(aus dem tiefen Archiv): Wyatt/Atzmon/Stephen „… For The Ghosts Within“ (September 2010)

Heute (nein, gestern) ist Robert Wyatt 81 Jahre alt geworden. Das ist kein Grund für irgendwas, aber Anlaß für Erinnerungen. Zum Beispiel an ein Album, an das ich mich ansonsten tatsächlich kaum je erinnert hätte. Es folgt ein Text, den ich damals dazu geschrieben habe:

Man kommt auf seltsame Gedanken, wenn man sich vorstellt, daß Robert Wyatt, der große Jazz-Außenseiter und Rock-Einzelgänger, Kommunist, Marxbartträger, seit einem Fenstersturz 1973 mit dem Rollstuhl unterwegs, im Englischen mit dem Verb „wyatting“ geehrt (bedeutet: in Kneipen wirre, als Hintergrund unerträgliche Musik aufzulegen, um die Leute zu ärgern), – daß dieser notorisch liebenswerte Spinner fast mal ein Popstar geworden wäre (oder war, sogar mit Hitsingles). Was wäre das für eine Welt, in der aus dem Alltagsradio so merkwürdige, kaum ergründliche, unfassbar tiefe und weite Musik schallte, in der Castingshowkandidaten versuchten, diese wunderbar weiche, weise, wärmende Stimme nachzuahmen, Schlagerproduzenten Wyatts Neugier, Experimentierfreude, Feingefühl, seine fast übermenschliche Musikalität als Ideal ansähen?

Bei manchen der Lieder auf diesem Album wäre zumindest ersteres annähernd denkbar, weil ihre Schönheit so überwältigend schlicht ist, daß die typisch „experimentellen“ Elemente (die in Wirklichkeit wohldurchdacht, aber kaum in Hörgewohnheiten einzuordnen sind) nur als Kitschbrecher wirken: „Laura“ etwa, mit dem die Platte beginnt wie ein schwelgerisches Uralt-Hollywoodepos für verregnete Sonntage, und selbst das kompositorisch gewagte, lose arrangierte „Maryan“. Andere verlangen eine gute Portion Humor, belohnen aber mit einer noch größeren Ladung Schönheit: Thelonious Monks „Round Midnight“ einfach mal zu pfeifen mag naheliegend sein, ihm aber derart verblüffende melodische Wendungen abzugewinnen, ist sagenhaft – Gilad Atzmons Saxophon versöhnt die Jazzpuristen, traut sich aber ebenso viel (und noch mehr in Ellingtons „In A Sentimental Mood“), und was Wyatts Trompete (mit zwitschernden Vögeln als Begleitung) als Eröffnung zu Billy Strayhorns Klassiker „Lush Life“ eingefallen ist, sorgt für ein verwirrt-begeistertes Grinsen und die Empfindung, die folgenden sechs Minuten seien eine irgendwie fast konventionelle Interpretation.

All das lebt von einer außergewöhnlich inspirierten Dreisamkeit: Ros Stephen und sein Streichquartett, Gilad Atzmon und Wyatt (sowie die palästinensischen Hiphopper Shadia Mansour und Abboud Hashem von Ramallah Underground auf dem einzig entgleisten, aus einer witzig-nostalgischen Ragtimemelodie und modernistischen Elektrorhythmen zusammengeschraubten „Where Are They Now?“) katalysieren sich derart, daß selbst ein so verstaubtes Ding wie „What A Wonderful World“ neu und jeder Zeit enthoben klingt.

Was wäre das für eine Welt, in der solche Musik überall und jederzeit von vielen Menschen gehört würde? Eine wunderbare, nahe am Paradies.

(Der Text entstand für Konkret und ist dort wohl auch im Oktober oder November 2010 erschienen.)

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