Als Kabarettist und/oder Satiriker darf man über „die Post“ bekanntlich ebensowenig etwas erzählen wie über „die Bahn“ und den eigenen „Lebensabschnittspartner“. Das mag der Grund dafür sein, daß das Post-Covid-Kabarett sich neben „Querdenkern“, „Schwurblern“ und „Verschwörungstheoretikern“ (also Menschen, die seit sechs Jahren die Frechheit besitzen, recht zu haben) hauptsächlich an Bahn, Post und Ehegatten abarbeitet: Das ist nur schal, fad, spießig und todeslangweilig – die Alternative hingegen (etwa Regimekritik) wäre der sichere Weg ins Abseits.

Das kann mir egal sein, weil ich sämtliche „bürgerlichen“ Engagements und Jobs genau deswegen längst verloren habe und also tun kann, was ich will, außer mehr als den Unmut meiner Leser und Zuschauer fürchten zu müssen (was, zugegeben, früher auch nicht anders war). Drum hier mal was von der „Post“: Die war früher mal ein staatlich organisiertes Element der Daseinsfürsorge (ebenso wie Bahn, Telephon, Wasserversorgung, Strom, Gas usw.) und hat so gut funktioniert, daß das niemandem aufgefallen ist. Täglich kam der Postbote (früher sogar zweimal täglich, wenn’s war), an jeder Ecke hing ein Briefkasten, meist mit Briefmarkenautomat daneben, aus dem man mittels einer lustigen Kurbel für wenige Pfennige die notwendigen Postwertzeichen herausdrehen konnte. Manchmal nahm der Postbote die Briefe und Postkarten auch gleich mit („Ich muß da ja eh hin, ha ha!“); für Aufwendigeres (Telegramm, Einschreiben, Paket) gab’s fünf Minuten vom Haus ein Postamt. Gekostet hat das alles recht wenig, es war ja staatlich (also umgerechnet „sozial“) und gehörte somit allen – bei so etwas gehört es sich nicht, daß man sich auf Kosten anderer die Taschen vollmacht.

Dann kam der „Neoliberalismus“ genannte Wirtschaftsfaschismus daher und stellte „überrascht“ fest: Das rentiert sich ja gar nicht! Das heißt: Es warf keinen Profit ab – was eine gemeinschaftliche Institution ja prinzipiell gar nicht darf (weil das Betrug wäre), was aber jetzt als oberste Maxime galt: Was keinen Profit abwirft, ist „ineffizient“, funktioniert also nicht richtig, muß „privatisiert“ (also enteignet) und an Aktionäre und Manager übergeben werden.

Das ist bekanntlich ein superdoofer Irrweg, der dazu führt, daß erst mal „unrentable“ Sachen abgeschafft werden. Dann stellt man fest, daß diese Sachen doch irgendwie erwünscht oder benötigt werden; das macht aber nichts – man führt sie in veränderter Form als „Sonderservice“ wieder ein, „differenziert“ sie, erfindet willkürliche „Bereiche“ (Gewicht, Größe, Zeit etc.) und verlangt dafür das Zehnfache. Dann sucht man nach Sachen, die profitabel sind, „filetiert“ die, verscheuert die Filets an irgendwelche Konzerne und „Dienstleister“, die weder Erfahrung noch Ahnung haben, und beschwichtigt die Kunden, indem man diesen Circus in ein Dauertheater umwandelt – ständig ändern sich „Marken“, Abteilungen, Zuständigkeiten, Preise, Verfahren, einfach alles. Wenn keiner mehr durchblickt, kann man tun, was man will. Die Leute sind ja drauf angewiesen und nehmen den immer teurer werdenden Quatsch murrend hin.

Ein Beispiel ist die Unterscheidung zwischen Brief und Büchersendung: Letztere war früher – als man noch was auf Literarizität und Bildung hielt – privilegiert. Das heißt: Sie kostete weniger Porto, mußte aber, damit da keiner schwindelt, „offen“ verschickt werden, also nur mit einer Klammer verschlossen. Im Verdachtsfall konnte ein Postbeamter das Packerl öffnen und hineinschauen: Lag neben einer Broschüre noch ein zwanzigseitiger handgeschriebener Brief an Tante Anni oder die Geliebte im Fernen drin, war das eben keine Büchersendung. Da wurde dann Nachporto fällig, das notfalls die Tante beziehungsweise Geliebte beim Empfang entrichten konnte. Der Brief hingegen war zu und blieb das auf dem Versandweg auch (über Einzelfälle, in denen dieses Grund- und Menschenrecht aufgrund windiger Vorwände wie „Terrorismus“ gebrochen wurde, reden wir hier nicht). Da durfte drin sein, was immer man verschicken wollte.

Heute ist es genau umgekehrt: Wer zum Beispiel eine CD, einen Topflappen, ein Bierfilzel oder andere Gegenstände als Geburtstagsgeschenk mit entsprechendem Begleitschreiben verschicken will, kriegt im Postamt (das kein solches mehr ist) Ärger: Da fragt der Beamte (der keiner mehr ist), was da drin sei. Das gehe ihn nichts an, sagt dann der mündige Bürger und erhält die Zurechtweisung, das sei verboten: Das im Grundgesetz (Artikel 10) festgeschriebene Briefgeheimnis gilt nämlich nicht mehr. „Waren“ (also sämtliche Gegenstände, die es auf Erden gibt) müssen entsprechend deklariert und portiert werden; es werde kontrolliert. Hingegen darf man die „Büwa“ (nicht „Bückware“, sondern „Bücher-/Warensendung“) verschlossen werden, kostet dann zwar (wie der Brief, aber noch mehr) ein vielfaches des „alten“ Portos und logischerweise mehr als der Brief, wird aber auch nicht kontrolliert.

Angesichts der Tatsache, daß 99,999 Prozent aller Bücher, die heute in Deutschland gedruckt werden, regimetreuer Scheißdreck sind, mag man das hinnehmen und den betroffenen Verlags- und Propagandakonzernen mit einem hämischen Grinsen viel Glück wünschen. Aber ärgerlich ist es doch, teuer zudem und sowieso verfassungswidrig. Letzteres spielt keine Rolle, weil fast alles, was heutige Herrscher verfügen, verfassungswidrig ist. Zweiteres ist tippi-toppi, weil dadurch mehr Geld an Blackrock fließt. Und ersteres interessiert in den Reihen der Obrigkeit keine Sau, weil diesen Leuten die gesamte Bevölkerung am Arsch vorbeigeht.

Rideldadeldum – ich überspringe dreißig Etappen und lande bei dem, was sich heute „DHL“ nennt (was immer das heißt) und wohl eine Art internationaler Konzern geworden ist: Der ist dummerweise immer noch dafür zuständig, einen gewissen Teil der Brief- und sonstigen Sendungen zu befördern, will das eigentlich aber längst nicht mehr tun (sondern lieber an der Börse spekulieren oder vielmehr spekuliert werden) und gibt sich deshalb alle Mühe, die verbliebenen Kunden zu vergraulen.

Zu diesem Zweck hat der Konzern zunächst alle „offiziellen“ Filialen (die ehemaligen Postämter) „abgebaut“ (also vernichtet) und läßt das Geschäft heute von Kiosken und anderen Läden verrichten, die angesichts der Zehntelkilometer langen Schlangen murrender Kunden meistens gar nichts anderes mehr zu tun haben. Diese vielen Kunden suchen die Läden indes meistensteils nicht deswegen auf, weil sie etwas zu verschicken hätten, sondern weil das die moderne Form der „Zustellung“ ist: Man bestellt zum Beispiel bei XY etwas und wartet dann darauf, daß es ankommt. Nach vier bis zehn Tagen erhält man eine E-Mail: „Ihre XY Sendung wurde von uns bearbeitet“ (schon da wird man mißtrauisch, selbst wenn es sich bei der Bestellung nicht um Glas oder Porzellan handelt) „und wird Ihnen voraussichtlich am“ (Datum in ein bis vier Tagen) „zugestellt.“

Klingt gut, ist aber meistens nur der Anfang einer unentgeltlichen Arbeitsleistung, die man halt so erbringt, weil man nicht anders kann. Weil man weiß, daß der Bote immer zu Zeiten erscheint, in denen niemand zu Hause ist, klickt man in der Mail auf den Punkt „Ablageort buchen“. Auf der sich öffnenden Webseite gibt man zunächst die eigene Postleitzahl ein, tippt dann zum hunderttausendsten Mal „Treppenhaus/Briefkasten“, gibt ein weiteres Mal die eigene Postleitzahl ein (irgendwas mit „Authentifizierung“), klickt wie millionenfach gewöhnt die AGB weg und schickt das ab.

Wenn man Glück hat, tut der Bote, was er tun soll: er wirft die Sendung in den Briefkasten oder stellt sie oben drauf oder auch mal drunter. Unser gewohnter Bote tut das meistens recht zuverlässig. Er ist ein fröhlicher, dynamischer Herr fortgeschrittenen Alters, der kaum deutsch spricht, mir aber auch schon mal auf der Straße hundert Meter weit „Packät!“ entgegengerufen und mir das Ding einfach so übergeben hat. Dem Konzern DHL ist so was egal, der spult sein KI-gesteuertes, bindestrichfreies Programm ab: Drei Tage später trifft die nächste Mail ein, diesmal des Inhalts „Hallo Michael Sailer, leider kam es auf dem Transportweg Ihrer XY Sendung zu Verzögerungen. Ihr neuer voraussichtlicher Zustelltag ist“ usw.

Vier Stunden später die nächste Mail: „Ihre XY Sendung wird Ihnen heute zugestellt.“ Wird sie aber nicht; offenbar ist unser gewohnter Bote krank, hoffentlich nicht wegen unbotmäßiger Eigenmächtigkeiten gefeuert oder ins Briefmarkenbefeuchtungszentrum versetzt. Nämlich nun: „Ihre XY Sendung befindet sich auf dem Weg in die Filiale X. Leider konnten wir Ihnen diese nicht persönlich übergeben.“ Schade; es wäre sicherlich ein nettes „Event“ gewesen, wenn der DHL-Vorstand vor meiner Tür gestanden wäre, um mir die Filiale X zu übergeben!

Statt dessen: „Ihr gebuchter Ablageort konnte nicht berücksichtigt werden.“ Das wird er zwar seit Jahren jeden Tag, und geändert hat sich nichts, aber mei – eine Begründung für einen solchen willkürlichen Quatsch kann sich ein internationaler Logistikkonzern selbstverständlich sparen. „Wir informieren Sie, sobald Sie die Sendung abholen können.“ Dies geschah in einem Präzedenzfall nie, weshalb damals die Sendung (es handelte sich um Reklame für neue Bücher eines Idiotenverlags) nach Hamburg zurückgeschickt wurde und erneut versendet werden mußte, diesmal mit einem anderen, etwas geschickteren „Dienstleister“. Aber was soll man als Kunde schon tun? Immerhin kenne ich nun die Filiale, in der eine eventuelle Abholung (nach zwei Stunden Schlangestehen) stattfinden könnte.

Jedoch liegt diese „Filiale“ am anderen Ende der Stadt – oder vielmehr, seien wir ehrlich, zwei Stadtviertel und etwa eine halbe Radlstunde entfernt. Nun weiß ich aber nicht, um was für eine Sendung es sich handelt – es könnte ein Faß Bier sein, ein Paket mit dreißig Leseexemplaren ärgerlicher Schundbücher oder ein schmaler Umschlag mit der Anerkennung meiner erneuten Kriegsdienstverweigerung. Einen Lastwagen besitze ich nicht, und es könnte schneien, was dann auch den Einsatz des Radlanhängers unkomfortabel machen würde. Weil näheres über die Sendung von DHL nicht zu erfahren ist, erwäge ich daher die traditionelle „Zweitzustellung“ (die in diesem Fall eine Erstzustellung wäre; aber wir wollen keine Erbsen zählen).

Die nächste Mail teilt mit: „Versuchte Zustellung heute um 14:43 – Leider hatte DHL ein Problem bei der Zustellung Ihrer Lieferung. Es erfolgt ein weiterer Zustellversuch.“ Das wäre günstig, weil ich mir in diesem Fall den Zweitzustellungsantrag sparen könnte. Es erfolgt jedoch (bis elf Uhr abends) kein weiterer „Zustellversuch“. Also doch Zweitzustellungsantrag (während ich auf fünf weitere Mails reagiere, indem ich als Ablageort „Treppenhaus/Briefkasten“ sowie meine Postleitzahl eingebe und die AGB wegklicke). Jedoch: Hoppla! Auf der gesamten DHL-Webseite ist das Thema „Zweitzustellung“ auch mit einer intensiven Suche nicht zu finden. Da hilft eine Suchmaschine (nicht Google), die mich auf eine offenbar sehr gut versteckte andere DHL-Seite führt, wo das vielleicht doch geht. Dort gebe ich die Paketnummer ein, dazu – na klar – meine Postleitzahl und klicke hoffnungsfroh. Um zu erfahren: „Leider kann aus folgenden Gründen keine Zweitzustellung erfolgen: Für diese Art der Sendung ist die Buchung einer erneuten Zustellung leider nicht möglich. Weitere Informationen finden Sie in unseren FAQs.“

Diesen üblicherweise völlig sinn- und zwecklosen Quatsch anzuklicken erspare ich mir, weil ich inzwischen – nach drei Stunden DHL-Arbeit – Hunger und Durst und sowieso besseres zu tun habe. Man kann das ja auch morgen noch mal probieren, manchmal geht das. (In diesem Fall ging es nicht.)

Das ist alles völlig irrelevant. Warum schreibe ich es trotzdem auf? Weil es irgendwie „symbolisch“ doch von Bedeutung sein könnte? Wer weiß? Ich weiß es nicht.

Je mehr ich aus gegebenen Anlässen der letzten Monate, vor allem dem Tod meines wohl besten Freundes vor knapp einem Jahr, darüber nachdenke, desto mehr drängt sich mir die Meinung auf, daß es den Tod nicht gibt und geben kann. Der Begriff und das Konzept entstanden aus der Notwendigkeit, dem Leben (von dem bis heute niemand weiß, was es ist) ein Gegenteil zu schaffen, um es ihm gegenüberzustellen. Weil das damals Mode war: Gegensatzpaare zu bilden, um die Welt zu verstehen.

Es gibt aber „Dinge“, die kein Gegenteil haben können. Etwas kann trocken oder naß sein oder alles dazwischen, aber was wäre etwas, was nicht seiend ist? „Ist“ es nicht? Blödsinn; wenn man es denken kann, ist es auch (Definition der „Welt“).

Also ist die Unterscheidung zwischen Leben und Tod notwendigerweise (weil sie sich aufdrängt) eine graduelle: War nicht eben noch der Baum tote Natur? Läßt sich nicht nachweisen, daß Steine ein Gedächtnis haben? Ist es nicht ein Irrtum, überhaupt unter solchen Aspekten die Welt zu betrachten, wenn man doch weiß, daß man nicht weiß, was Leben ist, und dessen Gegenteil genötigt erfunden hat?

Also lebt entweder alles oder nichts. Definitionen im Graubereich dazwischen sind Ausflüchte der Höflichkeit: Wem darf ich eine Ehre („zu leben“) zugestehen? wem nicht?

Daher die Sucht nach Filmen und Serien, früher Literatur, Theater, heute Tiktok etc.: Je mehr Ereignisse sich in eine begrenzte Zahl von Zeitquanten hindrängen, desto intensiver ist das Leben, fühlt es sich an. So kann man sein Leben verlängern: durch eine Steigerung der Intensität und Dichte der „Kicks“.

Der Nachteil: fremdes, vorgeführtes Leben ist nicht das eigene, ist gar keins: Es hinterläßt keine Spur im Gedächtnis, weil es nicht gelebt wurde; und das Gedächtnis ist der Inbegriff des Lebens.


Leben, sagt Eckhart Tolle), hat kein Gegenteil. Das Gegenteil von Tod ist, jedenfalls beim Menschen, die Geburt. Beides betrifft nicht das Leben, das ewig ist, sondern nur die einzelne Form, die es gerade einmal annimmt. Ähnlich, allerdings düsterer, weil von Schmerz und Langeweile geprägt (das Menschenleben), verhält es sich bei Schopenhauer. Früher fand ich so etwas esoterisch und damit unsinnig, heute finde ich es tröstlich.
Vielen Dank für die Reflexionen, auch die zur Post. Hinsichtlich letzterer trösten mich Tolle und Schopenhauer auch, weil sie einem helfen, den ganzen Unfug (Paketnachverfolgung, Postleitzahl eingeben etc.) nicht so wichtig zu nehmen.
Der Name DHL geht auf die Anfangsbuchstaben der Nachnamen von Adrian Dalsey, Larry Hillblom und Robert Lynn zurück, die das Unternehmen 1969 in San Francisco gründeten.
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diese Woche über das Kontaktformular unter post.at gesandt >>>
Sendungsnummer: 1234567890123456789
1234567890123456789 *und andere*
„Leider hatte Österreichische Post ein Problem bei der Zustellung Ihrer Lieferung.“
könnte es sein, dass das „Problem“ darin besteht, dass ihr Zusteller – um der Gefahr zu entgehen die Sendung im 5. Stock zustellen zu müssen – es sich erspart zu klingeln? Oder zu blöd ist, die richtigen (also meine) Klingel zu betätigen? >>>
Danke für den Hinweis – und „schön“ zu sehen, daß es anderswo auch nicht recht viel anders zugeht … 🙂