Junger Unfug (Folge 4) – Autos und Aschentonnen

Die lange Reihe mit den Aschentonnen vor oder vielmehr seitlich neben unserem Haus war eine typische Fehlkonstruktion der damaligen Zeit: Um den Mülleimer auszuleeren, mußte man mit beiden Händen an einer schwarzen Kugel rütteln, ehe eine der Türen endlich aufging. Die Aschentonnen selbst standen auf einem verrosteten Blech, das sich mit der Tür herausdrehte. Die Tonnen waren auch verrostet, und die, die man erwischte, war immer voll. Also kippte man den Müll obendrauf und drückte die Tür wieder zu, wodurch im Inneren der ganzen Angelegenheit der Müll auf das Blech und in alle möglichen Ritzen fiel. Deshalb rostete auch alles.

Später wurde es den meisten Leuten zu dumm, alle drei Tage ihren stinkenden Mülleimer auszuwaschen, also gingen sie dazu über, Tüten hineinzuhängen. Die brauchte man nicht mehr auszuleeren, weil Plastiktüten sowieso Müll waren, also stopfte man sie einfach oben auf die bereits hineingestopften Tüten drauf, was dazu führte, daß die Tür nicht mehr zuging. Offenbleiben durfte die Tür nur, wenn der Hausmeister nicht in der Nähe war, was selten vorkam. Die meisten Tüten mit Kaffeesatz, verfaulten Apfelbutzen und verschimmeltem Brot landeten zwischen den jeweils zwei Tonnen, wo sie aufplatzten oder rissen und sofort anfingen, neuen Rost und noch Unangenehmeres zu produzieren.

Wenn ich mir heute Bilder von damals ansehe, wirkt unsere ganze Straße irgendwie grau, alt, still und schmutzig. Das ist aber Unsinn, denn schmutzig war außer den Autos wenig, und von denen gab es nicht so viele. Mein Vater hatte noch keinen Führerschein, weshalb ich großen Respekt vor dem Inneren eines Auto hatte. Wenn ich mit dem gleichaltrigen Jungen und seinem Vater manchmal an einen See fahren durfte, mußten wir immer die Schuhe ausziehen und in eine Plastiktüte stecken, ehe der Vater erlaubte, daß wir uns auf die Rückbank des Opels setzten.

Obwohl uns beim Fahren nie schlecht wurde, ermahnte uns der Vater vor jeder Reise, beim ersten Anzeichen von Übelkeit sofort Bescheid zu sagen. Die Rückbank war mit einer buntkarierten Decke überworfen; auf der Ablage stand für alle Fälle eine Rolle Klopapier, die einen bunten, gehäkelten Hut aufhatte. Daneben gab es noch einen Plastikdackel, der beim Fahren mit dem Kopf nickte wie ein Idiot.

Wir saßen mit gedrehten Hälsen in den Polstern, die Arme auf der Rückenlehne, und glotzten auf die Straße, die hinten aus dem Auto wuchs. Nach einiger Zeit fingen wir an, die Kopfbewegungen des Dackels zu imitieren und dazu Geräusche zu erzeugen, die den Bewegungen entsprachen. Dann lachten wir, immer lauter, bis uns die Tränen kamen und der Vater das Autoradio leiser drehte, um „Ruhe, verdammt noch mal!“ zu bellen.

Der gleichaltrige Junge hieß Helmut. Das war kein besonders lustiger Name, und Helmuts Vater war ein gewaltiger Mann, der nicht oft zum Lachen aufgelegt war, und wenn er lachte, war meistens nichts lustig. Er sah dem Mann auf dem CSU-Plakat ähnlich, was meine Neigung zu den harschen, bulligen Männern, die durchgriffen, stark milderte. Am besten gefielen sie mir auf Plakaten, in der Wirklichkeit suchte ich Begegnungen nach Möglichkeit zu vermeiden.

Helmuts Vater pflegte die meisten Dinge ernstzunehmen, wenn er sie überhaupt wahrnahm. Meist sagte er lange Zeit gar nichts; wenn er dann doch etwas sagte, wurde die Stimmung sehr schnell ungemütlich.

Mit verschränkten Armen und stummem Blick beobachtete er Helmut und mich, wie wir mit dessen Modelleisenbahn spielten. Und ganz plötzlich rutschte ihm die Hand aus, weil er seinem Sohn schon hundertmal gesagt hatte, daß man an die Dampflok den Kohlenwagen hängt und dann erst die anderen Wagen. Daraufhin verließ er das Zimmer, und wir hängten den Kohlenwagen ganz hinten an den Zug, weil das lustiger ausschaute und wir relativ sicher waren, daß der Vater von der Eisenbahn und uns jetzt vorläufig genug hatte.

(„Junger Unfug“ begann ungefähr 1996 mit der Idee, Erinnerungen aus meiner Kindheit aufzuschreiben und sie irgendwie motivisch zu etwas „Sinnvollem“ zu verbinden. Nachdem keiner der etwa hundert Verlage, denen ich Textauszüge und eine Beschreibung des „Projekts“ zuschickte, in irgendeiner Weise reagierte, erschienen die Texte auf einer längst gelöschten Webseite und blieben auf einer alten Festplatte liegen. 2018 oder 2019 fand ich sie wieder, schrieb ein bißchen weiter und vergaß die Sache erneut. Vielleicht kommt irgendwann der „richtige Zeitpunkt“. Vielleicht ist er jetzt. Ob ein Buch daraus wird, weiß ich noch nicht.)

Eine Antwort auf „Junger Unfug (Folge 4) – Autos und Aschentonnen“

  1. 70er. Rauchende. BierTrinkende. Harte, Uebel testoSteron Lastige Maenna. Und ! v. a. die Schlimmsten die Hausmeister ! GrauBlaua Kitttl + Frag nicht nach Sonnenschein (vgl. Griesbeck, Haus mit der Nummer 30 !) Eh. Uebel wars damals. FreiheitsPostulat hieß u. A., Kinder dürfen mit Fingan essen. Und – und Kampf dem Üblen Hausmeister.

    ohne scheiß. Would love to see, repeated, 70s Kinderfernsehen series like Rappelkiste, HAus Mit der numma 30. Sentimental Dschoernei….

    Aber Leida leida Alles und Alles von Damalz auf DEM INDEX !!!

    Und Ein Gut Theil oder fast alles vonden 80ern too. Wuhuu.

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