Kurz vor dem Jahreswechsel mehr oder weniger zufällig vom Tod eines alten Freundes zu erfahren, hat bei aller nicht zu vermeidenden Gewöhnung an solche Vorfälle eine niederschmetternde Wirkung. Das liegt wenig an den Umständen, auch nicht mehr an der fehlenden Erwartung (er war elf Wochen jünger als ich), nicht an dem schäbigen Nachruf seines ehemaligen Arbeitgebers, sondern vor allem daran, daß ich (ohne es zu merken) auf etwas gehofft und es (ohne es zu merken) als unvermeidlich vorausgesetzt hatte.

Man könnte es Versöhnung nennen, aber der Begriff ist durchgekaut, ausgelutscht und auf peinliche Weise unpassend. 2020 schloß er sich den Corona-Jüngern an, ohne daraus ein öffentliches Gewese zu machen, zunächst. Das wäre sowieso nicht seine Art gewesen: Er war, für seinen Beruf ungewöhnlich, sehr zurückhaltend, strahlte eine wohltuend freundliche Unsicherheit aus, die ihn von vielem abhielt, was er insgeheim wollte: Rockstar werden, zum Beispiel. Krimiautor auch (ich habe noch ein Typoskript von ihm in einer Schublade, wir konnten nie darüber reden; oder: Ich konnte das nicht).

Vieles von dem, was ihm vage vorschwebte, projizierte er auf andere, manchmal auch auf mich. Er verschaffte mir vor ungefähr einem Vierteljahrhundert sogar mal einen Job als Kolumnist bei seinem Arbeitgeber, nachdem er sich mehrmals beklagt hatte, er dürfe zwar über bestimmte Dinge schimpfen, über andere aber nicht, und ich vermutet hatte, er traue sich das bloß nicht: Dann solle ich das mal versuchen. Das tat ich, und er behielt recht: Als er auf einem Kurzurlaub war, wurde mir durch seinen Stellvertreter (der auch hier stellvertretend für höhere Tiere handelte) fristlos gekündigt. Die Begründung war denkbar hanebüchen, aber worum es wirklich ging (sagte auch der Stellvertreter), wußte ich ja.

Viel später hatten wir mal einen Streit, den ich lieber Debatte nennen täte, der eine solche aber auch nicht war: Er war (wohl auch infolge der damals vor allem in seinem „beruflichen Umfeld“ aufkommenden „Haltungs“-Mode) für Greta Thunberg und ihre „Ziele“ (oder wie auch immer man das nennen will) entflammt und reagierte ziemlich knorrig auf meine Versuche, das Getue um den angeblich drohenden Klimaweltenbrand ein bisserl zu relativieren. Selbst das Buch „Why We Disagree on Climate Change“, das ich ihm als ungefähre Diskussionsgrundlage schenkte, wollte er nicht mal anfassen. Das war seine Art des Streitens (oder wenigstens die, die ich kennengelernt habe): Der eine meint das eine, weil er den „offiziellen Informationen“ vertraut und „es Grenzen gibt“, der andere ist ein Depp, macht aber nichts, noch ein Weißbier, ansonsten paßt’s dann schon (mit seinem typischen, immer etwas leidenden Lächeln). Wirklich diskutiert haben wir nie, sondern lieber einstimmig lamentiert, wechselnd schwadroniert, je nach Bierzahl verstiegene Pläne geschmiedet (die von einem Anti-Ehe-Buch bis zu einem nach einem vergessenen Münchner Stadtbach benannten „Gesenbach-Geheimbund“ reichten).

2020 kam der Bruch, wie in vielen Fällen vermeintlicher „Freundschaften“, die allerdings in den meisten Fällen wirklich nur vermeintlich waren. Plötzlich schrieb er in „sozialen Medien“ eruptive Beschimpfungen unter meine Einträge und Kommentare zum Thema „Corona“ – was möglicherweise mit einer bereits damals bei ihm diagnostizierten Krankheit zum Tode zu tun gehabt haben mag; aber das weiß ich nicht, wußte ich damals sowieso nicht, und ich will nicht spekulieren. Andererseits konnten wir „privat“ (per diskretem Nachrichtenaustausch) weiterhin (einigermaßen) freundlich miteinander reden. Bis weit in den Sommer 2021 hinein, als andere „solche“ Kontakte schon aufgrund der (zu Recht) befürchteten beruflichen und sozialen Nachteile („Was kennst denn du für Leute? Der ist doch Querdenker und Impfverweigerer!“) längst abgebrochen waren.

Irgendwann kündigte er mir dann doch die Facebook-„Freundschaft“, zunächst von mir (wie in vielen Fällen) unbemerkt. Ich konnte nicht böse sein, weil ich wußte, wie wichtig ihm ein bestimmtes „Umfeld“ (ein Fundament) war, in dem ich nun als eine Art derangierter, gefährlicher Satan galt. Um so erstaunlicher fand ich unsere letzte Begegnung, die auch schon wieder ein paar Jahre her ist: Da saß ich im Biergarten, der meiner Erinnerung nach gerade wieder ohne Staubfilter im Gesicht, aber noch mit Nachverfolgungs-App betreten werden durfte. Plötzlich stand er am Tisch, lächelte sein charakteristisch unsicheres, errötetes Lächeln, und wir plauderten ein bißchen, freundlich und als wäre nichts gewesen, bis er sich mit dem Hinweis verabschiedete, er sitze da drüben mit ein paar hohen Tieren.

Ich fand das, wie gesagt, erstaunlich und erfreulich und sagte das meiner Begleiterin, die indes (wahrscheinlich mit Recht) einwandte, er sei deswegen zu uns an den Tisch gekommen, weil er verhindern wollte, daß ich an seinen Tisch hinübergehe und ihn in die peinliche Situation bringe, sich rechtfertigen zu müssen, daß er sich von Leuten wie mir nicht hinreichend distanziert (oder sie überhaupt kennt).

Das ist ein tatsächlich traumatisches Relikt dieser unwirklich grausigen Zeit: sich zu erinnern, in was sich viele Menschen damals unter dem Zwang der (ja: faschistischen) Massenformierung verwandelten. Viele ohne es überhaupt zu bemerken, er sicher nicht. Anderen sah ich die Peinlichkeit, mich kennen zu müssen, ohne mich kennen zu dürfen, weitaus deutlicher an; bei ihm war es wohl weitgehend eine Art verquerer Diplomatie.

Darüber hätte ich gerne noch mit ihm geredet, irgendwann. Und ich habe, wie gesagt: unbewußt, sicher damit gerechnet, daß das irgendwann passieren würde. Das wird es nicht, und das einzige Erfreuliche daran könnte meine Naivität sein, die Weigerung, wirklich voll und ganz zu begreifen und anzuerkennen, daß das alles – nicht nur sein Leben und unsere Freundschaft – für immer und alle Zeiten vorbei ist.

Man will vieles intuitiv nicht begreifen, was wir derzeit erleben, auch wenn es manifest vor Augen steht. Die galoppierende Menschenverachtung, die insbesondere „Politiker“ und „Medienmenschen“ (von den kaum noch so zu nennenden „Mainstream-Medien“) verstrahlen, wenn sie zunehmend hemmungslos auf ihre „Feinde“ eindreschen, übertrifft immer wieder alle Befürchtungen. Noch vor wenigen Monaten hätte man sich kaum vorstellen können, mit welch kaltem Haß und welcher Bösartigkeit etwa der „Zeit“-Redakteur Jörg Lau auf die Befürchtung reagiert, sein „Weltwoche“-Kollege Roger Köppel könnte einer der nächsten sein, die von der kriminellen EU-Junta der Führerin Leyen jenseits aller Gesetze geächtet und für vogelfrei erklärt werden. Lau fiel dazu ein: „Good. Traitor.“

Also nicht mal deutsch: „Gut so! Volksverräter!“ Da wirkt wohl noch ein bisserl Restscham aus dem Geschichtsunterricht, das macht die Entgleisung aber eher noch schlimmer, weil sie in dieser Form ahnen läßt, daß manche Leute notfalls vor wirklich gar nichts zurückschrecken täten, solange sie ihre Hetztiraden so camouflieren können, daß ein direkter Vergleich mit Naziverbrechen justitiabel sein könnte. „Sag’s auf englisch, dann merkt’s keiner!“ Womöglich merken die nicht mal mehr selbst, was aus ihnen geworden ist.

Ein Anhänger der neben „Die Ärzte“ und „Toten Hosen“ gerne übersehenen Staatsmusikkapelle „Goldene Zitronen“ wies mich neulich zurecht. Passiert war dies: Die Facebook-Seite „Die Goldenen Zitronen“ bewarb einen SWR-Huldigungsfilm mit diesen Worten: „Vor 50 Jahren begann die Ära des Punks, eingeleitet von den Sex Pistols“ und zeigte dazu ein Photo des „Goldenen Zitronen“-Geschäftsführers Schorsch Kamerun mit dem Bassisten von The Damned, Captain Sensible. Das stieß auf mein Mißfallen und inspirierte mich zu dem Kommentar: „Pah. ‚Corona‘-Mitläufer sind nicht besser als Nazimitläufer. Punk over.“

Daraufhin trat ein „Carsten Zorn“ auf den Plan und fand: „Du bist ein richtiger Klon.“ Ich antwortete darauf mit dem ziemlich gespenstischen Video zu Alice Coopers Song „Clones (We’re All)“. Und dachte, ich hätte damit meine Unfähigkeit, einen solchen Quatsch, den SWR, „Die Goldenen Zitronen“ und „Carsten Zorn“ ernstzunehmen, hinreichend zum Ausdruck gebracht. Pech.

Ein „Christof Schnepf“ (wer denkt sich diese Namen aus?) nahm meinen Kommentar zum Anlaß folgender Einlassung: „die Pandemie und die zugehörigen Freiheitsbeschränkungen sind jetzt 3 Jahre her. Wenn Du immer noch so ein Trauma davongetragen hast, dann bist Du selber das Problem, nicht die anderen. Lass Dir helfen.“ Was ich im Grunde putzig finde. Ein „Punk“, der (jetzt offenbar nicht mehr) Angst vor einer „Pandemie“ hat, die spätestens seit Sommer 2020 so lächerlich beziehungsweise furchterregend war/ist wie „Love Beach“ von Emerson, Lake & Palmer? Come on!

Aber weil ich emotional belastet war, fügte ich noch dies hinzu: „Mein Großvater konnte ziemlich zornig werden, wenn man ihm so etwas 30 Jahre ‚danach‘ erzählt hat. Freilich: Das Problem war damals auch er, nicht die anderen.“ Die Hoffnung, daß ein Hamburger „Punk“ im Rentenalter (oder nachgewachsener Mitlaufjünger) versteht, was ich meine, ist gering. Es ist nur auch so, daß ich auf Facebook von einem Algorithmus seit Tagen zugeschüttet werde mit Kriegshetze von obskuren Faschistenseiten sowie allem möglichen Zeug, von dem ich nie etwas wissen wollte, und mir deshalb so was hin und wieder nicht verkneifen kann. In einem Jahr werden wir über all das (und viel mehr) lachen (nicht mehr alle).

Das wirklich Bedrückende am Tod des alten Freundes ist der Gedanke, daß er vielleicht mit mir reden wollte, sich aber nicht traute, weil er dachte, ich sei zornig und trüge ihm sein Verhalten während der „Corona“-Kampagne nach. Das war ich nie und habe ich nie getan, in so gut wie allen Fällen, weit über diesen Komplex hinaus. Es gibt vielleicht vier oder fünf Menschen, auf die ich wirklich anhaltend sauer bin – oder sagen wir: enttäuscht, im Wortsinn. Aber da liegt das wohl daran, daß diese Zeit und ihr Verhalten Probleme sichtbar gemacht haben, die tiefer liegen und immer schon da waren. In diesen Fällen bin ich also wohl eher auf mich selbst sauer (siehe oben: Naivität), nachtragend indes ebenfalls nicht. Wir werden weiterhin einen Planeten bewohnen, und Feinde habe ich nicht.

Bemerkenswert, dass Sie noch nicht einmal enttäuscht sind von den (ehemaligen?) Coronisten-Freunden. Ich bin es schon. Nicht, dass ich das unentwegt spüren würde. Aber ich bin auch im Nachhinein oft noch fassungslos darüber, dass viele Menschen sich so verhalten, wie man es aus Geschichtsbüchern kennt. Und darüber, dass es einfach so weitergeht, im Gleichschritt, bei (fast) jedem Thema aufs Neue.
Danke für diesen sehr persönlichen Text, der mich nachdenklich zurücklässt. Diese Ent-Täuschung, die massiv ab Frühjahr 2020 kam finde auch ich schmerzlich, aber heilsam: Ich hatte mir selbst viel „vorgemacht“. Seitdem weiß ich quasi amtlich, „dass ich das Problem bin“. Es ist etwas, das ich schon lange intuitiv spürte, aber nicht wahrhaben wollte.
Jetzt, wo ich hier tippe merke ich, wie sehr mich das alles immer noch beschäftigt, aufwühlt. Mich letztlich ratlos zurücklässt. Auch ich bin weiterhin mit den meisten in zum Teil sogar engem Kontakt, die „gläubig“ waren – und es letztlich noch immer sind. Sollte es so was wie eine „nächste Runde“ geben, werden sie höchstwahrscheinlich wieder „mit dabei“ sein. Und irgendwie hat diese Desillusionierung auch ihr Gutes: Ich habe jetzt zumindest eine Ahnung, woran ich bin.
es ist Samstag früh, nach langem Regen scheint die Sonne, die Vöglein piepen…. der Pfaffe geht wohlgemut in Richtung Kirche, kürzt dabei den Weg etwas ab und bleibt im Schlamme feststecken. Das verdriesst ihn keinesfalls, frohgemut versucht er rauszukommen.. der Feuerwehrhauptmann kommt vorbei: „Grüss Gott Herr Hochwürden! Ham’s a Problem? Soll i eana helfa?“ „Ach nein, mein Sohn, danke! Ich vertraue auf des allmächtigen Herren Hilfe, geh Du nur frohgemut deiner Wege.“ Der Feuerwehrhauptmann geht also weiter und drei Stunden später fährt er mit dem Feuerwehrauto zur Übung dort vorbei. Der Pfaffe steckt nun bis zu den Knien im Matsch… „Ja sakradi, Herr Hochwürden, Sie steckand jo imma noch fest! Soind mir eane ned aussehelfa?“ “ Ach meine lieben Schäflein, ddas wäre billig, ich vertraue auf die Hilfe des Herrn, danke!“ Etwas in Sorgen fahren die Feuerwehrler weiter, kehren stark angetrunken gegen Sonnenuntergang zurück. Der Pfaffe steckt bis zur Unterlippe im Schlamme und verweigert wiederum die Hilfe der Feuerwehrler und schickt sie entschlossen weg.. sie ziehen ab. Drei Stunden später ist der Pfaffe tot. Etwas empört spricht er auch gleich beim Herrn vor, er habe ihm doch vertraut. Der Herr ist etwas verzweifelt, rauft sein Haar und ruft aus: „Kruzitürken, Du Depp! Dreimal hob e dia d’Feierwehr g’schickt g’hobt!!“
Danke Herr Burger,
ich freue mich immer wieder auf´s neue über Ihre Schilderungen aus Sibierien und beneide Sie auch ein wenig. Gut dass Sie raus sind aus diesem Irrenhaus hier.
Herzliche Grüsse
Woran ist der freund denn gestorben? Plötzlich und unerwartet? Herzinfarkt? Krebs? Möglicherweise hat er die Massnahmen und seine vermeintliche Zustimmunng dazu mit dem Tod bezahlt. Keine Ahnung ob das angemessen ist aber wenn ich nach 2021 von jemandes Tod höre dann habe ich diesen Reflex da diesen Zusammenhang zu vermuten.
Das ist der überheblichste, schlimmste Rückblick, den ich je gelesen habe. Und das würde ich auch sagen, wenn ich ihn nicht so sehr geschätzt und geliebt hätte, wie ich es tue.
Sind Sie sicher, dass Sie ihn (also nicht den Nachruf, sondern den Verstorbenen) nicht nur geliebt, sondern auch gekannt haben? Ich war mir in den drei Jahrzehnten, die wir uns kannten und in denen ich ihn schätzte, nie so ganz sicher, besonders in den Jahren seit 2020. Ja, nicht so ganz sicher, woran seine Veränderung gelegen hat, will ich nicht beurteilen.
Da kann man sich täuschen, weil wir alle in einer Welt leben, auch wenn es uns manchmal nicht so erscheint.
sorry, Anja, da ging was schief und ich schimpfte mit dir… das war nicht meine Absicht, liegt an Schlag- und Funklöchern.. und nun krieg ich das nicht mehr zurück… entschuldige bitte… und guten Gruß
Kein Problem, lieber Klaus, vielleicht habe ich mich undeutlich ausgedrückt, außerdem geht im Internet vieles manchmal zu schnell. Danke übrigens für Ihre Kommentare und die Video-Reihe mit Michael Sailer.
zwischen diesem und dem zweiten Dummspruch liegen gut fünf Stunden, und das bei Vollmond. Da vermag man noch so einiges abzupumpen. Ich wette den Sack vom Lauterbach gegen einen Zigarettenstummel, daß diese beiden Empörhühner aus einem email account tröteten.