Architektur & Verbrechen (eine fortlaufende Sammlung): Das Kapital starrt auf uns herab (3)

Erich Karsberger wundert es nicht, daß nur wenige Berg am Laimer von der „Heimanlage für Juden“ wissen. „Das Kloster war fast hermetisch abgeriegelt, und man bekam nicht mit, was dort passierte“, glaubt der Geschichtslehrer. (Münchner Stadtanzeiger, 14. Juni 1985)

München ist wieder um eine Perle reicher. (Münchner Neueste Nachrichten, 17. September 1887)

Wie viele von denen, die heute im bloßen Anblicken eines für sie viel zu großen Schicksals zusammenklappen, haben sich denn gefragt, ob sie nicht irgendeine Strafe verdient haben, nicht irgendeine Sühne leisten müssen? (Gertrud Kolmar an Hilde Kolmar, 15. Dezember 1942)

Wenn wir vergessen würden, woher wir kommen, wenn wir kein Gefühl und Gespür mehr hätten für die Sorgen, Nöte und Ängste einer Arbeiterfamilie, einer alten Rentnerin oder eines Arbeitslosen, dann wäre die SPD überflüssig geworden. Auch wenn viele unserer Führungskräfte und Funktionäre dem Arbeitermilieu enthoben sind, einen sicheren und gut bezahlten Arbeitsplatz besitzen, beim Italiener speisen und in den Ferien sonst wohin reisen, muß unsere Sorge der alleinerziehenden Mutter mehr gehören als den Leuten auf gleichem Niveau. Und ich habe kein Verständnis dafür, daß über Dritte-Welt-Probleme oft heftiger und zeitaufwendiger diskutiert wird als über die Armut vor unserer Haustür und im eigenen Viertel. Aufgrund meiner Erfahrung als Oberbürgermeister in München bin ich fest davon überzeugt: Die SPD kann die Bundestagswahl 1994 nur dann sicher gewinnen, wenn sie dem unteren Drittel der Gesellschaft das Signal gibt, ihre Interessen zu vertreten. Für das zentrale Thema halte ich die zum Himmel stinkende Ungerechtigkeit bei der Lastenverteilung, die sogenannte Gerechtigkeitslücke. Ein konkretes Beispiel: Die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis entrümpelt ihre Schlösser, versteigert den Plunder bei Sotheby’s mit exklusivem Anstrich, erlöst doppelt soviel wie erwartet und zahlt mit diesem Taschengeld die Erbschaftsteuer. Accessoires genügen dem Finanzminister. Der gesamte Besitz der Thurn und Taxis an Grund und Immobilien im Werte von vier oder fünf Milliarden Mark wird um keine Mark geschmälert. Im Gegenteil, die Wertsteigerung – ohne die geringste eigene Leistung – geht lustig weiter: Jeden Morgen, wenn die hübsche Fürstin aufwacht, ist sie um eine halbe Million reicher. Den Konservativen gefällt’s, die SPD schweigt, die Regenbogenpresse feiert die junge Frau erst als extravagantes Fotomodell, jetzt als kluge Managerin. Der gesellschaftspolitische Skandal eines Steuerrechts nach Feudalherrenart bleibt – wie bisher – verborgen. Die kleinen Leute dagegen werden vom Bundeskanzler über den sozial eiskalten Theo Waigel wie Weihnachtsgänse ausgenommen: Niedrigverdiener, Rentnerinnen und Rentner, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger werden in die Armut, an den Rand der Gesellschaft, oft auch an den Rand der Verzweiflung getrieben. Die Spitzenverdiener und die großen Vermögensbesitzer bleiben praktisch ungerupft. Da müßte die SPD explodieren, auf allen Ebenen: Wenn schon die braven Schafe Wolle lassen müssen, dann sollen doch auch die fetten Hammel kräftig geschoren werden. (Georg Kronawitter, November 1993)

Für die Errichtung einer Bankreihe ohne Rückenlehne auf dem Trennmäuerchen des Spielplatzes Eduard-Schmid-Str./Reichenbachbrücke hat sich der Bezirksausschuß 16 ausgesprochen. Damit sollen auf der stark frequentierten Anlage mehr Sitzgelegenheiten für Mütter und Väter geschaffen werden, ohne das optische Bild des Platzes zu beeinträchtigen. (Münchner Stadtanzeiger, 14. Juni 1985; Zwischenfrage: Welch anderes Bild als ein „optisches“ könnte es geben?)

Aus tausend Augen starrt
ins Kerzenlicht der „Liebe“
die Welt der dumpfen Triebe,
verständnislos=entsetzt, und starrt und harrt.
(Dr. Owlglass, 1942)

Bald zahlen fast alle weniger. (Süddeutsche Zeitung, 17. August 2019)

Wir wissen um die Schwierigkeiten, und wenn es sich um Idealvorstellungen handelt, die pädagogischen Realitäten widersprechen, versuchen wir so gut es geht miteinander zu reden und aufzuklären. Nicht alles, was wünschenswert ist, ist auch machbar. (Vera Neugebauer, VHS-Hausnachrichten 9/1978)

Gewalt in jeder Form muß geächtet werden. (Simon Snopkowski, 25. September 1987)

Das Wesentliche hier oben aber ist die Tür ins Freie, durch die man den umlaufenden Balkon des Hauses mit seiner großen Sicht nach allen Seiten betritt.  (…) durch die Tür geht der Blick nach Norden, reicht weit hinaus in die sich ferne verlierende Ebene, die Heimatland im vielfachen Sinne ist. (Walter Schmidkunz: Adolf Hitlers Wahlheimat, 1933)

Und das da drunten, das bleibt da drunten. (Hans, ca. 1985)

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