Frisch gepreßt #379: Rio Reiser „Blackbox“

Abschlußtreffen der Forschungsgruppe „Proletarische Rockmusik in Deutschland“. Ernüchtertes Fazit: gibt es nicht, gab es nie. Im Gegensatz fast zum Rest der Welt ist die deutsche Pop(ulär)musik eine hermetisch geschlossene Veranstaltung der Ober- und Mittelschicht, zwar nicht so streng dynastisch durchorganisiert wie der Literaturcircus, aber doch abgeschottet gegen das Proletariat, das lediglich konsumieren darf.

Lediglich Rio Reiser und seine Band Ton Steine Scherben, ebenfalls der Mittelschicht entsproßt, wagten den historisch ziemlich einmaligen Schritt, „Frisch gepreßt #379: Rio Reiser „Blackbox““ weiterlesen

Frisch gepreßt #378: Streets of Laredo „Wild“

Seit Tagen kauert der Rezensent im Schrank und gibt keinen Mucks von sich. Grund ist ausnahmsweise nur zum Teil die alljährlich zuverlässig über ihn hereinbrechende Herbstelei, das Schwelgen in der von der Vergeblichkeit alles Tuns und Seins heraufbeschworenen Melancholie, sondern ein fehlgeleiteter Selbstversuch: Um zu überprüfen, ob er modernen Standards der Popmusikproduktion noch standzuhalten imstande ist, hat er sich der Reihe nach den neuen Alben von Bon Jovi, dem ehemaligen Spice Girl Melanie C und Robbie Williams (nebst einigen weiteren Produkten) ausgesetzt, wodurch sich „Frisch gepreßt #378: Streets of Laredo „Wild““ weiterlesen

Belästigungen 22/2016: Von Götterbäumen, grünen Enten, furzenden Nashörnern (und dem Satan tief im Osten)

In meiner späten Kindheit bestand eine unserer Hauptbeschäftigungen darin, auf den Rücksitzen von Autos zu lümmeln und uns gegenseitig in den Oberarm zu zwicken, sobald wir eine grüne Ente erblickten (für Spätgeborene: dabei handelt es sich nicht um einen Vogel, sondern um ein schon damals bezaubernd antiquiertes Automobil, das motortechnisch Kundige als „Schnauferl“ bezeichneten und das angeblich gelegentlich in Kurven umkippte). Dabei erfuhr ich ein seltsames Phänomen: Vor Einführung dieses Rituals wußte ich gar nicht, daß es überhaupt grüne Enten gab, und nun wimmelten sie plötzlich in ganz München herum, als hätte jemand in ein Nest gestochen.

Man hat mir erklärt, das habe mit Aufmerksamkeit zu tun: Man bemerkt manche Sachen erst, wenn man sie einmal bemerkt hat. Ähnlich ging es mir „Belästigungen 22/2016: Von Götterbäumen, grünen Enten, furzenden Nashörnern (und dem Satan tief im Osten)“ weiterlesen

Belästigungen 21/2016: Wer holt den Donald da raus, bevor es zu spät ist?

Ich kann mich an keine Sekunde in meinem ganzen Leben erinnern, in der ich Lust gehabt hätte, mich mit Donald Trump zu beschäftigen.

Was ich in meinen Jahren als Fernseh- und Zeitungskonsument ungefragt über den Kerl vorgesetzt bekam, genügte bei weitem: rassistische Tiraden, frauenfeindliches Gewäsch, zwielichtiges bis kriminelles Milliardengescheffel, kapitalistischer Größenwahn, offensiv zur Schau getragene Vollidiotie und impertinente Großmaulerei, Misswahlengeschwiemel, Verblödungs-TV, allgemein und insgesamt mangelnder Anstand, absichtlich herbeigeführte Unansehnlichkeit bei gleichzeitiger maximaler Medienpräsenz, und dann ist er auch noch Nichtraucher und trinkt keinen Alkohol. „Belästigungen 21/2016: Wer holt den Donald da raus, bevor es zu spät ist?“ weiterlesen

Frisch gepreßt #377: Leonard Cohen „You Want It Darker“

Auf manche Dinge kann man sich blind verlassen. Wenn zum Beispiel die Jury des Literaturnobelpreises beschließt, mal wieder so richtig mit ihrer Offenheit und Vielseitigkeit aufzutrumpfen und endlich dem größten Songpoeten (mindestens) des 20. Jahrhunderts die Sprengstoffmedaille um den Hals zu hängen, dann erwischt es selbstverständlich mal wieder den falschen.

Was nichts gegen Bob Dylan heißen soll, der hat sicherlich seine Meriten (und wenn der Buchmarktschreier Denis Scheck dagegen ist, kann ich nur dafür sein). Es ist, was mich betrifft, eher eine Frage spätjugendlicher Prägung und in diesem Sinne sogar großes Glück: „Frisch gepreßt #377: Leonard Cohen „You Want It Darker““ weiterlesen

Belästigungen 20/2016: Von Beziehungen (ohne Sex), Nichtbeziehungen (mit Sex) und ein paar anderen „Begriffen“

Z hat mir neulich erzählt, sie führe jetzt eine „Nichtbeziehung“. Das sei zeitgemäß und trendig, außerdem habe sie sich das nicht unbedingt ausgesucht, und selbstverständlich führe sie diese Nichtbeziehung mit R, mit wem denn sonst.

Z ist seit ungefähr zehn Jahren, seit der letzten Schulklasse, mit R … nun ja, zusammen oder halt jetzt „nichtzusammen“; was sind solche Begriffe schon wert, „verheiratet“ heißt ja heute auch ganz was anderes als vor zwanzig Jahren, von „verlobt“ zu schweigen. Verlobt waren Z und R übrigens auch schon mal. Ich gestehe gerne, daß ich maßgeblich daran beteiligt war, ihnen (oder sagen wir: Z) diesen Schmarrn wieder auszureden. Eben wegen der Bedeutung der Begriffe, unter anderem. „Belästigungen 20/2016: Von Beziehungen (ohne Sex), Nichtbeziehungen (mit Sex) und ein paar anderen „Begriffen““ weiterlesen

Frisch gepreßt #376: Van der Graaf Generator „Do Not Disturb“

Wenn man drei Wochen lang toujours das (wegen des langen Vorlaufs nach wie vor und weiterhin) neue Album von De La Soul gehört hat, ist der Bullshit-detector in einem Maß geschärft, das für musikalische Schwächlinge lebensgefährlich ist: Freilich ist der Hunger nach neuen Beats, Tracks, Songs, Texten nach wie vor da und akut, aber kaum bis nicht befriedigend, schon gar nicht gewohnt orgasmisch zu stillen, egal was man hineinschüttet in den Musikverdauungsapparat: „Frisch gepreßt #376: Van der Graaf Generator „Do Not Disturb““ weiterlesen

Belästigungen 19/2016: Ein paar grundlegende Fragen (und ein Ätschibätschi) für den goldenen Restsommer

Neulich war an dieser Stelle die Rede von den Ferien und ihrer Eignung, ja geradezu Prädestination zum Lernen – wobei es eben darauf ankomme, was man lerne und daß dies im Zweifelsfall zuallererst das Naturgesetz ist, daß Arbeit etwas Lästiges ist, dem man so weit wie nur möglich aus dem Weg gehen sollte.

Indes befürchte ich, daß vor allem ungeduldige Leser (d. h.: die jüngeren) über die Überschrift und ihre gerechte Empörung – „Bitte was? Lernen in den Ferien!? Blas mir den Schuh auf!“ – nicht hinausgekommen sind und grollend beschlossen haben, diese Seite hinkünftig zu überblättern, um nicht noch mehr solchen Schmarrn vorgesetzt zu kriegen. „Belästigungen 19/2016: Ein paar grundlegende Fragen (und ein Ätschibätschi) für den goldenen Restsommer“ weiterlesen

Frisch gepreßt #375: Warpaint „Heads Up“

Es ist so eine Sache mit den „next big things“: Jeder will es werden, aber keiner mag es gewesen sein, weil es nämlich kaum etwas Älteres und Ranzigeres gibt als das „next big thing“ vom letzten (oder notfalls diesem) Sommer. Mitleid gebührt den Trendverkündern, die sich auf ein „next big thing“ einigen und festlegen und das dann durchziehen müssen, weil schließlich das, was mal ein „next big thing“ war, nicht plötzlich irrelevant werden kann. Dann hat man so etwas womöglich ein Leben lang am Hals und wird es nicht mehr los, außer es löst sich von selbst auf. Dem „next big thing“ folgt für gewöhnlich ein zweites Album, „Frisch gepreßt #375: Warpaint „Heads Up““ weiterlesen

Belästigungen 18/2016: Vom Ein- und Auswickeln des Menschen und wer wen dazu zwingt (und warum)

Wenn der goldene Frühherbst daherrauscht, zieht es Menschen wie mich aus ihrer sommerlichen Entrückung in den Gefilden von Isarufer, Seestrand und Traumlandschaft notgedrungen ein bißchen hinaus und näher an die Gemeinschaft der Menschen hinan, die sich mit anderen Dingen als Wasser, Liebe und Hirngespinsten beschäftigen. Schließlich gibt es da ja auch noch eine Wohnung, in der man den Winter über wohnen wird müssen und die man deshalb entwahrlosen sollte, indem man (wenn es regnet) endlich mal wieder Staubsauger und Waschmaschine anwirft, Geschirr spült, Berge von Altpapier und sonstigen Ansammlungen hinausschmeißt und sich zwischendurch über die bekannten Kanäle sozialer Medien mal kurz umschaut, was sich so getan hat in der müßig verkümmelten Zwischenzeit. „Belästigungen 18/2016: Vom Ein- und Auswickeln des Menschen und wer wen dazu zwingt (und warum)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #374: The Divine Comedy „Foreverland“

Neulich saß ich mit einem Freund beim letzten Bier, und da kamen wir auf 1996 zu sprechen, auf die Britpop-Supernova, die damals das gesamte Universum zu entflammen schien, obwohl sie ihren Höhepunkt längst überschritten hatte und die blendende Euphorie zu zähneknirschender Überheblichkeit aufgebläht war, deren letzter Furz mit „Be Here Now“ eine ganze Generation derart ins Vibrieren brachte, daß sie es kaum noch aufs Klo schaffte. Vor allem sprachen wir über den pyroklastischen Strom von tausenden Bands, die die Welt erobern wollten und froh sein mußten, wenn sie es ins Vorprogramm von Gene oder Heavy Stereo schafften. „Frisch gepreßt #374: The Divine Comedy „Foreverland““ weiterlesen

Frisch gepreßt #373: Die Höchste Eisenbahn „Wer bringt mich jetzt zu den anderen?“

Es gibt Leute, die finden es schade, daß die späten 60er so lange her und überhaupt vergangen sind. Weil da alles so anders war, so locker und lustig, frei, unbeschwert und bunt. Menschen flogen zum Mond, zogen in Kommunen aufs Land, ließen sich die Haare wachsen, diskutierten nächtelang über das gute Leben und gaben so viel auf gesellschaftliche Konventionen (Ruhe! Anstand! Ordnung! Krawatte!), wie die Menschen heute auf das Gegenteil geben. Musik hörte man mit schwingenden Batiktüchern und einer Tüte voller indischer Rauchkräuter im Mund, und wenn man heute eine tolle Idee hatte, war es morgen schon wieder eine andere. „Frisch gepreßt #373: Die Höchste Eisenbahn „Wer bringt mich jetzt zu den anderen?““ weiterlesen

Belästigungen 17/2016: Alle elf Minuten integriert sich ein Migrant! (und keiner kriegt es mit)

In München steht ein Haufen Zeug herum, über das man viel zu selten nachdenkt. Zum Beispiel erfuhr ich heute von einer beleuchteten Werbetafel, die ich wahrscheinlich schon oft gesehen, aber noch nie wirklich bemerkt habe: „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über (aufgrund von Gründen nicht genannter Name einer Internet-Datingseite)!“

Das erschien mir recht natürlich. Zu gewissen Zeiten und unter gewissen Umständen gelingt es auch mir, mich alle elf Minuten zu verlieben. Aber das bringt halt nicht wirklich was, abgesehen von befremdeten bis empörten Blicken der Opfer solch hormoneller Überschießerei.

Aber apropos Opfer: In München steht auch ein Denkmal für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, auf dem zu lesen ist, einige davon „Belästigungen 17/2016: Alle elf Minuten integriert sich ein Migrant! (und keiner kriegt es mit)“ weiterlesen

Frisch gepreßt #372: Ramones „Ramones (40th Anniversary Edition)“

„One Two Three Four!“

(Womit die kürzeste Schallplattenrezension der Welt an genau der Stelle zu Ende wäre, an der alles gesagt ist: vier Männer in vier Kleidungsstücken – Jeans, T-Shirt, Lederjacke, Turnschuhe – spielen in vier Tagen das größte Popalbum aller Zeiten und eines der prägendsten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte ein; es dauert vierzig Jahre, bis die Welt das verstanden hat. Aber wir wollen noch ein bißchen erzählen.) „Frisch gepreßt #372: Ramones „Ramones (40th Anniversary Edition)““ weiterlesen

Belästigungen 16/2016: Was man so erlebt, wenn man nichts erlebt

Es passiert ja so viel in einer großen Stadt.
Menschen fahren sich mit Kisten über den Haufen, springen aus Fenstern, ertrinken in Flüssen und Gullis, sterben an eingeschleppten Seuchen und in Stanzmaschinen, und dazwischen saufen, tanzen und schreien sie, als wär‘ das Leben ein ewiges und irgendwann würd’s schon besser; und wenn einmal gar nichts oder wenigstens zuwenig für die allgegenwärtigen Meldestellen passiert, dann schreit die Zeitung an jeder Ecke „München brodelt!“, und schon hat sich’s wieder mit der gemütlichen Idylle.

Da läuft man auch Amok, bisweilen, in so einer Stadt. Vor nicht langer Zeit wurde ich erstaunt Zeuge, wie aus der Hauptstraße um die Ecke eine soeben hineingefahrene Trambahn rückwärts wieder herausfuhr (Trambahnen tun so etwas für gewöhnlich nicht) und daraufhin die Straße von drei Polizisten gesperrt wurde. „Belästigungen 16/2016: Was man so erlebt, wenn man nichts erlebt“ weiterlesen