Reisen im Regal (24)

Zeitenwende! In der Renaissance ging der Gemeinschaftsgedanke des Mittelalters mehr und mehr verloren. An seine Stelle trat die Idee der freien, durch nichts gebundenen Einzelpersönlichkeit. Sie verkörperte sich zuerst in der Freiheit der Fürsten, im Absolutismus, dann in der Freiheit jedes Einzelnen, im Liberalismus. Heute erleben wir es, wie sich die entscheidende Umkehr vorbereitet zurück zum Gemeinschaftsgedanken.
Herbert von Voß: Zeitenwende (1932)

Als politische Gemeinschaft, als Nation und Staat, wollen wir eine unüberschaubar große Zahl unterschiedlicher Lebensgeschichten in einem gemeinsamen Bild vereinen.
Frank-Walter Steinmeier: Wir (2024)

Einer tritt für alle ein und alle für Einen!
Joseph Goebbels: Signale der neuen Zeit (1934)

There are signs that the German leaders are already making plans for a Third World War. That must be prevented at all costs.
Instructions for British Servicemen in Germany 1944 (1943)

Was wir heute Wachstum nennen, besteht überwiegend aus zerstörerischen Tätigkeiten. Das äußert sich schon in der Feststellung der Wirtschaftsfachleute, die uns sagen: „Wenn wir nicht reales Wachstum haben, geht es uns morgen schlechter.“ Sie brauchen nur einmal kurz nachzudenken: Moment! Was heißt das? Wenn wir das gleiche tun wie heute, dann geht es uns morgen schlechter. Eigenartig, nicht wahr?
Peter Kafka: Radio und die Zeit der Medien. Beschleunigung und Krise (1997)

Wahrscheinlich war es zwischen den Menschen üblich, daß angefangene Erlebnisse sich selbst erledigten, indem sie früher oder später fast ohne Grund von allein abstarben.
Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal (2014)

Ich erinnere mich, daß ich ungewöhnlich nachdenklich war an jenem Maiabend, vielleicht war es die Hitze des ersten warmen Frühlingstages, die, als sie meinem dicken Winterblut begegnete, eine Verdünnung in mein Gehirn hinauf erzwang, das müde war von der Anstrengung der letzten sechs Monate, die Kälte zu überstehen, und die lange nicht dagewesene Verdünnung des Blutes wühlte eine schwächer werdende Begierde nach zarteren Dingen auf, eine Nostalgie, zugleich ein Tod, ein Vorauswissen, wenn man so will …
Neal Cassady: Der Flügel des Engels (1971)

Es schien nicht mehr möglich, weiterzuleben mit diesen unauslöschlichen Bildern vor Augen. Es schien nicht mehr möglich, je wieder hinauszugehen in die Stadt, in die Straßen und hinauf in mein Zimmer.
Peter Weiss: Fluchtpunkt (1962)

Aber während die Antike, an der Spitze das Forum von Rom, die Volksmasse zu einem sichtbaren und dichten Körper zusammenzog, um ihn zu zwingen, von seinen Rechten den Gebrauch zu machen, den man wollte, schuf „gleichzeitig“ die europäisch-amerikanische Politik durch die Presse ein Kraftfeld von geistigen und Geldspannungen über die ganze Erde hin, in das jeder einzelne eingeordnet ist, ohne daß es ihm zum Bewußtsein kommt, so daß er denken, wollen und handeln muß, wie es irgendwo in der Ferne eine herrschende Persönlichkeit für zweckmäßig hält.
Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes (1923)

So hat noch keiner
den Wellen getrotzt,
als wie Xaverl Tupfer,
der niemals nicht kotzt.
Eva Leidmann: Hoppla (1936)

„Bla, bla, bla“, sagte Crapaud
Lask sah ihn voller Nachsicht an. „Haben Sie getrunken, Hauptmann?“
„Seit meinem siebten Lebensjahr“, sagte Crapaud.
Hal Dresner: Der Mann, der pornographische Bücher schrieb (1969)

Und ich werde Staatsminister, und es wird ein Dekret erlassen, daß, wer sich Schwielen in die Hände schafft, unter Kuratel gestellt wird; daß, wer sich krank arbeitet, kriminalistisch strafbar ist; daß jeder, der sich rühmt, sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu essen, für verrückt und der menschlichen Gesellschaft für gefährlich erklärt wird; und dann legen wir uns in den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion!
Georg Büchner: Leonce und Lena (1836)

Held ist Einer, der gegen viele steht. Diese Position erringt im neuen Krieg am ehesten der Luftbombenwerfer, einer, der sogar über vielen sieht.
Karl Kraus: Nacht (1924)

Only war could cover up the crude conspiracy of the New Dealers, and save them from the resentment of the nation.
Emanuel M. Josephson: The Strange Death of Franklin D. Roosevelt (1948)

Manches, ja, vieles ließe sich auch über den Teil der Zeitungen schreiben, bei denen die Schreibenden nicht zahlen müssen, sondern bezahlt werden. Aber es ist unerfreulich, sich von Klischee zu Klischee durchfressen zu müssen.
N. O. Scarpi: Sprachliches, allzu Sprachliches (1974)

Jede Generation stand vor Herausforderungen. Die Menschen haben sie gemeistert, weil sie nicht gegen, sondern für unsere Demokratie gearbeitet haben. Sie haben „wir“ gesagt und das gemeinsame Ganze gewahrt.
Frank-Walter Steinmeier: Wir (2024)

Mögen sich andere Völker über uns erhaben dünken, Deutschland beherbergt heute doch das glücklichste Volk der Welt. Es ist reicher als die anderen an innerem Glauben. Es lebt der festen Überzeugung, daß ihm vom Schicksal die Mission auferlegt wurde, Europa den Weg zum wirklichen Frieden zu zeigen.
Joseph Goebbels: Signale der neuen Zeit (1934)

Überspitzen wir es in einem Bild: was tun die Menschen heute? Sie laufen in einem Stadion, werden angetrieben mit der Bemerkung: „Wenn du nicht in der Spitzengruppe bist, dann gehst du unter!“ Also sagt sich jeder: „Ich muß in der Spitzengruppe sein, die anderen sollen untergehen.“ Da sollte man natürlich fragen: was ist denn eigentlich das Ziel, wenn da alle in einem Stadion rennen? Was ist das Ziel? Fragen Sie einmal! Es gibt keines! Das einzige Ziel ist, daß alles schneller wird! Wir sind verrückt! Und warum laufen wir mit? Ja, wir kriegen nichts zu essen, wenn wir das nicht machen. Warum eigentlich? Von wem kriegen wir das Essen? Ja, da müssen wir einmal auf die Ränge hinaufschauen. Da sitzen die Sponsoren. Die lassen uns rennen und belohnen uns dafür mit einem Anteil an ihrem wachsenden Reichtum. Aber womit werden sie denn immer reicher? Nicht etwa durch unser Rennen. Das brauchen die gar nicht mehr. Die brauchen kaum noch, was wir da errennen. Die wetten untereinander! Das nennt man die internationalen Finanzmärkte! Nicht wahr? Das sind wirklich Wetten. Es ist nicht die Produktion, durch die diese Gesellschaft reicher wird. Es sind die Wetten. Man spricht von Derivaten. Da wird darauf gewettet, wieviel produziert wird. Sozusagen die Abteilung 1. Ordnung. Dann die Derivate 2. Ordnung: da wird darauf gewettet, wieviel auf x gewettet werden wird, Optionen, Futures und noch höhere Derivate auf den internationalen Finanzmärkten. Da schwappt das Geld um die Erde – täglich pro Erdbewohner bereits einige hundert Dollar. Und mit den dabei wachsenden Vermögen eignet sich eine kleine Minderheit immer mehr von den Lebensgrundlagen der Mehrheit an.
Peter Kafka: Radio und die Zeit der Medien. Beschleunigung und Krise (1997)

You will see much suffering in Germany and much to awake your pity. You may also find that many Germans, on the surface at least, seem pleasant enough and that they will even try to welcome you as friends.
Instructions for British Servicemen in Germany 1944 (1943)

(Anmerkung: Diese Fundstellen sind rein zufällige Früchte des müßigen Herumstöberns in Beständen und folgen keiner außer ihrer eigenen, möglichen Logik.)

5 Antworten auf „Reisen im Regal (24)“

  1. Las neulich, welch Zufall!, ebenfalls „Fluchtpunkt“ und „Bei Regen im Saal“. Während jener Text mir nicht so gelungen erschien wie „Abschied von den Eltern“, dämmerte mir bei Genazinos Roman, dass dies – neben den „Kassierinnen“, die ihm den Rauswurf bei Rowohlt einbrachten – eine der ragenden Spitzen von Genazinos Romanwerk ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert