„Deutsche Weihnacht“ (2) (Obacht: wieder Reklame!)

Vater: Und was soll die tschechische Abkunft dei­ner zukünftigen Gattin mit unserem Weihnachts­fest zu tun haben? Kann mir das vielleicht irgend jemand erklären?

Sohn (erzürnt, in lautem Stakkato): Weihnachten ist ein deutsches Fest und wird in deutschen Häusern von Deutschen gefeiert! Basta!

Vater: Jetzt reicht’s mir. Sofort in dein Zimmer!

Sohn: Ich habe ein Recht, hier zu stehen. Dies ist auch mein Lebensraum!

Vater (springt auf): Lebensraum? Ich hör’ wohl nicht recht. Der Kerl ist völlig schwachsinnig geworden.

Mutter (jämmerlich): Bitte setzt euch doch wieder, es gibt doch noch den Vogel!

Vater (sehr laut): Den hat dieser Sohn! Sofort hinaus aus meinem Augenfeld! (zur Mutter) Wer hat dieses Monstrum gezeugt?

(Als der Sohn keine Anstalten macht, dem Befehl Folge zu leisten, springt der Vater plötzlich um den Tisch herum, packt ihn am Arm und zerrt ihn weg. Der Sohn hält sich am Tischtuch fest; das gesamte Geschirr klirrt zu Boden, nur die Terrine nicht, die die geistesgegenwärtige Mutter schnell hochgehoben hat.)

Tochter: Toll, da brauchen wir nicht mehr abspülen.

Freund (versucht ein Grinsen, das ihm total mißlingt.)

Tochter: Was machst du denn für ein Gesicht?

Freund (steckt sich einen Finger zwischen die entblößten Zahnreihen): Kümmelkorn.

Vater (ist zurückgekehrt, diensteifrig): Hätten Sie gerne einen Zahnstocher, junger Mann?

Freund: Ich glaube …

Tochter (fällt ihm ins Wort): Er heißt Josef, Vater!

Vater: Na und? Ich heiße Siegfried. Hat in diesem Haus jemals schon jemand Siegfried zu mir gesagt?

(Der Vater zieht eine Streichholzschachtel aus der Tasche, ent­nimmt ihr ein Holz, spaltet es mit dem Daumennagel und reicht es dem Freund.)

Vater: Da, nehmen Sie schon.

(Der Freund beginnt sofort heftig mit dem Zahnstocher in seinem Mund herumzustochern.)

Vater: Nur keine falsche Bescheidenheit. Und jetzt ertönt festliche Musik!

Mutter: Ach, Vater.

Vater: Nicht beachten, einfach nicht beachten, jun­ger Mann. Sie wissen ja, dem holden Geschlecht ist der große Kunstgenuß verwehrt.

(Er steht minutenlang vor einem Stapel von etwa zehn Schallplatten, reibt sich das Kinn, zieht dann mit feierlicher Geste „Tristan und Isolde“ aus dem Stapel.)

Mutter: Ich hole dann mal den Vogel.

Vater: Ja, geh du nur.

(Er zieht die Schuhe aus, legt die Platte auf, wartet, bis sich der Tonarm senkt, seufzt dann heftig.)

Vater: Aaahh!

Tochter: Fällt dir was auf? Dieser Mensch tut den ganzen Tag nichts anderes als Leute hinauszu­schicken. Außer sie wollen hinaus, dann müssen sie dableiben. Dieses autoritäre Gehabe hat er von seinem SS-Vater. Kein Wunder, daß sein Sohn am liebsten Leute aus dem Land schicken will.

(Der Freund unterbricht seine beflissene Tätigkeit mit dem Zahnstocher; bedeutet ihr mit beiden Händen zu schwei­gen.)

Freund (abwiegelnd): Na ja.

Vater: Ruhe jetzt!

Mutter (ruft aus der Küche, übertrieben melodisch-fröhlich): Wer möchte Flü-hügel?

Vater: Wer braucht Geflügel? Die Schwingen der Schönheit breiten sich hier aus!

(Er setzt sich zu Tisch und verfällt in eine Dirigenten-Pantomime)

Tochter: Gott, ist das laut.

Sohn (von draußen): Deutschland erwache!

(Die Mutter kommt zurück mit einem Tablett in Händen, auf dem Stücke einer Gans liegen.)

Mutter (ruft über ihre Schulter nach draußen): Sei wenig­stens still jetzt!

(Der Vater erhebt sich taumelnd, während er gleichzeitig mit beiden Händen, naturgemäß unbeholfen, versucht, sich selbst zu erwürgen.)

Vater: Dämon! Hinfort!

Mutter (entsetzt): O Gott, jetzt kriegt er auch noch seinen Wagner-Wahn. Marie, sofort die Platte aus! Schnell!

(Die Tochter sitzt wie gelähmt, starrt dem Vater nach, der aus dem Zimmer taumelt.)

Tochter: Was?

Vater (von draußen, gurgelnd): Urgrund! Hinab! Arrgh!

(Die Mutter stellt das Tablett mit der Gans auf den Boden, schaltet die Stereoanlage aus, die Musik bricht plötzlich ab.)

Mutter: Ist sowieso alles zu spät.

(Mutter, Tochter und Freund schauen peinlich berührt auf den Tisch, während von draußen das Rumpeln des Vaters zu hören ist; der Hund schnappt sich die Gans und verschwindet unter dem Schrank.)

Vater: Brodelnder Brodem!

Sohn (gedämpft): Halt’s Maul! Nationaler Wider­stand!

Tochter: Wenn ich mir diese Familie ansehe, frage ich mich manchmal, was bei mir schiefgegangen ist.

Mutter: Red nicht so. (zum Freund, beflissen) Er hat das nicht oft.

Freund (verständnisvoll): Na ja.

Sohn (hämmert gegen die Tür seines Zimmers): Jeder soll es hören, wenn unser Ruf erschallt!

(Es klingelt an der Wohnungstür, das Rumpeln und Bum­pern setzt sich ohne Unterbrechung fort.)

Tochter: Das ist die Polizei, wetten?

Mutter: Mein Gott, ist das furchtbar.

Tochter: Nun mach doch auf.

Mutter: Auf gar keinen Fall.

Tochter: Wenn es die Polizei ist, brechen sie so­wieso die Tür auf.

Stimme von draußen: Polizei! Aufmachen, oder wir brechen die Tür auf!

(Die Tochter eilt nach draußen, schiebt den immer noch sich selbst würgenden Vater ins Zimmer und schließt die Tür. Der Freund tritt in den Hintergrund und rührt sich nicht.)

Stimme (von draußen, gedämpft): Wohnt hier ein Knut Richard Huber?

Mutter: So, jetzt holen sie den Buben.

Vater (kommt plötzlich zur Ruhe): Was? Wer holt un­seren Buben?

Mutter: Die Polizei.

(Von draußen sind wilde Geräusche und Schreie zu ver­nehmen, offenbar spielt sich eine heftige Auseinandersetzung ab.)

Vater: Mein lieber Mann, was geht denn da vor?

Mutter (wütend und verzweifelt): Du kapierst auch gar nichts. Deinen Sohn holen die ab. Weil er ein Nazi ist!

Vater: Das geht nicht!

(Er will nach draußen stürzen, die Mutter hält ihn zurück, beide fallen mit dem Tisch um. In diesem Moment geht die Tür auf, und ein Polizeibeamter steht im Zimmer.)

Polizist: Sind Sie die Eltern Huber?

Mutter (vom Boden): Ja.

Vater (vom Boden): Schweig! Alles, was du sagst, werden diese Schergen gegen dich verwenden. Ge­gen uns alle. Was habt ihr mit meinem Sohn vor, ihr Schergen?

(Er rappelt sich mühsam auf, wobei er die Mutter wieder zu Boden stößt, um hochzukommen.)

Polizist: Immer langsam, guter Mann. Ihr Sohn ist ein ganz saftiges Früchtchen, mein Lieber.

(Die Mutter bleibt liegen, fängt an, lautstark zu schluch­zen.)

Vater: Hausdurchsuchungsbefehl her! Haftbefehl! Dienstmarke!

Polizist: Sie schauen wohl zuviel Fernsehen, was? Hier ist der Haftbefehl, das genügt uns.

(Der Polizist hält dem Vater einen Zettel vors Gesicht, den dieser wütend wegreißt und liest.)

Vater: Brandstiftung?

Mutter: Was?

(Anmerkung: Dies ist ein Ausschnitt aus der ersten Szene des Theaterstücks „Deutsche Weihnacht“, das als kleines Buch erhältlich ist und sich möglicherweise als Geschenk zu festlichen Anlässen eignet. Der Klappentext lautet so:

„Nietzsche, Wagner (beide), Karl Valentin, Hitler, die Kommune und die RAF treffen sich (inkognito) am Weihnachtstisch einer deutschen Familie der Neuzeit. Das Resultat ist eine triumphale Katastrophe, in der sich alles Deutsche niederschlägt und enthüllt, das ein Jahrhundert geprägt, geplagt und verdunkelt hat. Aber keine Sorge: ‚Deutsche Weihnacht‘ ist vor allem eine Komödie.“

Ich weiß: Die Reklame kommt wie meist zu spät. Das liegt möglicherweise an meiner notorischen Neigung zur Selbstsabotage.)


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