(aus dem tiefen Archiv): Futurismus bizarr – Bayern blickt in die Zukunft! (Januar 2000)

Der folgende Text über die Fernsehsendung „Münchner Runde“ entstand im Winter 1999/2000 für ein Büchlein über deutsche Talkshows. Ich habe ihn neulich beim Aufräumen wiedergefunden und fand zwei, drei Details darin so putzig, daß ich ihn nicht gleich in den Papierkorb schieben mochte. Mit großem Erstaunen habe ich dann festgestellt, daß es die Sendereihe immer noch gibt.

Eine „Münchner Runde“ – das sind nicht nur etwa zwölf Liter Bier für ebensoviele An- und anderswie Wesende am gestammten Tisch. Die „Münchner Runde“ ist auch ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn sich in Bayern nach achtzig Jahren Hitler, Strauß und Stoiber fernzusehende „Informationen“ ausnahmsweise nicht aus dem CSU-Propaganda-Zentralorkan „Report München“, sondern aus einer „Diskussion“ „herauskristallisieren“ sollen: Man wählt Formulierungs-GAUs wie „Rüstig und reiselustig: Stimmt das Urlaubsangebot für Senioren?“, „Denken ohne Tabus: Wo bleiben die Jobs?“, „Politik am Pranger: Wo bleiben die Vorbilder?“, „Senioren – aufgepaßt! Die heiße Phase im Rentenstreit“, „Mächtige Kassen, hilflose Ärzte: Patient, bleibst du auf der Strecke?“, „SOS im Pflegeheim: Senioren hilflos auf dem Abstellgleis?“, stellt bei jeder denkbaren Gelegenheit schon thematisch die Schuld von „Rotgrün“, Gewerkschaften, Marx, Engels und Honecker an allem Übel dieser Welt in den Mittelpunkt, setzt (wenn der als Schönhuber-Nachfolger bei „Jetz red i“ bekannte und mit dem „Hans-Klein-Medienpreis“ der Fernsehakademie Mitteldeutschland ausgezeichnete staatsparteiliche Großmuezzin Sigmund Gottlieb wegen gesamtdeutscher Einpeitschungsaktivitäten nicht verfügbar ist) einen schimmerlosen Mediendeppen aus der Anzeigenblättchen-Landesliga in einen Sessel, hält ihm ein Schild mit der Aufschrift „Gesichtsausdruck: verbindlich! ernsthaft!“ vor und pflanzt ihm eine zufällige Auswahl von zwei bis vier „Experten“ rundumerdum, die sich am besten so zusammensetzt: ein „innovativer“ Professor, der vor zehn oder zwanzig Jahren mit einer „These“ drei Tage lang für Aufsehen in der unteren Mittelspalte der SZ-Leserbriefseite gesorgt hat; eine Hausfrau, die dank Mikrowelle und Geschirrspülmaschine Zeit fand, einen beliebigen Cosmopolitan-Artikel zu einem „Buch“ aufzublasen, das nun ein „Bestseller“ in Sachen „Megatrends“ werden soll (aber nie wird); ein Funktionär aus dem mittleren Dienst der Kirchenverwaltung, der sich auch gerne mal „Ethiker“ nennen darf; schließlich einer jener normformatierten Propaganda-Möpse der „deutschen Wirtschaft“, wie sie bundesweit flächen- und wochendeckend in allen Non-fiction-Fernsehsendungen herumsitzen und mißmutig das letzte Wort verlangen.

Dieses Ensemble bayerisch-geistiger Würdenträger fand sich kurz vor Ende des Jahres 1999 vor bayerischen Fernsehkameras zusammen, um als „Münchner Runde“ unter dem atemberaubend reißerischen Titel „Zwischen Angst und Zuversicht: Sagt uns, was die Zukunft bringt“ zu diskutieren, was zu jener Zeit jeder diskutierte, dem ein Mundwerk gewachsen war: das „dritte Jahrtausend“.

Die Frage, wer sich so etwas ansieht, wäre viel eher diskussionswürdig, aber auch schon überhaupt nicht zu beantworten, zumal in der Ordnungszelle Bayern, wo immerhin das Privatfernsehen erfunden wurde – auf Bestreben von FJS, dem Großen Vorsitzenden und Viertel der heiligen Vierfaltigkeit, dessen Bub Franz-Georg nämlich dazumal mangels anderer attraktiver Möglichkeiten, das vom Vater zusammengeraffte Familienvermögen weiter zu vergrößern, Lust empfand, auch mal einen eigenen Fernsehsender zu besitzen. Den gibt es nun seit vielen Jahren, er hieß zunächst „TV Weißblau“, nun „TV München“ und erreicht mit grandiosen Höhepunkten der abendländischen Gegenkultur (etwa wenn Sendergründer FGS höchstpersönlich sich von CSU-Hofnarr und Motivationsweißwurst Erich Lejeune live in den Arsch kriechen läßt) Einschaltquoten, die sich zwar nicht in Prozenten, sondern nur in Einzelpersonen ausdrücken lassen, die aber der „Münchner Runde“ durchaus Konkurrenz machen dürften – weshalb auch die „Münchner Runde“ in jeder Hinsicht einem TV-München-Produkt ähnelt.

Immerhin, interessant sind „Prognosen für das dritte Jahrtausend“ natürlich schon; schließlich wollen wir alle wissen, wie sich unser Alltag zum Beispiel im Jahr 2976 gestalten wird. In Bayern – wer hätte anderes erwartet? – wird sich nicht viel ändern, zumindest bis 2020 (denn weiter wagen sich die Prognostiker nicht vor). Da darf nun also ein Holzkopf namens Rolf Kroker vom „Institut der deutschen Wirtschaft“ noch ein (hoffentlich) letztes Mal deren verhornte Thesen zum Besten geben, die seit zwanzig Jahren niemand mehr glaubt: Mehr Autos in die Städte, weil sie sonst aussterben (die Städte, nicht die Autos); mehr Autos überallhin, weil das mehr mobil macht, und mobil will jeder sein, weil er sonst ausstirbt (jeder).

Der interessante Effekt besteht darin, daß er solch paläoliberalistisches Gewäsch ausgerechnet dem bekanntermaßen nicht gänzlich dummen Professor Frederic Vester ins gesträubte Grauhaar bellen darf, was ohne Kamera wahrscheinlich nicht einmal ein Herr Kroker für aussichtsreich hielte. Nebenan sitzt eine „Wissenschaftsautorin“, die niemand kennt und die aussieht, wie Wissenschaftsautorinnen eben aussehen: wie Hausfrauen mit zu vielen Elektrogeräten im Haus. Die Runde schmückt des weiteren ein evangelischer „Ethiker“, der sich wohl irgendwann mal von einem Großkonzern auf eine Butterfahrt zum Thema Genmanipulation einladen ließ und nun den dabei aufgeschnappten Quatsch aus der Reklameabteilung nachplappert. Was die vier Knarzköpfe im Quartett aufführen, macht sogar den den vieles gewohnten (weil in Bayern beheimateten) Beobachter so sprachlos, daß er sich im Folgenden aufs bloße Protokollieren beschränken muß.

Der Moderator „reißt“ ein „heißes Eisen“ „an“: Werden wir im Jahr 2020 von Tamagotchis und Lara Crofts umgeben sein? Die Wissenschaftsautorin weiß: Das ist doch langweilig. „Habe ich längst weggeschmissen.“ Und wie sieht es mit Glauben und Mystik aus? Werden die am Ende „wichtiger“? „Religion wächst, Religionsmärkte expandieren“, nuschelt der Ethiker wie eine Thunfischversion von Rudi Dutschke in die Runde. Dazu hackt er mit der linken Hand die eigenen „Argumente“ in handliche Scheiben, die gleichwohl nicht wirklich munden wollen: „Ich behaupte, es wird zunehmen, das ist das Spannende, und darin liegt auch die von Ihnen beschriebene Problematik.“

Der Wirtschaftsinstitutler hingegen hat „zum einen“ den Eindruck, „daß die Medien nicht immer sehr freundlich mit dem Unternehmer umgehen. Das könnte sich ändern.“ Gefragt war (per „Zuschauerfax“! Es gab also einen zweiten!), wie es die Medien in Zukunft hinkriegen könnten, „nicht die Unternehmer gut darzustellen, die Erfolg haben, sondern die, die ihrer sozialen Verpflichtung nachkommen und Arbeitsplätze schaffen“. Fürwahr: haarig! Soziale Verpflichtung? Solches Wort riecht doch „extremst“ (G. Beckstein) streng nach „geistiger Epidemie“ (FJ Strauß) und Kommunismus! Herrn Kroker ist das wurst: „Wer seinen Gewinn steigert, der wird irgendwann auch …“, betet er unbeirrbar noch im Schlaf das altbekannte Credo der kapitalistischen Weltreligion herunter. „Ich bin Optimist, daß wir dieses Problem geknackt kriegen. Ich appelliere an die Verantwortlichen, daß sie ihre Verantwortung auch wahrnehmen.“

Krokers diesbezügliches Patentrezept stammt ebenso aus dem 17. Jahrhundert wie seine Frisur: Löhne senken, und zwar für immer. „Ich denke, daß wir das über die Zeitschiene hinbekommen können.“ Der andere Zuschauer, so nehme ich an, hat sich inzwischen entleibt. Immerhin bleiben ihm damit Wortknödel wie dieser erspart: „Wir haben ganz klar den Trend zur Globalisierung. Trotzdem glaube ich nicht, daß alle Unternehmen in zwanzig, dreißig Jahren Global Player sind.“

In den letzten paar Sekunden der Sendung läßt sich dann ein Problem nicht mehr vermeiden, das in Bayern aber noch nie eines war und auch nie sein wird: die „Umwelt“. „Ich bin mehr und mehr überzeugt“, ist die „Wissenschaftsautorin“ mehr und mehr überzeugt, und zwar davon: „Die Klimakatastrophe ist ein Mittel bestimmter Wissenschaftler, sich Forschungsbudgets vom Steuerzahler zu sichern.“ Die Wirtschaft beruhe auf Grundlagen, die sie selbst nicht schaffen könne, wirft Fredric Vester ebenso fassungslos wie wagemutig-wirr ein. Er verhallt ungehört. „Wenn man das eine Buch nimmt, wird das bestätigt, was Herr Vester sagt, wenn man das andere nimmt, das andere“, verkündet das amtliche Kroker, und da ertönt auch schon die Abspannmelodie. „Ich glaube, richtig Sorgen um die Zukunft muß man sich doch nicht machen“, sagt der Moderator, kündigt eine Radiosendung über „Hausfrauenbetreuung“ an und stammelt endlich: „Und ’ne gute Jahrtausendwende!“

Wer den Glauben an die Zukunft der Intelligenz nicht verlieren will, dem bleibt nach der Betrachtung derartiger „Sendungen“ eigentlich nur eins: Immer daran denken, daß es die Leute, die da gezeigt werden, gar nicht gibt.

Ich gestehe: Die reportierte Sendung war die einzige dieses „Formats“, die ich je angeschaut habe. Der (wohl oder eventuell, siehe unten) damalige, 2025 verstorbene Moderator Martin Lohmann durfte zu Lebzeiten als durchaus „umstritten“ gelten, leider aus gänzlich anderen Gründen als denen, die heute diese Vokabel aus dem Schmiertopf locken. Immerhin war er „Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem“, „Kommandeur des Silbernen Sterns des Ritterordens der Gottesmutter von Jasna Gora“ sowie „Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich“ (und das alles als in Bonn geborener und gestorbener Rheinländer). Daneben engagierte er sich energisch gegen Homosexualität und Schwangerschaftsabbrüche, war Mitglied der CDU und später der Werteunion sowie 2010 Erstunterzeichner des „Manifestes gegen den Linkstrend“ der „Aktion Linkstrend stoppen“ (wohl eine Art Vorläufer des heutigen Gelärmes gegen „Rechtsruck“, „Rechtsrutsch“ et cetera.)

Die Sendung, um die es hier geht, ist im Internet nicht mehr zu finden (zumindest nicht nach kurzer Suche). Die „ARD-Mediathek“ verspricht „alle Sendungen“, aber das ist, wie bei ARD gewohnt (gähn), gelogen. Lustig finde ich jedoch, daß ein Florian Langenscheidt auf seiner Webseite behauptet, er habe eine Sendung gleichen Titels moderiert. In der Liste der Moderatoren auf dem Wikipedia-Blog taucht er nicht auf. Wer weiß.

(Das obige Bild zeigt eine ganz andere Sendung aus ganz anderen, undefinierbaren Zeiten, ist aber in seiner idealtypischen Blödheit so zeitlos bezeichnend und zugleich charmant, daß es nicht widerstehen konnte.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert