„Deutsche Weihnacht“ (Obacht: Reklame!)

(Ein Wohnzimmer mit Tannenbaum, Schrank und festlich gedecktem Tisch mit sechs Stühlen; die Mutter, mit der Fertigstellung der festlichen Ordnung beschäftigt)

Mutter: Wenn ich jetzt bloß wüßte, ob er sie diesmal mitbringt. Sonst steht ein Stuhl leer herum.

Vater (tritt ins Zimmer): Wie lange soll denn das noch dauern? In der Küche riecht’s schon ganz verbrannt.

Mutter: Wenn ich bloß wüßte, ob er sie diesmal mitbringt. Sonst steht ein Stuhl leer herum.

Vater: Dann laß ihn halt leer herumstehen. Das muß unser Herr Sohn schon selbst wissen. Aufgefordert haben wir ihn oft genug.

Mutter: Ich meine halt, daß er vielleicht unsicher ist, weil sie doch aus einer ganz anderen Kultur …

Vater: Ach was. Die feiern genauso Weihnachten wie wir. Sind schließlich keine Neger oder Beduinen. Und sogar bei denen gibt es Christen.

Mutter: Hier riecht’s wirklich schon ein bißchen. Ich dreh mal den Herd runter. Der Hund braucht auch noch was zu fressen. (ab)

(Der Vater stützt das Kinn in die Hand, betrachtet in aufrechter Haltung den Weihnachtsbaum.)

Vater: Ein schöner Baum, aus unseren Wäldern. So kommt der Wald in die gute Stube.

Mutter (kommt zurück, erschrocken): Ich weiß gar nicht, essen die überhaupt Geflügel?

Vater: Nun dreh nicht völlig durch, Frau. Unser Sohn hat keine vegetarische Mongolin zur Verlob­ten genommen, sondern eine Angehörige unserer eigenen Kultur, im weiteren Sinne. Ein gebratener Vogel am Weihnachtsabend ist genauso ein Teil vom Weltkulturerbe wie das Weihnachtsfest selbst.

(Die Tochter betritt mit ihrem Freund das Wohnzimmer, beide noch im Mantel.)

Tochter: Aha, der Vater doziert wieder. Das war mir schon klar, als ich heute morgen sein Ho­roskop gesehen habe.

Mutter: Da seid ja wenigstens ihr endlich! Wo bleibt denn nur unser Sohn?

Vater: Der kommt schon noch, wenn er Hunger hat. Schließlich wohnt er hier.

(Es klingelt an der Tür.)

Vater: Der hat doch einen Schlüssel!

Tochter: Die Tür ist sowieso offen.

Mutter: Ja, damit sich der Rauch ein bißchen ver­zieht.

Vater: Ins Treppenhaus, na prima! Am Dienstag hab ich dann wieder diesen vertrottelten Haus­meister auf dem Hals. Will vielleicht jemand öffnen?

Mutter (geht hinaus.)

Tochter: Und, bringt er sie diesmal mit?

Vater: Das werden wir gleich erfahren. Eine Legiti­mierung des Verhältnisses steht dringend an.

(Er betrachtet den Freund der Tochter sehr eingehend.)

Vater: Dafür ist ein Weihnachtsabend eine sehr geeignete Gele­genheit.

Freund (verlegen): Na ja.

Tochter (zum Vater): Laß ihn in Ruhe. Wir klären das selbst.

Mutter (betritt das Zimmer mit der Suppenterrine): So, jetzt gibt es erst mal Suppe. Und den Stuhl räume ich weg.

(Sie trägt den Stuhl hinaus.)

Vater: Wieso? Wo ist er? Was ist mit ihr?

Mutter: Sie ist nicht dabei.

Tochter: Ich möchte wetten, daß es das Fräulein in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Mutter: Red nicht so. Er schämt sich halt ein biß­chen.

Vater: Was hat er sich da zu schämen? Dies ist ein gastfreundliches Haus! Wir sind offen für fremde Kulturen!

Sohn (von draußen): Zum Gruße!

Tochter: Guten Abend.

Vater: Fröhliche Weihnachten! Wo ist meine zu­künftige Schwiegertochter?

Sohn (betritt das Zimmer): Da, wo sie hingehört.

Mutter: Jetzt setzt euch doch erst mal!

(Alle nehmen umständlich Platz: die Mutter am Tischende, der Sohn gegenüber, die Tochter neben dem Vater.)

Vater: So! Und jetzt werden die Lichter entzündet und der Baum betrachtet!

(Die Mutter drückt auf einen Knopf an einem Kabel; sofort klappen an dem Baum alle Zweige nach oben.)

Mutter: Hoppla!

Vater: Was ist denn das jetzt?

Tochter: Falscher Knopf.

Vater: Ich meine: Was ist denn das für ein Baum?

Tochter: Einer aus Plastik eben. War im Sonderan­gebot, bei „Rudi’s Resterampe“.

Mutter: Jetzt reg dich nicht gleich wieder auf!

Vater: Plastik? Sonderangebot? Was ist denn hier los? Ein Baum hat aus Holz zu sein! Demnächst werden wir hier die Wände einreißen und durch Plastik ersetzen, oder was? Das ist doch kein Baum!

Tochter: Natürlich ist das ein Baum. Und außerdem hält der mindestens zehn Jahre. Für sechzehn neunundneunzig! Jedes Jahr eine Fichte für dreißig Euro, das ist doch Wahnsinn, schon bloß rein ökologisch!

Vater: Aha! Und ein Plastikbaum ist natürlich total ökologisch! Verstehe!

Tochter: Natürlich.

Mutter: Das ist halt jetzt modern.

Vater: Modern! Modern! Ich will nichts Modernes an Weihnachten! Ich will Holz! Einen Baum, ein gutes Essen von Porzellantellern, und die Familie sitzt am guten alten Holztisch, bei Kerzenlicht …

Tochter: Holztisch! Daß ich nicht lache!

Vater: Wieso, was gibt’s da zu lachen? Ein Holz­tisch ist ein Stück deutsche Tradition, übrigens nicht nur in Deutschland!

Tochter: Aber unser Tisch ist aus Plastik. Von „Rudi’s Resterampe“.

Vater: Was?

(Er hebt die Tischdecke an einem Ende hoch und starrt sekundenlang die weiße Resopalfläche an.)

Vater: Und wo ist das Familienerbstück? Unser Familienerb­stück?

Tochter: Familienerbstück! Das alte Gelumpe, das der Opa vor zehn Jahren bei Ikea gekauft und falsch zusammengebaut hat!

Mutter: Außerdem hat der Hund immer ans Bein gepinkelt. Das stinkt doch auf die Dauer.

Vater (sinkt demoralisiert zusammen): Na ja, vielleicht ist ja die Gans echt.

Mutter: Jetzt gibt es erst mal Suppe. Nehmt euch doch!

Vater (zum Sohn): Ich möchte jetzt wissen, wieso wir sie schon wieder nicht zu Gesicht bekommen. Du schämst dich wohl für deine Familie, was?

Sohn: Sie hat hier nichts verloren.

Tochter: Eine interessante These.

Mutter: Aber irgendwann bringst du sie schon mal mit, nicht wahr?

Sohn: Hierher bestimmt nicht. Und an Weih­nach­ten schon gar nicht. Hier sind wir unter uns, das ist eine nationale Frage!

Tochter (zum Freund): Hör einfach nicht hin. Seine Freundin ist Tschechin.

Freund: Ach so.

Sohn: Seht ihr, der versteht mich!

Tochter: Laß ihn aus dem Spiel! Der versteht gar nichts!

Vater: Wenn du sie nicht mitbringst, dann brauchst du nächstes Mal gar nicht erst zu kommen!

Mutter (verteilt Suppe): So, jetzt essen wir mal. Seid friedlich.

Sohn: Ich kann nichts essen. Mir ist der Appetit schon vergangen.

Mutter: Nun sei nicht so. Du mußt den Vater auch verstehen, er will eben deine Freundin kennen­lernen. Du hättest sie uns schon längst mal vor­führen können.

Vater: Vielleicht paßt es ihm ja hier nicht mehr. Vielleicht will er ja an unserer familiären Zusam­menkunft gar nicht teilnehmen? Ich habe dich was gefragt! Willst du an unserer familiären Zusam­menkunft teilnehmen?

Sohn: Nein, will ich nicht. Natürlich nicht.

Vater: Das ist aber keine Frage deines Willens!

Sohn: Du kannst dir deine Familie an den Hut stecken! Für euch bin ich doch sowieso nur ein Stück Dreck! Immer habt ihr sie bevorzugt! (deutet auf die Schwester)

Mutter: Also weißt du.

Vater: Und wenn schon! Das hat auch seinen Grund!

(Er packt die Hand der Tochter, an der ihr Ver­lo­bungsring steckt.)

Vater: Hier! Aus der ist wenigstens was Anstän­diges geworden!

Mutter (erstaunt): Na so was, wo ist denn der Ring her?

Vater: Aus dem Zahngold von der Oma. Das ha­ben sie herausgebrochen und umgeschmiedet.

Mutter: Igitt!

Vater: Was heißt hier Igitt! Hab dich nicht so, das Zeug wird beim Schmieden schließlich ultra­hoch­erhitzt.

Tochter (scherzhaft zum Freund): Und wenn ich dich mal nicht mehr ertrage, kann ich mir ja wieder ein paar Zahnplomben daraus machen lassen.

Mutter: Also weißt du! Die Oma ist noch kaum un­ter der Erde …

Vater: Die ist schon weiter drunten als du denkst.

Sohn: Und wo ist eigentlich mein Anteil an dem Erbe? Das steht mir genauso zu wie ihr. Das ist Raub!

Vater (sehr laut): Jetzt hab ich aber genug. Du bist hier immer noch der Sohn!

Sohn: Ja, und was erwartest du jetzt von mir?

Vater: Ich erwarte, daß du hier …

Sohn: Ich sage dir, daß ich rausgeworfen werden will …

Vater: … daß du hier ordentlich …

Sohn: … und daß ich diese Veranstaltung hier stören werde, bis du mich rauswirfst, genügt dir das?

Vater: Das heißt also, du willst an diesem Weih­nachtsfest nicht geordnet teilnehmen?

Sohn (steht auf): Nein.

Vater: Sohn! Ich fordere dich nochmals auf: Nimm Platz und bleib in diesem Zimmer!

Sohn: Ich nehme nicht Platz. Wirf mich …

Vater (betont ruhig): Dann wirst du eben im Stehen essen müssen.

Sohn: Jetzt wirf mich doch gefälligst endlich raus!

Vater: Wer hier an diesem Tisch sitzt und feiert, das ist keine Frage deines Wunsches.

Sohn: Das heißt, du willst mich zwingen, hierzu­bleiben?

Vater: Du bist verpflichtet, hierzubleiben. Das Weihnachtsfest ist ein Familienfest.

Sohn: Na, was erwartest du, willst du Beschim­pfungen provozieren oder was?

Vater: Ich will gar nichts provozieren. Mir ist sympathischer, wenn du keine Beschimpfungen aussprichst.

Sohn: Ich werde dieses Familienfest stören. Das ist doch ein ganz dreckiges Manöver, was du hier machst.

Vater: Das ist kein dreckiges Manöver. Es legen mir Sitte und Anstand die Pflicht auf, mich so zu verhalten, wie ich es tue.

Mutter (mit zittriger Stimme): Die Suppe wird kalt.

Sohn (beachtet sie nicht): Ja, was willst du? Willst du unbedingt, daß es hier zu physischer Gewalt kommt, oder was?

Tochter: Physische Gewalt! Wo er nur immer die Fremdwörter her hat.

Vater: Du wirst dich setzen und geordnet teil­nehmen.

Sohn (außer sich): Das was du da provozierst … Ich werde mich nicht setzen, ich werde nicht geordnet an der Veranstaltung teilnehmen!

Vater: Gut, dann mußt du eben im Stehen an der Veranstaltung teilnehmen.

Sohn (setzt sich): Na schön. Dann macht eben diese lächerliche Prozedur. Ich werde stören, solange ich hier drinnen bin.

Vater: Bis jetzt störst du noch nicht.

Sohn: Na schön.

Vater: Ich sage dir nur das eine: Du kannst meinet­wegen hier im Stehen essen oder in welcher Kör­perhaltung auch immer, aber wir lassen uns nicht von dir diese Familienfeier kaputtmachen.

Sohn (springt wieder auf): Ja, willst du es unbedingt hören? Also, du kannst das hören, du kannst das in verschiedener Form haben.

Vater: Ich will es nicht hören.

Sohn: Na ja, du kannst auch von mir hören, daß du ein faschistisches Arschloch bist.

Vater: Aha, ein faschistisches Arschloch.

Tochter: Wie passend.

Mutter (erschrocken): Jetzt hört doch endlich auf und eßt eure Suppe. Muß denn erst alles kalt werden?

Tochter (kopfschüttelnd): Wirklich ungeheuer passend. Aus berufenem Munde.

(Alle löffeln schweigend ihre Suppe, der Sohn im Stehen.)

Mutter (ängstlich): Schmeckt’s euch?

Tochter (ironisch): Fast wie daheim.

(Anmerkung: Dies ist ein Ausschnitt aus der ersten Szene des Theaterstücks „Deutsche Weihnacht“, das als kleines Buch erhältlich ist und sich möglicherweise als Geschenk zu festlichen Anlässen eignet. Der Klappentext lautet so:

„Nietzsche, Wagner (beide), Karl Valentin, Hitler, die Kommune und die RAF treffen sich (inkognito) am Weihnachtstisch einer deutschen Familie der Neuzeit. Das Resultat ist eine triumphale Katastrophe, in der sich alles Deutsche niederschlägt und enthüllt, das ein Jahrhundert geprägt, geplagt und verdunkelt hat. Aber keine Sorge: ‚Deutsche Weihnacht‘ ist vor allem eine Komödie.“

Ich weiß: Die Reklame kommt wie meist zu spät. Das liegt möglicherweise an meiner notorischen Neigung zur Selbstsabotage.)

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