Frisch gepreßt #312: Foster The People „Supermodel“

Musik für bewegte Landschaften ist ein hypermodernes, immakulat-utopisches Konzept – man darf es aber nicht falsch verstehen: Das neue Album von Kylie Minogue paßt da sonst auch hinein, weil es sich anhört wie ein Motor, der mit Sonnenblumensaft läuft, und weil es (wie viele Platten der letzten Jahre) ausdrücklich für Autobeschallungsanlagen produziert ist und sich dort, zwischen Blech, Glas, Polster und Elektronik, am besten anhört, am allerbesten bei hundertfünfzig auf einer vollständig leeren Autobahn zwischen synthetischen Wäldern und im 3-D-Drucker erstellten Kunststoffburgen. „Into The Blue“, „Million Miles Away“ … need we say more? „Frisch gepreßt #312: Foster The People „Supermodel““ weiterlesen

Frisch gepreßt #311: Neneh Cherry „Blank Project“

Der Jargon, in dem heutzutage über Popmusik verhandelt wird, ist wie ein ziemlich schlechter Witz, den sich tausend Leute gegenseitig erzählen, und zwar in einer Sprache, die keiner von ihnen beherrscht und von der die meisten höchstens ein paar Wörter ungefähr kennen. Darüber sollte man sich nicht beklagen, denn manchmal ist das Ergebnis recht erheiternd. Was Verben wie frickeln und schrammeln sowie die automatisch mit dem Salzstreuer im Text verteilten Adjektive von atmosphärisch bis deep, fett bis satt, nuanciert, affektiert, fein, klein, spröde, rund, kantig usw. usf. bedeuten, wird nie ein Mensch erklären oder auch nur herausfinden können, aber ein Schmunzeln mag man sich auch nicht verkneifen, wenn wieder mal ein gealterter Wollmützennerd mit päpstlichen Pathos litaneit, es werde auf einem „Werk“ dies und das und diese und jene angebliche Stilrichtung (von denen mangels Beschreibungsfähigkeit wöchentlich mindestens zehn postuliert werden müssen) nicht etwa gemischt, sondern verschmolzen, neuerdings geblendet und dabei doch stets zuverlässig versöhnt, ohne indes – das ist enorm wichtig, weil es ausnahmslos gilt – ins Irgendwiehafte oder -artige „abzudriften“. „Frisch gepreßt #311: Neneh Cherry „Blank Project““ weiterlesen

Frisch gepreßt #310: Morrissey „Your Arsenal“ (Definitive Master)

Call me Unbeholfenheit: Der Junge ist von Anfang an verdorben. Wird kaum überleben, sagen die Ärzte, tut es aber doch. Aufgewachsen im grauen Staubdreck von Manchester, frühe Sechziger, ein Einzelgänger, viel zu intelligent, dazu völlig unbegabt zu Uneindeutigkeit, Unehrlichkeit, Un … unzugänglich, unzulänglich. Papa begleitet Steven aufs T.Rex-Konzert, das sein Leben prägt: Da, Bühne, will, muß er hinauf und der Welt zeigen, wie sie ist, was er ist, daß das Leben mehr ist als das, was man im grauen Staubdreck von Manchester für eine Existenz hält. „Frisch gepreßt #310: Morrissey „Your Arsenal“ (Definitive Master)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #309: Nina Persson „Animal Heart“

Wie, wann und warum aus temporärer Verknallung Liebe wird, ist eine komplizierte Frage. Wahrscheinlich irgendwas mit Gewohnheit, die neben Langeweile, Neugier und Dummheit eine der wichtigsten Motivationsquellen unseres gesamten Handelns, Denkens und Fühlens ist. Man gewöhnt sich an fast alles, vom eigenen krummen Zehennagel bis zum nächtlichen Piepsgeräusch eines anderen Menschen, den ein Zufall (noch so ein Faktor, s. o.) an den Strand der Lebensinsel geschwemmt hat: Irgendwann verwächst das Fremde mit dem Eigenen und wird eins. „Frisch gepreßt #309: Nina Persson „Animal Heart““ weiterlesen

Frisch gepreßt #308: Lacrosse „Are You Thinking Of Me Every Minute Of Every Day“

Das Schlimmste am Winter ist seine Länge: Er dauert und dauert, kommt zurück, wenn er weg scheint, dauert und dauert wieder und will nicht mehr weggehen. Das ist aber auch das Schöne am Winter: wenn die Hoffnung auf den Frühling immer wieder wie ein hellblauer Schleier in die Seele weht, greifbar scheint, mit einem milden, melancholischen Lächeln vergeht, sobald man ihn fassen möchte. In diesen Momenten pulsiert die Seele, schwillt das Herz, und eigentlich kann man davon kaum genug bekommen – wie schnöde dagegen der „echte“ Frühling, wenn er dann brettlbreit in den Schlammpfützen der Schneeschmelze sitzt. „Frisch gepreßt #308: Lacrosse „Are You Thinking Of Me Every Minute Of Every Day““ weiterlesen

(Aus dem tiefen Archiv:) Frisch gepreßt #1: U2 „All That You Can’t Leave Behind“ (November 2000)

Im Herbst befällt manche Menschen die Katzenkrankheit. Man müßte so viel tun und machen, und manchmal denkt man sogar daran, aber vom Denken allein schreibt sich ja nicht einmal eine Kolumne, also sitzt man da, sieht aus dem Fenster oder in den Fernseher hinein und ignoriert die verzweifelten Zurufe aus dieser anderen Welt, wo immer jemand wissen will, wann und warum nicht.

Das heißt nicht, daß man nicht beschäftigt wäre. Man ist sogar sehr beschäftigt, zum Beispiel damit, auf den Akkord zu warten, diesen einen, der besonders weh tut. Den spielen U2. „(Aus dem tiefen Archiv:) Frisch gepreßt #1: U2 „All That You Can’t Leave Behind“ (November 2000)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #307: Bruce Springsteen „High Hopes“

Die Frage der Verehrlichkeit beziehungsweise Verwerflichkeit populärer Musik stellt sich kaum je irgendwo so dringlich und ambivalent wie bei dem 64jährigen Bruce Frederick Joseph Springsteen. Da hagelt es nur so die i/y-o-Wörter: Symptom, Ikone, historisch, Syndrom, Mythos … „Hero!“ brüllt der autofahrende Amerikaner dazu, steigt aufs Gas und wähnt sich im Stande sozialer Gerechtigkeit mittel Gitarrenakkord und Trommelknall (sein Nummernschild plärrt dazu den aus „Breaking Bad“ bekannten Slogan: „Live free or die!“) und ahnt nicht, daß er damit eine höchst sarkastische Beschreibung des Mannes, der ein Auto sein wollte, nachstellt, über die Tom Robinson schon 1977 nur mit Gänsehaut und Zunge in der Backe lachen konnte: „Furlined seats and lettered windscreen / Elbow on the window sill / Eight track blazing Brucie Springsteen / Bomber jacket, dressed to kill.“ „Frisch gepreßt #307: Bruce Springsteen „High Hopes““ weiterlesen

Frisch gepreßt #306: Haley Bonar „Wntr Snds“

Die Erdbeer-Gang, so benannt zu Ehren der bedauernswerten römischen Legionäre, die einst im Auftrag des Druiden Miraculix entsandt wurden, um zur absoluten Jahresunzeit Erdbeeren für einen vermeintlichen Zaubertrank zu erstehen, zieht Zwischenbilanz: Und wie (fast) immer ist es die der Erdbeer-Gang angemessenste Aufgabe, in den weiten Breiten zwischen Ural und Atacamawüste hörenswerte Musik zu entdecken, die zwischen 16. und 21. Dezember erscheint. „Frisch gepreßt #306: Haley Bonar „Wntr Snds““ weiterlesen

Frisch gepreßt #305: Billie Joe & Norah „Foreverly“

Daß es einen „Weihnachtsmann“, der irgendwie aus dem Amerikanischen herkäme, nicht gibt, ist so gut wie gesichert. Historisch-etymologischer Forschung des Instituts für galoppierenden Starksinn an der Freien Universität Schwabing zufolge geht die Benennung auf eine fehlerhafte mündliche Überlieferung des Wortes „Iron Man“ zurück (III. Transärmelkanalische Lautverschiebung), und der Kerl, der ab dem Spätsommer, wenn die Lebkuchenindustrie Vollzug meldet und ihre Erzeugnisse in die Kohlehydratabgabestellen der Unterschichtbezirke karrt, nächtens durch die Gegend streift und kleine Kinder schreckt, indem er mit seiner Rute wedelt und „Ho! Ho! Ho!“ grölt (ohne den historisch verbürgten Zusatz „Tschi-minh!“, der höchstens noch zu Zeiten von Grippeepidemien erklingt), – dieser zwielichtige Bursche ist natürlich niemand anderer als Ozzy Osbourne. „Frisch gepreßt #305: Billie Joe & Norah „Foreverly““ weiterlesen

Frisch gepreßt #304: Jake Bugg „Shangri La“

Mitten im Leben sind wir von Zukunft umgeben – so lautete das klassische Motto der Popmusik; viele Jahre lang versetzte sie uns in Hoffnungen und Träume von besseren Welten, Zuständen, Gefühlen … bis unser Rucksack so überladen war mit bonbonbunten Irrealitäten, daß ein kollektives Aufseufzen um die Welt zu wehen schien, wenn schon wieder jemand „neue Wege“ ging und etwas vordem nicht Versuchtes versuchte: Es wurde ja immer schwerer, war ja so vieles schon da und ging nicht mehr weg. „Frisch gepreßt #304: Jake Bugg „Shangri La““ weiterlesen

Frisch gepreßt #303: M.I.A. „Matangi“

Es ist eine wilde, wirre Welt, in der immer alles gleichzeitig passiert und das zu neunzig Prozent unbewußte Bewußtsein einem Hagel von Signalen, Zeichen und deren gleichzeitiger Deutung und Auslegung ausgesetzt ist.

Wer sein Leben mit rebelliöser bis relevantoider Popmusik gestaltet, weil Sex, Drogen und schönes Herbstwetter ohne Popmusik keinen Sinn haben, bei dem ist dieser Hagel ein alles umfassender Tornado. Es klirrt, scheppert, dröhnt, rummst, brüllt, säuselt, zupft und wabert, und vergeblich sucht man nach Ordnungen oder Ordnungssystemen, bis man endlich kapiert, wie’s geht: Hineinfallenlassen in den Ozean der Geräusche und Zufallsbotschaften, untertauchen, schwimmen, treiben. „Frisch gepreßt #303: M.I.A. „Matangi““ weiterlesen

Frisch gepreßt #181: Bauhaus „Go Away White“

Es gab einmal eine Zeit, da war Dracula nicht die ausgelutschte Blutlutschgestalt, als die er durch tausende langweilige Viertelgruselfilme und Kitschromane stiefelt, angebliche Jungfrauen erbleichen und sich selbst endlich einen Holzscheit ins Brustgehäuse hämmern läßt, immer mit irgendwelchen angeblichen erotischen Symbolen und Metaphern als Hintergrundtapete. Nein, da war Dracula ein Lebensmodell für tausende Großstadt-Jungmenschen, die sich in Kellerclubs versammelten, mit weißgepuderten Gesichtern, schwarzen Vogelnestern auf der Birne und in lange Third-Hand-Mäntel gehüllt eigentümliche tanzähnliche Bewegungen durchführten und ansonsten in Denkmalpose am Tresen standen, Bier tranken und per Zehn-Minuten-nach-dem-Suizid-Gesichtsausdruck ausdrückten, was für ein Untergang alles war.

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Frisch gepreßt #301: Das Weiße Pferd „Inland Empire“

„Wenn du heute gehst, nimm mit die Nacht“: Ein Mann ist aus der Wüste gekommen, geritten auf einem weißen Pferd, das man aus weiter Ferne zwischen den Kakteen und Agaven nahen sah, schwankend irgendwie, was aber vielleicht auch an der kochenden Luft liegen mag, die in Bodennähe die Sicht trübt, weshalb die Menschen hier dazu neigen, nach oben ins Weltall zu blicken, von dem sie sich seit Jahrhunderten, seit sie wissen, daß es da oben ein Weltall gibt, fragen, wieso es blau ist.

„Der Tag kommt von hinten“, sagt der Mann. Vielleicht. „Frisch gepreßt #301: Das Weiße Pferd „Inland Empire““ weiterlesen

Frisch gepreßt #298: Almut Klotz & Reverend Dabeler „Lass die Lady rein“

Es gibt Dinge im Leben, die sind so schlimm, dass man sie erzählen muss, weil man sie ertragen eigentlich nicht kann.

Vor Jahren war ich mal Schlagzeuger in einer Band, einen Abend lang. Das ging so: Tags zuvor spielten Almut Klotz und Rev Dabeler auf einer kleinen Münchner Bühne und sollten am nächsten Tag wieder auf einer kleinen Münchner Bühne spielen, die zufällig meine Wohnzimmerbühne ist. Es war (der erste) ein bezaubernder Abend, wie immer, wenn die beiden den Raum und die Nacht mit ihren schönen, weisen, witzigen, bescheidenen, melancholisch verdrehten und verwobenen Liedern füllten; nur fand ich die elektrische Beatbox, die normalerweise die rhythmische Leitplanke bildete, irgendwie schade und schlug deshalb (es gab auch Bier, ja) vor, sie am folgenden Abend durch ein lebendiges Schlagwerk zu ersetzen. Prima Idee, fand Almut mit ihrer gewohnt geduldigen Milde und fröhlichen Neugier, Rev nickte sein gelassenes Nicken, und schon war ich Schlagzeuger, besorgte mir von einem guten Freund eine dieser modischen Klopfkisten, und nach einer knappen Viertelstunde Proben waren wir eine Band, für einen Abend. Es war ein famoser, intimer, höchst belustigender und fröhlicher Abend, den eine große Wärme erfüllte. Besser kann ich das nicht beschreiben, tut mir leid. „Frisch gepreßt #298: Almut Klotz & Reverend Dabeler „Lass die Lady rein““ weiterlesen

Frisch gepreßt #296: Marissa Nadler „Little Hells“

Das Erscheinen ist eine Tätigkeit, die in der sowieso elusiven, nur noch als Idee und Erinnerung in der Welt wesenden Musikbranche eine schwer zu umreißende Rolle spielt. Bei Marissa Nadler noch mehr als bei anderen: Ihre (vielen) Platten irrlichtern durch die Zeit wie Sternschnuppen mit Zellaktivator – gerade erst da und mit begeisterten „Oh! Ah!“-Rufen sowie diversen Preisen und Anpreisungsetiketten versehen, sind sie schon wieder weg, kehren plötzlich wieder, sind wieder weg und wieder da. Das gilt nicht nur „körperlich“: Dieses, ihr (ungefähr) sechstes Album (von ungefähr acht) kam 2009 auf das, was man immer noch gerne Markt nennt, obwohl sich davon praktisch nichts mehr zwischen Regal und Kasse abspielt, und zwar mit Hilfe eines New Yorker Metal-Labels. Kritiker, die davon etwas mitbekamen, waren begeistert (und zeigten damit eine gewisse Beharrlichkeit, hatten sie doch schon den ungefähren Vorgänger „Songs III: Bird On The Water“ als „Best Americana Record of the Year“ gefeiert), der Rest der Welt ging achselzuckend vorüber. „Frisch gepreßt #296: Marissa Nadler „Little Hells““ weiterlesen