Krach & Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): Thin Lizzy „Vagabonds of the Western World“ (November 2010)

Eine Grunderfahrung der Rock-’n’-Roll-Generation: der Impuls, in die Knie zu gehen, der Welt mit einem trotzigen Grinsen die Faust entgegenzurecken und irgendeine sinnfreie Parole auszustoßen, „Yeah!“ oder „I’m a Rocker!“ oder so etwas. In solch lächerlichem Betragen (noch lächerlicher in der späteren Variante als „Luftgitarrenspiel“) einen späten Ausfluß der Klassenkämpfe der Nachkriegszeit zu sehen, mag ebenfalls lächerlich sein, aber es spricht einiges dafür – in Großbritannien, das den Krieg besonders schwer verloren hatte, tobte das Phänomen von Beat bis Punk besonders heftig (während es in den USA zwar schlimm aussah, aber immer in der Nähe des sicheren Country-Hafens blieb), und das alte Establishment wird schon gewußt haben, wieso es die Sache unbedingt zum Generationenkonflikt umdeuten wollte.

Es gab eine lange Reihe von Protagonisten dieses auch in den Emanzipationsbewegungen der sechziger Jahre wurzelnden, sehr maskulinen Lebensgefühls, die wie Helden und Idole verehrt wurden, weil sie vorlebten, wovon der Fan nur träumen konnte: sich allen Regeln und Formen zu widersetzen und im Streben nach absoluter Freiheit die Selbstzerstörung billigend in Kauf zu nehmen. Aber verglichen mit Phil Lynott waren die meisten davon nur biedere Karrieristen und Darsteller (abgesehen vielleicht von Gary Holton und Bon Scott) – Lynott hingegen war „The Wild One“; und in seinem Fall lohnt es sich, ein Leben zu erzählen und damit vor seiner Geburt zu beginnen:

Seine Mutter Philomena, 1930 in Dublin als viertes von neun Kindern geboren, entflieht der dortigen Armut wie viele Iren Richtung England, arbeitet als Krankenschwester in Liverpool, wo sie Cecil Parris kennenlernt, einen Flüchtling aus dem damaligen Britisch-Guyana, der als blinder Passagier auf einem Schiff aus Südamerika gekommen ist und sich bei seiner Ankunft in New York wähnt. Er ist 23, sie gerade 18 geworden, und als sie mit ihrem am 20. August 1949 geborenen Sohn Philip nach Dublin zurückkehrt, könnte der Skandal nicht größer sein: dunkle Pigmentierung und wilde schwarze Locken – ein irischer Neger, im erzkatholischen Dublin möglicherweise einmalig, noch dazu die Mutter (die zum Arbeiten nach England zurückgeht und ihr Kind bei den Großeltern läßt) unverheiratet! Die rassistischen Anfeindungen von Älteren halten sich in etwa die Waage mit der sensationslustigen Bewunderung Gleichaltriger, denen der kleine Philip mit seiner früh erwachenden Kreativität imponiert. Mit 14 wird er Sänger bei den Black Eagles, die eigentlich seinen 15jährigen Onkel Peter wollten, weil der ein bißchen Gitarre spielen kann; aber die Ausstrahlung des dürren Asthmatikers, dessen Groß- und Stiefvater gerade an einem Herzinfarkt gestorben ist, überzeugt jeden, der ihn sieht und hört. Nach ein paar Wochen ist Phil Lynott ein Star, zumindest in seiner Gegend.

1966 übernimmt Philomena Lynott mit ihrem neuen Lebensgefährten das Hotel Clifton Grange in Manchester, eine in eingeweihten Kreisen „The Showbiz“ genannte Absteige für Künstler und schillernde Gestalten jeder Art, wo das Frühstück ab Mittag serviert wird und Phil bei regelmäßigen Ferienaufenthalten alle möglichen schrägen Vögel kennenlernt: versoffene Dichter, Magier, Maoritänzer, transsexuelle Komiker, professionelle Billardspieler, Bauchredner, Popstars, unklare Berühmtheiten und gescheiterte Existenzen. Er befreundet sich mit dem kanadischen Musiker Percy Gibbons von The Other Brothers, musiziert mit ihm in dessen Dachkammer und schreibt seine ersten Songs.

Die Black Eagles sind inzwischen getrennt, Phil nimmt den 14jährigen Trommler Brian Downey mit zu Kama Sutra, bricht eine Schlosserlehre ab, zieht zu Hause aus, wird Hippie, spielt mit Downey bei Orphanage, singt bei Skid Row, lernt das Baßspielen, bis sich die beiden im Dezember 1969 von den Van-Morrison-Begleitern Eric Bell und Eric Wrixon (der bald wieder aussteigt) überreden lassen, eine neue Band zu gründen. Bedingung: Lynott möchte seine eigenen Songs spielen. Von denen hat er inzwischen genug für mindestens zwei Langspielplatten; es sind bildmächtige, hochromantische, manchmal regelrecht theatralische Balladen von Außenseitern, Gauklern, Ganoven und Verlierern, wie er sie aus dem „Showbiz“, aus dem Leben als fahrender Musikant, den Cowboyfilmen, mit denen er als Jugendlicher einsame Tage füllte, aus der Kindheit und seiner blühenden Phantasie kennt, vermischt mit Familiengeschichten, irischen Mythen und Legenden, vorgetragen mit unverwechselbarer, verletzt-stolzer Klagestimme, die manchmal an Jimi Hendrix oder Rod Stewart erinnert, aber beide an Wirkung und Eindringlichkeit bei weitem übertrifft. Wenn Lynotts Figuren leiden, leidet der Hörer mit; es ist ein stolzes, trotziges Leiden, und den Impuls, den es bewirkt, haben wir eingangs schon beschrieben.

Vor allem aber sind es die „kleinen Leute“, von denen Lynott erzählt und die er anspricht, die Ausgebeuteten, Armen, Heimat- und Aussichtslosen, wobei es ihm nie um Politik geht, sondern um Würde und Selbstvergewisserung. Jedem anderen geriete so etwas zu triefendem Kitsch, bei ihm wird es naiv-unmittelbare Poesie, und die Poesie erwacht zum Leben, schon in epischen Songtiteln wie „The Friendly Ranger At Clontarf Castle“, „Saga Of The Ageing Orphan“, „The Rise And Dear Demise Of The Funky Nomadic Tribes“ und, na klar, „Clifton Grange Hotel“.

Musikalisch ist die Band in den frühen Siebzigern schwerer zu verorten: Ihre eigentümliche Mischung aus simpel (meist ohne Overdubs) produziertem, kompositorisch vertracktem (oder, wie andere meinen: fragmentarischem), mit glühender Hingabe gespieltem Blues/Rock und schmerzvoll-idyllischer irischer Folklore gefiel auf den ersten beiden Alben (1971 bzw. 1972 erschienen) einflußreichen Kritikern und DJs wie John Peel und Kid Jensen (Radio Luxemburg), aber Verkaufserfolge ließen sich damit nicht erreichen.

Das gelang der nach London umgezogenen Band – die sich, um nicht zu verhungern, dafür hergab, mit einem fremden Sänger unter dem Namen Funky Junction ein Album mit Deep-Purple-Covers einzuspielen – zwar Ende 1972 zufällig mit der eigentlich als B-Seite gedachten Single „Whiskey In The Jar“ (einem irischen Volkslied), aber glücklicherweise blieben ihre Versuche, das dritte Album an den Zeitgeschmack anzupassen, vergeblich – „Vagabonds Of The Western World“ wurde der nächste Flop. Danach hatte das Label Decca genug, kündigte den Vertrag, Eric Bell stieg aus, Phil Lynott sah sich gezwungen, mit einer neuen Ausrichtung zwischen Hardrock und Heavy Metal sein Glück zu versuchen, das er kommerziell auch fand – zumindest einigermaßen. Seine Dämonen ließen ihn nicht los: Künstlerisch in der Sackgasse, von Alkohol und Drogen ruiniert, starb er am 4. Januar 1986 an multiplem Organversagen.

Und selbst viele spätere Fans, denen Hits wie „The Boys Are Back In Town“ zu Lebenshymnen wurden, brauchten Jahre, um endlich das grandiose Meisterwerk zu entdecken, das das unter größtem Druck entstandene dritte Album war und ist: Da hört man eine Band, die ihr Repertoire an musikalischen und poetischen Möglichkeiten voll ausschöpft, ohne bereits damals übliche studiotechnische Zaubereien. Stilistisch reichte der Bogen vom eingangs erwähnten trotzig-ekstatischen Rowdy-Spektakel („The Rocker“) über tief empfundenen, formelfreien Blues, hüftenjuckende Funk-Anklänge und den kaum einzuordnenden Gefühlsvulkan „Little Girl In Bloom“ (mit einem der unmittelbarsten und schönsten Gitarrensoli der Rockgeschichte) bis zur sentimentalen, aber ganz unpathetischen Orchesterballade „A Song For While I’m Away“; und vor allem hört und spürt man hier drei Menschen, die ihre Musik leben, wie man sich das als nachgeborener Ironiker kaum mehr vorstellen kann. Als Doppel-CD mit 23 zusätzlichen Aufnahmen ist das fast zu viel und könnte vom eigentlichen Werk ablenken, wenn das nicht so umwerfend schön und unverwüstlich wahr wäre.

geschrieben Anfang November 2009 für Konkret, dort gekürzt erschienen

Eine Antwort auf „Krach & Wahn (Popmusiktexte aus vielen Jahren): Thin Lizzy „Vagabonds of the Western World“ (November 2010)“

  1. gute thin lizzy – recherche !
    hoffe du frierst nicht zuhause oder musst dein hochbett verschüren, lach.
    bei mir im mansardenzimmer ists auch gern zapfig mit schnee am dach und aussenwänden. denken wir an sommer 1983 – einer der besten !
    GRUSS SIGI HÜMMER

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