Im Gemeinderat des Sprengels Aufseß in der fränkischen Schweiz wurde jüngst ein Problem disputiert, dessen Tragweite mindestens an die weiteren Tagesordnungspunkte – Würdigung des Einsatzes eines „Spielbusses“ in Hollfeld und Abordnung eines Gesandten der Freiwilligen Feuerwehr zur Feier des 80. Geburtstages von Eugen Bezold in Zochenreuth – heranreichte: Der „Aufsesser Brauereienwanderweg“ zwischen Heckenhof, Sachsendorf, Breitenlesau und Unteraufseß sei, so wurde berichtet, infolge Verschmutzung und regelrechter Vermüllung in einem beklagenswerten Zustand.
Die zunächst skeptischen Abgesandten der in solchen Belangen stets rührigen Holger-Sudau-Stiftung (HSS) machten sich vor Ort ein Bild der Lage, das die schlimmsten Befürchtungen übertraf: Im Umkreis des Braugasthofs Kathi-Bräu in Heckenhof, wo das mindestens drittbeste Bier der Welt gebraut wird, sind in der Tat die Wander-, Wald- und Fahrwege gesäumt nicht nur mit dem Debris unergründlicher Ausschweifungen, sondern auch und vor allem mit Leichen, wodurch nun auch endlich der Grund gefunden ist, weshalb an den weiteren Stationen des „Brauereienwegs“ nie jemand anlangt: Im Braugasthof Stadter in Sachsendorf, wo das mindestens drittbeste Bier der Welt gebraut wird, schließen die legendär sagenhaft unfreundlichen Betreiber tagtäglich Wetten auf das Eintreffen eines dritten Gastes ab, und im liebevollst in Handarbeit restaurierten 101jährigen Wirtshaus Pflaum in Zochenreuth, wo man das mindestens drittbeste Bier der Welt zwar nicht braut, aber immerhin ausschenkt (vom Held-Bräu in Oberailsfeld) und die 84jährige Altwirtin dazu mancherlei fröhlichen Schwank zu erzählen weiß, glüht in der Küche nur der Nordmende-Fernsehkasten (Baujahr 1965) und lohnt es sich nicht, das Licht im Klo einzuschalten.
Die Abgeordneten des Gemeinderats beschlossen in vollem Bewußtsein des Ernsts der Sache, „das Problem in Gesprächen zu vertiefen“. Einstweilen konnte die HSS im Zuge einer Feldforschung anhand einiger exemplarischer Fälle ergründen, wie es zu den bedauerlichen Ausfällen kommt, woraus sich auch nützliche Verhaltensanregungen für potentielle Brauereiwanderer ziehen lassen.
Belegt ist etwa der Fall des Lüdenscheider Rechtsanwalts M., der sich nach Genuß einiger Seidel dunklen Lagerbiers vom Kathi-Bräu unterwegs nach Zochenreuth in einem Waldstück zu erleichtern trachtete, dabei in einem alten Bombentrichter so unglücklich strauchelte und hinstürzte, daß sich ein ansonsten harmloser verrosteter Splitter in seinen rechten Mittelfinger bohrte und eine letztendlich tödliche Blutvergiftung einleitete. Die durch sein Wimmern herbeigerufenen weiteren Angehörigen seiner Reisegruppe wiederum gerieten ins Brombeergestrüpp , worin sie sich mittels verzweifelter Verrenkungen so sehr verfingen und verwickelten, daß ihre sterblichen Überreste erst nach Wochen verhungert aufgefunden und nur unter Einsatz schweren Geräts dem Griff des Waldes entzogen werden konnten.
Durchaus typisch ist das Schicksal der Motorradsportgruppe „Donnervögel Kelsterbach“, ist doch der Kathi-Bräu ein traditioneller „Treff“ für Zweiradfreunde, die dort indes dem von der Brauereigründerin Katharina Meyer einstmals geprägten Wahlspruch „Bleibe stets dem Wahlspruch treu: Trink ein Seidel Kathi-Bräu“ untreu werden und aus Gründen der Straßenverkehrsordnung mittlere bis große Mengen der koffeinhaltigen Zuckerzubereitung „Spezi“ konsumieren. Der hitzebedingt außerordentliche „Spezi“-Konsum der in luftdichte Ganzkörperlederanzüge verpackten „Donnervögel“ führte dazu, daß sie in eine abnorme Aufbruchsstimmung gerieten und sich in dem dadurch entstandenen grausigen Durcheinander auf dem Parkplatz gegenseitig bzw. selber überfuhren.
Selbst Einheimische sind den Verlockungen und Gefahren des braunen Lagerbiers nicht abhold. Der Holzbauer Matthias E. aus Hochstahl etwa unterbrach mit dem Vorsatz, eine „kleine Pause“ einzulegen, seine Häckselarbeit am Galgenberg, begab sich zum Kathi-Bräu und geriet dort beim Anblick müßig trinkender und das Leben genießender Menschen in eine solche Sinnkrise, daß er nach Verzehr mehrerer Seidel zunächst seine sieben Kinder, dann seine Frau und endlich sich selbst im Häcksler schredderte, diesen infolgedessen nicht mehr abschalten konnte, weshalb das Gerät zwei Wochen weiterlief und dergestalt nicht unwesentlich zur Verschlechterung der Aufsesser CO2-Bilanz beitrug.
Unterschätzt wird zudem regelmäßig die Wirkung des Heckenhofer Sauerkrauts, das die dazu gereichten Bratwürste und bei übermäßiger Zufuhr auch gleich die inneren Organe des unglückseligen Essers in eine schaumige Masse verwandelt, weshalb sich ein Großteil der unerfahrenen Brauereiwanderer noch vor Erreichen des nächsten Ziels buchstäblich totscheißt.
Generell abgeraten wird Wanderern von Versuchen, auf Hühnern zu reiten, sich mit Rasenmähern anzufreunden oder auch nur mit ihnen in Kommunikation zu treten. Den in Mistendorf urlaubenden Immobilienmakler Warnfried H. aus Bielefeld kostete eine solche Unternehmung zunächst den linken, dann den rechten Arm und schließlich das nackte Leben. Gewarnt werden muß zudem vor dem Verzehr von Waldgewächsen wie dem „Trottel-Bärlauch“, hinter dessen possierlichem Namen sich das Maiglöckchen und ein qualvoller Tod verbirgt. Die Suche nach Pilzen ist nur dem Fachmann anzuraten, da der fränkische Bovist dafür bekannt ist, sich in heimtückischer Weise vom Körpergewebe vergifteter Touristen zu ernähren und dieses durchaus kunstvoll in neue Fruchtkörper umzuwandeln. So konnte etwa erst durch einen bei Strullendorf in einem Pilz gefundenen und namentlich gekennzeichneten Monatsfahrschein für die Berliner Verkehrsbetriebe der Verbleib des zuvor spurlos verschwundenen Sachbearbeiters Hans-Joachim S. geklärt werden.
Abschließend sei auf oft belächelte traditionelle Grundregeln hingewiesen, so etwa das auch in anderen süddeutschen Gauen immer noch gültige Verbot einer Nachahmung des Lokaldialekts. Schon das Bestellen von „ein Stückchen Weggla“ oder „zwei Glas Lacherpils“ kann dazu führen, daß dem unbedarften Scherzbold ohne langes Fackeln das Kreuz abgeschlagen wird, worunter keinesfalls eine religiöse Handlung zu verstehen ist. Am Wochenende der HSS-Erhebung bezahlte ein Allgäuer mittleren Alters einen hohen Preis für seinen Übermut: Nachdem er die Rentnerin Elfriede K. aus Kotzendorf nach kurzer Bewunderung ihres Eigenheims gefragt hatte, ob es sich bei ihr um die „Fachwergglahäuslabauerstochter oder -gattin“ handle, wurde er vom zufällig vorbeikommenden Vizeschriftführer des örtlichen Burschenvereins standrechtlich erschossen, ohne sich zuvor noch zu seinen Personalien äußern zu können, die daher nicht bekannt sind.
Geklärt werden konnte im Rahmen der HSS-Untersuchung das Schicksal der rheinländischen Trunk-und-Sangesbruderschaft „Die Bäuchlinge since 2001“ – diese hatten sich am Pfingstwochenende 2005 das Heckenhofer Braunbier in ihrer Begeisterung über dessen unerhörte Qualität in solchem Tempo einverleibt, daß es ihnen durch die plötzliche Gewichtszunahme bei ohnehin vereinsnamentlich dokumentierter Adiposität und die nicht zu unterschätzende Klebwirkung zuvor versehentlich verschütteter Bierreste auf den Bänken nicht mehr möglich war, sich zu erheben. Seither sitzen sie beim Kathi-Bräu, leiten jede neue Schankrunde mit ihrem mittlerweile leicht sehnsüchtig angehauchten Trinkgesang „Überall auf der Welt scheint die Sonne“ ein und lassen sich gelegentlich zu der ringsum wie auch intern vielbelachten Ankündigung hinreißen, nach dem nächsten Bier werde man „dann aber wirklich gehen“.
Dieser Text entstand im August 2012 ursprünglich für die taz. Ob er dort erschienen ist, weiß ich nicht mehr. Etwas später bot ich ihn einem bayerischen Monatsheft an, dessen Chefredakteur ihn dann auch druckte, allerdings erst nachdem ich seine verwirrte Nachfrage, ob das denn alles wahr sei, mit einem Lachanfall beantwortet hatte; er verstand auch sonst nicht viel von der Welt, wie sich später zeigte. Die Bilder entstanden während einer meiner vielen Bierwanderungen mit dem unvergessenen Michael Rudolf und anderen netten Menschen, möglicherweise aber gar nicht in Aufseß und um Aufseß herum. Das ist durchaus intendiert.

Herrlich!
Ich habe mich vor Lachen verprustet und das Kathi-Bräu(leider nur Paulaner, das mindestens vorletzte Bier der Welt) durch die Nase wieder ausgeatmet.
„Überall auf der Welt scheint die Sonne“ – auch hier an der Elbe.
Nicht verzweifeln!