach Berlin, landeten von Berlin wieder in München. „Frisch gepreßt #366: Zuckerklub „Jeden Moment mit Myri am See““ weiterlesen

Frisch gepreßt #365: Wire „Nocturnal Koreans“

Es gibt Gegenstände, die müßten, wenn sie mit der Post verschickt werden sollen, in ein unbemanntes Raumschiff gepackt und per Wurmloch durch 47 Dimensionen gejagt werden, wodurch ein elementarer Reinigungsprozeß in Gang gesetzt wird, der alles zerblippen läßt, was die reine Substanz verschleiert. Musik, etwa: Am Ende landete in zeitloser Ewigkeit das schimmernde UFO in ortlosen Räumen, bepackt mit einer kleinen Box mit ganz wenigen silbrigen Scheiben, die fast alle das Signet „Wire“ tragen. „Frisch gepreßt #365: Wire „Nocturnal Koreans““ weiterlesen

Frisch gepreßt #364: Kupfer „Der fette Tanz des Lebens“

Ich will das mal so sagen: Wenn man Kupfer mit einem anderen, weniger edlen Metall in der richtigen Weise zusammenbringt und dann mit dem Finger hinlangt, dann kann es einem ganz schön eine draufzünden. Diesen galvanischen Urmechanismus mußte in Urzeiten Abinadabs Sohn Ussa schmerzlich erleben, als er als Träger der Bundeslade das heilige Gerät verbotenerweise auf einen Ochsenkarren lud und dann, als es ins Schwanken geriet, mit der Hand hinlangte, um es am Herunterplumpsen zu hindern: Fatz! lag er da, vom Elektroschlag gefällt. „Frisch gepreßt #364: Kupfer „Der fette Tanz des Lebens““ weiterlesen

Frisch gepreßt #363: White Denim „Stiff“

Immer wenn der Schnee schmilzt, der Matsch verfließt in der milde lächelnden Frühlingssonne, erstehen vergessene Vergangenheiten wieder auf, in Form von Gegenständen und Gefühlen, aber auch als Lebenszusammenhang. Das ist nicht einfach bloß jahreszeitlich zu verstehen, sondern auch metaphorisch.
Zum Beispiel die elektrisch verstärkte Gitarre. Wie oft war man versucht, zu denken: Ach ja, gab es mal, waren lustige Zeiten, aber jetzt sind und herrschen andere, da muß man sich anpassen und das so nehmen und die kulturellen Fühler und Fühligkeiten entsprechend ausrichten. „Frisch gepreßt #363: White Denim „Stiff““ weiterlesen

Frisch gepreßt #362: Bumillo „Veit Club LP“

Eine Kurzeinführung in Charakter und Ursprung der mitteleuropäischen Kultur kommt nicht um eine zentrale Tatsache herum, gegossen in den ewiggültigen Merksatz: Eine Kneipe ist eine Kneipe (vulgo localo: Boazn). „Dann bestellen wir beim Kellner ein Bier und saufen so lang, bis was Lustiges passiert, und dann erzählen wir uns selber, wie wir dabei waren, als was Lustiges passiert ist“ könnte als Quintessenzregel und Summenformel der Weltfunktion das Leben als solches treffender beschreiben als Hekatomben unverstandener Ergründungsliteratur. „Frisch gepreßt #362: Bumillo „Veit Club LP““ weiterlesen

Frisch gepreßt #361: The 1975 „I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware“

Der Traum ist die Bibliothek der Erinnerungen; allerdings gelten dort äußerst eigentümliche, anderweltliche Naturgesetze: Bücher, Blätter, Pergamente und Schriftrollen stehen nicht etwa einer Ordnung von Ordnungen folgenden Ordnung gemäß in Regalen und Schränken, sondern treiben in verschlungenen Choreographien durch den Raum. Körperlose Wächter in Schleiern schweben schweigend, Kannen in den unsichtbaren Händen, aus denen sie Licht gießen, das erst zu strahlen beginnt, wo es Geschriebenes trifft und die urgeheimen Zeichen zu Schrift wandelt, die sich dem inneren Auge erschließt. „Frisch gepreßt #361: The 1975 „I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware““ weiterlesen

Frisch gepreßt #360: Jochen Distelmeyer „Songs From The Bottom Vol. 1“

Provisorischer Lexikoneintrag: Jochen Distelmeyer, 1967 in einer Stadt geboren, die es vermutlich gibt (Bielefeld), fing recht spät als „Bienenjäger“ an, sich musikalisch zu szenieren. Gründete als Zivi in Hamburg die Band Blumfeld, deren schroffkantiges Debüt „Ich-Maschine“ eine der wichtigsten deutschen Hipsterplatten (d. h. viel diskutiert, kaum gehört) der 90er wurde. Schuf 1994 mit „L’Etat Et Moi“ durch die Verarbeitung britischer Indiepopmusik (Wedding Present et al.), aber auch von Einflüssen aus der frühen NdW (etwa des notorischen Düsseldorfer KFC) und genialisch-subjektive textliche Hackstückverdichtung ein Meisterwerk von ungeheurer Schönheit und wundervoller Kraft. „Frisch gepreßt #360: Jochen Distelmeyer „Songs From The Bottom Vol. 1““ weiterlesen

Frisch gepreßt #359: Rihanna „Anti“

Obacht, der Mainstream-Drücker steht vor der Tür! Armer Kerl, freilich, will ja auch bloß sein Brot verdienen, indem er Klingeln putzt und jedem, der ihm in die Quere kommt, sein Zeug ins Hirn reibt, damit der es sich dann ins Trommelfell reibt und solcherart („Was? Noch nicht gehört!?“) weiter verbreitet.

Jetzt steht er da, betrachtet die Hirnbriefkästen und beschließt mal wieder, seine Sprachzugehörigkeit ein paar tausend Kilometer umzudefinieren, um „Keine Werbung! Wir wollen Müll vermeiden!“ nicht entziffern gekonnt zu haben. „Frisch gepreßt #359: Rihanna „Anti““ weiterlesen

Frisch gepreßt #358: Suede „Night Thoughts“

Ich weiß nicht, ob es für oder gegen die 90er oder für oder gegen die Zehner oder für oder gegen beide oder gegen die Wirksamkeit der dazwischenliegenden Nuller als Filter oder Damm oder Nährboden oder alles drei oder für gar nichts und gegen ebenso wenig spricht, jedenfalls: gehen die 90er einfach nicht weg. Oder vielleicht waren sie zwischendurch mal kurz draußen an der frischen Luft, das hat aber keiner bemerkt, weil wir so intensiv ins Gespräch oder den Sex oder irgendwas anderes vertieft waren?

Da sind sie jedenfalls, wieder, immer noch, wer weiß. Sicher ist: Wenn 1993 jemand gesagt hätte: „Wir werden auch in 23 Jahren hier sitzen und „Frisch gepreßt #358: Suede „Night Thoughts““ weiterlesen