Reisen im Regal (28)

Der trägen Hitze mochte am ehesten das Café in der Vorstadt entsprechen. Vor Jahresfrist, als Ginster es zum erstenmal aufgesucht hatte, war er vom Kellner aus einer Sofaecke mit der Bemerkung vertrieben worden, daß hier der Schachklub tage. Seit jener Zeit bevorzugte Ginster das Café, ohne den Schachklub je anzutreffen. Es befriedigte Ginster, daß der Kellner einem Klub die Treue hielt, der niemals kam.
Siegfried Kracauer: Ginster (1928)

Wer immer noch das Heroische mit dem Menschlichen gleichsetzt, kann für Ginster kein Verständnis haben.
Werner Thormann: Ginster verrät sein Geheimnis (1928)

So hat denn mein Umherirren in den Wissenschaften mich nicht nur aus meiner Verzweiflung nicht herausgeführt, es hat sie nur noch verstärkt.
Leo N. Tolstoi: Meine Beichte (1879/82)

Manchmal hat es den Anschein, unser Denken bewege sich, ohne daß wir daran beteiligt sind. Es denkt in uns, so wie es über den Feldern schneit.
Henry de Montherlant: Tagebücher 1930-1944 (1957)

Für jede Frau ist es schwierig, mit einem Problem fertig zu werden, das noch nicht einmal einen Namen hat. Deshalb wird leider allzuoft der Mann verantwortlich gemacht: eine Projektion also. Eine Verschiebung des Problems von sich selbst auf den Partner.
Gisela Schmeer: Die Aufklärung und wir Frauen (1970)

Vermöchte der fallende Stein an einer bestimmten Stelle seines Falls sich der vorhergehenden Phase zu erinnern – die ihn jetzt nur determiniert, die folgende Phase nach einem bestehenden Gesetze zu durchfallen – das Fallgesetz wäre sofort aufgehoben. Denn Erinnerung ist schon der Anfang der Freiheit von der dunklen Gewalt des erinnerten Seins und Geschehens.
Max Scheler: Vom Ewigen im Menschen (1954)

In Deutschland waren ihm zu viele Menschen auf einem Fleck, man sprach fast nie über die Familie, dafür unterhielt man sich über Fernsehen oder Politik und dergleichen. Politik hatte aber nichts mit Wahrheit zu tun, sondern mit Steuern, Straßen, Konsum, Wirtschaft. Die Menschen in Deutschland dachten an ihre Steuern, ihre Abgaben, ihre Bezüge, ihre Urlaubsreisen, vor allem dachten sie an ihre Autos, aber die meisten hatten nicht einmal Gemüse im Garten, niemand durfte einem anderen das Dach reparieren (man nannte es Schwarzarbeit), und von allem war Geld die Grundlage.
Andreas Maier: Sanssouci (2009)

Across her shoulder the night was arriving – volumes of blue through whose drift, down all the darkening inlets of the shoreline she must know so well, there were being lighted, one by one, the small, persistent fires of habitation. It was said of people native to this place that even if brought up from a cellar vlindfolded, they could tell which way they were turned to the current of the river – by the play of the air on their faces, in the felt promise of the harbor.
Hortense Calisher: Extreme Magic (1963)

Alle Revolutionen fließen in die Geschichte ein, doch wird die Geschichte nicht voller; die Flüsse der Revolution kehren wieder dorthin zurück, wo sie entsprungen sind, um aufs neue zu fließen.
Guy Debord: Panegyrikus (1989)

Die meisten Menschen leiden an dieser geistigen Schwäche, zu glauben, weil ein Wort da sei, müsse es auch das Wort für etwas sein, weil ein Wort da sei, müsse dem Worte etwas Wirkliches entsprechen.
Fritz Mauthner: Beiträge zu einer Kritik der Sprache 1: Sprache und Psychologie (1901)

Was anzieht, selbst sexuell, ist weniger ein nackter Körper als eine Fleisch gewordene Seele.
Nicolás Gómez Dávila: Es genügt, daß die Schönheit unseren Überdruß streift (2007)

Die Vollkommenheit existiert nicht; sie zu verstehen, ist der Triumph der menschlichen Intelligenz; sie erlangen zu wollen, ist die gefährlichste aller Torheiten.
Alfred de Musset: Bekenntnisse eines jungen Zeitgenossen (1836)

Man will geliebt werden, mangels dessen bewundert, mangels dessen gefürchtet, mangels dessen gehaßt und verachtet.
Hjalmar Söderberg: Doktor Glas (1905)

Ein talentloser Schriftsteller – ein verliebter Eunuch.
Nicolás Gómez Dávila: Notas (2003)

The imposition of a word is the act of forgetting. A man who wishes to transfer his experience to the page might as well try to throw a typewriter at the moon.
Greg Baxter: A Preparation for Death (2010)

Früher blieb ich lange im Bett und fühlte mich wohl. Ich rauchte Zigaretten, genoß meinen ausgestreckten Körper und betrachtete durchs Fenster die Zweige der Bäume.
Claude Simon: Das Seil (1947)

Kelly drückte ihre Hüfte an seinen Bizeps, und zwar nicht den Rand, sondern die innere Hüftbeuge. Wenigstens kannte er jetzt die Antwort auf eine der Fragen seiner Jugend: Ja, Schamhaar wird auch grau.
Julian Barnes: Eine kurze Geschichte des Haareschneidens (2004)

Weiter wollte sie nichts mehr sagen.
Sabine Röver: Der Zug blieb stehen. Gedächtnisprotokolle von Kriegskindern (2007)

 

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