Reisen im Regal (10)

Originalität und Genie sind ausgestorben, und an ihre Stelle sind Eleganz und Vielseitigkeit der Erfindung getreten. Daher ist es durchaus wahrscheinlich, daß magere Jahre zu erwarten sind, in denen unsere Nachwelt sich mit hungrigen Blicken nach unserer Epoche umschauen wird, in der es so sehr viel guten Willen und die Fähigkeit gab, dem Publikum zu gefallen.
Evelyn Waugh: Gilbert Pinfolds Höllenfahrt (1957)

Zugrunde gerichtet, verarmt, aus und vorbei!
Gustave Flaubert: Lehrjahre des Herzens (1869)

Wie fast ein jeder Deutscher einmal ein Gedicht verbrochen hat, so findet sich im Leben der meisten Menschen irgend ein Ereignis, das Bedeutung für sie hat; die wenigstens sprechen je darüber, aber bei vielen kommt die Stunde, wo sie aus sich herausgehen, und häufig bin ich das Sonntagskind geworden, das im rechten Augenblicke zur Hand war, um das Bekenntnis zu hören.
Heinz Tovote: Ich – Nervöse Novellen (1894)

Der Feldwebel sah sich unsicher um, blickte ratlos nach oben und wollte noch etwas sagen, aber Kościejny ging weiter in die Kirche hinein. „Nirgends Hilfe“, dachte der Feldwebel, „nirgends.“ Doch da kam ihm ein Gedanke. Er drehte aich auf dem Absatz herum, lief hinaus und rannte in die Kneipe.
Andrzej Stasiuk: Galizische Geschichten (2002)

Die Leute sind auf der Straße wie gewöhnlich. Schlangen vor den Läden. Es gibt schon ein paar Kirschen. Ich kaufe eine Zeitung. Die Russen sind in Strausberg und vielleicht sogar weiter, in der Umgebung von Berlin. Ich warte auch darauf, daß Berlin fällt. Alle warten darauf, die ganze Welt. Alle Regierungen sind sich einig. Das Herz Deutschlands, sagen die Zeitungen. Die Frauen der Deportierten auch: „Die werden schon sehen.“ Und meine Concierge. Wenn es aufgehört hat zu schlagen, ist es vorbei. Die Straßen sind voller Mörder. Wir träumen Mörderträume. Ich träume von einer idealen, verbrannten Stadt, zwischen deren Ruinen das deutsche Blut fließt. Ich glaube den Geruch dieses Blutes wahrzunehmen, es ist röter als Rinderblut, es ähnelt Schweineblut, es gerinnt nicht, es fließt weit in meinem Traum, und an den Ufern dieser Flüsse stehen weinende Frauen, denen ich in den Hintern trete und die ich mit der Nase in das Blut ihrer Männer stoße.
Marguerite Duras: Hefte aus Kriegszeiten (1945/2007)

Die Bürger kamen zurück.
Sie gingen in ihre Häuser und blieben dort. Jeden Augenblick erwarteten sie den Ruf: „Fire!“
Aber es brannte nicht in der Stadt.
Nur in den Hirnen der Männer, die diese Stadt besetzt hatten, da brannte es.
William Mark: Wyatt Earp – Hölle in Wichita (1974)

Wir können keinen menschen an uns binden, sagte ich, wenn dieser Mensch es nicht will, müssen wir ihn in Ruhe lassen, sagte ich.
Thomas Bernhard: Der Untergeher (1983)

Hier schaltete sich Elisabeth in das Gespräch ein, die von ferne zugehört hatte: „Glaubt ihr denn, daß ihr die junge Generation für solche schwierigen Probleme interessieren könnt, die den großen Zusammenhang betreffen? Wenn ich von dem ausgehe, was ihr gelegentlich von der Physik in den großen Forschungszentren hier oder in Amerika erzählt, so sieht es doch so aus, als ob sich das Interesse gerade bei der jüngeren Generation fast nur den Einzelheiten zuwendet, als ob die großen Zusammenhänge beinahe einer Art Tabu unterliegen. Man soll von ihnen nicht sprechen. Könnte es hier nicht so gehen, wie im ausgehenden Altertum mit der Astronomie, als man sich durchaus damit begnügte, die nächsten Sonnen- und Mondfinsternisse mit überlagerten Zyklen und Epizyklen auszurechnen, und das heliozentrische Planetensystem des Aristarch darüber vergaß? Könnte es nicht geschehen, daß das Interesse für eure allgemeinen Fragen völlig erlischt?“
Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze (1969)

He gags and bends over laughing. Tommy slides into the driver’s seat of his truck and shuts the door, sealing the plain white shell around him.
Marina Keegan: I Kill for Money (2014)

Daß Heraklit eine Fortdauer der Seele nach dem Tod im Sinne einer persönlichen Unsterblichkeit angenommen hätte, ist ganz ausgeschlossen. Gegenüber so bestimmten Äußerungen wie der, daß „die Seelen aus dem Feuchten empordünsten“, daß es Tod für sie ist, feucht oder Wasser zu werden, daß die „trockene Seele die weiseste und beste“ ist, Äußerungen, die seine stoffliche Auffassung der Psyche und ihre Verflochtenheit in den Weltprozeß unwiderleglich beweisen, kommen einige dunkle, teilweise wohl schon im Altertum mißverstandene Andeutungen nicht in Betracht. Der Tote und daher auch der Totenkult hat ihm nichts zu bedeuten. Damit sind die hergebrachten Hadesvorstellungen erledigt.
Wilhelm Nestle: Vom Mythos zum Logos (1941)

Kurz gesagt, der Gesellschaft gehören gerade diejenigen Männer an, die dadurch, daß sie gemeinsam die Entscheidungen der Denkmaschinen ablehnen, in kürzester Zeit die Welt in ein tolles Durcheinander zu stürzen vermöchten.
Isaac Asimov: Ich, der Robot (1970)

Wie in allen Kriegen, so wird von beiden kriegführenden Mächten der Himmel um Sieg gebeten. Der Freund sagt, er sei mit ihm, der Feind sagt, er sei gleichfalls mit ihm. Beide erklären, ihre Sache sei die gerechte. Nun tritt in dem vorliegenden Krieg der eigentümliche Fall ein, dass der Japaner einen ganz anderen Himmel hat als der Russe. Es kann also sein, daß beide erhört werden und mithin beide siegen. Was dann? Es wäre dies vielleicht die beste Lösung des Knotens, als welchen jetzt einer den andern erklärt.
Julius Stettenheim: Wippchens charmante Scharmützel (1904/1960)

Zwischen den vom vielen Essen gedunsenen Gesichtern und den jungen Abgeordneten der Grünen gab es eigentlich nichts Gemeinsames, von Ausnahmen abgesehen. Aber in der Universität waren einschlägige niedliche Poster, politische Propaganda der Grünen, zu sehen, die in Bielefeld ihr Hauptquartier hatten. In den Gängen des Professorentrakts hingen an Türen und Wänden Insignien, Bilder, die für eine harmlose Welt warben. Heitere gelbe Sonnen und lachende Wichtelmännchen: eine neue Zivilisation der pathetisierten Herzenseinfalt. Eigentlich war es auch ein Versprechen auf Kuchen.
Karl Heinz Bohrer: Jetzt (2017)

Das ist alles, was ich erzählen wollte. Ich könnte zwar noch erzählen, wie es weiterging, als ich heimkam, und wie ich krank wurde und so und in was für eine Schule ich nächsten Herbst gehen soll, wenn ich von hier wegkomme, aber ich habe keine Lust dazu. Im Ernst. Dieses Zeug interessiert mich jetzt nicht besonders.
J. D. Salinger: Der Fänger im Roggen (1962)


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