(aus dem tiefen Archiv): „Herzinfarktweltmeister!“ (September 2000)

(Vor einem Hochgebirgspanorama steht ein Endvierziger, gekleidet wie eine grelle Spülmittelflasche, stark verschwitzt, schiebt ein Science-Fiction-Fahrrad; geht, als wären seine Oberschenkel mit dem Becken fest verwachsen oder als hätte er in die Hose gemacht)

Uff! Heieieieiei! Pff!

(Bemerkt das Publikum, sammelt sich sofort, peinlich berührt von seiner deutlichen Erschöpfung, unbeschwert gemeinter Singsang:)

Tüdelü-darassa! Pimpam!

(Pause)

(Sehr energisch🙂 M-hm! (schaut nach oben) Bärige Steigung! Das fordert den Mann! Wie bitte? Ob ich ein Bier will? Sie sind mir ja lustig! Was glauben Sie, für was ich diese Elektrolyte reinschütte? Mein lieber Mann! Ihr Bier da, das ist ein Selbstmord auf Raten! So jung sind Sie auch nicht mehr! Und was haben Sie da? Zigaretten! Ja herrje, Sie sind ja schon tot! (lacht schadenfroh, aber mit einer spürbaren Spur Neid) Natürlich, das sieht man ihm jetzt noch kaum an. Aber wenn Sie’s erst mal spüren, haben Sie ihn schon hinter sich, den point of no return. Dann können sie trainieren und outworken, bis Sie umfallen – Sie fallen trotzdem um. Kein schöner Tod.

(Zuruf aus dem Publikum: „Aber ein schönes Leben!“)

Ja, noch so ein Obergescheiter! Immer nur genießen! den Moment! Kein Gedanke an die Zukunft! Und dann kommt das große Heulen und Zähneklappern! Glauben Sie mir, mit Wohlfühlen hat noch keiner die Zukunft gewonnen! Da braucht es ein Stahlbad! Da müssen Sie hinein! Was glauben Sie denn, wo wir heute wären! Schauen Sie mich an: vier Herzinfarkte! Und wie steh ich da?

(Versöhnlicher:) Aber ich kann Sie ja ein Stück weit verstehen. War ja früher auch nicht anders. Ich hatte Sinn fürs Schöne, ja ja. Die Oper, auch mal ein Buch … doch was bringt Ihnen das? Was das Leben wirklich ist, hab ich erst im Fitneßstudio erkannt, als es mich das erste Mal vom Steptrainer gebröselt hat. –– Zum Glück ist es dort passiert. Daß ich mich nicht mehr bewege, wäre im Büro wahrscheinlich erst nach zwei Wochen aufgefallen. Am Gigastep Extreme 2000 dauert das eine Sekunde, dann haut es Sie runter. Sonst werden Sie ja reingezogen, in den Bandmechanismus, und dann ist es sowieso aus. –– Beim zweiten Mal, an der Bizeps-Trizeps-Maschine, hab ich geschäumt wie ein Milchkalb. Da hat mich der Workout-Commander noch gelobt. Erst als ich auf keinen Befehl mehr reagiert, sondern bloß noch geschäumt hab, war ihm klar, daß das wieder ein Infarkt ist.

(Kurze Pause, heftiges Schnaufen)

Inzwischen haben Sie da im Center ja einen Defibrillator. Wir sind ja alle um die vierzig, da haut es täglich einen um.

(Pause)

Schönes Rad, nicht wahr? Ja, was heißt Rad! Rennmaschine hätte man früher gesagt, heute spielt das Tempo ja keine Rolle mehr. Unter sechzig km/h brauchen Sie gar nicht mehr auf den Berg rauf, da sind Sie ja in zwei Stunden noch nicht wieder unten. Und verpassen das Indoor-Workout! –– Bedienungskomfort ist entscheidend, automatischer Gear-change, Federrahmen, Blindsteuerung – bei dem Tempo kriegen Sie die Augen nicht mehr auf. (sinniert kurz, in Betrachtung des Rades)

Ich weiß schon, Sie werden jetzt sagen: Für was fährt der denn auf einen Berg, wenn er eh nichts sieht. Aber die Natur, mein Bester, die lenkt Sie doch nur ab! Konzentrieren müssen Sie sich! auf den Körperfunktionsmesser! Da spielt die Musik! Einen Infarkt am Berg können Sie sich selbst bei modernster Streckenerschließung höchstens zweimal erlauben, und das hab ich schon hinter mir. Hier! (deutet auf zwei Aufnäher an seinem Hosenbein) 1998 und heuer. Natur? Was soll das! Wofür haben wir denn einen Englischen Garten und einen Perlacher Forst! Ich habe ja schon angeregt, einen Hi-Tech-Berg in Stadtnähe zu errichten, aber die Ablehnungsfront der Landwirte! Ein Bollwerk! Dieses Volk hat ja nicht den geringsten Sinn für die Freizeitbedürfnisse des 21. Jahrhunderts! Die haben ja längst den Anschluß verloren, die sind ja selbst damals nur widerwillig mitmarschiert, beim großen deutschen Volkslauf. – Und jetzt frage ich Sie: Wundert es einen da noch, daß der Agrarsektor keine Zukunft hat?

(Schaut auf den kofferradiogroßen Computer an seinem Handgelenk)

Herrje! Mein heart-pulsation-Quotient ist unter den average gefallen. Ich muß weiter! Hören Sie auf mich, Sie mit Ihrem Bier da: Bleiben Sie fit!

(Anmerkung: Dieser Text oder vielmehr Entwurf entstand Anfang September 2000 im Auftrag eines Kabarettisten, der sein Programm „modernisieren“ wollte. Ich habe ihn danach vergessen und erst heute beim Aufräumen einer Festplatte wiedergefunden. Deshalb und insgesamt bitte ich um Nachsicht: Man macht halt, was einem so einfällt oder einfallen soll.)

2 Antworten auf „(aus dem tiefen Archiv): „Herzinfarktweltmeister!“ (September 2000)“

  1. ich hatte mich mal unbeliebt gemacht in dem Cafe´, in welchem ich etwa 2 Einfamilienhäuser versoff, als ich den Herren, die lautstark und impertinent mit ihren Fahrrädern angaben- pro Kilo weniger Fahrradgewicht etwa 1000€ teurer- und dann über ihre Erfolge im Bankdrücken in der Muckibude faselten, Schwachsinnigkeit attestierte…..
    Ich bin froh, nicht alleine zu sein..!!

  2. Was man mit solchen Fahrrad-für-Tristrilliarde-Fitness-Junkies als Bier-und-Lebenslust-Fan gemeinsam hat (und drum den eignen Spott hinwiederum auch begrinsen sollte könnte dürfte), ist das, was Karl Philipp Moritz im „Anton Reiser“ so hübsch und trefflich das „Schadloshalten“ nannte (vulgo und Modernsprech: Kompensation). Wir stimulieren die gleichen Hirnareale wie diese Art Addicts. Bei denen hypertrophiert das Herz mit seinen und bei uns die Leber mit ihren Aufgaben🤪🤗
    Das, mit Wilhelm Busch gesprochen, „Schöner ist doch unsereiner“ ermächtigt unsere Inspirations-Fee allerdings vor solcher Erkenntnis zu köstlicher Kabarett-Spott. Erkenntnis, vor allem „Selbst-„, macht und ja nicht immer lustiger.
    Aber ich hab auch sehr gerne auf einer Parkbank gemütlich qualmend und tagebuchschreibend keuchende Jogger und Kampf-Rad-Fahrer an mir vorbeitoben sehen

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