(periphere Notate): Dann blitzt es, und alle schauen wie Autos

Der Schlafwandler unterscheidet sich vom Wandler dadurch, daß er nicht weiß, was er tut. Dem politischen oder historischen Schlafwandler ist von beiden etwas eigen: Er kann nicht wissen, was er tut, weil er – aktiv – ja nichts tut (außer mitzutun, was ihm aber als Tun nicht bewußt werden kann, so wenig wie die Verrichtungen seiner Niere). Es wird indes in seinem Namen so einiges getan, was er als „Souverän“ der (in seinem Namen!) Handelnden schon wissen könnte, wenn er es wissen wollte. Aber das will er nicht, weil er dann vielleicht etwas tun müßte, womöglich etwas, um das zu verhindern, was (in seinem Namen!) getan wird. Weil er ahnt, daß es um Verbrechen geht – nicht einfach nur Verbrechen wie Raub, Mord und Brandstiftung, sondern deren tausend-, hunderttausendfache Begehung im Rahmen eines Menschheitsverbrechens namens Krieg.

Der Sommer 1914 soll sehr schön gewesen sein. Ich stelle mir lärmende Freibäder vor, kreischende Kinder, leere, staubtrockene Straßen, stille, schwarze Seen im Halbschatten von dampfenden Wäldern, die fast versunkene Sonne noch brennend heiß, klirrende Biergärten, wo das aufbrausende Lachen aus vielen Kehlen langsam verklingt, während sich die Tische leeren und Dunkel über alles sinkt. Ein einsamer Radfahrer ohne Jacke am Isarufer in der glitzernden Nacht: das bin wohl ich, der nicht genug kriegen kann von dem Zauber, der nie vergeht und bald verfliegt und von dem viele gar nichts mitbekommen, während sie am Mittun sind, hier und da, in Büros, Zentren, Malls und Points.

Die fragen sich nicht, wie man unter diesen Umständen, an solchen Tagen einen Krieg planen kann, Verträge über Raketen- und Panzerbestellungen unterschreiben, Konzepte für Mobilisierungen und Dienstpflichten entwerfen, Munitionseffizienz modellieren, Berechnungen über Zahlen zu tötender Menschen und zu zerstörender Gebäude und Städte anstellen, Prospekte für Tötungsgerät gestalten. Wie man all das überhaupt tun kann, vor allem aber jetzt gerade. Daß derweil Menschen sterben, viel zu früh und sinnlos, daß aufgrund ihres Tuns und Mittuns und Unterlassens noch mehr, noch viel viel mehr und vielleicht sie selbst sterben werden, ist dann wohl doch nicht zu denken, weil es die Effektivität der Arbeit beeinträchtigen könnte.

Die Begeisterung, die sich in Bildern von Eisenbahnzügen niederschlug, auf die mit Kreide Sprüche wie „Jeder Schuß ein Ruß“ und „Jeder Stoß ein Franzos“ gekritzelt waren, hat es übrigens 1914 nicht gegeben. Sie war ein (vor allem nachträglich) inszenierter Propagandaschwindel, der auf einer gewollten Begeisterung beruhte, die sich aber allen Bemühungen zum Trotz nicht allgemein herstellen ließ. Das vielgeschmähte „Volk“ wußte sehr genau, was ihm blühte und in welch einen mörderischen Wahnsinn es von seiner „Elite“ hineingetrieben wurde. Das erinnert mich unwillkürlich an „gendernde“ Nachrichtensprecher, inszenierte „Gegen Rechts“-Aufmärsche und gekaufte „Klimakleber“ – von denen erzählt man ja auch, sie seien „repräsentativ“.

Seit zehn Jahren führt Deutschland – als Vasall unter dem Befehl seines Kolonialherrn USA – Krieg gegen Rußland. Es handelt sich – so idiotisch diese Vokabel in sich sein mag – um einen „Angriffskrieg“, einen „unprovozierten“, denn Rußland hat der NATO nie etwas getan, sie eben nicht „provoziert“ oder auch nur schief angeschaut. Im Gegenteil bestand der Fehler der Russen darin, der NATO zu vertrauen, ihre Truppen aus der DDR abzuziehen, die Annexion der DDR durch die BRD zuzulassen und sogar hinzunehmen, daß die USA ihre Besatzungstruppen und Atomraketen auf dem Gebiet des westdeutschen Staats beließ. Die „Gegenleistung“ der USA war das Versprechen, ihre Kolonialherrschaft nicht weiter nach Osten auszudehnen.

Das mag man im nachhinein als Prachtexempel geopolitischer Naivität und Blödheit deuten, und tatsächlich deuten viele Russen – politische und historische Analytiker, aber auch der „Mann auf der Straße“ – dies so. Wie konnte Gorbatschow so deppert sein, einem Bush (George dem älteren), Spößling einer der kriminellsten Familien der Weltgeschichte, die schon an Hitlers Überfall (nicht nur) auf die UdSSR auf ziemlich düstere Weise beteiligt war, auch nur einen Millimeter weit zu trauen?

Allerdings war die Sache noch dazu weder neu noch einmalig. Schon Stalin, ansonsten mit allen massenmörderischen und sonst wie kriminellen Wassern gewaschen, war auf die Zusagen von Churchill und Roosevelt hereingefallen, man werde das Hitlerreich, dessen Krieg gegen die UdSSR fast vierzig Millionen sowjetische Bürger das Leben kostete, gemeinsam „niederringen“ (S. Gabriel, SPD). Statt dessen beabsichtigte Churchill, die UdSSR selbst niederzuringen, und zwar mit Hilfe der verbliebenen Reste von Wehrmacht und SS. Daran gehindert hat ihn letztlich weder Roosevelt (der zu früh starb) noch dessen Nachfolger Truman (der als gelernter Militär keine Ahnung von derartigen Ränken hatte) noch Stalin selbst (der das angesichts der Verluste gar nicht mehr gekonnt hätte), sondern die eigenen höchsten Offiziere, die sich für eine derartige Sauerei nicht hergeben wollten.

So wurde das Vorhaben halt verschoben. Die „Ehre“ von militärischen Führern nützt sich mit der Zeit ab, und irgendwann würde schon ein Gorbatschow daherkommen und sich in einem Aufwallen idealistischer Friedens- und Menschenliebe hinreißen lassen, den Schwindeleien des kapitalistischen Westens aufzusitzen. Boris Jelzin tat dies dann (auf Anweisung des „World Economic Forum“) so exzessiv, daß die frischgegründete Russische Föderation nach der Hitlerschen die nächste Entvölkerung erlebte – mit einer am Ende des 20. Jahrhunderts in Europa eigentlich unmöglichen Hungersnot, Massenmorden durch frisch geschlüpfte Oligarchen und ihre Mafias und einer um zehn Jahre geschrumpften Lebenserwartung.

Der zwischenzeitlichen Umkehr und Konsolidierung unter Putin und Medwedew folgten neue Träumereien: Der jungnaive Putin beschwor 2001 im deutschen Bundestag auf deutsch die gemeinsamen Interessen Deutschlands und Rußlands und wies in freundlichen Worten darauf hin, wie vernünftig und segensreich es wäre, diese zu verbinden. Da klingelten in Rußland die Ohren eines jeden, der ein bisserl Ahnung von Geschichte hatte: Was faselt der Depp da? Hat der schon mal was von der NATO gehört? Weiß der nicht, daß es lange vor der Unterwerfung und Zerstörung aller möglichen Länder der ursprünglich einzige Zweck der NATO war, eine Zusammenarbeit von Russen und Deutschen unter allen Umständen und notfalls unter Hinnahme der Zerstörung der ganzen Welt zu unterbinden? Hat der keine Ahnung davon, daß dies seit Woodrow Wilson das höchste und zeitweise einzige Ziel der US-Außenpolitik war und ist?

Es wäre eine interessante Frage, woher der Hang der Russen zur geopolitischen Naivität rührt und wieso er sich immer wieder durchgesetzt hat in den Jahren von 1917 bis 2022. Wie es aussieht, ist es damit aber nun vorbei. Und da sind wir wieder bei den politischen Schlafwandlern in Deutschland, die davon nichts mitbekommen haben: Die träumen zum dritten Mal davon, Rußland „niederzuringen“, und kapieren nicht mal im Ansatz, daß das nicht gehen kann.

Genauer gesagt träumen sie nicht mal davon, sondern erwarten stillschweigend, daß das irgendwie automatisch und ohne ihr Zutun und ohne daß sie davon auch nur etwas wissen müssen, geschieht. Oder daß halt irgendwas anderes geschieht, das geschehen muß, weil der Lauf der Welten und der Wille der Führer das so vorsieht.

Vorsicht, ihr Deutschen: Das letzte Mal stand plötzlich der Amerikaner vor der Tür und schenkte euch Schokolade (wenn ihr das Glück hattet, im richtigen Landstrich zu hausen und nichts wissen zu wollen). Das nächste Mal wird es vielleicht ganz plötzlich blitzhell, und dann fragt ihr euch: Wieso ist es um diese nachtschlafende Zeit plötzlich so hell? und dann könnt ihr euch leider nichts mehr fragen.

Da wär’s doch gescheiter, ihr fragt euch vorher: Was haben diese Führer eigentlich vor? Wenn die sagen, daß sie dringend eine „wehrhafte Jugend“ brauchen, meinen die dann am Ende meine eigenen Kinder? oder mich selbst? Und wieso wollen die junge Menschen in den Fleischwolf der Rheinmetall-Geräte hineinschmeißen und zu blutigem Dünger verarbeiten lassen? Ist es nicht grundsätzlich so, daß diese Typen geschworen haben, für meinen Nutzen zu wirken und Schaden von mir abzuwenden? Wieso wollen die dann mein Leben zerstören und mich und alle und alles andere vernichten?

Das ist eine Frage, die spätestens 1942 gestellt hätte werden müssen. Die spätestens 2014 erneut gestellt hätte werden müssen und die jeden Tag aufs neue gestellt werden müßte. Aber nicht gestellt wird.

Und so schlafwandelt der Deutsche zum (mindestens) dritten Mal in einen Krieg hinein, von dem er nichts weiß und wissen will und den er diesmal im schlimmsten Falle nicht einmal mehr (mit fünfundzwanzig Jahren Verspätung) „aufarbeiten“ wird können. Und warum? Und wozu?

Es ist übrigens auch lustig, mit welcher Vehemenz in den letzten Jahren „alte weiße Männer“, ihre angeblichen Weisheiten und alles, was mit ihnen zusammenhing, geradezu „abgelehnt“ wurden. Und derweil sind die mächtigsten „Männer“ der (vielmehr: unserer kleinen „westlichen“) Alltagswelt diese: Joe Biden, Klaus Schwab, Bill Gates, Elon Musk, Strackula, Habbels, Scholz, Pistolerius, Lallerbach, „Schlitzer“ Dahmen, Sullivan, Blinken, Netanjahu, Johnson, Macron, Trudeau, Merz, Spahn … und was weiß ich wer noch alles. Fällt irgend jemandem was auf?

Mit dem Auffallen ist es so eine Sache. Ich erinnere mich an eine Filmkritik: Da wurde anläßlich eines der ersten einer langen, explosionsartig anschwellenden Liste von Kino- und Serienwerken zum Thema „tödliche Pandemie“ darauf hingewiesen, daß in der Grundidee des Films ein Denkfehler stecke und es tödliche Pandemien ja bekanntlich gar nicht geben könne. Das war damals vielleicht noch „common sense“, der aber bald überwalzt wurde von der Flut der Filme und einem „Narrativ“: Tödliche Pandemien, wußte man dann, könne es nicht nur geben, sie seien vielmehr unausweichlich und zwangsläufig in einer „globalisierten Welt“ und müßten mit den vereinten Kräften dieser Welt „bekämpft“ werden, durch „Impfungen“.

Das „Impfgeschäft“, sagte Bill Gates irgendwann in dieser Zeit, werde „das Geschäft der Zukunft“ sein und er erwarte ungeheure Renditen, die man sich in anderen Geschäftsfeldern nicht einmal vorstellen könne. Daß er dies so freimütig in eine Kamera hineinsprach, verwundert im nachhinein nicht: Wer oder was sollte ihm denn in die Quere kommen und Einwände äußern, auf die mehr als eine Handvoll Querdullis hören würden? Was wollten die denn unternehmen gegen ein Narrativ, also eine erzeugte Gesamtwirklichkeit, die so penetrant und unablässig von allen berichtenden, erzählenden und befehlenden Medien und Instanzen in die Welt gebrettert wurde, daß sie diese endlich vollständig ausfüllte?

Die Methode war erprobt: Schon in den vierziger, fünfziger, sechziger Jahren hatte man es ja hingekriegt, die Wahrheit, daß die UdSSR nach den Massenmorden und Verwüstungen des Großen Vaterländischen Krieges nur noch ihre Ruhe und einen schützenden „Gürtel“ neutraler Staaten um sich herum wollte, aus den Köpfen zu blasen und statt dessen die Idee hineinzupflanzen, „der Kommunismus“ wolle die ganze Welt unterwerfen und knechten. Es war ein Meisterwerk der Propaganda, diese spiegelverkehrte „Vorstellung“ als „Wirklichkeit“ durchzusetzen, so wie dreißig Jahre später das „sterbende Klima“, fünfzig Jahre später den allgegenwärtigen „Terror“ (von dem man die Menschen in Kabul, Aleppo, Teheran, Bagdad, Mossul, Tripolis, Bengasi oder Belgrad mal fragen sollte, was sie darunter verstehen) und schließlich die „tödlichen Pandemien“.

Heute glaubt man sogar, die USA hätten 1945 nicht nur Auschwitz, Warschau und Ostdeutschland befreit, sondern ganz Europa. Und man fragt sich nicht mehr, wieso der französische General de Gaulle nicht an den Siegesfeiern teilnehmen wollte. Wenn man dann erklärt, das liege daran, daß die „Alliierten“ (USA und Großbritannien) nicht nur deutsche, sondern auch französische Städte bombardierten und dabei zehntausende französische Zivilisten töteten, daß de Gaulle bei Churchill erbetteln mußte, mit seiner Résistance wenigstens Paris selbst befreien zu dürfen, und deshalb Frankreich nicht als Sieger, sondern als Verlierer des Krieges betrachtete, erntet man Blicke, die an Autos erinnern.

Ein schönes Bild aus vergangener Zeit übrigens: als Autos tatsächlich noch so blickten wie Menschen, die so etwas zum ersten Mal hören.

Der Sommer 2024 – dies für die anderweitig Beschäftigten – ist übrigens trotz allen Wetterkapriolen recht schön. Man wird sich vielleicht an ihn erinnern, dereinst, wenn alle aus der Welt sind, die ihn erlebt haben.


2 Antworten auf „(periphere Notate): Dann blitzt es, und alle schauen wie Autos“

  1. wenn es 1914 keine Begeisterung beim gemeinen Volke gab und das Schwindel und Propaganda war, so lese ich es in deinen Zeilen, und der Pöbel wußte, was ihm blühte, so frage ich mich jetzt gerade, was der Pöbel im Moment so fühlt, denkt, weiß….. beim Haßgekotze des Hofreiter und anderer Kreaturen, die ihre Seele längstens der dunklen Seite verkauft haben und den Heldentaten dieser Kreaturen an der Ostfront…. Ist diese Lethargie von den Handystrahlen, dem Glyphosat und anderen Zutaten von außen herbeigeführt oder einer längstens beschlossenen Selbstaufgabe geschuldet? Ich habe gestern in St. Petersburg aufgeschnappt, daß einer der Toten, die auf der Krim durch eine amerikanische AtacMS-Rakete, bestückt mit verbotener Streumunition, verursacht wurden, ein recht hoher Politiker eines Ex-UDSSR- Staates aus Zentralasien gewesen sei. Man schwor schon Rache. Unter den weit über hundert Verletzten waren viele Kinder, kein Wunder, wenn man einen Badestrand zum Kriegsschauplatz auserwählt. Der Russ hat den Ami nun zum Feind erklärt und Konsequenzen versprochen. Was für feige Schweine auch…..Somit wäre die beschlossene Selbstaufgabe, falls die nicht von außen herbeigeführt wird, die wahre Pandämie. Demokratie ist Scheiße. Wenn sich 80% einer Totalverarschlochung unterzogen, sind sie „im Recht“und die 20% Nicht-arschlöcher sind gearscht durch die Demokratie. Wenn die dunkle Seite sich ihrer Sache sicherer wäre, bräuchte sie meine Kommentare unter deinen Videos nicht verschwinden zu lassen. Vermutlich hat die dunkle Seite inzwischen mehr Angst als die helle. Das läßt sogar noch Hoffnung zu. Gruß aus der Taiga

    1. Hope lies in the proles. Und auf dem Land; davon kriegen Menschen, die nur „Medien“ verfolgen (die inzwischen alle in „Gated Communities“ existieren), ja nichts mehr mit.

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