Die Schrift bleibt!

Ich habe mich neulich an eine Unterrichtsstunde im Fach „Kunsterziehung“ (was für ein seltsamer Titel!) in der fünften Klasse erinnert. Zu unserem „Handwerkszeug“ (das man nur zweimal vergessen durfte – beim dritten Mal gab’s einen Verweis) gehörten damals eine Feder samt Halter und ein Glas Tusche. Unser Lehrer, der spitzbärtige Herr Michel, der so sehr an alte Schwarzweißfilme erinnerte, daß ich ihn tatsächlich ohne Farbe im Gedächtnis behielt, diktierte uns einen kurzen Text, den wir in liniengenormter Antiqua aufs Papier zu bringen hatten: „Die Schrift ist das sichtbare Abbild der Sprache. Während der Klang im Raum verhallt …“ – weiter weiß ich leider nicht mehr; es ist ja auch ein halbes Jahrhundert her.

Aber hätte ich das Blatt aufbewahrt, auf das ich das damals kritzelte, stünde es heute noch da und ließe sich lesen. Hätte ich die Worte hingegen – wie heute üblich – in ein Telephon oder „Tablet“ getippt, wären sie vielleicht auch noch existent, irgendwie und irgendwo, aber im Sumpf der wimmelnden Datenmassen nicht mehr auffindbar, was auch daran liegen könnte, daß der Fortgang des Gedankens möglicherweise irgendwann von irgendwem für „irreführend“ oder gar „schädlich“ befunden worden und diensteifrig getilgt worden wäre. Man weiß das heute nicht mehr – die Zensur ist unberechenbar, situativ vollkommen willkürlich und schärfer als so gut wie je zuvor in der Menschheitsgeschichte.

Wer schon mal versucht hat, im Internet ein Dokument wiederzufinden, das er vor ein paar Monaten oder Jahren zufällig gelesen hat und das nicht von einer einschlägigen journalistischen Plattform – Multipolar, Apolut, Manova, Nachdenkseiten usw. – stammte, der weiß, was die große Schwäche dieser Medienform und zugleich eine erhebliche Gefahr ist: Das Gesuchte läßt sich nur durch eine stunden- oder manchmal tagelange Suche auftreiben oder bleibt – und das ist leider die Regel – unauffindbar. Das kann unterschiedliche Gründe haben: Man kann sich nicht mehr an den Titel erinnern, hat den Namen des Autors vergessen; zudem schlucken sogenannte „soziale Medien“ die über sie verbreiteten Botschaften schneller, als sie sie ausspucken. Hinzu kommt vor allem die erwähnte Zensur: Seiten und Kanäle werden gelöscht wie Sandburgen von der Flut, weil einen zufällig zuständigen Idioten den Verdacht einer „Fehlinformation“ beschleicht, weil die Seitenbetreiber von staatlichen Instanzen und vom mit diesen verbündeten und finanzierten Mob der GONGO-Mafia bedroht und eingeschüchtert werden oder weil zum Beispiel infolge von mangelnden Spenden oder Kontokündigungen die finanzielle Basis wegbricht. Es gibt noch viele weitere Gründe, die auch ganz banal sein können. Und selbst wenn es gelingt, das gesuchte Dokument, den gesuchten Artikel aus dem Sumpf der Masse hervorzuklamüsern, macht man nicht selten die erstaunliche Erfahrung, daß sich das Gelesene unmerklich bis unübersehbar verändert hat und nun etwas vollkommen anderes mitteilt als damals, als man es das erste Mal las.

Manch einer behilft sich, indem er Dateien und ganze Seiten herunterlädt, Bildschirmphotos macht, Texte herauskopiert und selber speichert, aber dabei gerät man schnell in neue Nöte: Spätestens wenn fünf bis zehn Festplatten, randvoll mit Videos, Audios, Podcasts, Bildern, Texten und allem möglichen anderen im Schrank stehen und das Ausmaß der kryptischen Titel und Bezeichnungen nur noch mit einer speziellen Suchmaschine zu bewältigen wäre, hat man sich das Problem sozusagen von draußen in die eigene Stube geholt. Und muß nicht selten feststellen, daß manches herkömmliche Format gar nicht mehr kompatibel ist und man die alte Kiste, mit der man es noch öffnen könnte, im Zuge des rasenden „Update“-Wahns längst dem Elektroschrott überantwortet hat (oder das im Keller gelagerte Gerät aus ganz banalen Gründen nicht mehr angeht). Brennt dann noch einer der Archivdatenträger nach dem anderen durch – was infolge des unaufhaltsamen technischen Fortschritts in Richtung „Schneller! Mehr! Schlechter!“ leider immer häufiger geschieht –, ist das Ergebnis irgendwann: tabula rasa.

Hinzu kommt der wenig beachtete, aber fundamental bedeutsame „KI-Schlamm“. Das ist nutzloses, tatsächlich potentiell schädliches Zeug, das so entsteht: Irgend jemand stellt einer KI eine Frage, die KI antwortet mit dem, was sie an zufälligen Auskünften im WWW findet, eingebettet in weitgehend sinnloses Geschwurbel, durchwoben mit ebenso zufälligen Falschinformationen. Das ist zunächst nicht weiter schlimm, so geht das eben. Nun aber geht die soeben generierte „Auskunft“, die nichts weiter ist als ein ungelenk formulierter Zufallsauszug aus herumschwirrendem Zeug, in den „Korpus“ des „Wissens“ ein und wird bei weiteren Fragen als „Quelle“ herangezogen und weiter verwurstet. Auf diese Weise entsteht ein exponentiell wuchernder Dschungel, ein Ozean aus Müll und Bullshit, der alle einst so klaren Informationsquellen verschmutzt, verschlammt und irgendwann erstickt.

Nun ist es selbstverständlich so, daß auch ein Bücherregal, erst recht eine ganze Bibliothek ein Irrgarten ist, in dem man sich verblättern und verlaufen kann; aber das ist im Normalfall tausendmal unterhaltsamer, erheiternder und lehrreicher als eine Suche im Netz, wo man eben nicht einfach so mal blättern und auf völlig themenfremde, aber zufällig ortsverwandte Dinge stoßen kann, die Gedanken auf Wege leiten, mit denen man nicht gerechnet hätte. Und das auf Papier gedruckte Wort kriegt auch nicht plötzlich systemkonforme Mutationen oder ähnliche Krebsgeschwüre; es bleibt, wie es ist und wie jemand vor Zeiten wollte, daß es ist.

Einen leider nur ganz selten überhaupt beachteten Aspekt will ich wenigstens erwähnen: Der allergrößte Teil des Denkens und Wissens aus der Zeit vor – sagen wir mal – 2020 oder meinetwegen 2000 (was sind schon zwanzig Jahre in der Weltgeschichte!) ist im Internet schon deswegen nicht auffindbar, weil sich nie jemand die Mühe gemacht hat, die Hekatomben von weniger bekannten und berühmten Werken, die den Mainstream seit jeher säumen, zu digitalisieren oder wenigstens auszugsweise abzutippen. Und selbst in den Ausnahmefällen, wo solche Schätze in Archiven wie „Google Books“ gelandet sind, ist es weitgehend unmöglich, per Textsuche in krumeligen Dateihaufen voller Fraktur- und anderen Schriften irgendwas erfolgreich zu suchen, ganz zu schweigen von den erwähnten Zufallsbegegnungen.

Und damit sind wir beim „Nachhall“. Der entstand einst mit dem Anspruch, die flüchtigen Dinge, die täglich digital an uns vorbeiwehen wie Blätter im Herbststurm, aufzusammeln und die schönsten, wichtigsten, bewahrenswertesten davon in eine Art Sammelalbum sozusagen einzukleben, ergänzt durch einige „klassische“ Blättchen aus alten, zerbröselnden, lange nicht beachteten oder ganz vergessenen Alben, und damit ein Bild der Zeit zu schaffen, das notwendigerweise unvollständig ist, das aber bestehen bleibt, wenn das Geflacker und Geflimmer erloschen und vorüber ist.

Das ist eine große, eine wichtige, eine schöne Idee, die eine Vergangenheit hat (im früher allseits beliebten Almanach, in der zu Jahresbänden gebundenen Zeit-Schrift und anderen „Formaten“). Sie hat auch eine Zukunft. Die wird etwas – oder sehr – anders aussehen als der bisherige „Nachhall“, um der Idee vielleicht noch gerechter zu werden. Und – dies vor allem – sie hat eine Gegenwart, in der eine solche Schrift (!) wertvoller und notwendiger ist, als die meisten von uns denken.

Das müssen Sie nicht mir glauben, Sie dürfen es auch gerne Herrn Michel glauben – über den ich übrigens im gesamten Internet kein wesentliches Wort finde, wohl aber in unseren alten Schülerzeitungen und Schuljahresberichten.

Dieser Text entstand Anfang Dezember 2025 für die letzte Lose-Blatt-Ausgabe der Zeitschrift „Nachhall“, die mit großer Wahrscheinlichkeit und Hoffnung im neuen Jahr in neuer Aufmachung neu erscheinen wird.

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