Belästigungen 16/2017: Haben Sie den Gorilla da drüben gesehen? Obacht, der bringt Sie in „Sicherheit“!

„Sicherheit“ ist ein begehrter Zustand. Den meisten Menschen, möchte man meinen, erscheint „Sicherheit“ erstrebenswerter als – nur zum Beispiel – berauschte Euphorie, verliebte Glückseligkeit und orgasmische Ekstase. Sonst käme die CSU kaum auf die Idee, auf ihre Wahlplakate lediglich zwei aneinandergeklebte Gesichter und dieses eine Wort zu drucken: „Sicherheit.“ Sondern sonst stünde da „Sex“ oder „Saufen“ oder „Liebe“ (was bei einer katholischen Partei ja nicht abwegig wäre).

Sicherheit ist ja auch schön. Jeder wünscht sich, sicher zu sein: Wer gerne arbeitet, mag seinen Job behalten. Wer nicht auf der Straße schlafen will, ist sich gerne seiner Wohnung sicher. Wer Hunger hat, wünscht sich was zu essen, wovon er weder krank noch dumm noch tot wird, das er aber dennoch „Belästigungen 16/2017: Haben Sie den Gorilla da drüben gesehen? Obacht, der bringt Sie in „Sicherheit“!“ weiterlesen

Belästigungen 15/2017: Schmilz! (ein fragloses Winken aus dem Elfenbeinturm)

Daß man sich in München befindet, merkt man am Schmelzen, dem herausragenden und prägenden Vorgang des hiesigen Jahreslaufs. Nämlich ist kaum auf der silvesterlichen Feuerzangenbowle der Schnapszucker zur karamellenen Infusion und bald darauf das Zinnblech zum trunken deutbaren Omen zerschmolzen, schmilzt schon auch das Alibieis am Isarrand, schmelzen die letzten Kerzen mit den kürzer werdenden Nächten dahin.

Dann schmelzen die Herzen in der linden Frühjahrsluft der mittleren Märztage, ergeben sich die winterlich gehegten Hemmungen dem Ansturm der Hormone und Hoffnungen, schmilzt der Wollbestand im Kleiderschrank voreilig dahin, zu voreilig meist, aber es schmilzt ja auch der Aprilschnee schnell wieder weg, und wer sein saures Radler einer neuen Sitte gemäß mit „Belästigungen 15/2017: Schmilz! (ein fragloses Winken aus dem Elfenbeinturm)“ weiterlesen

Belästigungen 14/2017: So! So! So! (Achtung: Blödbla-Attacke 4.0!)

Der Deutsche hat zu Büchern ein eigentümliches Verhältnis, das sich in ein paar Faustregeln zusammenfassen läßt: Mit acht kriegt man sie geschenkt, mit achtzehn klaut man sie, mit achtundzwanzig kauft man sie, mit achtunddreißig schreibt man sie, mit achtundvierzig verschenkt man sie, mit achtundfünfzig schmeißt man sie weg, mit achtundsechzig kann man sie nicht mehr richtig lesen, mit achtundsiebzig läßt man sie sich vorlesen, mit achtundachtzig kann man sich an kein gelesenes und vorgelesenes Wort mehr erinnern.

So kommt es, daß deutsche Verlage Menschen, die eigentlich ihrem Alter entsprechend klug, intelligent und erfahren sind (oder sein könnten), Bücher für zehn Jahre jüngere Menschen schreiben lassen (oder vielmehr für das, was „Belästigungen 14/2017: So! So! So! (Achtung: Blödbla-Attacke 4.0!)“ weiterlesen

Belästigungen 13/2017: Gemäßigt sei der Maikäfer, aber nicht der Mensch (oder was ansonsten geschieht)

Über den (in gewisser Weise zumindest körperlich) neuen französischen Präsidenten war neulich von der neoliberalen Propaganda zu erfahren, er sei „gemäßigt“. Wenn so etwas über den derzeit radikalsten Wirtschaftsfaschisten in ganz Frankreich behauptet wird, könnte das höchstens noch er selbst als Rufschädigung oder Vortäuschung falscher Tatsachen empfinden, weil es sich in Deutschland seit Jahrzehnten eingebürgert hat, sämtliche ausländischen Politiker, die rückhaltlos und notfalls mit dem erbärmlichsten Wischiwaschischwindel für die Vernichtungsideologie der deutschen Elite eintreten, samt und sonders, einzeln, kollektiv und generell als „gemäßigt“ zu betiteln.

Was im Grunde ja nichts anderes heißt als: Früher waren die Burschen schlimm, jetzt haben sie gelernt, Maß zu halten und ihre Schlimmigkeit in den „Belästigungen 13/2017: Gemäßigt sei der Maikäfer, aber nicht der Mensch (oder was ansonsten geschieht)“ weiterlesen

Belästigungen 12/2017: Es lebe die Weiße-Tücher-Armee-Fraktion! (ein konstruktiver Vorschlag)

Eine „repräsentative“ Umfrage ergab neulich, daß die Münchner – also hauptsächlich jene Menschen, die sich aus beruflichen Gründen momentan vorübergehend hier aufhalten – München gut und zugleich schlecht finden. Die einzelnen Resultate waren ebenso widersprüchlich: Man wünscht sich zum Beispiel weniger Autos, aber mehr Parkplätze. Was sich so deuten läßt, daß jeder einzelne weiterhin einen Großteil seiner Lebenszeit in Blechkisten absitzen und den Rest der Welt vergasen und totdröhnen möchte, die anderen sollen aber gefälligst darauf verzichten. Wie das halt so ist in einer Leistungsgesellschaft.

Auch daß man die Mieten einerseits zu hoch, andererseits aber das grundlegende System, daß überhaupt jemand Wohnraum vermieten und damit ohne jede Anstrengung stinkreich werden darf, ganz in Ordnung findet, „Belästigungen 12/2017: Es lebe die Weiße-Tücher-Armee-Fraktion! (ein konstruktiver Vorschlag)“ weiterlesen

Belästigungen 11/2017: Wem was wie wo und warum droht (und wem was nicht)

Manche Blödheiten funktionieren wie Brennesseln und Ameisen: Man kriegt sie einfach nicht weg, sie nesseln und wimmeln immer wieder aus denselben Ritzen und Löchern hervor, um arglose Menschen zu ärgern. Zum Beispiel trompetete mich neulich auf dem Weg ins Grüne mindestens zwanzigmal die gleiche „Zeitung“1 an: „Jeder 5. Münchner von Armut bedroht!“

Das war zum Glück gelogen, sonst wäre es schlimm: Von Armut bedroht ist bekanntlich so gut wie jeder, selbst der Multimilliardär, der zwar von seinen devoten Ausgebeuteten in Deutschland nichts zu befürchten hat, dem aber sämtliche Steuergeschenke und Spezln nichts helfen, wenn am Börsentheater die falsche Blase platzt. Die einzigen, die tatsächlich nicht von Armut bedroht sind, das sind: selbstverständlich die „Belästigungen 11/2017: Wem was wie wo und warum droht (und wem was nicht)“ weiterlesen

Belästigungen 10/2017: Hurra, wir retten die Wissenschaft! (es fragt sich nur, welche)

Kein Tag ohne Schreckensmeldung von Le Frisur im Weißen Haus. Neuerdings, so hört man, ist die Wissenschaft in Gefahr. Und zwar nicht weil weltweit die Mächtigen seit langer Zeit und mit Erfolg alles dafür tun, aus Universitäten und Forschungsinstituten marktkonforme Modulfabriken zu machen, die oben innovative (meist: Militär-)Technik und unten effektiv gedrillte Billigarbeitssklaven ausspucken.

Nein, das stört ja niemanden, schließlich ist es gut für das Wachstum und sowieso alternativlos wegen so Sachzwängen, „Fachkräftemangel“ oder „Bildungsoffensive“ oder wie die Quatschparole halt grad lautet, was soll’s. Aber jetzt kommt der Donald daher und „schätzt“, so heißt es, statt Wissenschaftlern „Ideologen“, die zum Beispiel nicht an die Evolution und die „Belästigungen 10/2017: Hurra, wir retten die Wissenschaft! (es fragt sich nur, welche)“ weiterlesen

Belästigungen 09/2017: Der Wolfsmensch und seine Selbstverschlingung

Daß der Mensch des Menschen Wolf sei, ist eine uralte Binsenweisheit, die durch Wiederholung nicht wahrer wird. Schließlich ist der Wolf bekanntermaßen ein höchst soziales Wesen, das niemals auf die Idee käme, seine Rudelgenossen mit Verelendungsmaßnahmen wie Hartz IV zu schikanieren, um sich selbst eine noch fettere Wampe anfressen zu können. Gemeint ist der in allen möglichen Märchen herumlungernde Böse Wolf, bei dessen Antreffen aufgrund seiner sämtliches Maß überschreitenden Gier mit Sofortverschlingung zu rechnen ist, und zwar dermaßen sofort, daß einen ein gütiger Jäger problemlos unverdaut, fit und fidel aus der Wolfsplautze wieder herausschneiden kann. Und zwar ohne daß der Wolf das in seinem hypersatten Mittagsschlaf überhaupt mitbekommt.

Das wirkt, übertragen auf den Menschen, ein bißchen unrealistisch; die „Belästigungen 09/2017: Der Wolfsmensch und seine Selbstverschlingung“ weiterlesen

Belästigungen 08/2017: Wer weiß denn schon, wo der Marienplatz anfängt? (eine lehrreiche Anekdote)

„Hier versenkt die Stadt 72 Millionen!“ plärrte neulich eine Zeitung in selbige Münchner Stadt hinein. Wo? Das war nicht zu erkennen, ohne die Zeitung zu öffnen (was ich grundsätzlich unterlasse). Abgebildet war lediglich eine ehemalige, durch eine „Investition“ verschandelte Landschaft, die überall liegen könnte. Ist also: wurst.

Ist auch keine Sensation; schließlich sind Städte dafür bekannt, daß sie nach Belieben Orte und Gegenden finden, wo sich mal eben 72 Millionen versenken lassen. Korruption, Inkompetenz und Dummheit der kommunalen Politik schwingen sich stets zu titanischen Höhen auf, wenn es um „Investitionen“, also um das Versenken von Millionen durch Verwüstung von Landschaften und Zerstörung von Idyllen mittels Einbringung von Beton und Stahl geht. Andererseits sind 72 Millionen auch kein Pappenstiel. Die muß man (zumindest theoretisch) erst „Belästigungen 08/2017: Wer weiß denn schon, wo der Marienplatz anfängt? (eine lehrreiche Anekdote)“ weiterlesen

Belästigungen 07/2017: Guten Tag, Herr Regenschirm! Hätten Sie gerne eine Welt?

Ich kann mich an mein erstes Matchbox-Auto erinnern (Rolls Royce Phantom V). Ich kann mich an meine erste eigene Single erinnern (The Beatles, „Get Back“), die erste LP („Beggars Banquet“), an meinen ersten Schultag („Schau links, schau rechts, schau gradeaus, dann kommst du sicher gut nach Haus“), den ersten Füller (Pelikan), den ersten Banknachbarn („Mein Name ist Oliver, wollen wir Freunde sein?“), an meinen ersten Kuß (schwarzer Lippenstift in Benediktbeuern!), das erste Radl (mit Stützrädern und Spielkartenmotor).

Ich weiß noch, wie meine erste abonnierte Zeitschrift hieß („Teddy – Lesen und spielend lernen“), meine erste Freundin (wird nicht verraten), auf welcher Linie ich das erste Mal Trambahn gefahren bin (1, passenderweise), welches Thema in meiner ersten Unterrichtsstunde im Gymnasium behandelt wurde
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Belästigungen 06/2017: Mit dem Steckerleispapier in den Andromedanebel (und nicht mehr zurück)

Früher, als wir klein waren, steckten uns die Erwachsenen manchmal ein Zehnerl zu, wegen einer guten Schulaufgabe oder weil wir dringend zum Friseur gehen sollten oder einfach so, weil sie uns mochten. Zum Friseur ging damit niemand, weil ein Zehnerl dafür schon damals nicht gereicht hätte. Statt dessen stürmten wir zum Giesinger Bahnhof, wo die dicke Frau in ihrem Standerl Steckerleis verkaufte und ein hellgelber Klotz, der in Alupapier gewickelt war und entfernt nach Vanille schmeckte, genau ein Zehnerl kostete.

Das Alupapier, das man selten in einem Stück vom Eis bekam, war zu nichts zu gebrauchen, also warfen wir es einfach irgendwohin. Eines Tages indes ermahnte mich ein Erwachsener, das tue man nicht, weil dann der Straßenkehrer das ganze weggeworfene Alupapier mühsam „Belästigungen 06/2017: Mit dem Steckerleispapier in den Andromedanebel (und nicht mehr zurück)“ weiterlesen

Belästigungen 05/2017: Hitler und die Luxusnutten (oder: Wer und wie und wo mit Fake News wahlkämpft)

Wenn sich einmal im Jahr die Kriegsplaner, Kriegstreiber, Kriegshetzer, Kriegsverbrecher und Kriegsprofiteure in ein Münchner Luxushotel einsperren, um die nächsten Kriege zu planen, voranzutreiben und propagandistisch einzubetten, erleben die so oft geschmähten kritischen Qualitätsmedien eine Sternstunde. „Siko!“ heißt es dann, als wäre diese üble Versammlung ein schnuckeliges Kuscheltier, „die Mächtigen in München!“, und die etwas weniger bunte Ernstpresse druckt Sonderbeilagen, in denen die Notwendigkeit der Kriegsplanung im offiziellen Vokabular gepredigt wird.
Der Normalmensch drängelt sich derweil auf dem Weg zu den Konsumartikelabgabehallen an den Meldekästen vorbei, nimmt nebenbei die Botschaft auf und baut sie in sein Weltbild ein wie einen Legostein: Die „Belästigungen 05/2017: Hitler und die Luxusnutten (oder: Wer und wie und wo mit Fake News wahlkämpft)“ weiterlesen

Belästigungen 04/2017: Vom Unterschied zwischen Kunst und Haus, Mensch und Schaf, Architektur und Verbrechen

Der Unterschied oder die Grenze zwischen Architektur und Verbrechen ist nicht immer leicht zu erkennen. Manchmal aber doch. In München kann man dazu zum Beispiel in nördlichen Stadtgegenden herumradeln, wo derzeit (wie fast immer) alte „Sozialbauten“ durch neue ersetzt werden, weil man das halt hin und wieder machen muß, um den galoppierenden Zeitgeist korrekt widerzuspiegeln.

Da stellt man sich dann am besten auf eine Straße, läßt den Blick nach links und rechts schweifen und stellt fest: Aha, hier in der demütigen Bescheidenheit und Protzlosigkeit einer Zeit, die den letzten Krieg noch in den Knochen hatte, fast idyllisch, dort im Furor des Hinstürmens auf den nächsten Krieg kriminell. Auf der einen Seite also Häuser, recht alt und einfallslos, aber „Belästigungen 04/2017: Vom Unterschied zwischen Kunst und Haus, Mensch und Schaf, Architektur und Verbrechen“ weiterlesen

Belästigungen 03/2017: „Tschilp!“ (oder: Von Leid und Erlösung der wandelnden Virenpartyzone)

Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man eines Morgens aufwacht und feststellt, daß man Mitbewohner in der Wohnung hat, von denen man bis dahin gar nichts wußte und die man auch nie eingeladen hat. Dann sitzen sie plötzlich am Küchentisch, trinken den Tee leer und tun so, als wären sie schon immer dagewesen.

So geht es dem Menschen im Januar mit dem ganzen Planeten, den er grundsätzlich in verblendetem Selbstwahn für den seinen hält und sich gewohnheitsmäßig untertan macht, indem er ihn mit Windrädern und Fabriken vollstellt, mit Teerbändern überzieht und mit einer Giftwolkenatmosphäre aus Abgas, Fake-News, Streß und Fernsehmüll bepumpt: Plötzlich ist er da nicht mehr allein und auch nicht mehr bloß von possierlichen Pflänzchen und Tierchen umgeben, die sich im „Belästigungen 03/2017: „Tschilp!“ (oder: Von Leid und Erlösung der wandelnden Virenpartyzone)“ weiterlesen

Belästigungen 02/2017: Ich will dieses Gespräch nicht mehr führen müssen! (und hören auch nicht)

Ein guter Freund hat mal einen schlauen Satz gesagt, den ich seither bei Anlaß und Gelegenheit gerne zitiere. Wir standen in einem vom Zufall der Nikotinvorliebe zusammengewürfelten Pulk vor der Kneipe, zogen am Stengel und lauschten notgedrungen irgendeinem Small-talk-Geplänkel, gespickt mit den üblichen Vokabeln des zeitgenössischen Diskurses von „im Grunde“ bis „tolerant“, von „ambivalent“ bis „zu Gemüte führen“, von „zeitgleich“ bis „nichtsdestotrotz“ und „zweifelsohne“, bis dem Freund der Kragen platzte und er zu niemand bestimmtem sagte: „Könnt ihr mal aufhören mit eurem Scheißgespräch?“

Seitdem werde ich diesen Satz nicht mehr los. Immer wenn jemand in sein öffentliches Telephon einen Satz hineinplärrt, der in Fernsehserien längst verboten sein sollte, und in Wirklichkeit bloß „Leck mich doch am Arsch“ „Belästigungen 02/2017: Ich will dieses Gespräch nicht mehr führen müssen! (und hören auch nicht)“ weiterlesen