Wenn man ausnahmsweise einen „auswärtigen“ Termin hat, empfiehlt sich eine Reise mit der Eisenbahn, falls man „etwas erleben“ möchte. Man kann sich das in etwa so vorstellen: Ich müßte um viertel nach acht Uhr abends im Biergarten am Chinesischen Turm eintreffen. Also springe ich gegen Mittag mit einer Luftmatratze auf der Höhe von Kloster Schäftlarn in die Isar und schaue mal, was passiert.

Ich weiß: Es gibt nichts Schlimmeres und Faderes als Klagen über das seltsame Konstrukt „Deutsche Bahn“, und wer sich ärgert, ist generell selber schuld. (Außerdem darf, wer mag, hier zu lesen aufhören.) Aber lustig ist es halt bisweilen doch. Meine Problemstellung in diesem Fall: Ich soll an einem Mittwochabend um 18 Uhr in einem Fernsehstudio in einem Vorort von Dortmund sitzen, um an einer Talkshow teilzunehmen. Das klingt leicht, und selbst im Zeitalter der irrwirren QR-Code-Labyrinthe ist immerhin die Buchung ohne jegliches hierfür zuständige und fachlich ausgebildete Personal nicht so kompliziert. Ankunft 16 Uhr klingt nach einem verlockend bequemen Zeitpolster.

Ich radle also an einem schmelzend grünblauen Sommermorgen zum ehemaligen Münchner Hauptbahnhof, dem derzeit und sicher noch für den Rest meiner Lebenszeit möglicherweise häßlichsten „Ort“ der Welt. Wo man einst von einer Buchhandlung in die nächste kippen konnte, gibt es heute nur noch leere Schmutzecken, tausende von Schließfächern, in denen sich vermutlich nichts befindet, Schutt, Schrott, Löcher und eine Armee von Propagandaleuchtsäulen der Regierungsabteilung „T-Online“, die grell gleißend Reklame für sich selbst machen und „Warnungen“ („Hitze!“) abstrahlen. Der ICE nach Dortmund soll von einem anderen Gleis abfahren als geplant, teilt die „App“ (im folgenden der Einfachheit halber App genannt) vibrierend mit. Das stimmt nicht; wahrscheinlich soll es einem nur das Gefühl vermitteln, betreut zu werden.

Der Zug ist noch nicht überfüllt, das ist verdächtig. Und tatsächlich reagiert kaum jemand überrascht, als eine Dame in entwürdigender, weil etwas zu enger Dienstleisteruniform durch den Waggon schlendert und verkündet, die „Verbindung“ müsse leider entfallen. Ein paar Gleise weiter gebe es einen Zug nach Mannheim, der irgendwann in nächster Zeit abfahre. Was ich dort soll, kann sie mir nicht sagen. Auch die App empfiehlt diesen Zug, möglicherweise gehe es von dort irgendwie weiter, mit einigen variierenden Zwischenstationen, im Zickzackmuster auf der Landkarte verteilt.

Eigentlich wollte ich während der fünfeinhalbstündigen Fahrt gemütlich etliche Studien und Dokumente studieren, um auf das Gespräch über Geo-engineering vorbereitet zu sein. Statt dessen irre ich durch ein reichhaltiges Angebot an Verbindungen, die die App vorschlägt, und entscheide mich für die zeitlich günstigste, die eine Ankunft gegen 17 Uhr verspricht. Allerdings dräuen dazwischen drei Anschlüsse, wo mir jeweils zwei bis zehn Minuten zum Umsteigen bleiben. Das könnte für eine oder zwei Zigaretten reichen, meint der Optimist im Vorderkopf und überhört den Pessimisten im Hinterkopf, der warnend den Zeigefinder hebt.

Daß ich lange nicht mehr mit der Eisenbahn gefahren bin, merke ich beim ersten Umsteigen: Auf dem Bahnsteig wird man aus zahlreichen Lautsprechern mit „Entschuldigungen“ nur so überschwemmt. Alle Züge haben Verspätung oder fallen aus; dazu wird heutzutage stets eine frei erfundene Ausrede aus einem überschaubaren Fundus gezogen: „Grund dafür ist die Reparatur an einer Weiche“, „Grund dafür sind Tiere auf der Fahrbahn“, Grund dafür ist die verspätete Bereitstellung eines vorangegangenen Zuges“, „Grund dafür ist …“ und so weiter. Wie begrenzt das Repertoire ist, merkt man daran, daß für den Ausfall eines Zugs die Begründungen im Minutentakt wechseln, man aber nach einer Viertelstunde alle kennt und keine neue mehr zu hören kriegt. Die Ansagen an verschiedenen Gleisen überlagern sich zu einem Kanon, der etwas Surreales hat, weil sie alle von ein und derselben Elektrostimme gesprochen werden.

Vier oder fünf Umstiege, Quer-, Rück- und Vorwärtsfahrten später bin ich immer noch am Suchen: Das Display zeigt sieben Reisevarianten, die alle „nicht (mehr) möglich“ sind; die einzige reale läßt eine Ankunft um 17 Uhr 23 erhoffen. Ein Telephonat mit dem unerschütterlich entspannten und geduldigen Regisseur der Sendung vertreibt aufkommende Sorgen: Es sei noch nie ein Teilnehmer oder Mitarbeiter, der mit der Bahn anreise, pünktlich gekommen, man werde also den Aufzeichnungsbeginn sowieso verschieben müssen, das werde schon alles hinhauen.

Allerdings haben die Planer der „Deutschen Bahn“ großes Talent dafür, ihre Verspätungen geradezu magisch zu „timen“: Wenn zwanzig Minuten angesagt werden, sind es immer mindestens dreißig Minuten, womit man den ebenfalls verspäteten Anschlußzug um meistens genau eine Minute verpaßt, und wenn man zwischendurch die Vielzahl nicht mehr möglicher Vorschläge nicht „händisch“ aus der App löscht, verliert man völlig den Überblick und weiß nicht mehr, wo man sich überhaupt befindet, räumlich wie zeitlich. Irgendwann bleiben als letzte Optionen: eine nach mehreren Umstiegen notfalls zu erreichende S-Bahn ab Essen, die direkt den Vorort Dortmund-Kley anfährt (17 Uhr 32), ansonsten in Bochum oder irgendwo ins Taxi.

In Mannheim setzt das Chaos zum Veitstanz an, weil sich die Ausfälle und Verspätungen inzwischen so kumuliert haben, daß die Bildschirmanzeige im Zug resigniert: Ankunft in Essen in 0 (null) Minuten um so und so viel Uhr, es ist aber schon zehn Minuten später, und wir rollen noch durch die Einöde; dann entschuldigt sich die Lautsprecherstimme, die „Information“ könne leider nicht mehr „aktualisiert“ werden, und empfiehlt einen Besuch im „Bordrestaurant“.

Wieder wird ein Anschluß um eine Minute verpaßt, wieder schieben sich zwanzig Minuten (der Takt der S-Bahn) vors immer noch erhoffte Eintreffen. Der Beginn der Sendung wurde inzwischen um eine Dreiviertelstunde nach hinten (oder vorne?) verlegt. Allerdings fällt der Ersatzzug aus. Ankunft nun: acht nach sechs; es bleiben somit 37 Minuten für weitere Unvorhersehbarkeiten (die freilich längst keine mehr sind).
Jetzt wird es aber knapp: Die Zugbegleiterin hat angesichts einer neuen Verspätung („Reparatur einer Weiche“) keine genauen Informationen, ob das Umsteigen binnen einer Minute möglich ist. Die App rotiert und wechselt „live“ die Anzeigen. Es stellt sich heraus, daß das Zugpersonal deswegen nicht mehr weiß als ich, weil es ebenfalls nur die App zur Verfügung hat, die sich seltsamerweise bei mir immer ein paar Sekunden schneller „aktualisiert“ und damit grundlegend verändert, was am nicht funktionierenden W-lan liegen könnte. Die Zugbegleiter tauchen dann auch ab, Fahrkartenkontrollen werden unter den „gegebenen“ Umständen wohl als zu riskant eingeschätzt. Vielleicht hat mein Klappmesser sie eingeschüchtert, mit dem ich eine Melone esse; ist das überhaupt noch erlaubt?
Meine neues Ankunftszeitversprechen ist 18 Uhr 23, das haut noch hin, wenn die Maskenbildnerin sehr schnell ist. Eine Sekunde später ist jedoch die Verbindung „nicht möglich“, dann fällt der dazwischenliegende Anschluß aus („witterungsbedingte Umstände“: eine Novität! Tatsächlich hat es in Köln und Bochum kurz geregnet). Wir sind jetzt bei 18 Uhr 38.
Das ist es aber dann schon fast gewesen, weil die S-Bahn von Essen nach Dortmund kein ICE ist und deswegen nur zehn Minuten zu spät abfährt. Was ein Segen ist: Während ich an Gleis 10 auf sie warte, sehe ich sie zufällig auf Gleis 4 stehen, wo ich gerade ausgestiegen bin, renne mit der Kippe im Mund zurück und springe eine Sekunde vor der Abfahrt hinein. Der Bildschirm verspricht ab Essen-Steele stur eine baldige Ankunft in Essen-Steele, zeigt darunter jedoch die aktuellen Verspätungen korrekt an. Und um zehn nach sieben bin ich in Dortmund-Kley, übrigens kein Vorort, sondern überhaupt kein Ort, nur eine zufällige Ansammlung von gebäudeartigen Containern, die vor fünfzig Jahren mal modern ausgesehen haben könnten, wenn man sie irgendwie angeordnet und nicht wahllos in die gegendlose Gegend geschmissen hätte. Vor der „Krystall-Eventlocation“ ein paar Leute, die gelassen rauchen, und der Aufnahmeleiter, der mir strahlend ein frisch eingeschenktes Bier entgegenhält. Die Welt ist auf ihre eigene Art gut und schön, auch wenn man das Bier im Ruhrgebiet traditionell (und nicht aus „ökologischen“ Gründen) ohne Kohlensäure serviert. (Mehr zur Show demnächst.)

Ich hoffe, niemand mußte diese Zeilen lesen, um zu dem Schluß zu kommen, es gebe nichts Schlimmeres und Faderes als Klagen über die „Deutsche Bahn“ und das habe man doch vorher schon gewußt. Am nächsten Morgen immerhin soll der ICE nach München um 7 Uhr 50 abfahren, dann aber um 8 Uhr, was man um 8 Uhr 1 per App und um 8 Uhr 2 per Anzeigetafel erfährt; um 8 Uhr 8 wechselt das Gleis, was man sich vorher denken konnte, weil ja auf dem ursprünglichen Gleis um 8 Uhr 7 ein Regionalzug abfahren soll, der um 8 Uhr 11 eintrifft. Und um 8 Uhr 12 fährt der ICE – der laut App um 8 Uhr 10 abgefahren sein soll – dann los und überholt die Bleiwolken, die sich über Dortmund dahinschieben.

Drinnen darf man das „ICEportal.de“ namens „WIFIonICE“ „genießen“, die zäheste Wlan-Verbindung der Welt (Ursache laut offenbar meteorologisch zu deutender Anzeige: „wechselhaftes Internet“), die dazu den unles- und -sprechbarsten Namen aller Zeiten trägt und die Meldung abgibt, der „aktuelle Browser“ sei ungeeignet. Daß das nicht stimmt, ist die erste erfreuliche Lüge seit längerer Zeit.

Die Verspätung von zweiundzwanzig Minuten verringert sich bis Köln auf sechs, bis Mannheim auf fünf Minuten; das macht milde Hoffnung. In Ulm sind es dann aber laut Durchsage „noch neunzehn Minuten“. Irgendwo dazwischen muß das stattgefunden haben, was Physiker eine Zeitdilatation nennen. Oder das Gegenteil davon.

In Augsburg beträgt die Verspätung (ohne weiteres Zumstehenkommen) „noch“ zwanzig Minuten. Vorgesehen waren hier (für andere Reisende) sieben Angebote von Anschlußzügen. Vier davon können erreicht werden, weil sie selbst zwanzig bis vierzig Minuten Verspätung haben. Die anderen drei fallen aus. Man merkt: Es wird Mittag, da geht das Kumulieren wieder los: Pasing – fünfundzwanzig Minuten, Hauptbahnhof – einunddreißig Minuten; hier fallen alle regionalen Anschlußzüge ersatzlos aus (bis auf einen nach Oberstdorf, der Lokführer muß ein Desperado sein).

Alles nicht so wichtig, diesmal muß ich nicht umsteigen. Allerdings hätte ich am Frankfurter Flughafen Anschluß an einen Zug nach München gehabt. Ein Angebot, das in seiner blasiert-redundanten Art erstaunlich treffend auch „Ihre Servicewelt“ widerspiegelt und zusammenfaßt, für die am Fenstersims geworben wird („Einchecken, entspannen & genießen“). Keine Ahnung, was das ist. Ich bin zu faul, um es mir anzuschauen. Ob das jemals jemand getan hat?

Die Papiertüten, denen die Mitreisenden ihre Nahrungsmittel nicht etwa entnehmen, sondern sie darin bis zum unmittelbaren Verschlucken verstecken, sehen absolut identisch aus, obwohl jede einzelne davon einen etwas anderen Aufdruck trägt als alle anderen. Wieso mich das daran erinnert, wie sich die woke-diverse „Vielfalt“-Gemeinde dieser Tage zurichtet und ausstaffiert, weiß ich nicht zu sagen; es ist wohl die Muße.
Übrigens entströmt diesen Tüten keinerlei Geruch, was wohl der einzige wirklich benennbare Zweck der Herstellung solcher Nahrungsmittel ist (meist etwas aus Weizenmehl mit erhitzter und wieder erkalteter Fettpampe). Bis kurz vor Esslingen am Neckar scheue ich mich daher, meine Brotzeitdose zu öffnen, die eine Scheibe Schwarzbrot, ein paar Knoblauchzehen und ein Stück Hartkäse enthält und seit aktuell siebenundzwanzig Stunden ungekühlt mit mir durch Mitteleuropa reist, wo es unter anderem gestern in Mannheim laut „T-Online“-Propaganda 38 Grad hatte (es waren nur 30, aber das ist egal). Nun aber siegt der Hunger, und zu meiner stillen Belustigung folgt der Öffnung der Dose schlagartig ein allgemeines erstauntes Aufmerken.

Als Fazit ließe sich dies vorschlagen: Die „Deutsche Bahn“ ist eine Unternehmung, deren Hauptzweck darin besteht, Menschen mit „T-Online“-Propaganda in die Kriegstüchtigkeit zu terrorisieren und zu einer „gesünderen“ Lebensführung zu erziehen (indem sie ihnen alle paar Minuten einschärft, daß das Rauchen unter freiem Himmel nicht gestattet ist). Den Firlefanz mit den Zügen und ihrer chaotischen Verteilung auf irgendwelchen Gleisen zwischen Ostsee, Rhein, Donau, Zugspitze und einem Paralleluniversum veranstaltet sie nur nebenbei, ohne daß irgend jemand wüßte, wozu das gut sein soll. Wahrscheinlich rosten die Dinger sonst ein, außerdem hielt sich früher ja auch mal eine Hamburgerkette einen Clown, obwohl an zerhackten Rindern nichts lustig ist.
Übrigens eins: Mehrmals verkündet der Lokführer durch Lautsprecher, „wir“ verkehrten heute „mit einem Zugprodukt anderer Bauart“, weshalb die Reservierungen an den Sitzplätzen nicht gänzlich korrekt angezeigt werden könnte. Eigentlich können sie das gar nicht, weil nämlich zwei Waggons (26 und 27) aus unerfindlichen Gründen fehlen, dafür ein nicht geplanter (37) hinzugekommen ist, wo die Fahrgäste mit bezahlten, aber nutzlosen Reservierungen „doch mal schauen“ sollten. Interessant finde ich daran zwei Dinge: erstens daß auf deutschen Gleisen plötzlich ein „Zugprodukt anderer Bauart“ (welcher eigentlich?) herumsteht, das jedoch bis ins kleinste Detail identisch ausschaut wie die Zugprodukte gewohnter Bauart. Und zweitens daß in dem Waggon, in dem ich nicht verkehre, aber sitze, tatsächlich eine einzige Reservierung angezeigt wird: „Belegt bis“ zu einer Stadt, an der wir in weiter Entfernung vorbeifahren, ohne anzuhalten.
Übrigens zwei: Fahrkarten für einen ICE sind schockierend teuer und wären das auch dann, wenn irgendein ICE, egal welcher Bauart, zufällig pünktlich und problemlos verkehren sollte, wohin er soll. Allerdings kann man zur Fahrkarte eine „Probe-Bahncard“ erwerben, woraufhin folgender Effekt eintritt: Das Ticket wird um 25 Euro weniger teuer, die Bahncard kostet 19,95 Euro, man spart also 5,05 Euro, braucht davon allerdings hinterher 3,30 Euro, um den Einschreibebrief mit der Kündigung der „Probe-Bahncard“ an die Bahn zu schicken, weil das nur so geht.
Warum das nur so geht, ist eine interessante Frage. Beim Anblick des Münchner Hauptbahnhofs findet man es indes plausibel, daß in dieser absichtlich erzeugten Ruine kein elektronisches Gerät funktioniert und Mails höchstens in einem unzugänglichen Schließfach landen. Zudem ist für einen Briefkasten, in den man den Brief selbst einschmeißen könnte, dort wohl kein geeigneter Platz zu finden. Aber wo bringt die „Deutsche Post“ den Brief dann hin?
Übrigens drei: In ICE-Toiletten ist über dem Spülungsknopf der Hinweis zu finden, etwas sei „nur für WC-Abwässer und Toilettenpapier“ und „Papierhandtücher und sonstige Abfälle führen zum Ausfall der Toilette“. Es ist sicherlich nicht schlecht, auf so etwas hinzuweisen, obwohl nicht sonderlich oft jemand WC-Abwasser mit in einen ICE nehmen wird, um es in die Toilette (oder sonst wohin) zu kippen. Weil ICE-Toiletten Gerüchten zufolge sowieso gerne ausfallen und dann auch ausgefallen bleiben, nicht selten ab Abfahrt im gesamten Zug. Allerdings bleiben zwei Fragen ungeklärt: Erstens ob es nicht sinnvoller wäre, „Papierhandtücher“ aus demselben Material und in derselben Textur herzustellen wie Klopapier, und zweitens: wieso der Hinweis da auf deutsch, englisch, französisch und italienisch steht, nicht aber in dem slawischen Dialekt, den fast alle Insassen meines Waggons in ihre Telephone hineinsprechen. Hier scheinen mir zwei Risiken in den Vorgang des Zugtoilettenausfallens hineingebaut, die man nur als mutmaßlich gewollt bewerten kann.

Übrigens vier: ist es immer wieder erstaunlich, wie selbst der sonnigste, strahlendste Sommertag draußen vor dem Fenster unattraktiv und verzichtbar erscheint, wenn man drinnen unablässig mit mechanisch gereinigter Kaltluft beblasen wird. Wahrscheinlich ist dies eine Art von Verhaltenssteuerung, die bewirken soll, daß nicht neben den Toiletten auch noch die Fenster ausfallen, weil sie von überdrüssigen Passagieren mit dem Nothammer entfernt werden, um dem Gefängnis zu entfliehen. Daß das Ganze nicht umgekehrt funktioniert und zu Fensterzertrümmerungen aus amokartig sich steigernder Sehnsucht nach dem Paradies dort draußen führt, ist erstaunlich.
Baden-Württemberg allerdings hat heute Pech: Der Himmel sieht ungefähr so aus, wie man sich Winfried Kretschmanns Hintern vorstellt oder lieber nicht vorstellt. Im Kessel von Esslingen weitet sich der Arsch und läßt etwas Blau durchscheinen. Das ist nun sicherlich kein Symbol, und in Ulm quaddeln die Wolkenbacken wieder dunkelgrau. Kurz davor kommt der Zug plötzlich zum Stehen. Nur Minuten später die Durchsage („Verehrte Fahrgäste, beachten Sie bitte!“): „Wir“ seien „zum Stehen gekommen.“ Was man alles nicht wüßte, wenn man es nicht erführe, mag man sich gar nicht ausmalen. Was man alles nicht weiß, weil es einem niemand mitteilt, erst recht nicht.
Als Grund fürs Zumstehenkommen wird – wie bei den sechs plötzlichen Zumstehenkommen zuvor – angegeben, Bauarbeiten seien noch nicht beendet. Unwillkürlich sehe ich vor mir, wie ein Trupp Bauarbeiter in Windeseile Schaufeln, Pickel und Schubkarren zusammenpackt, um stracks davonzuhuschen und ein paar Kilometer weiter Bauarbeiten anzustellen, die jedesmal beendet sein müssen, bevor der Zug sie wieder eingeholt hat. Was ab und zu nicht gelingt, da muß man dann halt die zwei Minuten warten.
Etwas befremdlich mag erscheinen, daß im ganzen Zug (soweit ich sehe) praktisch alle Menschen an elektronische Geräte angeschlossen sind und außer mir niemand ein Buch liest (Jürgen Dahls wundervolle Aufsatzsammlung „Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung“, die bei jedem erneuten Lesen auf meinen Denk- und Schreibstil wirkt wie ein Viertelgramm Kokain auf eine unbedarfte Nasenschleimhaut). Andererseits finde ich es höchst erfreulich, daß sich daraus die Hochrechnung ableiten läßt, daß heute zumindest an Bahnhöfen auch kein einziges Exemplar von „Zeit“, „Spiegel“, „Stern“, „taz“, „SZ“ und so weiter verkauft wurde.
Seit nunmehr vier Stunden durchdringt den gesamten Zug ein nicht sehr lautes, aber vielleicht gerade deshalb ohrenbetäubendes Pfeifen, das das Lesen von mehr als einem Satz unmöglich macht, weil man jeden einzelnen Satz fünfmal lesen muß, um ihn zu begreifen. Wozu das dienen könnte, werden Verschwörungstheoretiker einer bestimmten Richtung sicherlich gut erklären können, wenn mir demnächst der Kragen platzt und ich die Ursache des Pfeifens – was immer sie ist – kaputtschlage.
Die Stadt Köln, erfahre ich nebenbei, möchte ihre Spielplätze umbenennen, nicht individuell, sondern insgesamt: Statt Spielplätzen soll es künftig „Spiel- und Aktionsflächen“ geben. Begründet wird dies angeblich damit, das „alte“ Wort sei „eingrenzend“ und es brauche mehr „Inklusion“ und „Vielfalt“ (siehe oben). Nicht erklärt wird, ob das „alte“ Wort von den Vorkämpfern der Bewegung nicht eher als „ausgrenzend“ gebrandmarkt werden sollte, um sich von der erwünschten „Inklusion“ (Eingrenzung, Einschluß, Absperrung) zu unterscheiden.

Andererseits ist eine „Aktion“ heutzutage eben kein „Spiel“, sondern ein klares Bekenntnis zu Unsdem, mit dem man Flagge und Haltung zeigt, gegen rechts! gegen Putin! gegen Kohlensäure! Daß die Wiedergeburten des nationalsozialistischen Un- und Widergeists derart groteske, klamaukische Formen annehmen könnten, hätte bis vor kurzem sicherlich niemand gedacht, am wenigsten die Nazis selbst. In diesem Fall ist es wenigstens dem Streitfall angemessen.
Der wehmütige Blick auf den scheinbar stillgelegten, idyllisch verzeiteten Bahnhof von Neuoffingen ahnt den Grund für den Verfall: Da ist der Ort abhanden gekommen, zumindest ist er nirgendwo zu sehen. Das kommt – auch in anderen Bereichen – vor.
Mindelaltheim ist hingegen ein hübsches Dorf, neben dem gerade die monströse Baustelle einer neuen Schnellstraße dabei ist, die Landschaft und ihren Anblick zu vernichten. Wohl deshalb gibt es hier keinen Bahnhof.
Die Mineralwasserflasche, die ich als erstes Exemplar ihrer Art seit mindestens zwanzig Jahren für die Fahrt erworben habe, teilt mir jetzt, kurz vor der Heimkehr und da sie geleert ist, mit: „Leben Sie los. Mit Lust und Elan.“ Danke, vielleicht beim nächsten Mal.
Daß ich gerne in Bahnhöfen – oder vielmehr auf dem Weg hindurch und hinaus – rauche, wird man sich denken können. Ich lächle dabei auch gerne Polizisten an, und ich mag es noch mehr, wenn sie zurücklächeln. Und ich weiß: Das ist absolut albern, kindisch und blöd. Aber ich mag es halt.
An der Trambahnhaltestelle vor dem ehemaligen Münchner Hauptbahnhof meldet eine Anzeigefläche: „Verspätungen wegen einer bereits behobenen Störung.“ Der Gesamteindruck, den dieses sogenannte Land nach zwei Tagen auf Reisen hinterlassen hat, amüsiert mich. Ich fange an, es zu mögen, in diesem Zustand, vielleicht.
Eine Zeitung verkündet, der todkranke Koch Alfons Schuhbeck habe 27 Millionen Euro Schulden. Die volkswirtschaftliche Grundausbildung in meinem übermüdeten Hirn zieht daraus den Schluß, daß jemand anderer nun 27 Millionen Euro hat. Weshalb diese 27 Millionen nun der zurückzahlen sollte, der sie nicht mehr hat, der sogar 27 Millionen weniger als nichts hat, und nicht der, der die 27 Millionen hat, erschließt sich mir nicht. Das ist wohl die Müdigkeit: Für den Kapitalismus muß man „auf Trab“ sein, wie man so sagt.

angefangen hat das mit der Bahn und dem Desaster mit jenem Mehdorn. Im Walhall der schrecklichen Narren hat dieser seinen Ehrenplatz neben dem Nestle-Brabeck…. für das Geld, welches die Bahn für die Reise im ICE verlangt, konnte ich bei Europcar einen 5er BMW mieten. Ab etwa 300 Kilometern Strecke. Würde beim pösen pösen Putin die (ebendort im Reiche des Bösen extrem pünkliche und saubere Bahn) so deliriös gehandhabt werden wie im besten Deutschland aller Zeiten, der Verkehrsminister wäre längstens schon im Knast. Besonders erheiternd bei euch in D, wenn die Reihung der Wagen umgekehrt zum Wagenstandsanzeiger ist und der reserviert habende Endzeitlemming zu Hunderten herumwuselt, um den zu beanspruchenden Sitzplatz einzunehmen… so wird das auch mit den Kriegsplänen gegen Russland ausgehen… Gruss aus der Taiga
… und wieder ein „Danke“ für diesen Reisebericht – jeder, der man DB fahren musste, kennt diese ganze Misere, aber sie auf diese amüsant geschriebene Weise erneut nachvollziehen zu dürfen hat auch mal was. Davon abgesehen musste ich wirklich laut loskichern (ja, das geht), als die Brotzeitdose mit Knoblauch und Co. geöffnet wurde. Die Smartphone-Lemminge (?) waren wohl ganz schön überrascht, als ein Sinneseindruck aus dem echten Leben in ihre zu dem Zeitpunkt nicht genutzten Hirnareale eindrang… 😉
(Und: den „Zeigefinder“ finde ich einen schönen Verschreiber).