Wie die meisten Buben spielten wir gerne Fußball, davon war schon die Rede. Und wie in den meisten Höfen war das verboten. Allerdings hatte man einen Rasen angelegt, was die Einhaltung des Verbots sehr erschwerte.
Im Parterre des Hauses lagen die Büros der Firma, der die ganzen Wohnungen im Haus gehörten, und immer dann, wenn der nasse Lederball auf eine der Scheiben zuflog, befanden wir uns bereits auf der Flucht in den Sandkasten oder zur Hausmauer zwischen den Fenstern, wo uns die Angestellten nicht sehen konnten, wenn sie erschreckt und wütend durch die vibrierende Scheibe mit dem Ballabdruck starrten.
Seltsamerweise waren die einzigen Scheiben, die tatsächlich kaputtgingen, die wesentlich kleineren im Nachbarhaus. Helmuts Vater war Bauarbeiter und wußte, wie man Scheiben verglast. Mit der Zeit lernte er die Leute im Nachbarhaus recht gut kennen; sie redeten ihn sogar mit einem Vornamen an, den bis dahin angeblich nicht einmal Helmut gekannt hatte, weil für ihn seine Eltern, ihrer jeweiligen Geschlechtszugehörigkeit entsprechend, „Mamma und Papper“ hießen.
Wir saßen auf den Aschentonnen, während der Vater, eine Scheibe unter dem Arm und einen kleinen Kübel in der Hand, mit der anderen Hand Helmut am Arm oder am Ohr zum Nachbarhaus zog, dort die Scheibe einsetzte und der ganzen Welt lauthals verkündete, seinem Sohn werde dieses Fenster vom Taschengeld abgezogen.
Ich wußte noch nicht lange, was Taschengeld war. Eines Tages zeigte mir ein Junge in der Schule sein Album mit Tiersammelbildern und erklärte, er habe sich diese Bilder von seinem Taschengeld gekauft. Nun wollte ich auch Taschengeld. Als meine Mutter meine Schwester und mich abends vom Hort abholte und wir durch das Schultor auf die dunkle Straße getreten waren, sagte ich, daß die anderen Kinder alle Taschengeld bekämen. Meine Mutter ließ sich überzeugen und sagte, es gebe ab jetzt vierzig Pfennige in der Woche. Das waren vier Päckchen mit je zwei Tierbildern.
Die Bilder gab es in einer morschen Hütte, die gegenüber der Schule zwischen einer Gärtnerei und einer Autowerkstatt stand. Darin saß eine dicke Frau in einem gemütlichen Durcheinander von Regalen und Schubladen mit Stiften, Schulheften, farbigen Einbänden, buntem Papier, bunten Spielsachen und bunten Süßigkeiten.
Das Album für die Tierbilder bekam man umsonst dazu, aber leider waren die Tüten mit den Bildern undurchsichtig bedruckt. Mit der Zeit stellte sich heraus, daß einige Bilder sehr oft, andere fast nie in den Tüten waren. So trug man jeden Tag einen Stapel doppelter und drei- bis zehnfacher Bilder mit in die Schule, um sie vor Unterrichtsbeginn konspirativ zum Tausch anzubieten. Vieles ließ sich dabei lösen, aber einige Bilder blieben unerreichbar. Man hörte von anderen, daß es Jungs gab, die sie hatten, aber die Bilder bekam man nie zu sehen.
Als die nächste Bilderserie erschien, waren das Autos, dann kamen Flugzeuge, und Tiere und Autos waren vergessen. Flugzeuge waren wesentlich interessanter, zumal sich ein großer Teil des Albums mit Kriegsflugzeugen und Düsenjägern befaßte; allerdings war das Album auch dicker. Ich schätzte, daß es mit meinem Taschengeld ziemlich viele Jahre und auf jeden Fall zu lange dauern würde, das Album zu füllen.
Einmal in der Woche gab meine Mutter meiner Schwester und mir je ein Fünfzigpfennigstück mit in die Schule, um die Speisung zu bezahlen. Das war jeden Tag eine Tüte Hanselmann-Kakao (Milch nahmen nur einige ganz seltsame Kinder, denn die Milch in den Pyramidentüten schmeckte ganz seltsam) und eine Semmel, die uns bei Pausenbeginn im Schulhof ausgehändigt wurden. Ich verzichtete auf Kakao und Semmel und bekam zehn Bilder dafür; Bilder, die nach einiger Zeit immer häufiger doppelt und drei- oder mehrfach vorkamen und zum Tauschen aufgehoben wurden.
Zwar hatte ich weniger Taschengeld als die meisten – Helmut behauptete, er bekomme zwanzig Mark –, aber ich tauschte sehr geschickt und hatte kurz nach den Pfingstferien nur noch eine Lücke im Album: Ein äußerst seltener Kampfbomber fehlte. Niemand hatte ihn, nur im Hort wollte ein türkischer Junge namens Hassan – der außerdem damit glänzte, daß er sich auf beeindruckende Weise den Daumen auskugeln konnte – jemanden kennen, der das Bild doppelt habe. Er ließ sich alles mögliche versprechen, um den Kampfbomber zu besorgen, aber es klappte nie.
Ein Onkel, den ich selten sah, fragte, was ich mir wünsche. Ich wünschte mir Bilder. Der Kampfbomber war nicht darunter. Mein Doppelt- und Mehrfachstapel war doppelt so hoch wie mein Federmäppchen.
Eine Bekannte kam vorbei und sah im Wohnzimmer eine Rollingstonesplatte, die meine Mutter kurz davor gekauft hatte. Der Platte war ein Poster beigelegt, das gehörte mir. Die Bekannte wollte das Poster unbedingt haben; also erklärte ich mich bereit, es ihr für fünfzig Päckchen Bilder zu überlassen.
Mein Vater, die Bekannte und ich saßen einen ganzen Nachmittag in der Küche und packten Bilder aus. Ich hatte nun einige Bilder fünf- oder zehnfach, aber nicht den Kampfbomber. Die Bekannte nahm das Poster mit, und ich wagte nicht, noch einmal um fünfzig Päckchen Bilder zu bitten. Das Album lag noch viele Jahre lang in einer Schublade, dick geschwollen von den vielen Bildern. Nur den Kampfbomber, den habe ich nie gesehen. Vielleicht gab es ihn gar nicht.
(„Junger Unfug“ begann ungefähr 1996 mit der Idee, Erinnerungen aus meiner Kindheit aufzuschreiben und sie irgendwie motivisch zu etwas „Sinnvollem“ zu verbinden. Nachdem keiner der etwa hundert Verlage, denen ich Textauszüge und eine Beschreibung des „Projekts“ zuschickte, in irgendeiner Weise reagierte, erschienen die Texte auf einer längst gelöschten Webseite und blieben auf einer alten Festplatte liegen. 2018 oder 2019 fand ich sie wieder, schrieb ein bißchen weiter und vergaß die Sache erneut. Vielleicht kommt irgendwann der „richtige Zeitpunkt“. Vielleicht ist er jetzt. Ob ein Buch daraus wird, weiß ich noch nicht.)

bei mir warens ab 1963 FUSSBALLBILDER – und später schlagersänger und bands… dein bericht ist süss !