Reisen im Regal (9)

Fast dreißig Jahre lang habe ich Menschen begraben, aus drei Gemeinden, zirka fünf Menschen pro Jahr, und immer habe ich gedacht: Eines Tages begreif ich, was ich da tu, eines Tages versteh ich sogar den Tod, und ich hab Freunde und Feinde beerdigt, auch meine Gret und auch die jüngste Tochter, Anna, und immer habe ich gedacht: Eines Tages wird’s hell, eines Tages kapiere ich Leben und Tod, eines Tages meldet sich, während ich schaufle, eine Stimme und sagt mir, um was es geht, und sagt mir warum und wozu und wohin. Nichts, nichts ist geschehn in all den Jahrzehnten, jetzt bin ich alt und melk das Rösli und fasse weder Welt noch Herrgott.
Markus Werner: Froschnacht (1985)

Wolle Gott es gnädig richten oder auch vernichten, ist ja wurscht.
Eckhard Henscheid: Gott trifft Hitler in Vaduz (2008)

Was wollen Sie eigentlich? Was war, war eben, und so wie es war, wird es schon seine Richtigkeit gehabt haben. Es gab Gesetze, und Sie hatten Ihre Befehle. Solche Vorkommnisse müssen aus der Zeit heraus verstanden werden. Man wuchs mit ihr, man hatte keine Gelegenheit, Betrachtungen darüber anzustellen, was später einmal sein würde. Es war wie ein Rausch, eine Euphorie, die alles und jeden erfaßte. Schuld und Sühne? Sie sind doch nicht normal.
Hans Frick: Breinitzer (1979)

Wie lange es denn daure während des Streiks. Der Beamte schaut sich das Päckchen an. Ob es eine verderbliche Ware enthalte. Nur mein Ohrläppchen, sagt van Gogh.
Michael Winter: Auf den Trümmern der Moderne (1992)

„Spend 2 hours staring at a fucking spoon“
Peter Doherty: The Books of Albion (2007)

Die Nachwirkung des Berges geht über eine luftige Naturkunde freilich weit hinaus.
Peter Handke: Die Lehre der Sainte-Victoire (1980)

Das Schöpferische im Menschen ist das Abbild Gottes, und seinem Forschungsdrang sind keine Grenzen gesetzt. Wir haben die Grenzen unseres Planeten gesprengt und uns das Sonnensystem erschlossen, von dessen Durchquerung wir glücklich heimgekehrt sind, und wer weiß, wann wir das Sonnensystem sprengen und in den Fixsternraum vorstoßen werden!
Erich Dolezal: Neues Land im Weltall (1958)

Plötzlich ist alles aus, der Pfarrer spricht von der höheren Heimat, und sie verscharren dich, alles geht weiter, und kaum hat sein Grabstein Moos angesetzt, wird er weggeräumt, der Platz ist knapp, kaum bist du vermodert, hörst du die Hacke, sie verlochen den nächsten, und deine Zähne bekommen Gesellschaft, und deine zerfressenen Rippen verrotten weiter, zusammen mit denen des frischen Kumpans, so geht’s.
Markus Werner: Froschnacht (1985)

Es gibt Dinge, die sind so schön, daß man gar nicht mehr merkt, daß man eines Tages alt wird und stirbt. Es gibt Dinge, die sind so schön, daß man das Altwerden und das Sterben als etwas richtig Gutes empfindet, als Abrundung, als Vollendung.
Robert McLiam Wilson: Eureka Street, Belfast (1996)

Wer die Jahre, in denen die Lüge das Prinzip des Regierens war, überstanden hatte, der erhoffte nach dem Ende der Nazi-Diktatur – nein, natürlich nicht den Beginn allgemeiner Wahrhaftigkeit, wohl aber mehr, weit mehr Sinn für die öffentliche Diskussion strittiger Fragen; mehr Sinn auch für die gemeinsame und sachliche Erörterung von Meinungsunterschieden und weit mehr Respekt vor Tatsachen. Wir erwarteten sorgfältige Beobachtung, kontrolliertes Erinnern, suchendes Prüfen und erlebten statt dessen wieder die bloße Behauptung, die ohne Nachprüfung weitergegebene Anklage und überhebliche Rechthaberei. Erfahrungen also, die keineswegs nur den „zornigen Alten“ und ihrer Generation vorbehalten sind, aber gerade für sie Entwicklungen und Zustände widerspiegeln, die zu Hitlers „Tausendjährigem Reich“ führten. Ist da nicht die Furcht begründet, daß vieles aus dieser Zeit sich wiederholen könne, was besser einmalig bliebe? Wenn in unserer Demokratie die kritische Öffentlichkeit verstummt und das Obrigkeitsdenken der Bürger jede auf Neues gerichtete politische Auseinandersetzung erstickt, wird die westdeutsche Restauration ihren Siegeszug ungehindert fortsetzen. Dann könnten sich geschichtliche Prozesse, wenn auch nicht in genau der gleichen Weise, wiederholen.
Fritz Sänger: „Gefährdete Meinungsfreiheit“ (1979)

Sozialistisch sind viele Maßnahmen, die wir getroffen haben, die wir zum großen Heile des Landes getroffen haben, und etwas mehr Sozialismus wird sich der Staat beziehungsweise das Reich überhaupt angewöhnen müssen. (…) Wenn Sie glauben, mit dem Wort Sozialismus jemandem Schrecken einflößen zu können oder Gespenster zu zitieren, so stehen Sie auf einem Standpunkt, den ich längst überwunden habe.
Otto von Bismarck: Rede im deutschen Reichstag, 12. Juni 1882

Denn die Sozialdemokratie ist so, wie sie ist, doch immer ein erhebliches Zeichen, ein Menetekel für die besitzenden Klassen dafür, daß nicht alles so ist, wie es sein sollte. , daß die Hand zum Bessern angelegt werden kann, und insofern ist ja die Opposition (…) ganz außerordentlich nützlich. Wenn es keine Sozialdemokratie gäbe, und wenn nicht die Menge Leute sich vor ihr fürchteten, würden die mäßigen Fortschritte, die wir überhaupt in der Sozialreform bisher gemacht haben, auch nicht existieren („Sehr richtig!“ bei den Sozialdemokraten), und insofern ist die Furcht vor der Sozialdemokratie in bezug auf denjenigen, der sonst kein Herz für seine armen Mitbürger hat, ein ganz nützliches Element. („Bravo!“ bei den Sozialdemokraten) Ja, sehen Sie, in etwas sind wir doch einverstanden.
Otto von Bismarck: Rede im deutschen Reichstag, 26. November 1884

die sprache ließ da keinen spielraum, was eine frau ist war festgelegt, es freute mich nicht, aber ich merkte es, es war nicht nur die bedeutung der worte sondern ihr sinn, sozusagen.
Oswald Wiener: Die Verbesserung von Mitteleuropa (1969)

Wie immer in diesen Nächten lege ich mich müde und schlaftrunken nieder und horche auf die seltsame Weise, die im Park jenseits des Flusses gespielt wird, wo das Wachshaus steht und die Springbrunnen tosen. Und die Schlepper fahren donnernd vorbei und kräuseln den Fluß. Und wenn ein Spielzeug Freude macht, dann ist kein Preis zu hoch dafür.
P. Donleavy: Das tollgewordene Molekül (1960)

In der Fabrik seid ihr nur da, um Anweisungen zu befolgen, um Stücke nach den Direktiven herzustellen, um am Zahltag eine durch Stückzahl und Tarife bestimmte Geldsumme zu empfangen. Aber außerdem seid ihr Menschen – ihr arbeitet schwer, ihr leidet, natürlich erlebt ihr auch Augenblicke der Freude, vielleicht sogar angenehme Stunden; manchmal könnt ihr euch ein wenig gehenlassen, manchmal müßt ihr furchtbare Anstrengungen auf euch nehmen; gewisse Dinge interessieren, andere langweilen euch. Aber niemand in eurer Umgebung kann und will sich damit beschäftigen. Ihr selber seid gezwungen, euch damit nicht zu beschäftigen. Man verlangt von euch nur Stücke, man gibt euch nur Geld.
Diese Situation bedrückt bisweilen das Herz, stimmt es nicht? Sie erzeugt das Gefühl, eine bloße Produktionsmaschine zu sein.
Simone Weil: Briefe an einen Ingenieur-Betriebsleiter (1936)

Unvergeßliches – im Schatten alter Bäume; dem Irren und Streben entrückt.
Alfred Kerr: Verweile doch! (1920)

Zumindest für den Augenblick scheint mir dieser Einfall komisch zu sein. Wahrscheinlich ist er es nicht. Ich habe ja auch nicht die geringste Beziehung zu diesem Geschrei.
Nafrath-Naffziger: Musth! Pläne im Leftischuh (1997)

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